Sie hatte ein sehr schlechtes Gefühl dabei gehabt, die Männer im gleichen Raum zu wissen, und doch konnte sie das ganze nicht einordnen, immerhin hatten diese keine Anstalten gemacht, den Pub ebenfalls zu verlassen, als die Mädchen gingen. Vielleicht wollten sie sich nur ein paar hübsche Mädels ansehen, doch Darla konnte sich für gewöhnlich auf ihr Gefühl verlassen...

Sie verließen das Dorf auf einer kleinen Landstraße und suchten sich einen geeigneten Ort, um ihr Nachtlager aufzuschlagen. Heute sollte es wieder einmal eine regnerische Nacht geben, wie sie von einigen Einheimischen gehört hatten. Dies bedeutete, dass sie wohl im Wagen bleiben mussten, statt sich im Zelt zusammen zu kuscheln. Nach langer Diskussion wollte Darla die beiden Turteltauben allein im Wohnmobil lassen und es sich selbst auf der zurück geklappten Rückbank bequem machen. Die Taschen und Koffer waren ins Mobil verfrachtet worden, um im Wagen mehr Platz zu schaffen.

Schon nach kurzer Zeit war Darla in einen unruhigen Schlaf verfallen, in dem sie immer wieder von den Gesichtern der Männer heimgesucht wurde, die sie heute beobachtet hatten. Zudem meldete sich ihr altbekannter Alptraum wieder, der sie seit Beginn der Reise verschont hatte und sie hatte bereits gehofft und daran geglaubt, dass er verschwunden war. Vergebens, wie sich herausstellte. Doch diesmal wurde sie nicht von ihren Schreien und erst am Ende des Traumes geweckt.

Sie schlug die Augen auf, ihr Herz hämmerte in ihren Ohren und sie wusste durch den Schock kurze Zeit nicht, wo sie sich befand. Nur langsam realisierte sie in der Dunkelheit um sich herum, dass sie auf Decken und Schlafsäcken lag, im Kofferraum ihres Autos zusammengerollt, verschwitzt und frierend, mit einer langen grauen Sporthose bekleidet und einem gestreiften grau-schwarzen Sweatshirt. Und noch etwas anderes nahm sie wahr: Licht. Aber nicht Sonnenlicht, ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es drei Uhr Morgens war, und dieses Licht war eindeutig künstlich, wahrscheinlich von Scheinwerfern. Das Trommeln in ihren Ohren wurde immer lauter und Darla realisierte, dass es sich dabei nicht wie gedacht um ihr Herz handelte, sondern um den Regen, der nun in einen starken Platzregen übergegangen war. Sie zitterte am ganzen Körper. Eine innere Unruhe hatte sie befallen und am ganzen Körper stellten sich die Haare auf, mehr aus Unbehagen, denn vor Kälte.

Durch den Regen hindurch konnte sie Lärm hören, Schreie. Ihre Pupillen weiteten sich, als sie erkannte, dass diese von Francis kamen. Kurz darauf ertönten weitere Schreie, diesmal von Sam. Weitere Stimmen mischten sich dazu, die eindeutig Männern gehören mussten.

"Wo ist die dritte? Vorhin war noch eine dabei gewesen! Wo ist sie???", hörte sie einen von ihnen fragen, sehr laut und sehr brutal klang die Stimme in ihren Ohren nach.

Ihr Magen zog sich zusammen und sie musste dem starken Drang widerstehen, sich nicht zu übergeben, als immer wieder Bilder ihres Alptraumes vor ihrem Auge auftauchten. Was nun? Weglaufen konnte sie schlecht. Sollten es wirklich die Männer aus dem Pub sein, waren sie zu viert und spätestens wenn sie die Tür öffnete und das Licht im Wagen anging, würden sie auf sie aufmerksam werden. Zudem der starke Regen, die unbekannte Umgebung und die Dunkelheit. Was, wenn sie sich irgendwo verletzte? Irgendwo hinunterstürzte? Sie konnte versuchen, die Rücksitze in die ursprüngliche Position zu bringen und sich dann im Kofferraum verstecken, bis die Gefahr vorbei war. Aber höchstwahrscheinlich würde auch das auffallen und was, wenn sie dann nicht mehr aus dem Kofferraum kam? Wie lange würde der Sauerstoff reichen? Sollte sie dann im Kofferraum ersticken, wenn ihnen niemand zu Hilfe kommen oder ihr Auto unentdeckt bleiben würde? Und doch war die Aussicht, im Kofferraum zu ersticken sehr viel angenehmer, als ihren Alptraum in Erfüllung gehen zu sehen...

Glücklicherweise hatte dieser Kombi eine Hutablage, abnehmbar zwar, aber das Schicksal schien es gut mit Darla gemeint zu haben, als die Mädchen sie nach Umräumen der Koffer wieder eingesetzt hatten. So war sie geschützt vor Blicken von Außen. So leise, wie es gerade möglich war und dankbar für den starken lauten Regen, zog sie die Decken von den Rücksitzen und versuchte, die Lehnen wieder in eine Aufrechte Position zu bringen. Mit dem Umstand, dass dann noch die Sitzflächen umgeschlagen sein würden, musste sie leben und beten, dass sich die Männer nichts dabei dachten, sollten sie ins Wageninnere sehen.

Sie hatte es gerade mehr oder weniger geschafft, die Stimmen und Schreie ausgeblendet, als die Vordertür aufgerissen wurde.

"Hier vorne ist sie nicht.", schrie derjenige, mit dem brutalen Unterton in der Stimme.

Die Schreie waren nun besser zu hören, da die Tür offen stand und Darla konnte ihre Tränen nicht länger stoppen und musste sich die Hand vor den Mund halten, um ihre erstickten Schluchzer zu unterdrücken. Angespannt versuchte sie auf jedes Geräusch zu achten und selbst keinen Ton von sich zu geben.

"Nun, dann versuchen wir es mit einem einfachen Auffindungszauber", kam eine Stimme hinter dem Wagen.

Darla erstarrte vor Angst. Auffindungs- was? Zauber? Was meinte er denn damit?

Doch bevor sie sich länger Gedanken darüber machen konnte, sprang die Kofferraumtür mit einem lauten Knall auf und Darla sah zwei Männer in einiger Entfernung stehen. Sie war unfähig sich zu bewegen, starr vor Angst, ihre Kehle wie zugeschnürt. Einer der beiden hielt etwas in der Hand, was aussah, wie ein Stock. Einen Moment lang huschte der Gedanke Zauberstab durch ihren Kopf, so schnell, dass sie ihn kaum fassen konnte, bevor er wieder irgendwo im Hintergrund verschwand.

"Ah, da ist das kleine Miststück ja", sagte der größere von beiden, mit einem schiefen Grinsen im Gesicht.

Bei diesen Worten realisierte Darla ihre Situation und in Sekundenschnelle sprang sie aus dem Wagen, ignorierte den Regen und die Kälte, die sich innerhalb von Sekunden bis auf ihre Knochen durchfraß und rannte, rannte immer weiter Richtung Dunkelheit. Plötzlich erklang ein Schrei hinter ihr. "Crucio!" Und sie wurde von einem Schlag getroffen, der sie niederriss und sich von ihrem Rücken aus sofort über ihren ganzen Körper ausbreitete. Sie lag am Boden, zusammengekrümmt vor Schmerz und schrie, dass ihre Kehle brannte. Die aufgeschlagenen Knie und blutigen Arme waren dabei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die wahren Schmerzen kamen aus ihrem Inneren, ein Brennen, Stechen, Ziehen, unbeschreibliche Qualen, die genauso plötzlich endeten, wie sie begonnen hatten, als die beiden Männer über ihr standen. Der eine von ihnen hatte immer noch den ...Stab... in der Hand, zielte damit auf sie und sprach mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht:

"Wenn du dich nicht noch mal vor Schmerzen auf dem Boden winden möchtest wie ein erbärmlicher Wurm, dann bist du jetzt lieber ein braves Mädchen und gibst uns, was wir wollen!"

Als Darla nur ein schwaches Stöhnen hervorbrachte, wurde das Grinsen im Gesicht des Mannes noch breiter, was durch ein schiefes Verziehen seines Mundes resultierte.

Die Männer bückten sich zu ihr hinunter, der eine hinter ihr brünett, höchstens 25, wenn sie schätzen sollte, der andere groß, und mit seinem brutalen Gesicht, kantig und unrasiert, eine hässliche Erscheinung und Darlas Alptraum begann von Neuem, ein letztes Mal und realistischer als je zuvor...

Sie wachte auf. Der Regen prasselte immer noch unbarmherzig auf ihren geschundenen Körper. War sie tot? Wohl kaum, des Tod sollte eine Erlösung sein, ohne Schmerzen. Aber ihr Körper ließ sie alles spüren. Jede Blessur, jeden Knochen, der geprellt oder gebrochen war. Sie öffnete ihren Mund, leckte sich über die Lippen und schmeckte Blut. Als sie versuchte, die Augen zu öffnen, zuckte ein heftiger Schmerz von ihrem linken Auge hin ins Gehirn, geschwollen wie es war, konnte sie es auch nicht weiter bewegen. Dann eben nur eines, ihr Großvater lebte so schon seit Jahrzehnten, mit einem Glasauge, dann konnte sie das vorläufig auch.

Es war immer noch dunkel um sie herum, dann konnte nicht viel Zeit vergangen sein, während sie bewusstlos war. Sie lag immer noch auf dem Rücken, aber nicht mehr auf der Kühlerhaube, sondern auf der Straße. Als sie versuchte, sich zu bewegen, wurde ihr schlecht und sie übergab sich zur Seite hin. Mit diesem bitteren Geschmack im Mund, vermischt mit Blut, versuchte sie vergebens, ihre Übelkeit zu unterdrücken. Erst als nur noch Magensaft herauskam, schaffte sie es zu schlucken und stand langsam auf, wobei sie sich am Wagen festhielt. Soweit sie es in ihrem derzeitigen Zustand beurteilen konnte, waren ein paar ihrer Rippen gebrochen, aber sie konnte noch gut genug atmen, um nicht aufgrund von Sauerstoffmangel wieder das Bewusstsein zu verlieren. Sie versuchte sich umzusehen, wobei sie heftig schwankte und sich gerade noch auf den Beinen halten konnte. Außer dem Wohnmobil und dem Kombi war nichts zu sehen. Nur die Nacht mit ihren tausend Schatten. Langsam kämpfte sie sich weiter, am Wagen entlang und zur Tür des Wohnmobils. Als sie sich an die Schwärze im Inneren gewöhnt hatte, machte sie zwei paar Beine aus, die in merkwürdig verdrehtem Zustand ineinander geschlungen waren. Bei weiterem Hineinlehnen konnte sie den Rest der Körper erkennen, drehte sich ruckartig um, wobei ihr Körper vor Schmerz aufheulte, und erbrach sich abermals heftig. Heiße Tränen bahnten sich einen Weg an die Oberfläche. Sam und Francis. Beide lagen dort, übereinander, ihre Gliedmaßen in seltsamen Winkeln verdreht, die Augen weit geöffnet, ebenso der Mund, als wenn ihm jeden Moment ein letzter markerschütternder Schrei entrinnen wollte. Tot. Beide tot. Und sie lebte noch. Wieder wurde ihr schwarz vor Augen, sie schaffte es mit letzter Kraft zum Auto, drückte die Tür auf und setzte sich auf die Rückbank. Kurze Zeit später war sie in einen traumlosen Schlaf gefallen.

Die ersten Sonnenstrahlen eines neuen Tages weckten Darla und sie wurde sich sofort schmerzhaft wieder ihrer Situation bewusst. Gerade als sie sich in eine einigermaßen aufrechte Position gebracht hatte, hörte sie von weitem Stimmen, die näher kamen. Noch konnte sie nur einzelne Worte heraushören - tot, sicher, überprüfen - aber die Stimmen hatte sie sofort erkannt, die Männer von letzter Nacht. Kalte Angst, gemischt mit heißer Wut packte Darla und sie zögerte kurz, ob sie versuchen sollte zu fliehen, oder einfach sitzen zu bleiben. Sie blieb im Wagen. Schon tauchten die Männer auf. Wieder spielte sich der Film der Nacht ab, wieder sah sie die Männer, hörte ihre Stimmen und spürte die Schmerzen. Dann das Bild von Sam und Francis, tot, im Wohnmobil hinter ihr, verdrehte Gelenke, Blut überall, die offenen Augen und Münder, eine stumme Anklage, dass sie noch lebte, dass die Männer hier frei liefen.... In ihr tobte ein Sturm, ein Sturm, der entfesselt werden wollte. Der einzige Gedanke, den sie fassen konnte, war der Wunsch, diese Männer leiden zu lassen. Sie zu bestrafen für das, was sie getan hatten. Von einer ungreifbaren Ahnung geführt, schloss sie die Augen, konzentrierte sich auf die Wut in ihrem Inneren, ein Inferno aus flüssiger Lava, dass sie zu verbrennen drohte. Und dann öffnete sie die Augen.

Die vier Männer stehen vor mir, sehen mich an, als wäre ich ein Wunder. Als dürfte ich nicht hier sein. Und dann sehe ich es in ihren Augen, erst Wut, dann Panik. Sie weichen zurück, langsam zunächst, dann wollen die laufen, doch sie fallen. Sie krümmen sich vor Schmerzen, ich höre, wie merkwürdige Laute aus ihren Kehlen kommen und bin fasziniert von dem Schauspiel vor mir. Sie winden sich hin und her auf dem harten Asphalt. Krallen ihre Finger hinein, brechen ihre Nägel daran ab, Blut kommt aus ihrem Mündern, es fließt in kleinen Bächen daraus hervor, bildet Pfützen unter ihnen. Dann ein Krachen, laut und hässlich, aber in meinen Ohren wie Musik, sanft und befriedigend. Ihre Knie drehen sich in einem merkwürdigen Winkel ab, weitere Musik und man kann das weiß des Knochens sehen, als die Schienbeine gebrochen werden. Auf einmal fangen die Körper an, sich zusammen zu ziehen. Als wenn eine unsichtbare Kraft sie zerdrückt. Wieder eine kleine Symphonie, als die Rippen brechen. Dann liegen nur noch vier Fleischklumpen am Boden, kein Geräusch entringt ihnen mehr, kein Atemzug, keine Bewegung. Ich sehe auf mein Werk und weiß, dass es gut ist...

Darla sank in sich zusammen und driftete wieder hinüber in eine Welt ohne Schmerz, voller Frieden. Sie hatte es vollbracht, ihre Freundinnen gerächt....