Hopes POV:

Mir war schlecht, wirklich, wirklich schlecht. Hier saß ich also, auf dem Rücksitz von Jakes Motorrad, nervös bis in die Zehenspitzen und auf dem Weg in mein neues altes Zuhause. Es war sicher nicht eine meiner klügsten Entscheidungen gewesen nach Forks zurückzukehren, aber ich hatte einfach nicht anders gekonnt. Charlie, Jake, Billy und Bella, vor allem Bella... sie hatten mir so gefehlt. Jeder Tag in meiner winzigen Wohnung war die reinste Qual gewesen. Jedes Mal wenn ich jemanden an der Tür gehört hatte, jedes Mal wenn das Telefon ein Geräusch von sich gegeben hatte, jedes Mal wenn ich Schritte hinter mir gehört hatte, jedes Mal wenn man mich länger als ein paar Sekunden lang angeschaut hatte, war ich zu Eis erstarrt. Ich hatte es nicht gewagt mich wirklich auf Menschen einzulassen, bei jedem neuen Kontakt hatte ich im Hinterkopf gehabt, dass ich sowieso bald wieder umziehen musste und so hatte ich nur ein paar wenige Bezugspersonen gehabt. Über das ganze Land verteilt gab es ein paar Brieffreunde und wann immer es möglich gewesen war, hatte ich mir eine öffentliche Telefonzelle gesucht um Jake anzurufen und mich auf dem Laufenden zu halten. Aber auch das hatte ich nicht oft zu riskieren gewagt, ich hatte versucht es bei einmal im Monat zu belassen, aber oft war meine Sehnsucht so stark gewesen, dass ich ihn mitten in der Nacht angerufen hatte, nur um seine Stimme zu hören. Nächtliches, stundenlanges Weinen war irgendwann zum Alltag geworden.

Jake hatte nie verstanden, warum ich jahrelang nicht nach Forks zurückkehren wollte, vermutlich hatte er es die ganze Zeit auf meine Beziehung zu Bella geschoben. Er wusste, dass wir keinen Kontakt mehr hatten, aber er hatte bis heute keine Ahnung warum. Er hatte mich einmal danach gefragt, vor gut drei Jahren um genau zu sein und damals hatte ich einen halben Nervenzusammenbruch erlitten. Er hatte nie wieder damit angefangen. Umso überraschter musste er vorgestern gewesen sein, als ich ihn von meinem Handy, das ich nur im Notfall benutzte, angerufen und gefragt hatte, ob ich für eine Weile bei ihm unterkommen könne, zwei, drei Wochen vielleicht, bis ich etwas Eigenes gefunden hatte. Es war nicht meine Art mich so aufzudrängen, wirklich nicht, aber nachdem ich Jerry, meinen geliebten Schäferhundmischling hatte einschläfern lassen müssen, nachdem er ein vergiftetes Stück Fleisch gefressen hatte, konnte ich L.A. gar nicht schnell genug verlassen. Jake hatte ich nur erzählt, dass mir meine Familie fehlte, dass ich sie alle so sehr vermisste, dass ich es keinen Tag mehr ohne sie aushalten würde, ansonsten hätte er mich sicher für paranoid gehalten. Vielleicht war ich das auch, vielleicht übertrieb ich und steigerte mich zu sehr in meine Ängste hinein. Aber tief in mir drin wusste ich, dass das nicht der Fall war. Ich war nicht verrückt.

Jake hatte versprochen Billy zu fragen und mich dann zurückzurufen, aber da ich wusste, dass Billy mich wie sein eigenes Kind liebte, hatte ich auch gewusst, dass das reine Formsache war und begonnen meine Sachen zu packen. Ich besaß nicht viel, nur ein paar Fotos, Bücher, Klamotten und einen Laptop, dazu etwas Geld für den Notfall. Und so hatte ich mein Leben in zwei Reisetaschen und einen Rucksack gepackt, Jess eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen, in der ich alles erklärte und mich ein letztes Mal auf meinem Bett zusammengerollt. Ein weiteres Mal war ich froh gewesen, dass es Organisationen wie diese gab, die jungen Menschen Unterschlupf gewährten, ich hätte nicht gewusst was ich sonst in den letzten Jahren hätte tun sollen.

Und jetzt war ich hier, hielt mich an meinem besten Freund fest und sah die bekannte Landschaft an mir vorbeifliegen. Das konnte eigentlich nur schief gehen, aber es war mir egal. Und der zuversichtliche Teil in mir hoffte einfach, dass es zu offensichtlich war, zu einfach als dass... jemand darauf kommen würde mich hier zu suchen. Es würde funktionieren, daran musste ich einfach glauben. In Forks hatte ich gleichzeitig meine schlimmste und schönste Zeit verbracht, hier lebten die wichtigsten Menschen meines Lebens. Es würde schon irgendwie klappen, es musste einfach...

Ich schlang die Arme fester um Jake und presste mein Gesicht in seine Jacke. Er roch noch genauso wie früher, nach Keksen und warmer Milch, nach Geborgenheit, nach... Zuhause. Es war wie früher, wie damals als wir noch Kinder gewesen waren und zusammen im Schlamm nach Schätzen gesucht, in der Badewanne nach verborgenen Welten getaucht oder uns nachts, nachdem wir uns gegenseitig Gruselgeschichten erzählt hatten zu Billy ins Bett gestohlen hatten. Aber verdammt- er war groß geworden! Und zwar groß groß, nicht normal groß, er hatte was von einem riesigen, breiten Teddybär. Klar, ich war schon immer etwas kleiner und zierlicher als alle anderen gewesen, aber im Vergleich zu Jake wirkte ich eher wie eine Puppe... Und verdammt, ich hasste es zerbrechlich zu wirken!

In diesem Moment bremste Jake heftig ab und ich quietschte erschrocken. Super, so viel zu meinem Vorsatz stark und selbstbewusst zu wirken, unzerstörbar... Stattdessen benahm ich mich wie ein Baby, klasse! Und während ich noch überlegte ob es meinem harten Image vielleicht helfen würde, wenn ich mir die Haare kurz schnitt, fiel mein Blick auf das Haus, vor dem wir hielten. „Jake", machte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Ich war zwar eine Weile nicht mehr hier und mag mich nicht mehr an jede Kleinigkeit erinnern, aber eins kann ich mit definitiver Sicherheit behaupten: Das ist nicht Billys Haus." Mein bester Freund machte ein schuldbewusstes Gesicht und strich sich verlegen durch die kurzen, schwarzen Haare. „Werd nicht gleich sauer, okay? Ihr solltet wirklich langsam miteinander reden, das kann doch so nicht weitergehen! Du fragst ständig nach ihr und sie sieht sich immer wieder eure Bilder an, redet von dir... Hör zu, ich weiß nicht was damals zwischen euch passiert ist, aber es ist Jahre her und ihr vermisst euch, das merkt doch nun wirklich jeder! Was immer da war, kommt endlich darüber hinweg, so schlimm kann es nicht gewesen sein! Mal ernsthaft, ist es das wert? Ihr wart immer wie siamesische Zwillinge und die allerbesten Freundinnen... Was kann so schlimm gewesen sein, dass ihr bereit wart das aufzugeben?" Er schien stinksauer zu sein.

Ich senkte den Kopf, die aufkommenden Gedanken und Gefühle krampfhaft unterdrückend. „Du weißt nicht was ich gesagt habe... Ich kann ihr nie wieder unter die Augen treten", wisperte ich und blinzelte die Tränen weg. So viel zum Thema stark und unverwundbar, verdammt! Jake sagte nichts, nahm einfach nur meine Hand und zog mich hinter sich her. Ich war zu schwach um mich zu wehren und eigentlich wollte ich es auch gar nicht. War ich nicht vor allem wegen Bella zurück nach Forks gekommen? Und wusste ich nicht am besten, dass man zwar weglaufen konnte, aber dass einen die Vergangenheit doch immer wieder einholte? Ich straffte meine Schultern. Sie würde mich hassen, ja vielleicht, aber ich konnte sie zumindest um Verzeihung bitten und ihr sagen, dass sie nichts falsch gemacht hatte, dass ich nicht wegen ihr damals so gemein gewesen war...

Aber du bereust es nicht. Nein, das tat ich nicht. Ich fühlte mich schuldig, hasste mich für meine Worte, aber ich bereute meine Entscheidung nicht, nein. Ich schüttelte energisch den Kopf und verbat meiner inneren Stimme jeden weiteren Kommentar. Jake drückte noch einmal beruhigend meine Hand und klopfte dann an die Haustür. Sie wurde sofort aufgerissen, man hatte uns offenbar erwartet. Und da stand sie. Größer als früher, mit längeren Haaren und etwas anderen Gesichtszügen, aber doch unverkennbar meine Bella. Ich hätte sie unter Tausenden erkannt. Sie starrte mich an, die Augen weit aufgerissen, die Nasenflügel aufgebläht. Die Unterlippe mit den Zähnen malträtierend und einen Arm nach mir ausstreckend machte sie einen Schritt nach vorne, zögerte und fuhr sich dann nervös durch die Haare. Mir schossen die Tränen in die Augen. Es war als würde man mir bei lebendigem Leibe das Herz herausreißen. Es tat weh. Ich bekam keine Luft.

„Murmel", wisperte ich lautlos und keine zwei Sekunden später lag ich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rücken: Ich hatte nicht damit gerechnet gehabt, dass sie mich anspringen würde, war getaumelt und zu Boden gestürzt. Bella ließ mich allerdings auch jetzt nicht los, im Gegenteil: Sie schlang ihre Arme noch heftiger um meinen Nacken und ihre Beine begannen langsam aber sicher meine Hüfte zu zerquetschen. Ich sagte nichts. Selbst wenn ich gewollt hätte, ich wäre gar nicht fähig dazu gewesen. Und so lagen wir da, lange, sehr lange, weinten und schluchzten, immer darauf bedacht unseren Schnodder nicht in die Haare der anderen zu schmieren. Hey, wir waren eben Mädchen, was erwartete man?

Erst als wir ein leises Lachen hörten, ließen wir voneinander ab, setzten uns auf, wischten uns verstohlen über unsere Augen und ordneten unsere Haare. Ein erneutes Lachen ertönte. Es war Jake und er sah verdammt selbstzufrieden aus. Ich streckte ihm die Zunge raus, woraufhin er nur noch breiter grinste. „Wusste ichs doch. Gott, ihr Mädchen seid echt so was von melodramatisch! Jungs gehen vor die Tür, brechen sich ein, zwei Knochen und alles ist wieder gut, aber ihr Mädels macht alles gleich zu einer Staatsaffäre!" „Halt die Klappe, Jake!", brummte Bella und nahm mir damit die Worte aus dem Mund. Ich warf ihm einen bitterbösen Blick zu, aber dann wurde mir klar, dass er nur die Stimmung hatte auflockern wollen. Auch Bella lächelte jetzt, offenbar hatten wir mal wieder das Gleiche gedacht.

Ich seufzte schließlich und warf ihr einen zögerlichen Blick zu. „Bella, es tut mir so leid!" Sie verzog das Gesicht. „Das weiß ich doch. Hör zu, wir vergessen es einfach, ja? Ist nicht so schlimm, wirklich!" „Ich wollte dich nicht verletzen, ich wollte nur..." Ja was eigentlich? Ich hatte sie von mir fernhalten wollen, aber sie hatte sich nicht abwimmeln lassen... Und dann hatte ich die Nerven verloren, die Panik und Hilflosigkeit hatten mich aggressiv gemacht und ich war übers Ziel hinausgeschossen. Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken wieder wegzuschieben. Ich quälte mich jetzt schon seit mehr als viereinhalb Jahren damit, es wurde Zeit, dass ich damit klar kam. Ich würde versuchen es wiedergutzumachen und mir dann hoffentlich irgendwann vergeben können. Vielleicht, wenn ich mir das Ergebnis vor Augen hielt? Wenn ich nicht daran dachte, was es mit ihr gemacht hatte sondern daran, was durch meine Entscheidung nicht passiert war?

„Ich..." „Ich sagte, es ist okay!" Ihre Stimme klang angespannt und endgültig. Sie hatte mir nicht verziehen, das war klar, aber sie wollte nicht darüber reden und das hatte ich zu akzeptieren. Außerdem, was sollte ich ihr auch sagen? Die Wahrheit? Wohl kaum. Ich nickte sanft, kam wieder auf die Beine und streckte Bella meine Hand hin. Sie ergriff sie. Ein Anfang. „Ich... ich werde für eine Weile hier bleiben", sagte ich dann und zupfte nervös an meinem Ohrläppchen. „Bis eine Wohnung organisiert ist, komme ich bei Jake und Billy unter. Wenn... wenn es dich nicht stört würde ich auch gerne auf die Highschool gehen, ich wäre gerne wieder mehr unter Menschen, du weißt ja, Heimunterricht und so." „Wieso sollte ich etwas dagegen haben?", fragte Bella mit gerunzelter Stirn. „Ich wäre dann bestimmt in deinen Kursen...", antwortete ich und ließ den Rest lieber ungesagt. „Ich freu mich, wenn du da bist", antwortete meine ehemals beste Freundin leise und es klang aufrichtig. Ich atmete erleichtert aus.

Bella allerdings runzelte die Stirn. „Was meinst du mit „eine Weile"? Ich dachte, du bleibst." Sie sah enttäuscht aus und ich spürte wie sie wieder eine imaginäre Mauer zwischen uns hochzog. „Ich halte es nicht lange an einem Ort aus", begann ich vorsichtig. „Vielleicht ein paar Wochen oder Monate, vielleicht ein Jahr." Ich warf Jake und ihr einen sehnsüchtigen Blick zu. „Oder auch länger wenn wir Glück haben." Die beiden wirkten verwirrt. „Fernweh", fügte ich grinsend hinzu. Sie wirkten nicht überzeugt, aber das wäre ich an ihrer Stelle auch nicht gewesen. Lügnerin.

„Oh Mann", machte Bella in diesem Moment und kiekste aufgeregt. „Du musst unbedingt meinen Freund kennenlernen, du wirst ihn lieben! Aber nicht zu sehr, klar?" Sie kicherte. „Und seine Familie ist der absolute Wahnsinn, Alice ist schon ganz aufgeregt, sie freut sich so dich zu treffen! Sie war gestern schon den ganzen Tag so hibbelig und hat Andeutungen ohne Ende gemacht, von wegen dass eine riesige Überraschung auf mich wartet, dass ich etwas wiederfinden werde, was ich vor langer Zeit verloren habe und dass sich jetzt alles ändern wird." Sie schüttelte lachend den Kopf. „Ich hätte sie beinahe gekillt, weil sie mir nicht sagen wollte worum es geht!" Ich hob eine Augenbraue. „Woher wusste deine Freundin denn bitte dass ich komme?" Ich warf Bella einen fragenden Blick zu, woraufhin sie etwas errötete. „Vielleicht hat Jake ihr was gesagt?" „Zieh mich da nicht mit rein", knurrte dieser und ich zuckte zusammen. Das war nicht der ruhige und dauerliebe Jacob, den ich kannte. Er wirkte wirklich, wirklich aufgebracht. Wahrscheinlich ist er eifersüchtig, weil Bella nicht mehr so viel Zeit mit ihm verbringt. Ich nickte. Das machte Sinn. Jake hatte schon immer einen leichten Hang zur Anhänglichkeit gehabt.

„Vorahnung, weibliche Intuition?", machte Bella in diesem Moment und ich stutzte kurz, zuckte dann aber mit den Schultern. „Du meinst so wie wenn man weiß, dass jemand einen beobachtet? Sicher, warum nicht." Wahrscheinlich hat Jake geplaudert und will es jetzt nicht zugeben, um Bella nicht zu verärgern. „Aber dass sich jetzt alles ändert? Mann, ich wusste doch, dass Gott eine Frau ist", machte ich selbstgefällig. „Aber dass sie in mir steckt?" Bella lachte, wirkte aber immer noch etwas neben der Spur und strich sich mehrmals fahrig durch die Haare. „Ach, Alice hat das bestimmt nur im übertragenen Sinne gemeint, du weißt schon, wie damals in diesem Film, in dem der Hauptdarsteller immer und immer wieder die gleiche Szene erlebt hat, nur dass sein Umfeld immer anders war und sich dadurch auch immer das Ergebnis geändert hat. Sie meinte bestimmt nur, dass die Menschen in deinem Leben dein Leben beeinflussen, ich meine, ist ja nicht so als könnte sie in die Zukunft sehen oder so." Sie lachte etwas zu laut und hektische, rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. Hmm. Diese Alice schien außergewöhnlich zu sein, die würde ich mir mal genauer ansehen. Außergewöhnlich war gut. Außergewöhnliche Menschen fingen nicht an über mich zu tuscheln, wenn ich mich nicht der Norm entsprechend verhielt. Sie verurteilten mich nicht. Das machte es leichter.

Ich seufzte und strich mir erschöpft über die Augen. Es war ein langer Tag gewesen. Ein neues Handy besorgen, sämtliches Geld vom Konto abheben, in die Stadt fahren, in einem Gasthaus die Kleidung wechseln und die Frisur verändern, in die nächstbeste Bahn steigen, auf der Bahnhofstoilette das Aussehen verändern, in die nächste Bahn steigen... das Ganze hatte ich knapp eineinhalb Stunden wiederholt, erst dann hatte ich mich sicher gefühlt und mich auf den Weg nach Forks gemacht. Aber auch hier war ich nicht wirklich zur Ruhe gekommen, wenn ich mich nicht gerade auf der Toilette oder hinter einem Buch versteckt hatte, hatte ich mich beinahe im Minutentakt hektisch umgeschaut. Ich hasste diese Angst in mir, die mein Leben bestimmte. Es war stressig, es war kraftraubend. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob ich nicht übertrieb. Aber es fühlte sich nicht so an und die Wahrheit war, dass ich mich ohne diese Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr sicher fühlen konnte. Es war nötig immer wieder meine Frisur, meine Haarfarbe zu ändern, den Klamottenstil... Und in meiner Wohnung war es unverzichtbar gewesen abends die Kommode vor meine Haustür zu schieben, die Fenster und die verschiedenen Türschlösser mehrmals zu kontrollieren. Aber selbst dann war ich in der Vergangenheit oft nicht zur Ruhe gekommen, Schlaftabletten, Antidepressiva und Anxiolytika gehörten mittlerweile zu meinem Alltag. Ich hatte es mit einer Therapie versucht, aber durch meine vielen Umzüge hatten meine Versuche kaum gefruchtet, oft war ich schon innerhalb der teilweise monatelangen Wartezeit erneut umgezogen. Aber es war in Ordnung. Die Medikamente machten die Angst erträglich und ließen mich meinen Alltag regeln und nach außen hin halbwegs normal und stabil wirken. Das reichte mir, ich hatte auch schon andere Zeiten erlebt.

„Alles in Ordnung?", fragte Jake mit besorgt gerunzelter Stirn und ich lächelte abwinkend. „Ja, alles okay, ich bin nur etwas müde. War ein langer Tag." „Oh", machte Bella und hob einen Mundwinkel an. „Na klar. Dann leg dich am besten gleich hin." Ich nickte und machte einen Schritt auf Jake zu, woraufhin sie die Nasenlöcher aufblähte, etwas was ich noch von früher von ihr kannte. „Was?" „Nichts", murmelte sie. „Ich... ich dachte nur, dass du vielleicht hier bleiben würdest. Charlie ist einverstanden und du könntest auf der Couch schlafen. Ich weiß, es gibt sicher bequemere Alternativen, aber wir haben uns doch so lange nicht gesehen und ich dachte... Aber wenn du nicht willst versteh ich das", murmelte sie schnell und setzte einen betont neutralen Gesichtsausdruck auf. Sie war eine grauenhafte Lügnerin.

„Oh", machte ich nun auch. „Ich würde schon... wenn es euch nichts ausmacht. Ich meine... wow. Vor zwei Stunden noch dachte ich, dass du mich nie wieder sehen willst, dass du nie wieder ein Wort mit mir wechseln würdest... und jetzt willst du, dass ich bei dir wohne, dass wir zusammen sind- so wie früher." Jake musste meinen verzückten Gesichtsausdruck gesehen haben und nickte auch, wirkte dabei aber nicht wirklich glücklich. „Jake..." „Nein, nein", winkte er ab und lächelte Bella an. „Ich finds gut, dass ihr euch wieder versteht, ich bin nur ein bisschen eifersüchtig, das legt sich wieder, also kein Grund zur Sorge." Er hat alles für euch getan, hat sich um euch gekümmert wenn es euch schlecht ging, hat sich für euch den Arsch aufgerissen und jetzt lasst ihr ihn bei der ersten Gelegenheit fallen. Er fühlt sich austauschbar, weggeschmissen, wie Dreck...

Ich schluckte und auch Bella neben mir senkte den Kopf. Sie sah mir nicht nur äußerlich sehr ähnlich, auch vom Charakter und der Denkweise glichen wir uns so sehr, dass es manchmal wirklich gruselig war. Wir waren wie Zwillinge, es war beruhigend zu wissen, dass sich daran nichts geändert hatte, auch wenn wir uns jahrelang nicht gesehen hatten. „Ich machs wieder gut, Jake", sagte ich leise und meine ehemalige (ich hoffte das Wort bald streichen zu können) Freundin nickte energisch. Er schien erst irritiert zu sein, wusste dann aber offenbar was ich meinte und verdrehte die Augen. „Dass ihr Weiber auch immer so schnulzig sein müsst!" Wir streckten ihm gleichzeitig die Zungen raus. „Wenn ich dir nicht so dankbar wäre, würde ich dich jetzt übers Knie legen", antwortete ich trocken, was er aus irgendeinem Grund wahnsinnig witzig zu finden schien. „Was?", fauchte ich und er grinste breit und entblößte dabei eine Reihe weißer, perfekter Zähne. „Das will ich sehen. Du bist einen gefühlten Meter groß, denkst du ernsthaft, dass du auch nur die geringste Chance hättest?" „Legs nicht darauf an", schnaufte ich gespielt beleidigt. „Erinnerst du dich an den kleinen Terrier, den du als Kind am Schwanz gezogen hattest?" Bella kicherte. „Eine Stunde lang hat er dich gejagt und selbst als er schon längst weg war, hast du dich nicht vom Baum runter getraut!" Jacob wirkte ehrlich empört. „Der wollte ein Stück aus mir rausbeißen!" „Wer kanns ihm verübeln", hauchte ich, fächelte mir Luft zu und drückte eine seiner riesigen Hände an meine Wange. „Ja, du bist ja auch purer Zucker", fügte Bella hinzu und deutete eine Verbeugung an. „Mann", machte Jake. „Ich hatte vergessen wie verdammt ätzend ihr zusammen seid."

Wir grinsten und klatschten uns ab. „Dreamteam!" „Aber hallo! Für immer und ewig!" Mit einem Schlag wurden wir wieder still. Dies war keine schöne Erinnerung. Jake schien instinktiv zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war, strich sich unsicher durch das schwarze Haar und bewegte die Schultern. „Okay, wie wärs wenn ich euch jetzt in Ruhe lasse, damit ihr noch ein wenig reden könnt und dann komm ich morgen vorbei und wir unternehmen was zusammen?" Ich nickte, aber Bella verzog den Mund. „Ähm... eigentlich hatte ich Alice versprochen..." Jake starrte sie nur an und Bella hob abwehrend die Hände. „Ja was hätte ich denn sagen sollen? Sie wusste, dass Sarah kommt... und sie wusste, dass sie mein Angebot annehmen würde... sie war so aufgeregt, was sollte ich denn sagen? „Tut mir Leid Alice, Jake wird nicht wollen, dass sie euch kennenlernt, er wird es verbieten!"? Und zum Teufel, hast du mal versucht dem Mädchen etwas auszureden? Mann Jake, jetzt sei doch nicht so!" „Ich habe keinen Ton gesagt", knurrte Jacob und ich konnte seine Zähne knirschen hören. „Du weißt, dass ich mich schuldig fühle, wenn du so guckst!" Er schnaubte und schien sich gerade noch so eine bissige Antwort verkneifen zu können. „Jake, ich bin dir wirklich dankbar, dass du die ganzen Monate für mich da warst, aber..." „Das hat nichts damit zu tun, gar nichts", fauchte Jake, ballte seine Hände zu Fäusten und öffnete sie betont beherrscht wieder. „Aber du wirst sie da nicht mit reinziehen! Schlimm genug, dass du mit diesen Bl..." Er sah mich an, seufzte und ließ seine Knöchel knacken. „Das ist nicht richtig."

Bella schien den Tränen nahe zu sein und auch wenn ich keine Ahnung hatte worum es hier ging, fragte ich nicht nach, sondern verhielt mich ruhig. Offenbar war diese Diskussion längst überfällig gewesen. „Sie sind nicht gefäh... sie sind nicht bösartig, sie wollen niemandem etwas Böses! Das sind gute M... sie sind gut, Jake, wirklich. Ich weiß, du willst das nicht sehen, kannst es vielleicht auch nicht, das liegt in deiner Natur, aber nur weil du denkst, dass du die Wahrheit kennst, heißt das nicht, dass es meine Wahrheit ist... oder Edwards... oder Sarahs. Du kannst nicht wissen was gut für sie ist... oder für mich. Ich habe meine Wahl getroffen, Jake, das musst du akzeptieren." „Sie sollte zumindest wissen, worauf sie sich einlässt!", fauchte Jacob und ich rieb mir unruhig über das Handgelenk. Keine Ahnung worum es hier ging, aber irgendwie war ich auf einmal nicht mehr so scharf darauf diese Alice kennenzulernen. Andererseits... hatte ich wirklich das Recht sie abzulehnen nur weil ein so normaler Mensch wie mein bester Freund sie für ungeeignet hielt? War ich als Freundin nicht auch ungeeignet und wünschte ich mir nicht trotzdem, dass man unvoreingenommen an mich herantrat? Ich schüttelte von mir selbst angewidert den Kopf. Wie konnte ich Toleranz einfordern, wenn ich selbst kein Stück besser war als die Leute, die ich verurteilte?

Meine Fingernägel krallten sich in meinen Unterarm und ich biss die Zähne so fest aufeinander, dass es wehtat. Dass ich selbst einer dieser oberflächlichen Menschen sein sollte war schwer auszuhalten. Ich hatte mich für besser gehalten... besser als das, besser als die Mädchen, die hinter vorgehaltener Hand über mich gelästert hatten, weil ich mitten in einer vollbesetzten Bahn eine Panikattacke bekommen hatte. Oder als die Männer, die die weniger hübschen Mädchen terrorisierten und herumschubsten. Besser als die Menschen, die sich nur durch Gerüchte ein Bild machten, die ihre Mitmenschen verurteilten, weil irgendetwas an ihnen nicht so war wie man es gewöhnt war. Das war widerlich. So jemand wollte ich nicht sein. Ich musste diese Familie kennenlernen, jetzt ging es gar nicht mehr anders. Du kannst dich nicht zwingen sie zu mögen, nur um dir selbst zu beweisen, dass du keine Vorurteile hast!

Ich stöhnte und rieb mir über die Stirn. Wer hätte gedacht, dass dieser Tag noch anstrengender werden würde? Jake und Bella hielten mitten in ihrem Streit inne und sahen mich besorgt an. Ich winkte nur ab. „Es ist nichts... Nur Jake, ich muss das morgen einfach tun! Ansonsten kann ich mich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen... Aber wenn du magst, könnte ich später bei dir und Billy vorbeikommen und wir sehen uns zusammen einen Film an und reden ein bisschen, wir haben schließlich auch eine Menge aufzuholen." Und auch wenn ich das Gefühl hatte, dass der morgige Zeitplan gar nicht der Grund dieser Auseinandersetzung gewesen war, so schienen sich die Gemüter jetzt doch in Sekundenschnelle abzukühlen und Jake und Bella wirkten um einiges ruhiger, wenn auch längst nicht glücklich. „Na klar", sagte Jacob sanft, strich mir über die Wange und drückte mich kurz an sich. Die andere Hand streckte er nach Bella aus. Sie ergriff sie nach kurzem Zögern und lehnte ihren Kopf an seine Brust. „Tschuldige, Jake!" „Mhh", machte er nur.

So standen wir ein, zwei Minuten lang, bis Charlie auf einmal die Tür aufstieß, einen großen Eimer mit stinkenden Fischen in der linken Hand. Sein Gesicht strahlte, er wirkte aufgeregt wie ein kleines Kind am Tag vor Weihnachten. „Du bist wieder da", sagte er und sah mich mit einem merkwürdig zärtlichen Gesichtsausdruck an. „Ja. Und danke dass ich bleiben darf", antwortete ich und winkte unsicher mit der Hand. „Entschuldige, dass ich dich nicht drücke, aber du stinkst... nach Fisch." Gute Ausrede. „Oh." Mehr fiel ihm nicht ein. „Isst du mit, Jake?" Er schüttelte den Kopf und öffnete den Mund, aber Bella unterbrach ihn. „Sarah ist ziemlich müde, ich glaube sie würde sich ganz gerne hinlegen." „Ähm", murmelte ich. „Eigentlich heiße ich jetzt Hope." „Oh", machte Charlie und runzelte irritiert die Stirn. „Was ist mit Sarah passiert?" Mein Kiefer spannte sich an und ich straffte meine Schultern. „Sarah ist tot."