Disclaimer: Ich erhebe keinerlei Ansprüche auf die hier verwendeten Harry Potter Charaktere, lediglich auf die, die ich mir selbst ausgedacht habe.

Autor: Ach, ich und meine Vorhaben. Im ersten Kapitel schreib ich, die Geschichte wird nur ein two-shot und jetzt wird es doch was größeres.

Dieses Kapitel ist eigentlich 12.000 Wörter lang. Ich wollte es an einem Stück hochladen, da der Anfang auf das Ende des Kapitel hin aufbaut. Beim Überarbeiten merkte ich aber, wie langsam ich vorwärts komme und dann kam noch eine neue Szene hinzu. Um euch nicht länger warten zu lassen, habe ich es dann doch in zwei geteilt.

Wörter: Es gibt zwei Wörter, die ich nicht wusste, wie sie im deutschen heißen. Falls jemand die deutschen Wörter kennt, dann würde ich es ändern, ansonsten belasse ich es dabei.

Glamour: Sein Äußere verändern, wie es Harry macht (Hadrian Grey)
Undesirable: Ein Schwerverbrecher in der Zauberwelt, auch Staatsfeind.


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Der Klos in seinem Hals nahm ihm seine Stimme. Da er keine Worte fand, die ihm passend erschienen, fasste er nach dem Henkel der Tasse und trank von dem Kaffee, der kaum noch heiß war. Immer noch nicht wissend, was er als nächstes sagen sollte, stellte Harry die Tasse stumm auf den Küchentisch ab und griff nach der Hand der Frau. Die Frau, sie wirkte so zerbrechlich, als sei sie eine filigrane Vase, die man mit besonderer Sorgfalt anfassen musste. Ein schmales Gesicht mit eingefallenen Wangenknochen, dürre Arme mit schlanken langen Fingern. Doch obwohl sie müde und erschöpft wirkte, leuchteten ihre Augen, denen nichts entging und hinter denen sich ein raffinierter Verstand verbarg.

Lockiges braunes Haar schmeichelte ihr Gesicht. Einzelne Ponysträhnen fielen ihr ins Sichtfeld und gaben ihr etwas keckes, jungenhaftes. Sie strich sie mit einem zaghaften Lächeln hinters Ohr.

»Hermine«, brachte Harry endlich hervor. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und das Krächzen in seiner Stimme erinnerte ihn an einen alten Mann und genauso fühlte er sich gerade – alt und ausgelaugt.

Hermine drückte seine Hand, als wollte sie ihm stumm etwas mitteilen. Sie blinzelte. Ihre Augen fingen an zu glänzen und in den Ecken sammelten sich Tränen. »Oh, Harry. Wie konntest du uns das nur antun.«

Der Stuhl quietschte über den Küchenboden, dann spürte Harry schon ihre Arme um seinen Hals und ihren warmen Körper, der sich fest an ihn drückte. Überfordert von Hermines plötzlichen Gefühlsausbruch, nicht wissend, was er tun sollte – Frauen zu trösten war nicht gerade seine Stärke - , hingen seine Arme erstarrt in der Luft, schließlich legte er sie mit einem ergebenden Seufzen um ihren zierlichen Körper und drückte sie mit gleicher Stärke. Harry zog Hermines Parfüm in die Nase. Sie roch nach Sommer, nach Rosen und Lilien, ein lieblicher Duft, bei dem ihm ganz warm ums Herz wurde. Als er ihre Tränen auf seinen Wangen fühlte, sagte er: »Hermine, es tut mir so leid.«

»Wieso Harry?«, schluchzte sie. »Wieso bei Merlin bist du einfach verschwunden, ohne uns etwas zu sagen? Oh Harry ...« Hermine weinte nun ungehindert.

Es war schon komisch, dachte Harry. Da hatte er sie im Zaubereisministerium furchtlos und entschlossen gegen Todesser kämpfen sehen, und jetzt hielt er sie in seinen Armen – verletzlich und angreifbar.

Hermine lehnte sich ein Stück nach hinten und sah Harry mit einem tränenverschmierten Gesicht an. »Wir haben alle gedacht, du seist tot. Dass Voldemort, seine Todesser oder dieser Riddle dich umgebracht hätten.«

Es fiel Harry schwer ihren Blick zu erwidern, zu sehr nagten die Schuldgefühle an ihm. Mit weicher Stimme sagte er: »Es ist so schwierig zu erzählen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.« Harry hätte niemals damit gerechnet, dass der kurze Augenblick im Zaubereiministerium, in dem er aus einem Reflex heraus Hermines Namen geschrien hatte, ausreichte, sie auf seine Fährte zu bringen.

Dies lag nun schon zwei Monate zurück, doch noch immer wurde über den Angriff auf das Zaubereiministerium im Tagespropheten berichtet. Die Artikel stammten von niemand anderem als Rita Skeeter, die bekannte Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik zu dem Vorfall interviewte. Die Hexen und Zauberer, sie waren alle zu dem gleichen Ergebnis gekommen – nicht verwunderlich, dachte Harry, immerhin waren sie alle treue Unterstützer von Voldemort. Sie bezeichneten den Orden des Phönix als eine gefährliche Terroristengruppe, die hauptsächlich aus Muggelfamilien stammenden Hexen und Zauberern bestand. Wegen ihrer Muggelerziehung, so behaupteten sie, würden sie sich in der Zauberwelt nicht zurecht finden, obwohl der Zaubereiminister ihnen mit einem großzügigen Angebot der Resozialisierung entgegenkäme.

Dolores Umbridges Interview war das schlimmste. Es stellte die anderen Interviewten mit ihren Ideen für eine starke und sichere Zaubergemeinschaft weit in den Schatten. Sie hielt einen Prozess vor dem Wizengamot für Mitglieder des Orden des Phönix für unnötig; Ihnen gebührte der sofortige Kuss eines Dementors. Doch damit gab sie sich noch nicht zufrieden. Sie machte sich darüber hinaus stark für die Legalisierung von Folter, wenn es bedeutete, Schaden vom Gemeinwohl der Zaubergemeinschaft abzuhalten. Harry wusste ganz genau, waren solche Gesetze einmal verabschiedet, konnten sie gedehnt und gestreckt werden, wie es einem beliebte. Schon der leiseste Verdacht genügte dann aus, um jemand Unschuldiges zu foltern. Nachdem Harry den Artikel zu Ende gelesen hatte, schmiss er den Tagesproheten in den Kamin, wo ihn die Flammen verschlangen. Legalisierung der Folter? Natürlich! Man konnte fast meinen, bis jetzt hätte keine stattgefunden. Ein absurder Gedanke, den er damals nicht weiter verfolgen wollte.

Seit dem hatte Harry den Tagespropheten nicht mehr gekauft. Er wusste sowieso nicht, was ihn dazu geritten hatte, es war allgemein bekannt, dass die Politik Zeitungen als Sprachrohr ihrer Wahrheit benutzten. Selbst vor Voldemorts Machtübernahme war es nicht anders gewesen. Umso mehr schockte es ihn, als eine schwarzhaarige Frau spät abends – die Zeiger standen fast auf Mitternacht – vor seinem Gartentor stand.

Dass diese Frau Hermine war, erkannte er erst, als sie die Kapuze ihres Umhanges hochschlug und den Glamour von sich nahm. Harry wusste nicht, ob er wegen ihres plötzlichen Erscheinens lachen oder weinen sollte. Worüber er sich jedoch im Klaren war, sie konnte keine Sekunde länger hier draußen bleiben; es war zu gefährlich – sie war eine Undesirable. Wenn sie jemand sah…

Die Schutzzauber des Hauses gewährten ihr Einlass und Harry führte sie schnell über den Kiesweg zur Eingangstüre. Wortlos hatte er ihr den Umhang abgenommen und ihn im Eingangbereich über den Jackenständer gehängt. Sie durchquerten ein geräumiges Wohnzimmer. Ein Kamin befand sich gegenüber einer Couchgarnitur. Mehrere Gemälde hingen an den Wänden und gaben dem Raum mit ihren Landschaftsbildern etwas gemütliches. Eine Treppe führte in den zweiten Stock. Neben einem langen Bücherregal stand eine Standuhr, deren Zeiger sich tickend weiterschoben. Harry hatte Hermine in die Küche geführt. Sechs Jahre hatten sie sich nicht mehr gesehen und das Erste, was Harry herausbrachte, war, ob sie einen Kaffee mit Milch und Zucker wollte.

»Versuch es mir zu erklären, bitte Harry«, sagte sie mit einem Flehen in der Stimme. »Als ich begriff, wer dieser Mann im Zaubereiministerium war, da ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Jahre lang dachten wir, du seist tot, dabei lebtest du die ganze Zeit verdeckt in London.« Hermine wischte sich die Tränen aus den Augen. »Wieso bist du untergetaucht? Hat das etwas mit dem Jungen zu tun? Ist er … ist er dein Sohn? Aber dann verstehe ich nicht, wann das passiert ist?«

Harry schloss für einen kurzen Moment die Augen und sammelte sich. Seine Hände legten sich auf Hermines Schultern ab und er drückte sie sanft in ihren Stuhl zurück. Sein Zauberstab schnellte in seine Hand mit der anderen beruhigte er Hermine, die einen alarmierten Gesichtsausdruck bekam. Kurz schwenkte er ihn, während er eine Zauberformel murmelte. Aus dem Wohnzimmer flogen eine Flasche und zwei Gläser herein. Die Gläser stellten sich vor Hermine und Harry ab und die Flasche schwebte von einem Glas zum anderen und füllte sie mit einer klaren, scharf riechenden Flüssigkeit auf.

»Ich trinke selten Alkohol«, gestand Harry, dann zuckte er mit den Schultern. »Aber, wenn ich daran denke, was für eine Geschichte, ich dir gleich erzähle, werden wir ihn brauchen.«

Hermines Stirn kräuselte sich.

»Nun«, Harry starrte in die Flüssigkeit, in der sich das Licht der Lampe über ihnen spiegelte. »Du liegst richtig, der Junge ist mein Sohn. Er heißt Arius und wird nächstes Jahr sechs. Er war der Grund, warum ich untergetaucht bin.« Harry schaute sie an.

Hermines Stirnfalten gruben sich tiefer in die Haut, sie sagte aber nichts, so fuhr Harry fort.

»Als ich erfuhr, dass ich bald Vater wurde, konnte ich einfach nicht mehr Harry Potter sein. Ich konnte nicht mehr gegen Du-weißt-schon-wer kämpfen. Verstehst du nicht, Hermine, ich hatte etwas, dass ich beschützen musste.« Harry beugte sich nach vorne und vergrub sein Gesicht in den Händen. »Ich weiß, dass alle ihre Hoffnungen in mich setzten, dass sie dachten, ich würde ihn besiegen und ihnen die Freiheit und Sicherheit bringen, nach der sie sich so sehnten.« Harry sah zu Hermine auf. »Mir ist bewusst, wie ich euch alle enttäuscht habe.«

Hermine sagte immer noch nichts.

Harry ließ sich von ihrer Stille nicht beirren. »Weißt du, ich wollte immer eine Familie haben; Kinder. Doch auch wenn ich Arius über alles liebe, er war nicht gewollt. Es hätte ihn nie geben dürfen. Vielleicht kannst du verstehen, wie panisch und durcheinander ich mich gefühlt habe, als ich von ihm erfuhr. Ich traute mich nicht, jemanden davon zu erzählen, wenn jemand falsches von dieser Information Wind bekommen hätte, dann wäre mein ungeborenes Kind in Gefahr gewesen. Also habe ich es für mich behalten.« Harrys Finger umschlossen das kleine Glas und kippten die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Er verzog kaum merklich das Gesicht, als der Schnaps in seiner Kehle brannte. Seine Mundwinkel krümmten sich zu einem schmalen Lächeln nach oben. »Und als ich ihn dann sah, so klein und hilflos mit seinem runden Gesicht und seinen dicklichen Arme und Beine, verliebte ich mich in ihn.«

»Was ist mit seiner Mutter?«, fragte Hermine schließlich. Ihre Hände lagen gefaltet im Schoß.

»Seine Mutter?«, wiederholte Harry und lachte trocken.

»Seine Mutter wollte ihn nicht.«

»Oh, Harry, das tut mir leid.« Hermine streckte tröstend einen Arm in Harrys Richtung, zog ihn jedoch wieder zurück, als sie Harrys zornigen Blick sah.

»Das einzige, zu dem sie sich herabließ, war ihm seinen Namen zu geben.«

»Ich verstehe nicht, wie kann eine Mutter ihr Kind nicht wollen?«

Harry füllte sich sein Glas neu auf. »Vermutlich, weil es ein One-Night-Stand war. Wir trafen uns, zwischen uns herrschte sofort eine unbeschreibliche Anziehung und Arius war das Ergebnis dieser Nacht.«

»Hast du noch Kontakt zu ihr? Ist sie denn eine Hexe?«

Bevor Harry Hermines Fragen beantwortete, leerte er das Glas. Er seufzte, während er sich durch sein schwarzes ungebändigtes Haar fuhr. »Manchmal, eher selten. Es ist zu gefährlich.« Harry hatte bis jetzt versucht, so nahe wie möglich an der Wahrheit zu bleiben, doch jetzt entschied er sich, davon abzuweichen. »Arius Mutter ist keine Hexe. Sie ist ein Muggle aus Mugglelondon.«

Hermine nickte, kniff aber in der nächsten Sekunde die Augen zusammen, als ihr etwas auffiel. »Du warst zwanzig, als du Vater wurdest, bist aber mehrere Monate davor verschwunden. Wieso? Warst du bei Ihr, in Mugglelondon? Harry, irgendwie verstehe ich es noch nicht ganz. Wenn du Arius schützen wolltest, wieso bist du dann hiergeblieben?«

»Ich bin nicht hiergeblieben, Mine«, sagte Harry und verwendete zum ersten Mal ihren Kosenamen, mit dem er sie während ihrer Schulzeit und auch später immer angesprochen hatte. »Arius und ich sind in die USA ausgewandert. Du kannst es hören, wenn er spricht.«

»Ach Harry, warum hast du uns nicht eingeweiht?« Hermine wirkte gekränkt.

Es war Harry schon damals bewusst gewesen, dass sein Handeln Wunden bei seinen Freunden hinterlassen würde, die womöglich niemals mehr ganz verheilten – auch, wenn er sich das sehnlichst wünschte. »Da ist mehr Hermine, viel mehr, als ich dir bis jetzt erzählt habe.« Harry deutete auf das volle Schnapsglas, das immer noch unangerührt vor ihr stand. »Ich glaube, du wirst es gleich brauchen.« Seine Mundwinkel, die ungleich nach oben gezogen waren, zuckten, als kostete es ihn viel Mühe.

Hermine betrachtete das Schnapsglas für einen Moment, dann sah sie Harry an.

Harry fackelte nicht lange. Er brachte die Bombe zum Platzen. »Ich bin Du-weißt-schon-wer's Horkrux. Man kann ihn nicht töten, so lange ich lebe.«

Hermine schnappte nach Luft. Die Gesichtszüge entglitten ihr. Ihre Augen weiteten sich und ihr Mund klappte stumm auf und zu, als sei sie ein Fisch auf dem Trockenen. Nachdem mehrere Sekunden der Stille vergingen, in denen Hermine Harry bloß anstarrte, drehte sie sich abrupt um, griff nach dem Schnapsglas und leerte es in einem Zug.

»Noch einen!«, krächzte sie, während sie sich Luft zu fächerte.

»Hermine, alles ok?«

Sie schüttelte den Kopf.

Der Deckel der Schnapsflasche rollte über den Tisch und stürzte die Tischkante hinunter.

»Hermine!« Harry wollte nach der Flasche greifen, die sich an Hermines Lippen festklebte.

Hermine sprang auf und wich vor ihm zurück, schließlich knallte sie die Flasche auf den Küchentresen. »Du bist sein Horkrux! Das bedeutet niemand kann ihn töten ohne dich ...« Ihre Stimme versagte. Sie fuhr sich mit einer Hand über die Stirn, während sie sich mit der anderen an den Tresen festhielt. »Ich … seit wann weißt du das?«

»Glaub mir, der Doppelschock hat mir damals fast das Rückgrat gebrochen. Ich hab's erfahren, kurz nachdem ich wusste, dass ich Vater wurde.«

»Voldemort besitzt also Horkruxe. Unser ganzes Bemühen, es wird nicht funktionieren.« Ihr Körper schwankte. Sie drehte Harry den Rücken zu und schaute aus dem Küchenfenster in die Schwärze hinein. »Wie viele sind es?« Ihre Stimme verhärtete sich.

»Ich weiß es nicht.« Er log sie an, denn er konnte nicht einschätzen, was es für Arius und ihn bedeutete, erzählte er ihr von Tom und Nagini. Er hatte Voldemorts Drohung nicht vergessen. Sie war sein ständiger Begleiter, die ihm folgte wie ein Schatten, der hinter ihm aufragte und ihm in den Nacken blies, mit einer Kälte, die einem Dementor glich. Wie viele Horkruxe Voldemort wirklich besaß, wusste der dunkle Lord nur selbst. Auch Tom Riddle konnte diese Frage nicht beantworten.

Das Lederbuch, aus dem Harry Tom im 2. Schuljahr befreit hatte – unfreiwillig und durch seine Naivität –, galt als das erste Horkrux, das Voldemort je erschaffen hatte. Dass auch Nagini ein Horkrux war, fand Harry heraus, als er das erste Mal in die Nähe von ihr kam. Nagini fühlte sich für ihn an, als fände er einen verloren gegangenen Teil von sich wieder. Ein Gefühl, das er auch mit Tom teilte.

»Weiß er es?«

»Ja.«

Erneut fand die Schnapsflasche Hermines Lippen. Sie nahm einen kräftigen Schluck. »Wie recht du doch hattest, das brauche ich jetzt wirklich.« Sie lächelte und Harry erwiderte es zaghaft.

Hermine strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Wenn du sein Horkrux bist, was ist dann mit der Prophezeiung? Das ändert alles ...«

»Nichts ändert sich!« Harry schnellte nach oben. Er nahm Hermine die Flasche aus der Hand, nur um selbst davon zu trinken, schließlich wischte er sich über den Mund. »Diese dämliche Prophezeiung kann mir gestohlen bleiben. Bis heute wissen wir nicht, ob Sybill Trelawney wirklich eine Vision hatte.«

»Aber«, protestierte Hermine. »Wir haben sie gehört. Sie klingt echt und es ist bewiesen, dass Prophezeiungen sich immer erfüllen. Der Wahrsager, Bruteus Godfloy, hat ein sehr interessantes Buch darüber geschrieben. Alles was er vorhersagte ist genauso eingetroffen.«

»Genug! Ich will darüber nichts hören.«

»Harry!« Hermine ließ nicht locker. »Die Prophezeiung sagt, du bist derjenige, der ihn besiegen kann, vielleicht genau, weil du sein Horkrux bist. Hast du schon mal daran gedacht?«

»Zu genüge, bis mir klar wurde, wie erbärmlich es ist, sein Leben nach einer Prophezeiung auszurichten. Ich bestimme selbst mein Leben!«

Hermine zuckte zusammen.

Harry fing sich wieder und ließ sich mit der Flasche in der Hand auf den Stuhl fallen. »Es ist nicht einfach, über diese Dinge zu reden.« Sein Kopf kippte in den Nacken und er starrte die Decke an, die mit dunklem Holz verkleidet war. Seine Arme baumelten nutzlos an seinem Körper hinab.

Hermine setzte sich ihm gegenüber in den Stuhl. »Ich kann es sehen.« Ihre Stimme wurde weich, fast sanft. »Ich sehe den Schmerz in deinen Augen. Dir ist viel passiert.«

»Genauso wie dir«, sagte er und folgte mit seinen Augen der Musterung des Holzes.

»Mach dir um mich keine Sorgen, Harry. Du weißt, dass ich zäh bin.«

»Hmpf! Ich wusste schon immer, dass du eine starke Frau bist, Mine. Daran habe ich nie gezweifelt.«

Hermine lachte leise. »Willst du mich aufmuntern?« Dann bekam sie einen nachdenklichen Blick, sie seufzte lang und sehnsuchtsvoll. »Manchmal wünsche ich mir, wir wären alle wieder in Hogwarts.« Sie tätschelte Harrys Arm. »Und auch wenn wir das nicht sind, ist es gut, dich wieder im Trio zu haben.«

»Hermine, ich kann nicht. Ich würde liebend gern mit euch kämpfen, aber mit Arius – es geht einfach nicht.«

»Der Orden des Phönix kann ihn beschützen. Ron, Neville, Luna, Ginny, wir werden alle auf ihn aufpassen.«

Harry atmete lang aus. »Ihnen geht es also gut. Ginny, wie hat sie auf mein Verschwinden reagiert?«

»Wie soll sie reagiert haben? Sie war in dich verliebt, das weißt du doch!«

»Deswegen frage ich. Sie hat es nie verstanden. Sie hat es nie begriffen, dass sie für mich wie eine Schwester ist.«

»Sie hat viele Nächte geheult.«

»Und Ron? Wie geht es Ron?«

Hermine antwortete nicht sogleich.

Harry beschlich eine ungute Vorahnung.

»Ron erholt sich.«

Ron erholte sich, mehr nicht, mehr gab sie nicht Preis. »Wovon? Was ist ihm passiert?«

Hermine betrachtete ihre Hände. »Todesser«, hauchte sie. »Sie haben ihn und drei weitere Mitglieder des Orden des Phönix gefangen genommen und ins Zaubereiministerium gebracht. Dort haben sie sie gefoltert.« Nun knetet sie ihre Hände, als sei ihr kalt. »Als wir sie befreiten, dachte ich Ron wäre tot. Er war so voll mit Blut. Seine Zauberstabhand, sie haben sie ihm verstümmelt.«

Harrys Köper versteifte sich. Er suchte Halt am Tisch. »Kann … kann er sie denn jemals wieder benutzen?«

»Schwer zu sagen. Er nimmt Tränke und zwei Finger sind nachgewachsen. Ein dritter kommt auch, aber die anderen vermutlich nicht.«

Harry stützte seinen Kopf mit der Hand ab und massierte seine Stirn.

»Deswegen sollst du und Arius mit mir kommen. Voldemort ist ein Monster. Er kann dich vielleicht nicht töten, aber er kann dich und deinen Sohn foltern lassen.«

Harry schüttelte langsam den Kopf. »Er weiß alles. Er weiß, dass ich einen Sohn habe, er weiß, dass wir hier leben. Es war alles seine Idee, Mine. Voldemort wollte, dass ich aus den USA zurückkomme. Er hat alles für uns arrangiert.«

Scharf zog Hermine die Luft ein. Ihre Hand wanderte langsam zu ihrem Zauberstab. »Gehörst du zu Ihnen?«

Harry lachte trocken. »Natürlich nicht! Denkst du, ich will dieses Leben für mich und meinen Sohn? Er droht mir. Verstehst du überhaupt, was für ein Risiko ich eingehe, mit dir hier zu sitzen und über all diese Dinge zu reden. Findet er es heraus, dann wird er mir Arius wegnehmen.«

»Und genau deswegen musst du mit mir kommen! Harry James Potter, seit wann duckst du dich vor Voldemort wie eine verängstigte Maus.«

»Seit ich einen Sohn habe!«, brüllte Harry. »Hier geht es nicht nur um mein Leben. Ich habe etwas zu beschützen!«

»Bei Merlin, wie oft muss ich mich wiederholen, der Orden des Phönix ist fähig euch beide zu beschützen!«

Harry verdrehte die Augen. »Das ist er nicht. Keiner kann sich vor Du-weiß-schon-wer verstecken. Er wird Einen früher oder später finden.«

»Du traust ihn nicht einmal mehr beim Namen zu nennen. Du hast Angst vor ihm!«

»Ich habe Angst um Arius und so wie es gerade bei uns ist, ist er am sichersten.«

Hermine presste die Lippen zusammen. Ihre Augenbrauen berührten sich fast in der Mitte.

Harry wollte noch etwas hinzuzufügen, als der schwarze kleine Pudel, der auf den Küchentresen in einem Hundekorb schlief, aufwachte und sich mit einem Bellen bemerkbar machte.

»Arius?«, fragte Hermine, deren Stimme sich wieder normalisierte.

»Warte auf mich. Es wird nicht lange dauern.« Harry verließ die Küche und lief die Treppen in den zweiten Stock hinauf.

Arius stand in der Türe zu seinem Zimmer und hielt einen ungarischen Hornschwanz in den Armen. Er drückte das Kuscheltier dicht an sich. »Papa? Ich kann nicht schlafen.«

»Hast du wieder von den Masken geträumt?«

»Sie haben mich in eine große dicke Spinne verwandelt und dann haben sie mir Opamatoma und Schnäuzer weggenommen.«

Harry nahm ihn hoch. »Deine Knuddelmuffs sind noch hier. Ihnen ist nichts passiert.«

Arius legte seine Arme um Harrys Hals. »Ich weiß, ich hab ihnen einen Schnürsenkel zum Essen gegeben.« Er wärmte seine kalte Nase an Harrys Halskuhle auf. »Ich will in deinem Bett schlafen.«

Harry setzte ihn auf den Läufer im Flur ab. »Dann spring, ich komm bald nach.«

Arius rannte mit seinem Kuscheltier in Harrys Zimmer. Harry drehte sich um und lief die knarrende Holztreppe nach unten. Hoffentlich hörten diese Alpträume bald auf. Todessermasken; Arius hatte Angst vor ihnen. Diese Ironie dahinter. Der Sohn Voldemorts konnte nachts nicht schlafen, weil er Angst vor den Lakaien seines Vaters hatte. Er musste Arius besser beschützen, und trotzdem, Hermines Angebot war keine Option.

Hermine stand vor dem Kamin im Wohnzimmer und sah sich die Fotos darauf an. Sie hielt einen Bilderrahmen in der Hand und betrachtete das Bild auf dem Arius auf Harrys Schultern saß. Hinter ihnen erstreckte sich eine große Wiese mit Bäumen.

»New York«, sagte Harry, als er sich zu ihr gesellte. »Wir waren im Central Park. Letztes Weihnachten haben wir in New York verbracht.«

»Hat es Arius gefallen?«

»Der Weihnachtsbaum am Rockefeller Center hat es ihm besonders angetan. Er wollte gar nicht mehr fort von dort.«

Hermine stellte den Bilderrahmen auf seinen Platz zurück und deutete auf das Foto daneben. »Und wer ist das?« Das Foto zeigte Harry, Arius und einen äußerst attraktiven Mann im Inneren einer Gondel. Der Arm des Mannes lag hinter Harrys Kopf ausgestreckt. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen. Auf seinem Schoß saß Arius. Der Mann mit den ordentlich gekämmten Haaren und der maßgeschneiderten Kleidung sah aus, als wäre er einem Magazin für Junghexen entsprungen. Er schaute gelangweilt in die Kamera. Harry daneben lächelte – ein falsches Lächeln. Der einzige, der sich wirklich zu freuen schien war Arius. Seine Lippen bewegten sich und formten ein 'noch mal!'.

»Das äh …« Schnell, er brauchte einen Namen. Harry hoffte, Hermine bemerkte nicht, wie seine Augen zum Bücherregal huschten. »Das ist Jón. Er kommt aus Island. Manchmal treffen wir uns. Arius scheint ihn sehr zu mögen.« Gut, dass er das Buch gestern doch nicht zum Lesen mit ins Schlafzimmer genommen hatte.

Hermine drehte den Fotos den Rücken zu und umarmte Harry, der die Umarmung mit einer Verzögerung erwiderte. »Ich bin so froh, dass du lebst und es dir den Umständen gut geht. Der Orden den Phönix wird dich immer aufnehmen. Überleg es dir nochmal.«

Harry begleitete Hermine zur Türe, da Voldemort das Flohnetzwerk von London überwachen ließ.

»Lass uns in Kontakt bleiben.«

»Es ist zu gefährlich, für uns und auch für dich.« Harry gab ihr ihren Umhang.

Ihre Haare färbten sich schwarz und wuchsen ein Stück in die Länge. Ihr Gesicht veränderte sich zu einer Frau mit vollen Backen und einer kleinen Stupsnase. Augen mit langen geschwungenen Wimpern sahen Harry an.

»Mir wird was einfallen«, sagte Hermine und trat nach draußen. Sie schaute sich um, dann folgte sie dem Kiesweg zum Gartentor, hinter dem sie apparierte.

Er sah ihr nach, bis sie verschwand. Als sie weg war, ließ er die Türe in die Angeln fallen. Er ging noch einmal in die Küche, um die Gläser und die Schnapsflasche aufzuräumen. Als das erledigt war, betrat er sein Zimmer, wo Arius seelenruhig in seinem Bett schlief.

Er hörte das Kindergeschrei schon von weitem. Harry öffnete die Türe zum Kindergarten, der am Ende der Winkelgasse zwischen zwei schief gebauten Häusern lag. Arius, der dabei war seine Schuhe anzuziehen entdeckte Harry sofort in dem Trubel aus Eltern und Kindern. »Papa!«

Harry bahnte sich geschmeidig einen Weg durch die Menge und wartete vor Arius, bis er seinen zweiten Schuh fertig gebunden hatte, dann nahm er ihn an der Hand und wollte gehen.

»Mr. Grey?« Eine ältere Frau kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Bevor Sie gehen, wollte ich Sie darauf hinweisen, dass Ihr Sohn heute mehrmals husten musste. In den letzten Tagen haben mehrere Kinder wegen Erkältung gefehlt. Es kann sein, dass er sich bei ihnen angesteckt hat.«

»Danke, ich werde es beobachten.« Harry verabschiedete sich von der Frau, während Arius seinen Freunden zuwinkte. Sie liefen die Winkelgasse entlang, die um diese Uhrzeit fast wie ausgestorben schien. Vereinzelte Besucher kamen ihnen entgegen oder standen vor den Schaufenstern. Ein kalter Wind wehte.

»Wie fühlst du dich?« Harry legte seine Hand auf Arius' Stirn.

»Gut«

»Bist du dir sicher? Deine Erzieherin meinte, du hättest mehrmals husten müssen.« Seine Stirn war nicht besorgniserregend heiß, aber man konnte nie wissen. »Hmm ...« Harry fuhr sich über den Mund. »Vielleicht ist es besser, wenn wir bei Mr. Mullpepper's Apotheke vorbeischauen und etwas gegen Erkältung und Husten holen, nur für alle Fälle. Du musst wissen, du hast einen Papa, der eine Katastrophe in Zaubertränke ist.« Harrys Blick überflog die neue Schaufensterdekoration des Bücherladens Flourish and Blotts. »Professor Snape war auch nicht gerade ein Lehrer, der es mir schmackhaft gemacht hat. Er mochte mich nicht.«

»Hast du ihm wehgetan?« Arius schaute zu seinem Vater auf.

»Ich? Professor Snape?«, Harry dämpfte seine Stimme, denn er wollte nicht, dass jemand ihr Gespräch mithörte. Es konnte gefährlich sein, sich in der Öffentlichkeit abfällig über Hogwarts neuen Schuldirektor zu unterhalten. »Ich habe nie herausgefunden, was für ein Problem er mit mir hat. Was ich aber denke, ist, dass er einen großen Lebensfrust hat.«

»Le–Lebensfrust? Papa, was ist das?«

»Ihm sind viele unschöne Dinge passiert. Dinge, die ihn traurig gemacht haben.«

Arius verstand.

Harry hielt vor der Apotheke an. Seine Hand lag schon auf der Türklinke, da hielt Arius ihn auf.

»Was ist das?« Er zeigte auf ein Glas im Schaufenster, aus dem sie hunderte von Augen anstarrten.

»Aalaugen«, las Harry das Schild. »Sie werden manchmal für Zaubertränke verwendet. Er öffnete die Türe und schob Arius hinein.

Eine Frau unterhielt sich mit dem Apotheker. Ihre zwei älteren Kinder, ein Mädchen, das elf oder zwölf war und ein Junge um die neun, standen vor den Regalen und versuchten die ekligsten Zutaten zu finden.

»Iee! Ein Glas mit Himalaya Schneckenschleim!«, kreischte das Mädchen vergnügt.

Arius beobachtete die Kinder aufmerksam. Neugierig lief er zu ihnen hinüber. »Was ist darin?« Sein Finger berührte eine rote Blechbüchse.

Das Mädchen reckte ihren Kopf in seine Richtung und kam zu ihm herüber.

»Salamanderzungen«, las sie vor.

Arius streckte seine Zunge aus.

»Ja, aber nicht von Menschen, von Eidechsen.«

»Und das?«

Er zeigte auf ein braunes Geflecht, das auf einem Holzsockel befestigt war.

»Goldhufwurzel« Sie zuckte mit den Schultern. »Irgendeine Wurzel, vermutlich von einem Baum.

Harry hörte den Kindern nur mit einem Ohr zu. Der Apotheker wog für die Frau mehrere Zutaten ab und füllte sie in kleine hellbraune Papiertüten, dann schrieb er die jeweiligen Namen mit einer Feder darauf, schließlich nahm er eine große Tüte unter der Theke hervor und packte alles hinein. Die Frau zahlte und die Kinder folgten ihr aus dem Laden. Arius ging zu Harry.

»Was kann ich für Sie tun?«

Harry legte einen Arm um Arius, der sich an ihn schmiegte. »Die Erzieherin meines Sohnes meinte, er hätte heute sehr viel gehustet. Ich habe es zwar noch nicht selbst gehört, aber es kann sein, dass er sich erkältet hat.«

Der Mann rückte seine Brille zurecht und sah auf Arius hinab. »Hat er Fieber?«

»Nein, keines.«

»Hmm, ich kann Ihnen diesen Heiltrank mitgeben. Es ist eine fertige Mischung. Falls er eine Erkältung haben sollte, wird es ihm helfen.« Der Mann drehte sich um und überflog die Regale. Er nahm eine mittelgroße Flasche heraus und stellte sie auf die Tresen. »Er stärkt das Immunsystem. Sollte sich die Erzieherin geirrt haben und ihr Sohn hat wegen etwas anderem gehustet, wird es ihm keinesfalls schaden.«

»Danke.« Harry zahlte den Heiltrank und entschied sich noch für eine Salbe zum Einreiben der Brust und dem Rücken.

Bei der Türe mussten sie auf eine ältere Frau warten, die langsam die Treppen hinaufkam. Wieder auf der Winkelgasse, apparierte Harry sie zu ihrem Haus am Stadtrand von London. Arius rannte den Kiesweg hinauf hinters Haus.

»Arius«, rief Harry. »Es gibt bald Essen, außerdem weiß ich nicht, ob du eine Erkältung hast. Also komm mit rein ins Haus, wo es wärmer ist.«

»Mir geht es gut.« Arius schnappte sich den Besen, der auf einer Gartenbank lag, – eine Miniaturausgabe des Feuerblitzes – und hob in die Luft ab. Der Kinderbesen flog konstant über dem Boden und nicht schneller als Schritttempo.

»Arius.« Harry schlug einen ernsteren Ton an. »Es ist kalt hier draußen. Du kannst auch drinnen spielen.«

Arius bog in den großen Garten ab, der lang nach hinten hinaus verlief und an einer Obstwiese endete. »Aber ich darf mit dem Besen nicht im Haus fliegen. Das hast du selbst gesagt.«

»Weil du letztes Mal das halbe Wohnzimmer verwüstet hast.« Harry winkte ihn zu sich. »Komm, wir gehen rein.«

»Ich will draußen bleiben!« Arius flog am Zaun entlang, immer weiter vom Haus weg.

Harry lächelte. Gut, dass Kinderspiele in der Zauberwelt oft über Zaubersprüche verfügten mit denen Eltern sie fernsteuern konnten. Harry bewegte seinen Zauberstab. Arius' Besen verlangsamte sich, machte eine Kehrtwende und hielt direkt auf Harry zu. Arius versuchte ihn zwar woanders hinzulenken, aber da Harry den Zauberspruch ausgesprochen hatte, blieben seine Versuche vergebens.

»Papa, das ist unfair!« Arius stieg vom Besen, dann trödelte er hinter Harry her, wobei er schmollte. Sein Blick fiel überall hin, außer auf Harry. Im Haus stürmte er auf direktem Weg die Treppen hinauf zu seinem Zimmer. »Ich hab keinen Hunger!«, brüllte er.

Eine kleine Gestalt trat aus der Küche. Sie trug ein Sommerkleid, um das sie eine Schürze mit weißen Rüschen gebunden hatte. Durch den Strohhut, der mit einem rosa Band und einer Sonnenblume verziert war, lugten die spitzen Ohren eines Hauselfen hervor. Harry hatte ihn dafür extra eingeschnitten, ansonsten hätte Mindy ihn nicht tragen können. Tom hatte sie bei einem seiner Besuche mitgebracht. Ihre dreckige, verschlissene Kleidung, war etwas, dass Harry so nicht hinnehmen konnte. Er hatte sie befreit. Einen freien Hauselfen aus ihr gemacht und sie neu eingekleidet. An den Geschmack von Mindy hatte er sich erst gewöhnen müssen, aber es war nicht verwunderlich, wenn man davor keine Kleidung besaß, außer die, die man am Leib trug.

»Master Harry, Mindy ist gleich mit dem Mittagsessen fertig.« Mindy huschte in die Küche zurück.

Harry setzte sich an den gedeckten Esszimmertisch und öffnete die Post, die Mindy für ihn auf einen Stuhl gelegt hatte. Eigentlich wollte er keine Hauselfen haben, nun, da Mindy aber zu seinem Haushalt gehörte, musste er doch zugeben, wie viel einfacher es mit ihrer Hilfe war. Harry las gerade einen Brief, der von Gringotts Bank kam, als sich der Tisch plötzlich deckte und vor seinen und Arius' Platz eine dampfende Suppe auftauchte.

Harry legte die Post beiseite. Er würde nach dem Essen weiterlesen. »Mindy, sag bitte Arius Bescheid, dass wir essen.«

Der Hauself verbeugte sich und tauchte kurz darauf mit Arius auf. Arius riss sich aus ihrem Griff und sah sie finster an.

»Junger Master sagt, er habe keinen Hunger. Mindy hat ihn aber husten hören. Junger Master muss Suppe essen. Mindy weiß, dass Suppe das Beste ist in der kalten Jahreszeit.«

Arius ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen und rührte mit dem Löffel in der Suppe herum.
Harry beobachtete ihn. »Ich weiß, dass du Hunger hast.«

Arius brummte, schließlich steckte er den Löffel in den Mund.

Arius aß die Suppe, ohne ein einziges Mal zu husten, trotzdem testete ihn Harry nach dem Essen auf Fieber. Ein Zauberspruch, den er im Schlaf konnte, denn oft hatte er ihn anwenden müssen, als Arius noch jünger war. Die Temperatur war normal. Um auf Nummer sicher zu gehen, gab Harry ihm von dem Heiltrank aus der Apotheke.

Harry umarmte Arius, der sich dagegen wehrte. Der Junge befreite sich aus der Umarmung seines Vaters und rannte aus dem Esszimmer. Harry verfolgte die Flucht schmunzelnd, dann nahm er den Stapel Briefe in die Hand und öffnete die Restlichen.

»Mindy.«

Der Hauself erschien.

»Ich muss zu Gringotts mit den Kobolden sprechen. Du wirst so lange ein Auge auf Arius haben.«

»Mindy wird gut auf jungen Master aufpassen. Master Harry braucht sich keine Sorgen machen.« Mindy rieb ihr Armband, als sei es das kostbarste, was sie je erhalten hatte.

Teuer war es keinesfalls gewesen. Harry hatte das Armband mit den verschiedenen Tieranhänger in Muggellondon in der Kinderabteilung eines Kaufhauses gekauft. Er selbst trug an seinem Finger einen schlichten Silberring, der heiß wurde, sobald Mindy das Armband mit ihrer Elfenmagie aktivierte.

Harry lief zur Garderobe und warf sich einen Mantel über, dann band er sich einen Schal um den Hals. Flauschig und weich war er, genau richtig bei dem windigen Wetter. Tom hatte ihn ihm geschenkt. Etwas, das ihm immer noch ein Runzeln der Verwunderung auf die Stirn trieb. Tom Riddle war keine Persönlichkeit, die jemanden etwas schenkte und dennoch hatte er Harry eine Box überreicht, in der der sündhaftteure Schal lag. Die Wolle war aus dem silbernen Fell eines Demiguise, einem zierlichen kleinen Affen der Fernost lebte, und bekannt für die Fähigkeit war, sich unsichtbar zu machen. Dass aus dem Fell der Affen auch Kleidungsstücke hergestellt wurden, war ihm neu. Er hatte immer angenommen, man verwendete ihr Fell nur für Tarnumhänge.

Harry apparierte und landete vor der Bank Gringotts, dessen Eingang von zwei Pfeilern gestützt wurde. Er öffnete die reichlich verzierte Holztüre und trat in die Halle dahinter. Ein mit Marmor überzogener Boden erstreckte sich vor ihm. Gigantische Kronleuchter aus purem Gold hingen von der Decke. Unzählige Kerzen flackerten auf ihnen und erhellten den fensterlosen Raum. Hinter mehreren Schaltern saßen die Kobolde mit ihren langen Nasen und ihren spitz geformten Ohren. Manche waren damit beschäftigt etwas in verstaubte Bücher mit Federkielen zu schreiben, andere wogen Geld ab. Dafür besaß jeder Schalter eine Wage.

Wie immer war viel los bei Gringotts. Harry durchquerte die Halle und stellte sich hinter eine Frau. Es ging nur langsam voran. Als er an der Reihe war, überreichte er den Brief, den ihm Gringotts zugeschickt hatte, an den Kobold, der ihn mit knorpeligen Händen entgegennahm und einen Blick darauf warf.

»Einen Moment, Mr. Grey«, sagte der Kobold mit einem Zischen in der Stimme. Er verließ sein Podest und verschwand für mehrere Minuten.

Harry strich den Mantel glatt. Hoffentlich hatte der Kobold nichts bemerkt. Nein, er konnte nichts bemerkt haben. Voldemort macht keine Fehler. Also bitte, reiß dich zusammen! Er ist bestimmt nicht gegangen, weil er dich verdächtigt. Alles ist in Ordnung. Dein Geheimnis ist sicher. Du reagierst über.

Nach einer Ewigkeit, so kam es Harry vor, tauchte der Kobold wieder auf.

»Folgen Sie mir bitte, Mr. Grey. Ich bringe Sie zu ihrem Verlies.«

Harry folgte dem Kobold, der ihn zum Schienennetz führte. Eine Lore wartete schon auf ihn. Harry nahm hinter dem Kobold Platz, der am Steuer saß, während der andere sich entfernte und in die Empfangshalle lief. Es wäre ihm lieber gewesen, er hätte selbst ein neues Konto bei Gringotts eröffnet. Es gab da nur ein Problem. Die Kobolde waren leider nicht nur für ihren exzellenten Umgang mit Geld bekannt, sondern auch für ihre vielen Vorsichtsmaßnahmen. Der Charakter, Mr. Grey, hätte ihnen nicht lange standgehalten. Harry wäre spätestens beim Blutritual aufgeflogen. Ein Ritual, das den wahren Namen offenbarte und das den Vertrag für das neue Verlies besiegelte.

»Wir beginnen die Fahrt.« Der Kobold löste die Bremse und die Lore setzte sich in Bewegung. Schnell gewann sie an Geschwindigkeit und raste in einem halsbrecherischen Tempo die Gleise entlang.

Harrys Finger krallten sich an der Lehne fest. Der Wind zerzauste sein Haar und benetzte sein Gesicht mit feinen Tropfen, die von einem Wasserfall stammten, an dem sie gerade vorbeibrausten.

Immer tiefer ging es – an Felsen und Verliesen vorbei – immer tiefer in den Schlund.

Harry lächelte die Fahrt über. Die Lore hielt an und er stieg kichernd aus, als wäre er beschwipst – beschwipst von Adrenalin, das durch seine Venen rauschte. Die blauen Flecken, die er von der Fahrt davongetragen hatte, waren ihm egal.

Der Kobold wartete bei der Lore, während Harry zur Türe lief, die mit Eisenplatten beschlagen war. Mehrere Schlösser versperrten jeden den Zutritt, der nicht über den richtigen Schlüssel verfügte. Doch Harry besaß ihn. Voldemort hatte ihn ihm per Eule zukommen lassen. Er stülpte ihn sich über den Kopf, dann steckte er den Schlüssel in das unterste Schloss und drehte ihn um. Sofort erklang ein Knattern und die Türen erwachten zum Leben. Ein Schloss nach dem anderen sprang auf und schließlich schwang sich die Türe einen Spalt auf. Harry schlüpfte hindurch und schaute sich um.

Er befand sich in einem kleinen Raum; 3m auf 3m. Auf der gegenüberliegenden Seite ragte eine weitere Türe auf. Harry umrundete den Tisch in der Mitte, auf dem ein Zettel neben einem Schachbrett lag. Zauberschach, hier? – Harry runzelte die Stirn. Er öffnete den Schieber in der Türe und spähte durch den schmalen Schlitz auf einen Berg von Galleonen, Sickel und Knuts. Harry rüttelte am Türknauf, der – wie hätte es auch anders sein können – sich nicht bewegte. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Er starrte auf den Tisch. Was für ein Spiel spielte Voldemort hier mit ihm?

Harry faltete den Brief auseinander und las laut vor: »Wer bist du? Wähle richtig oder trage die Konsequenzen.«

Harry bedachte das Schachbrett und hob den weißen König an. Scharf zog er die Luft ein, als er in sein eigenes Gesicht starrte. Schnell stellte er ihn wieder zurück und griff nach dem schwarzen Läufer. Wieder funkelten ihn grüne Augen an. Er nahm weitere Figuren in die Hand, doch es war immer dasselbe – jede Schachfigur besaß sein Gesicht.

Innerlich schüttelte Harry den Kopf. Das konnte niemals von Voldemort stammen. Das trug eindeutig die Handschrift von Tom Riddle. Tom liebte es Leute zu testen, sie auf die Probe zu stellen und zu beobachten, wie sie reagierten.

Neue Worte formten sich auf dem Papier und bildeten einen weiteren Satz. »Nur wer weiß, wer er ist, findet den Schlüssel zum Reichtum.« Harry grunzte. So, er musste also herausfinden, welche Schachfigur er war, um den Schlüssel zur Türe zu bekommen. Wollte er das überhaupt? Toms Rätsel lösen? Was hielt ihn davon ab einfach zu gehen? Du hast nur noch Geld für drei Tage, Harry, flüsterte eine allzu vertraute Stimme. Du kannst nicht zu deinem eigenen Verlies. Harry Potter gibt es nicht mehr.

Harrys Blick blieb an dem Wort Konsequenz hängen. Ihm kam es fast vor, als schnitt es ihm eine hässliche Fratze. Was, wenn er sich falsch entschied? Was, wenn die Konsequenzen ihn umbrachten? Würde Tom soweit gehen? Vermutlich nicht, aber angenehm wären sie wahrscheinlich auch nicht.

Wer bin ich?

Harry hob den weißen Bauer hoch und zuckte zusammen, als dieser plötzlich seinen Kopf in seine Richtung drehte.

»Hey, drück mich doch nicht so!« , zischte der Bauer, dann räusperte er sich. »Falls du mal in Gefahr sein solltest, Jungchen. Dann rette ich dich, selbst, wenn ich dabei draufgehen sollte.«

Harry sah ihn schief von der Seite an. »Wie meinst du das genau?«

Der Bauer verschränkte die Arme. »Ich habe meinen Spruch aufgesagt, jetzt nimm schon die nächste Figur.«

Harry stellte ihn zurück und griff nach dem Turm.

»Oh, dich kenne ich doch! Junger Mann«, der Turm legte seine Hand auf seine Brust, »es geht nichts über Intuition, schneller als jeder Gedanke. Hast du gehört?« Der Turm sprach in einer Stimme, die etwas belehrendes besaß – die Stimme eines Lehrers. »Warum nachdenken, wenn das nur wichtige Sekunden kostet.«

Harry zog die Brauen zusammen. Konnte er der Turm oder Bauer sein? Zu Hogwarts Zeiten hatte Hermine ihn öfters für sein voreiliges Handeln gerügt. Seit es Arius gab, war er viel vorsichtiger, fast schon zu vorsichtig. Er stürzte sich schon lange nicht mehr in ein Abenteuer nach dem anderen. Die Worte des Bauern schienen ihm da schon passender, auch wenn die Schachfigur sich etwas überspitzt ausgedrückt hatte. Er hatte viel über Hermines Worte in den letzten Tagen nachgedacht. Insbesondere die Sache mit Ron ließ ihn nicht los. Er war froh, dass er nichts von Rons Gefangenschaft gewusst hatte, denn er hätte es nicht ausgehalten, er hätte sich in das Schlangennest begeben und gefeilscht. Wer weiß, welches Stück Freiheit es ihn dieses Mal gekostet hätte. Alles hatte bei Voldemort einen Preis. Nicht wie bei Tom, der manchmal – na gut, eher selten – ihm einen Gefallen tat, ohne etwas zurückzuverlangen.

Harry nahm das schwarze Pferd in die Hand.

»Endlich nimmst du mich.«

»Und was für einen Spruch hast du für mich?«

»Nun, du siehst mir aus, als hättest du eine schwere Last zu tragen. Lade sie auf meinen Rücken ab. Ich trage sie stumm und, ohne zu murren.«

Harry stellte das Pferd zurück. »So schlimm ist es mit mir nun auch wieder nicht.« Er griff nach dem Läufer daneben.

Dieser blitzte ihn aus zusammengekniffenen Augen an; Augen, die ihn aufzuspießen schienen.

»Folter mich so viel du willst.« Er spuckte auf Harrys Hand. Eine winzige Kugel aus Holz, nicht größer als ein Stecknadelkopf, prallte an Harrys Handrücken ab. »Mein Mut und meine Loyalität sind unerschütterlich. Du wirst meine Geheimnisse nie erfahren!«

»Du hörst dich ganz nach einem Gryffindor an. Kannst du mir noch mehr erzählen?«

Der Läufer legte die Hand auf die Brust und knurrte: »Hast du mir nicht zugehört? Dummer Junge, ich verrate meine Geheimnisse nicht.«

Harry schmunzelte. Die abweisende Haltung des Läufers erinnerte ihn stark an Professor Snape. Die Worte des Läufers enthielten jedoch etwas, mit dem er sich identifizierte; eine unerschütterliche Loyalität und einen unerschütterlichen Mut. Harry würde seine Freunde niemals verraten, selbst unter Folter nicht.

Als nächstes fand sich die Königin in seiner Hand wieder.

»Du meine Güte, was ist mit Ihnen?« Die Königin reckte ihren Kopf und sah ihn mit dem Gesicht von Harry Potter an.

Es war äußerst komisch, zu sehen, wie sich seine Lippen bewegten, sich sein Mund öffnete und eine Frauenstimme daraus sprach. »Ich denke, junger Mann, Sie brauchen eine kräftige Umarmung. Ich werde Sie behüten und beschützen. Wenn Sie an meiner Seite bleiben, dann betuttel ich Sie von morgens bis abends.«

»Äh, nein danke, das brauche ich nicht.« Harry nahm eiligst die letzte Schachfigur in die Hand – den weißen König.

»WAS!«

Er hätte ihn fast fallen lassen.

»Du redest von Aufgeben! Pah, das gibt es nicht. Niemals!«, brüllte der weiße König, dabei wirbelte er sein Schwert durch die Luft. »Bis zum letzten Atemzug werde ich kämpfen. Bis zum letzten!«

Harrys Härchen stellten sich auf. Tom schien ihn sehr gut zu kennen, mehr als ihm lieb war. Er musste unbedingt vorsichtiger sein. Er sah ja, was passierte, wenn er nicht aufpasste – Tom verwendete es gegen ihn.

»WAS! Du redest von Aufgeben! Pah–«

Der schwarze König verstummte, als ihn Harry zurückstellte. Es war also egal, ob weiß oder schwarz, sie sagten das gleiche. Dennoch glaubte er nicht, dass es ebenfalls egal war, für welche Seite er sich entschied. Erwartete Tom von Harry, dass er sich für schwarz entschied, für die dunkle Magie? Tom wusste, dass Harry ein heller Zauberer war. Wenn Tom es ernst meinte und es keine Fallen bei diesem Rätsel gab, dann war Harry eine der Schachfiguren auf der hellen Seite, nur welche? Sie passten alle zu ihm.

Lass dich nicht auf dieses Rätsel ein, Harry. Geh nach Hause. Sie müssen dir Geld geben. Sie werden Arius wohl kaum verhungern lassen. Verflixt!

Harry sah sehnsuchtsvoll zum Ausgang, hinter dem der Kobold auf ihn wartete. Mehr denn je, wollte er in diesem Moment schreien. Den Tisch umwerfen und hinausstürmen. Stattdessen drehte er den weißen Läufer zwischen Daumen und Mittelfinger. Er war ein Gryffindor, ganz gleich, ob er in einem Schlangennest lebte, sein Herz gehörte dem Haus Gryffindor, Voldemort und Tom konnten daran nichts ändern.

Von all den Schachfiguren hatte ihn der Läufer am meisten überzeugt. Auch wenn die anderen Schachfiguren nicht falsch lagen, es sich ebenfalls um einen Teil von ihm handelte. Ging es aber um das, was ihn am stärksten ausmachte, dann war es eindeutig sein Mut und seine Loyalität.

»Hast du dich entschieden?«

Er musste der Läufer sein. Er musste es einfach sein. Der König. Harry konnte der König nicht sein, er war auch keine Königin – nicht, dass ihn überzeugt hätte. Tom würde ihm niemals diese Positionen geben.

»Ja«, raunte Harry. »Ich bin du.«

Der Läufer mit Harrys Gesicht grinste wie eine Katze, die gerade einen Fisch verspeiste, während sich hinter ihr die Beute aus einer Milchfabrik auftürmte.

Harry bekam ein flaues Gefühl im Magen.


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Übrigens wollt ich noch erzählen, wie ich auf den Namen Opamatoma kam. Ich habe ihn von meiner Nichte, die den Namen meines Vaters nicht aussprechen kann. Anstatt Opa Thomas zu sagen, sagt sie Opamatoma. Persönlich erinnert es mich ja an eine Mayastädte.