1. Schuljahr
Die Weihnachtsferien würden morgen beginnen und der Hogwartsexpress fuhr in zwei Stunden. Von Harry und Ron hatte sich Hermine schon verabschiedet und ihnen aufgetragen, sie sollten unbedingt weiter nach Nicolas Flamel suchen, aber wie sie die beiden kannte, würden sie es aufgrund der schönen, freien Tage vermutlich wieder vergessen…
Auch war sie zum Lehrerzimmer gegangen und hatte sich von all ihren Lehrern verabschiedet und ihnen ein Frohes Fest gewünscht, auch wenn sie dadurch die Weihnachtsfeier der Lehrer gestört hatte, aber niemand hatte es ihr Übel genommen, im Gegenteil: Alle waren begeistert von ihrer Höflichkeit – denn welcher Schüler verabschiedet sich schon von seinen Lehrern…? Doch einer ihrer Lehrer war nicht auf der Feier anwesend gewesen – was bei näherer Betrachtung nicht gerade verwunderlich war –, sodass Hermine noch extra zu ihm gehen musste, um sich zu verabschieden.
Sie klopfte an seine Bürotür und betrat nach einem bellischen „Herein!" sein Büro.
„Guten Abend, Professor Snape", sagte sie höflich, als sie vor seinem Schreibtisch stand und sich von ihm böse anfunkeln ließ. Sie hatte sich nie davon stören lassen.
„Miss Granger", grüßte er kühl zurück.
„Ich wollte Ihnen nur Frohe Weihnachten und Schöne Ferien wünschen", sagte sie ruhig.
Diese Schülerin würde ihn noch wahnsinnig machen!, dachte Snape. Jeder normale Schüler war schon mit einer hochgezogenen Augenbraue zu verjagen, doch diese Besserwisserin schien überhaupt keine Angst vor ihm zu haben. Äußerst unangenehm…
„Ich hasse Weihnachten", antwortete er auf ihre guten Wünsche.
„Warum?", wagte sie zu fragen.
„Das geht Sie gar nichts an!", blaffte er sie an.
Sie ließ sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. „Das ist aber sehr schade", antwortete sie nur, „da Weihnachten das schönste Fest des Jahres ist."
„Wie Sie das empfinden, interessiert mich nicht, ich jedenfalls habe diesem Fest für immer den Rücken gekehrt und möchte daher auch keine Weihnachtsgrüße erhalten, haben Sie mich verstanden?" Er setzte sein allerfurchtbarstes Gesicht auf, dass Erstklässler normalerweise an den Rand der Tränen brachte, doch Hermine ging gar nicht darauf ein.
Stattdessen fragte sie: „Erinnern Sie sich eigentlich noch daran, wie Sie mir als Fünfjährige geholfen haben, meine Eltern wiederzufinden, als ich sie in London im Einkaufstrubel aus den Augen verloren hatte?"
Er blinzelte kurz verdutzt, dann hatte er sich wieder im Griff. Natürlich konnte er sich daran erinnern – sie war das interessanteste Kind, das er je erleben durfte, und mittlerweile seine mit Abstand interessanteste Schülerin – doch das würde er ihr natürlich nicht unter die Nase reiben, denn erstens war sie mit Potter befreundet, zweitens nervte ihre wissensdurstige, besserwisserische Art ihn bisweilen gewaltig und drittens war sie eine Gryffindor! „Nein", erwiderte er daher kalt. „Und ich kann mir auch nicht vorstellen, jemals einem kleinen Mädchen in der Dunkelheit geholfen zu haben."
Daraufhin musste sie triumphierend lächeln. „Ich habe gar nichts von Dunkelheit gesagt, Professor", sagte sie schmunzelnd.
Wütend funkelte er sie an.
„Aber keine Sorge, Sir", fügte sie schnell hinzu, „ich habe nicht vor, Sie zur Weißglut zu treiben, ich wollte Ihnen lediglich höfliche Weihnachtsgrüße mitteilen und da ich dies nun getan habe, kann ich auch wieder gehen. Auf Wiedersehen, Professor Snape, bis nächstes Jahr." Dann nickte sie einmal mit dem Kopf, drehte sich um und wollte gerade gehen, als seine Stimme sie aufhielt.
Zuerst konnte er sie nur sprachlos anstarren – woher nahm sie nur diesen Mut, Gryffindor hin oder her –, doch dann fiel ihm ein, dass er noch etwas zu erledigen hatte. „Miss Granger", hielt er sie daher in ihrem Gehen auf, „tun Sie mir einen Gefallen und kommen Sie nächstes Jahr nicht wieder vorbei…"
Wie die brave Schülerin, die sie war, nickte sie zustimmend, aber durchaus ein wenig traurig, und verließ sein Büro, einen verwundert mit dem Kopf schüttelnden Snape hinter sich lassend.
