2. The Arrival

*two months ago*

Ihr Körper fühlte sich schwer an. So unsagbar schwer. Sie fühlte sich der Welt entrückt, als läge sie auf dem Boden des Mondes, und die Schwerkraft aller Welten hielte sie unten. Als sie ihre Augen öffnete, entwich die angehaltene Luft ihren Lungen. Sie registrierte, dass sie gefallen war. Sie erkannte das Gefühl, denn das Atmen fiel ihr schwer.

Die Geräusche drangen erstmals an ihr Ohr. Grillen, so laut wie ganze Schwärme. Es knackte und knisterte, aber das Geräusch der Grillen erhob sich über alles. Entfernt vernahm sie Vogelschreie, weit über sich, und andere Laute. Vielleicht von wilden Tieren. Affen? Sie blinzelte heftig. Sie war nicht mehr im Ministerium. Sie war… draußen. Sie lag weich. Es war nicht der Hyde Park. So viel wusste sie schon jetzt.

Ihre Erinnerung wirkte zäh wie Wachs, der erst langsam warm wurde. Sie versuchte, sich zu erinnern. Versuchte, zu begreifen.

Ihr Name war Hermine Granger. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt. Sie war… Freiheitskämpferin.

Voldemort! Fast sprang sie in die Senkrechte. Ihre Finger griffen in etwas Weiches, etwas Naturales, was ihr Verstand nicht direkt zuordnen konnte. Und erst jetzt glitt die Welt wieder in ihre Fugen, und sie sah sich geschockt um. Erst jetzt spürte sie, wie heiß die Luft war, die ihre Lungen atmeten, wie reich an Feuchtigkeit und Charakter. Es war eine Luft, die sie noch nie geatmet hatte.

War der Kampf vorbei? Was war geschehen? Wo war sie? Sie versuchte, sich zu orientieren, sah sich um, und ihre Augen gewöhnten sich an das Grün, an das Dickicht, was sie umgab. Pflanzen wuchsen hoch zum Himmel. Felsen neben ihr. Das Geräusch von fernem Wasser deutlich in ihren Ohren. Sie blickte hinab. Sie saß auf… Moos? Die Felsen über ihr hingen voll damit. Es wucherte aus jeder Pore. Saftig und so grün, dass es sie blendete.

Der Portschlüssel! War sie mit ihm hierhergekommen? Langsam richtete sie sich auf. Es war ein schmales Plateau, auf dem sie gelandet war, und scheinbar war es pures Glück, dass sie nicht einfach, den Felsen hinab gerutscht war. Der Blick nach unten offenbarte ihr eine katastrophale Tiefe von bestimmt fünfzig Metern. Einen Fall hätte sie nicht überlebt. Sie schluckte schwer, zuckte zusammen, als ein wildes Tier schrie. Sie lauschte in den tropischen Urwald. Ihr Gehirn funktionierte noch nicht. Sie wusste nicht, wo sie gelandet war.

Manisch griff sie an ihren Körper, durchsuchte ihre wenigen Taschen, aber… sie besaß keinen Zauberstab. Panik schnürte ihre Kehle zu. Die Sonne versank langsam hinter den hohen Felsen, ohne, dass sie sie erkennen konnte. Allein die Schatten zeigten ihr, wo Westen war. Es knackte im Gehölz, und sie atmete mit offenem Mund. Wie sollte sie hier runterkommen? War dort der Portschlüssel? War er gefallen? War er überhaupt mit ihr gereist? Sie lehnte sich vorsichtig vor, und ein winziger Stein rollte über das Plateau, traf jede scharfe Kante, und sie schluckte schwer.

Nein. Runter war kein Ausweg, entschied sie sich spontan, als sie Erhebungen in der Felsspalte über sich erkannte, die ihr möglicherweise als Aufstiegshilfe dienen konnten. Nein, besser höher! Nicht tiefer! Im Moment würde sie sich um den Portschlüssel keine Gedanken machen können.

Instinktiv nahm sie an, dass oben keine wilden Tiere waren. Wenn es wilde Tiere hier gab – was sie annahm. Sie unterdrückte die Panik, bekämpfte den Instinkt, zu weinen. Sie konnte nur hoffen, dass sie Voldemort davon abgehalten hatte, den Portschlüssel zu verwenden. Sie konnte nur hoffen, dass die anderen Zeit genug gehabt hatten, ihn endlich zu schlagen, ihn dahin zu befördern, wo er hingehörte!

War das der Himmel, fragte sie sich plötzlich, als sie den ersten Fuß auf den bewachsenen Felsen stellte.

Wieder knackte es im Urwald. Nein, so viel Glück würde sie nicht haben, nahm sie finster an, und begann zu klettern. Sie wuchtete sich nach oben, ignorierte die Schmerzen in ihren Gliedern. Suchten die anderen nach ihr? Begriffen sie, was geschehen war?

Hermine glaubte noch nicht daran, dass sie gestorben sein könnte. Sie kam sich noch sehr lebendig vor. Sie hatte den Felsen erklommen, bevor die Sonne versunken war. Langsam legte sich eine Art Nebel über den Wald. Ein feuchter Nebel, der die letzten Formen der Sonne verhüllte. Alles war in ein orangenes Licht getaucht, aber sie meinte, eine Senke ausmachen zu können. Der Weg ging relativ ebenmäßig hinab.

Doch hinab, dachte sie enttäuscht. Es war nicht viel durch den Nebel zu erkennen, außer mehr Urwald und mehr Felsen.

Der Weg hinab ging beinahe leicht. Sie wusste nicht, wohin sie ging. Sie wusste nur, sie würde nicht stehen bleiben. Die offene Fläche, über die sie lief, machte sie nervös, denn sie nahm an, sollte irgendetwas im Urwald lauern, würde es nun den geschenkten Platz in der ersten Reihe bekommen. Sie beeilte sich, den Schutz der Bäume zu erreichen. Sie befand sich schließlich auf der anderen Seite des Felsen, fünfzig Meter tiefer, schätzte sie. Auf dem Niveau, was sie von oben gesehen hatte.

Sie wusste nicht, ob ihr ihre Wald- und Sträucherkunde hier helfen würde. Sie musste sich erst orientieren.

Konstellationen, kam es ihr plötzlich in den Sinn. Wenn sich der Nebel verzog und es dunkel sein würde, würde sie vielleicht die Sternbilder erkennen. Sie würde raten können, ob sie sich noch in der westlichen oder östlichen Hemisphäre ihrer eigenen Welt befand.

Sie wusste nicht mal, ob es ein normaler Urwald war, durch den sie irrte. Alles, was sie tun konnte, war, nicht gefressen zu werden, nahm sie an.

Sie musste einfach hoffen, dass Harry und Ron und Ginny es irgendwie geschafft hatten, die Welt zu retten. Ohne sie.

Sie schluckte schwer. Was, wenn nicht?

Die Geräusche rauschten um sie, surrten in der Luft, und sie fixierte die nähere Umgebung, versuchte, irgendetwas zwischen den wild bewachsenen Bäumen zu erkennen, aber nichts wirkte durch menschliche Zivilisation berührt. Es gingen keine Wege ab in den Urwald, die Gräser hier wirkten unangetastet. Sie näherte sich schließlich den ersten hohen Bäumen, und sie konnte sich nicht entscheiden, was sicherer wäre. Die offene Fläche oder die Dichte dieses… Dschungels?

War es Indien? Sie schluckte, sah sich um, versuchte, Blätter und Sträucher wiederzuerkennen, aber nichts kam ihr bekannt vor. In Indien gab es Tiger. Schlangen. Bären. Vor ihrem inneren Auge rezitierte sie das gesamte Dschungelbuch, und nervös sah sie sich um. Merlin, das würde sie nicht überleben. Nicht ohne Zauberstab.

Noch einmal überprüfte sie ihren Körper, aber nichts. Sie –

Diesmal knackte es so laut im Gebüsch, dass sie vor Schreck an einen unfassbar dicken Baumstamm zurückwich. Es klang lauter als Affen oder Vögel im Geäst! Definitiv lauter! Und es näherte sich. Sie schloss die Augen, versuchte, das Geräusch zu lokalisieren. – Hinter ihr! Sie wich um den Baumstamm, bis sie glaubte, das Geräusch käme von vorne. Ihr Herz raste. Sie sah sich um. Nichts! Der Boden war überwuchert mit efeuartigen Pflanzen, aber sie konnte keinen Stein – nicht mal einen starken Ast entdecken. Sie hatte keine Waffe!

Es klang… tatsächlich zu laut, als dass es ein umsichtiges Raubtier war. Es klang nicht nach den lautlosen Pfoten einer riesigen Wildkatze. Es klang… präzisionslos.

Das Geräusch war verstummt. Sie hielt die Luft an. Langsam schlich sie um den Baum, nachdem sie einen furchtsamen Blick über die Schulter geworfen hatte. Hinter ihr lag weiterhin der dichte Dschungel. Sie lugte so leise sie konnte um die dichte Rinde. Ihr Atem stockte.

Sie war nicht allein! Aber…-

Hastig wich sie in den Schutz des Stammes zurück, als sich der Mann langsam um seine eigene Achse drehte, seine Umwelt untersuchte. Und er hatte einen Zauberstab. Scheiße. Das war ehrlich gesagt der einzige Gedanke, der in ihr aufstieg. Sie hatte die Todesseruniform innerhalb einer Nanosekunde erkannt. Sie war auf sie getrimmt wie der Stier auf das rote Tuch des Toreros.

Sie rekapitulierte, was geschehen sein musste. Sie war nicht tot. Allerdings hatte sie den Portschlüssel wohl auch nicht zerstört, nahm sie mit dumpfer Erkenntnis an.

Als es eng wurde, gerade als sie den Vorsprung zu ihrem Vorteil ausnutzten, die Todesser in die Fluch schlugen, Voldemort sich in die Ecke gedrängt sah, hatte sie Stimmen gehört, hatte die Maske fliegen gesehen. Und sie war keine zwanzig Meter von Voldemort entfernt gelandet. Einer seiner Knechte hatte ihm zugerufen, zu verschwinden, den Portschlüssel zu erreichen, und sie hatte Rot gesehen!

Sie war den grünen und roten Flüchen der letzten Todesser ausgewichen, und hatte all ihre Kraft darauf gesetzt, den Gegenstand zu vernichten!

Wie dumm sie gewesen war! Wie übereilig sie gezielt hatte! Sie hatte in ihrem Leben noch keinen Portschlüssel vernichten müssen, deshalb hatte sie einfach den Diffindo-Zauber gewählt. Es war ihr sinnvoll erschienen. Und ja, dieses Arschloch war da gewesen! Er hatte Voldemort verdammt noch mal den Weg gebahnt, damit er entkommen sollte!

Und dann… war es schnell gegangen. Der Zauberstab war ihr aus der Hand geflogen, nach der Wucht des Zaubers. Sie hatte den vermeintlich zerstörten Portschlüssel trotzdem beseitigen wollen, hatte sich blind auf ihn gestürzt, falls er doch noch funktionierte, und sie erinnerte sich – er war ebenfalls mit einem Hechtsprung vor ihr gelandet! Ihre Hand hatte nach der unscheinbaren und hässlichen Todessermaske gegriffen, so wie seine Hand, und dann….

Dann war alles schwarz geworden und sie war auf einem Felsplateau zu Bewusstsein gekommen, schloss sie mit höchster Wachsamkeit alle Lücken der vergangenen Ereignisse. Er würde weitergehen. Sie musste… verschwinden. Nicht für eine schwache Sekunde, kam ihr der Gedanke, sich zu erkennen zu geben. Ihm womöglich entgegenzutreten. Nein! All ihre Instinkte konzentrierten sich darauf, so lautlos wie möglich zu entkommen. Sie musste tiefer in den Dschungel. Nur so hatte sie eine Chance. Sie musste sich also nicht nur vor wilden Tieren in Acht nehmen! Sie musste vorrangig auch noch aufpassen, dass Draco Malfoy sie nicht mit dem Avada in den Rücken traf. Scheiße….

Langsam, wirklich langsam, wich sie zurück, darauf bedacht, dass der riesige Baumstamm zwischen ihnen verblieb, dass er nicht einen Fetzen ihrer Kleidung zu Gesicht bekam. Leise, ganz leise! Die Sohlen ihrer Stiefel waren nicht unbedingt für eine stille Flucht geeignet. Sie waren robuste Schuhe, warme Schuhe. In der Arktis wäre sie besser aufgehoben. Wild gingen ihre Gedanken. Dann hörte sie ein Plopp.

Sie kannte es! Was… war es?

Sie war kaum drei Meter zurückgewichen, da stürzte er mitten aus der Luft vor sie. Keinen Meter entfernt zu ihren Füßen. Er war appariert! Er hatte es zumindest versucht, erkannte ihr Verstand. Hatte er versucht, nach Hause zu kommen? Stöhnend richtete er sich auf.

Ihr Mund öffnete sich überfordert, als er fast erschrak, als er ihrer Gestalt gewahr wurde.

Und für ein paar endlose Sekunden starrten sie sich an. Und er… hatte die Maske in der Hand, begriff sie augenblicklich. Er hatte den Portschlüssel, aber… er funktionierte nicht mehr. Ihre Gedanken rissen ab.

Sie wusste nicht, ob er eins und eins zusammen zählte. Seine Augen nahmen sie auf, flogen über ihre Erscheinung, und hastig wog sie ab – rennen oder zuschlagen? Rennen oder zuschlagen? Langsam verdunkelte kalter Zorn seine Züge, und sie entschied sich recht spontan – Rennen!

Blind wich sie aus, als er den Zauberstab bereits schwang. Stumm schoss der grüne Blitz haarscharf an ihr vorbei! Scheiße, Scheiße! Sie schlug den nächsten Haken, hörte, wie er fluchend auf die Beine kam, und dann setzte er ihr nach.

Wie zwei Idioten stürmten sie durch den beschwerlichen Dschungel, und sie hoffte fast, dass er sie doch erwischen würde, bei dem Lärm, den sie machten. Die wilden Tiere müssten sie bald alle aufgeschreckt haben. Der nächste Blitz traf den Baum neben ihr, und sie hörte das nächste Plopp zu spät!

Fast wäre sie in ihn gerannt, als er direkt vor ihr materialisierte. Apparieren innerhalb des Dschungels funktionierte also. Verdammt. Sie wich zurück.

Schnell ging ihr Atem, und eine bessere Taktik fiel ihr nicht ein, als die Arme langsam zu heben. Sie ließ die Spitze seines Zauberstabs nicht aus den Augen.

„Warte!", keuchte sie also. Ein hässliches Grinsen hob seine Mundwinkel, und sie fixierte den verdammten Zauberstab in seiner Hand.

„Worauf?", fragte er tatsächlich, die Stimme kalt und gnadenlos, und sie konnte nicht fassen, dass sie diesen widerlichen schleimigen Wichser nicht bereits in der ersten Klasse zu Hackfleisch zerflucht hatte!

„Wir sind hier gefangen", stammelte sie außer Atem. „Wenn du mich tötest, dann…" Sie unterbrach sich. Dann was? Er hatte einen Zauberstab! Er könnte sämtliche Tiger in Brand stecken, wenn er wollte, Merlin noch mal! Scheiße!

„Dann?", griff er ihre Worte auf, legte den Kopf ein wenig schräger, während er den Zauberstab hob und zielte.

„Dann werden sie dich sofort in eine Zelle werfen, wenn sie dich hier finden!", entkam es ihr hastig. Merlin, sie versuchte tatsächlich auf den letzten Drücker zu verhandeln. Seine Stirn runzelte sich, als müsse er darüber nachdenken.

„Du gehst davon aus, dass ihr gewonnen habt?", wollte er mit widerlicher Überheblichkeit wissen.

„Ja", erwiderte sie tatsächlich eigenartig überzeugt. Sie spürte es. Und vielleicht spürte er es auch. Es hatte nicht gut ausgesehen. Gar nicht gut. Die meisten Todesser waren bereits geflohen. Dass er so dumm und unterwürfig war, seinem Herrn und Meister den letzten Ausweg offenzuhalten, war seine eigene Schuld!

Und tatsächlich trat so etwas wie Berechnung in seinen kreuzdämlichen Blick.

„Nehmen wir an, du hast Recht, Schlammblut", bemerkte er, während er den Zauberstab in seiner Hand drehte. Kurz kochte der Zorn in ihr, bei der Selbstverständlichkeit, mit der er dieses Wort benutzte. Als wäre es ihr Name! Als wäre es Allgemeinwissen, als…- „Dann würden sie mich so oder in die Zelle werfen, nicht wahr?", unterbrach er gelassen ihre Gedanken.

Ja, würden sie.

„Nicht, wenn ich-" Aber sie konnte die Lüge kaum über die Lippen bringen, und sein abstoßenden Grinsen raubte ihr jede Lust, weiterzulügen. Fast lachte er.

„Nicht, wenn du was?", wollte er feixend wissen. „Was willst du tun? Ein gutes Wort für mich einlegen, Schlammblut?" Sie biss die Zähne zusammen. Niemals. Nicht einmal, wenn jetzt gerade ihr jämmerliches Leben davon abhinge. Niemals.

Er lachte stumm, seine Nasenflügel bebten.

Ernsthaftigkeit regierte seine Züge wieder. Mit Kalkulation im Blick atmete er aus. Sie hoffte, dass er sich in seinen lächerlich schwarzen Klamotten totschwitzen würde. Sein Gesicht war bleich und schmal. Er könnte einer Wasserleiche Konkurrenz machen. Er hatte etwas so Abstoßendes an sich, dass sie kaum ertragen konnte, ihn anzusehen.

„Zehn Sekunden", sagte er schließlich, als schien er zu einem Schluss gekommen zu sein.

„Was?", entkam es ihr verständnislos, aber er hob den Zauberstab.

„Das ist deine sportliche Chance, Schlammblut. Ich gebe dir zehn Sekunden, bevor ich die Welt von deiner widerwärtigen Existenz erlöse", erklärte er kalt. Sie hörte seine Beleidigung gar nicht. Zehn Sekunden. Das war kaum eine Chance, bedachte man, dass er apparieren konnte und sie nicht, aber sie würde jede Sekunde nehmen! „Zehn", begann er, aber bevor sie in einen Sprint fallen konnte, erschütterte ein ohrenbetäubendes Geräusch den Dschungel.

„Was zur…?" Er starrte direkt an ihr vorbei, und der Zauberstab sank in seiner Hand. Sie wandte sich um, und nahe der Lichtung von der aus sie den Dschungel betreten hatte, stand ein monströses Vieh.

Und sehr schnell nahm sie an, dass sie Gott weiß wo gelandet waren, denn dieses Tier war ihr noch niemals untergekommen. Fast schimmerte es in einem gefährlichen Blau. Es maß bestimmt drei Meter bis zum haarigen Schopf, und sie nahm an, es war eine Art… Affe? Allerdings besaß er mehr als vier Gliedmaßen. Sie zählte auf die Schnelle sechs haarig blaue Beine, und schon setzte er zur Verfolgung an.

Malfoy und sie sprangen förmlich aus der Starre und hechteten beide tiefer in den Urwald. Was auch immer dort lauerte – gefährlicher als das, was die Verfolgung aufgenommen hatte, konnte es nicht sein!

„Das ist deine schuld!", schaffte sie tatsächlich zu keuchen, aber ihr entgingen seine bissigen Widerworte, denn der Affe brüllte so markerschütternd hinter ihnen, dass sie geneigt war, sich die Ohren zuzuhalten, aber sie widerstand dem Drang und rannte weiter. Und Malfoy war größer als sie und nur zu bald gewann er Vorsprung, überholte sie mit Leichtigkeit. Sie würde keinen Langstreckenlauf gewinnen. Nicht gegen Malfoy, nicht gegen den Monstergorilla!

Und sie hatte kaum eine Wahl. Sie brach nach rechts aus, fort von Malfoy. Und mit Glück, entschied sich das Vieh hinter ihnen für Malfoy.

Ein Blick zurück schickte ihr Herz in ihren Bauch. Das dämliche Vieh folgte ihr. Sie sammelte ihre letzten Kraftreserven, achtete auf die Wurzeln, die Bäume, und versuchte, nicht zu fallen, während der Affe jedes Hindernis mit Leichtigkeit überwand und zu ihr aufschloss.

Die Ebene endete so plötzlich, dass sie lediglich aufschreien konnte, als der Boden unter ihren Füßen verschwand, und sie den nächsten Hang hinabstürzte. Sie konnte nicht bremsen, also zog sie die Gliedmaßen ein, keuchte bei jeder Wurzel, die ihre Arme oder Beine streifte, und jeder weitere Sturz war schmerzhafter als der vorherige. Endlich endete das Sturzmanöver, und sie wusste nicht, wie viele Meter sie nun tiefer war. Aber das Tier war noch immer hinter ihr. Sie kam benommen auf die Beine, und traf auf den Weg, den auch Malfoy eingeschlagen haben musste. Sein Blick traf sie zornig, und sie fiel wieder neben ihn in den hilflosen Sprint.

„Scheiße!", hörte sie ihn keuchen, und letztendlich sah sie nur, wie er stehen blieb. Fast ungläubig flog ihr Kopf zurück, während sie weiter rannte, tiefer in das Dickicht, und sie sah nur noch, wie Malfoy den Zauberstab hob, wie der Affe ihn erreichte, wie die Funken aus der Spitze stoben, und schon war sie abgebogen, blickte nicht zurück, denn sollte Malfoy nicht getötet werden – sollte er tatsächlich schaffen, den blauen Affen zu erlegen – dann wären ihre zehn Sekunden längst vorbei!

Also rannte sie! Sie rannte, und nur das Blut rauschte in ihren Ohren. Das Grün flog an ihr vorbei, die Erschöpfung ließ die Ränder ihres Blickfelds verschwimmen, und aus Unachtsamkeit übersah sie die nächste Wurzel, flog nicht sonderlich anmutig nach vorne, und wieder musste sie ihre Arme einziehen, denn wieder ging es abschüssig nach unten. Diesmal hatte sie weniger Glück, und schlug mit dem Knie auf einen äußerst spitzen Stein. Sie keuchte auf vor Schmerz, kam zu einem jähen Halt, und erblickte die nächste Schlucht, nur wenige Meter vor sich.

Mit Leichtigkeit hätte sie dort hinabstürzen können…. Sie ignorierte die akute Gefahr, die bestanden hätte, denn sie musste sich verstecken. Vor egal was! Aber zunächst erst mal vor Malfoy! Sie krabbelte zum Abgrund, blickte hinab, und was sie erkannte war eine Spalte. Keine zehn Meter tiefer. Mit feuchten Fingern griff sie in die Kante, ließ sich hinabhängen, suchte zitternd nach einer Erhebung im Stein, und stellte endlich ihren Fuß ab. Langsam – aber so zügig wie möglich – kletterte sie tiefer. Sie erreichte eine Kante, schmal genug, dass sie nicht direkt stürzte, nicht breit genug, als dass sie lange hierauf würde stehen können.

Nicht mehr weit! Schweißnass ließ sie sich hinabgleiten, bemerkte nur am Rand die Ameisen und Spinnweben, wischte sie blind aus ihrem Gesicht, und erreichte die schmale Spalte. Scheiße. Von oben hatte es nach mehr ausgesehen. Sie würde die Gelegenheit dennoch nutzen. Vorsichtig schob sie sich über den scharfen Fels in die Spalte. Sie riss sich beide Arme auf, aber sie spürte es nicht. Die Spalte fasste gerade ihren Körper, und verbarg sie nur ebenso. Sie lehnte den Kopf gegen den warmen Fels, spürte den Stein gegen ihre Handflächen, und der Schatten der Spalte verbarg soeben ihre Füße. Es ging vielleicht einen Meter tief in den Fels, und die Spalte war kaum hoch genug, dass sie aufrecht stehen konnte, aber es war die einzig richtige Entscheidung gewesen.

Zwischen zwei keuchenden Atemzügen vernahm sie das Plopp – und hielt hastig den Atem an.

Sie hörte ihn! Er hatte überlebt. Bastard, dachte sie erschöpft. Sie hörte den steinigen Boden unter seinen Füßen, als er wohl näher an den felsigen Abgrund trat. Sie hoffte, er würde denken, sie sei abgestürzt. Er machte noch ein paar weitere Schritte, erst nach links, dann nach rechts. Vorsichtig atmete sie durch die Nase.

Und sie betete zu sämtlichen Göttern, dass er keinen Aufspürzauber wusste! Dass er nicht einfach seinen dämlichen Zauberstab benutzte, um sie zu finden und doch noch umzubringen. Es verging noch eine quälende Minute, bis sich seine Schritte entfernten.

Sie schloss die Augen. Ihr Körper zitterte noch immer vor Anstrengung.

Haarscharf. So was von haarscharf….