Ich habe mich noch nie aufhalten lassen. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann arbeitete ich daran, bis ich es erreicht habe. Und ich hatte mir schon früh in den Kopf gesetzt, Murath nicht mehr aus den Augen zu lassen.

Meinen Auftrag, der mich nach Teirm gebracht hatte, erledigte ich wie immer: schnell und diskret. Meine Aufraggeber waren genauso: schnell mit neuen Geschäften und so diskret, dass ich nie mehr von ihnen wusste, als ein Losungswort und ihre düstere Lust nach Macht. Es war mir aber auch egal. Diese Arbeit war das einzige, was ich wirklich gut konnte und ich musste überleben. Inzwischen hatte ich mir innerhalb der kleinen Kreise, in denen meine Fähigkeiten gewürdigt wurden, einen Namen gemacht und konnte mir Aufträge aussuchen. Doch mir liegt nichts an Reichtum oder Besitz. So nahm ich dieses Mal bewusst einen Job an, der mich nach Gil'ead führte. Murtaghs Weg zu den Varden würde dort vorbei führen. Er war nicht der Einzige, der den Aufenthaltsort der Aufständigen im Breor-Gebirge kannte. Oder zumindest ansatzweise kannte.

Ich war etwas enttäuscht, dass meine Arbeit in Gil'ead so schnell zu erledigen war. Ich hatte wenigstens mit ein wenig mehr Widerstand gerechnet. Der Kampf auf der Brücke in Teirm hatte mich Blut lecken lassen. Selten nur noch konnte ich mein Können voll ausschöpfen.

So hatte ich aber immerhin umso mehr Zeit, Murtagh und Eragon zu beobachten. Der Drachenreiter war erstaunlich jung – er würde mit Sicherheit unsere Hilfe gebrauchen können, also schlich ich hinter Murtagh her und sah zu, wie der Reiter auf leichtsinnigste Weise in der Festung einbrach. Ein Kopfschütteln konnte ich mir nicht verkneifen. Entweder war er ziemlich mutig, oder ziemlich naiv. Ich vermutete das Letztere. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen, als ich auch Murtagh unter seiner Kapuze den Kopf schütteln sah, denn auch er hatte den Reiter nicht aus den Augen gelassen. Ein anerkennendes Pfeifen konnte ich mir dann aber nicht verkneifen, als Eragon Magie anwandte gegen den Schatten. Doch mehr dahinter, als es den Anschein hatte und doch auch Mut, denn Durza ist ein gefährlicher Gegner. Aber auch eine Herausforderung.

Vom Dach aus konnte ich dabei zusehen, wie der junge Drachenreiter sich mit einer verletzten Frau im Schlepptau durch die Festung kämpfte. Er hätte keine Chance gehabt, wenn Murtagh und ich nicht da gewesen wären. Ich gebe zu, Murtagh hätte die Situation alleine erledigen können, mein Einmischen war eigentlich ziemlich überflüssig, aber den Spaß konnte und wollte ich mir nicht nehmen lassen. Mein alter Kamerad kämpfte gegen ein Duzend Soldaten, als ich mich vom Dach mitten hinein fallen ließ. Nicht nur die Soldaten wichen erschrocken zurück. Davon ließ ich mich nicht aufhalten. Auch nicht von Murtaghs wütendem Knurren, als er mich erkannte. In jeder Hand ein Kurzschwert ließ ich die Soldaten spüren, wer hier die Oberhand hatte. Murtagh war viel zu sehr der erfahrene Schwertmann, als dass er sich von meinem plötzlichen Erscheinen länger aus dem Rhythmus bringen ließe. Rücken an Rücken schwangen wir unsere Waffen und hinterließen ein Blutbad.

„Ich fasse es nicht! Verfolgst du mich etwa?"

Ich hatte damit gerechnet, dass er ausfallend werden würde.

„Geschäfte führen mich hierher."

„Tatsächlich?"

„Du glaubst mir nicht?"

„Nein."

Verdammt. Da sagt man einmal die Wahrheit. Ich versuchte einen wütenden Blick. Er funkelte mich nur noch wütender an.

„Ich lüge dich nicht an. Was kann ich dafür, dass dein Reiter sich so dämlich anstellt und ganz Gil'ead aufmischt. Ohne meine Hilfe würdest du immer noch dein Schwert schwingen."

„Darum geht es nicht."

„Worum dann? Was hab ich dir eigentlich getan?"

Auf einmal ließ er den Kopf hängen. Er sah ehrlich zerknirscht aus und schien zu überlegen, was er sagen sollte.

„Es liegt nicht an dir."

Wenn mir dieser Mann nicht so viel bedeuten würde, hätte ich ihn schon längst abserviert. Ich beschloss, auf dieses leidige Thema nicht mehr einzugehen.

„Ich habe meine Meinung geändert," begann ich und dachte an ein Gespräch in Teirm zurück, das ich belauscht hatte. „Ich möchte mich den Varden ebenfalls anschließen."

Murtaghs Kopf schnellte hoch und er sah mich überrascht an. Wie hatte ich auf ihn wütend sein können?

„Seit wann denn das?"

„Das kann ich dir nicht sagen." Ich hätte es ihm sagen können, kein Problem, aber er sollte nicht der Einzige sein von uns beiden, der Geheimnisse hatte. Auch ich hatte Gerüchte gehört, über den Drachenreiter und den König. Es gab Verschwörungsabsichten unter den einflussreichen Leuten im Reich und es war die Rede davon gewesen, dass der König jedem ein hohes Kopfgeld auf Eragons Tod zahlen wollte. Es war ein verlockendes Angebot gewesen.

Murtagh runzelte die Stirn und musterte mich. Ich ertrug diesen Blick nicht und sammelte meine Waffen ein, dann zog ich den Mantel fest um mich und kletterte wieder aufs Dach.

„Weißt du, Murtagh, du solltest lernen, dass es keine Schande ist, Hilfe anzunehmen."

Er hatte den Mund schon geöffnet, um mir eine Antwort zu geben, als das laute Poltern von Stiefeln den Gang entlang ertönte.

„Falls du die Spur des Reiters nicht verlieren willst, solltest du abhauen. Und wenn ich du wäre, dann jetzt. Ich kenne einen Weg, der nicht bewacht wird."

Es passte ihm nicht, dass ich das sagte, bevor er sich selber einen Fluchplan zurecht legen konnte. Aber wenn Murtagh etwas von mir annehmen konnte, dann waren es schnelle Lösungen. Es dauerte keine Minute als er auch schon neben mir über das Dach hetzte. Seine Bewegungen waren auch nach dem kräftezehrenden Kampf geschmeidig und fließend. So war es immer schon gewesen. Er machte etwas vor, ich bewunderte es und ahmte es nach.

Als wir Gil'ead hinter uns gelassen hatten, wurde ihm wohl wieder bewusst, dass ich immer noch an seiner Seite war. Er blieb stehen und beobachtete mich.

„Ich reise immer noch alleine, Sida."

„Schon klar," ich wurde schon wieder trotzig. Warum passierte das immer? „Aber mit diesem Reiter wirst du reisen."

„Ich werde ihn nur führen."

„Und ich werde euch nur begleiten."

„Nein."

„Warum!?"

Er schwieg und tat, als würde er seine Stiefel neu schnüren. Ich tobte.

„Ist es, weil ich eine Frau bin? Oder hast du Angst vor mir? Denkst du, ich könnte dich im Schlaf erwürgen?"

„Ich bin mir sicher, du wärest dazu in der Lage."

Ich stutzte. Was wusste er von mir? Gut, ich kannte ihn, seit ich denken konnte, aber seit er unsere Stadt verlassen hatte, habe ich Dinge getan, die ich ihm niemals erzählen könnte.

„Niemals könnte ich dir etwas antun!"

Er schwieg und sah mich nur an. Ich trat auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf den Arm. Er zuckte nicht zurück, nur sein Blick wurde etwas härter. Beinah hätte ich meine Hand zurückgezogen, doch ich wollte ihn berühren.

„Was ist es dann?"

„Ich kann es dir nicht sagen."

Ich zog meine Hand zurück. Drehte mich um, pfiff zwei Mal und wartete einen Moment, bis mein Pferd, das in dem lichten Wäldchen gewartet hatte, zu mir kam. Ich sah mich nicht noch einmal nach Murtagh um. Ich hätte es nicht ertragen, sein Gesicht zu sehen. Das Gesicht, und diese Augen, die mich bis in meine Träume verfolgten. Ich ging ohne ein weiteres Wort, und auch er sagte nichts mehr.