Kapitel 1 – Neville

„Womit anfangen?", Longbottom schien noch nicht begriffen zu haben und es gelang Severus diesmal nicht, ein Schnauben zurückzuhalten.
„Uns alles zu erzählen. Was du erlebt hast. Was dich bedrückt. Vielleicht auch schöne Momente", würde die Granger nicht bald dieses Mitgefühlgetue runterschrauben bliebe ihm nichts anderes übrig als zu gehen. Longbottom schwieg kurz. Dann fing er an seine Füße so intensiv zu betrachten, als wolle er sie durch bloßen Blickkontakt einer komplizierten Verwandlung unterziehen.

„Eigentlich hat alles angefangen, als ich noch ein ganz kleines Baby war", er klang leise, „ungefähr sechzehn Monate nach meiner Geburt. Es kamen Todesser zu uns – ihr wisst ja, welche – und haben meine Mum und meinen Dad gefoltert. Mit dem Cruciatus. Sie mussten danach ins Mungo, dorthin, wo auch Lockhart ist. War ein ganz schöner Schock für mich, als ihr dort aufgekreuzt seit, das könnt ihr mir glauben."

Longbottom warf zum ersten Mal einen nervösen Blick in die Runde und traf auf aufmunternde Blicke.
„Also habe ich immer bei meiner Großmutter gelebt. Meine Verwandtschaft war sich nie so ganz sicher, ob ich nicht vielleicht ein Squib bin und sie waren so erleichtert, als meine Eule gekommen ist. Ich habe Dads Zauberstab bekommen, wisst ihr? Meine Großmutter hat schon recht, egal was ich tat, ich bin an die Leistungen meiner Eltern nie rangekommen. Aber auch, wenn sie ständig das Gegenteil behauptet hat, ich bin unfassbar stolz auf Mum und Dad. Nicht jeder hält so einen Fluch überhaupt solange aus, wisst ihr?"

Severus malmte seine Kiefer aufeinander. Er selbst hatte diesen Fluch oft genug am eigenen Leibe spüren müssen.
„Ich weiß immer noch nicht so recht, weshalb ich überhaupt nach Gryffindor gekommen bin. Ich wollte lieber nach Hufflepuff, aber der Hut hat einfach nicht gehört!"
An dieser Stelle unterbrach Potter ihn grinsend.

„Du hast mit dem Hut diskutiert, weil du lieber nach Hufflepuff als nach Gryffindor wolltest?" „Naja, in Gryffindor sind sie alle mutig und eigentlich wollte ich nur irgendwo hin, wo ich in nichts gut sein muss. Meistens erfülle ich die Erwartungen anderer nicht so gut und wer stellt schon große Erwartungen an jemanden in Hufflepuff?"

Da konnte Snape ihm nur von ganzem Herzen zustimmen.
„Kein Wunder, dass du auch fast ein Hutklemmer geworden bist", lachte nun Granger, „Du hast ihn wohl ein bisschen aus der Bahn geworfen."
„Am Ende war ich froh nach Gryffindor gekommen zu sein. Auch wenn ich mich regelmäßig blamiert habe, ihr ward immer sehr nett zu mir. Der Unterricht hat ja auch Spaß gemacht, besonders Kräuterkunde, nur Zaubertränke…", er würgte ab und sah zu Snape.
Der durchbohrte ihn mit Blicken.

„Ich habe ihnen das Leben nicht ganz leicht gemacht. Aber Sie müssen zugeben, Longbottom, dass das nur berechtigt war, noch nie hatte ich einen so großen Dummkopf wie Sie in meinen Klassen."
Granger fauchte ihn praktisch an.

„Aber Lupin", hakte Longbottom schnell ein, vermutlich, um einen Streit zwischen ihm und Granger zu vermeiden, „Lupin hat mir immer gesagt, dass ich mich nicht unterkriegen und auf meine Stärken setzen soll. Vom ersten Tag an hatte er so ein Vertrauen, das sonst niemand hatte, als wäre es selbstverständlich, dass ich auch in etwas gut sein kann. Und das habe ich dann auch. Ich glaube, Harry, ich habe mich niemals so gefühlt wie in der D.A.", er warf ein nervöses Lächeln zu Potter, der es umgehend erwiderte, „Wir waren stark. Du hast uns alle mutig gemacht und jeder von uns brannte darauf zu lernen, wie man sich verteidigt. Endlich gab es mal etwas, das ich konnte, bei dem niemand gedacht hätte, dass ich es kann."

Merlin, es bereitete ihm Kopfschmerzen diesem Jungen zu folgen.
„Ich wusste jetzt endlich, was es heißt Freunde zu haben. Ich glaube, in der Zeit habe ich auch geschworen, dass ich kämpfen würde. Gegen Voldemort und für dich, Harry."

Zum Hippogreif nochmal, diese Rührseligkeiten, einfach grauenhaft!
„Als du im Sommer nicht mehr wiedergekommen bist, war das ziemlich komisch. Du hattest immer einen Plan, du warst immer der, der alles geregelt hat. Aber ohne dich musste es ja auch irgendwie weitergehen. Wir haben dann ohne dich weitergemacht. Die D.A. wiederbelebt und Widerstand geleistet, gegen dieseCarrows", tatsächlich, es mischte sich etwas Abscheu in Longbottoms Stimme… faszinierend!, „geleistet, auch wenn das nicht einfach war. Luna und Ginny haben mir so sehr geholfen! Warum sind sie gar nicht hier?", Longbottom schien verwundert.
„Sie waren mit mir da, sie haben genauso gekämpft wie wir, Luna wurde sogar gefangen genommen…"
„Neville, bitte, ich erkläre es dir später", murmelte Potter und sah nicht gerade glücklich aus.

„Okay, Harry… also… als die beiden dann nicht wiedergekommen sind, musste ich alleine weitermachen, aber irgendwie kam mir die dunkle Ahnung, dass die Carrows beschlossen hatten es sei an der Zeit mich loszuwerden… also bin ich in den Raum der Wünsche gegangen. Ihr ward selbst da und habt alles gesehen… gegen Ende des Schuljahres hat ein Drittel von ganz Hogwarts dort mit mir gelebt. Eigentlich war es sogar ziemlich cool", Longbottom grinste breit.

„Der Kampf war schrecklich. So viele sind gestorben… Ich dachte wirklich, du seist tot, Harry. Und dann war da diese Schlange und das Schwert ist aus dem Hut gefallen und ich habe mich daran erinnert, dass sie jemand töten musste, also habe ich das getan."

„Weißt du, Neville", setzte Granger nachdenklich ein, „Ich glaube das einzige wirkliche Problem, das du hast, ist dein mangelndes Selbstbewusstsein. Du erzählst von all diesen Dingen, als wären sie nichts. Als hättest du uns mal deine Hausaufgaben abschreiben lassen. Du warst immer für Harry da und hast an unserer Seite gekämpft, in Momenten, die weitaus mutigere Hexen und Zauberer haben zurückschrecken lassen. Du warst mit uns im Ministerium. Du hast den Widerstand in Hogwarts geführt, gegen drei Todesser! Und das Schwert von Gryffindor können nur die mutigsten aus dem Hut ziehen. Es ist das Schwert von Godric Gryffindor und du hast damit den letzten Horkux zerstört. Ohne dich hätte Harry Voldemort wohl niemals töten können", sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Longbottom sah sie mit großen Augen an. „Du findest mich mutig?"

„Ich finde dich nicht nur mutig, ich weiß, dass du es bist."

„Sie hat recht, Neville. Du hast das Böse erlebt, hast ihm widerstanden. Du hast gekämpft. Warst da. Du bist mutig."

Longbottom schien nicht restlos überzeugt, aber irgendwie sah er ein bisschen zufriedener aus. Mut hin oder her, mehr Hirn verlieh im das schon lange nicht.

„Wieso sind Ginny und Luna nicht hier?", wiederholte Longbottom.

Potter sah ihm fest in die Augen. „Neville, du bist auch eine Marionette. Du warst auch Teil des Plans. Oder zumindest hättest du einer sein können. Du hättest ich sein können."

Longbottom starrte Potter nur an wie ein Auto. Genau diesen Blick hatte ich so oft im Unterricht genossen… vollkommene Ahnungslosigkeit, gepaart mit Unsicherheit und einem Hauch misstrauischer Angst.

Potter mied jetzt ganz eindeutig seinen Blick. Es schien, als kämen wir zum interessanten Teil der Unterhaltung.

„Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran. Jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt. Und der Dunkle Lord wird Ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen, aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt. Und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt", Potter hatte so leise geflüstert, dass er kaum zu verstehen war.

„Was hat das zu bedeuten?", krächzte Longbottom unsicher.

„Ich glaube, dann mache ich weiter", Potter straffte die Schultern und begann zu erzählen.