Kapitel 2

Nur knapp hatte ich der Versuchung widerstanden, mich als Patrick Bateman in die Besucherliste einzutragen.

Der Besucherraum war an drei Seiten von einem durchgehenden Fenster durchzogen, die vierte Wand war aus massivem Beton mit zwei kleinen, vergitterten Fenstern. Hinter dem Ausgang langweilte sich eine Wache, die jeglichen Austausch unterband. Kameras beobachteten die verschiedensten Winkel. Wenigstens waren wir nicht durch Plexiglas von einander getrennt und mussten uns über unhygienische Telefone unterhalten.

There is no place like Besucherraum.

Jeremy saß mir gefasst gegenüber. Seine Hände lagen gefaltet vor ihm auf dem Tisch.

„Wir haben einander noch gar nicht richtig vorgestellt."

„Du arbeitest bei der Polizei, nicht?", unterbrach mich Jeremy skeptisch. Meine Freude über das Wiedersehen war nicht mehr so überschwänglich wie vorher.

„Ja. Ich arbeite für sie, aber ich bin kein Cop."

„Ich verstehe das immer nicht. Warum willst du mir helfen? Du fühlst angeblich nichts. Warum sollte ich dir glauben? Vielleicht horchst du mich einfach nur aus? Vielleicht trägst du ein Mikrophon unter deinem Shirt?"

Ich presste verstimmt die Lippen aufeinander. „Glaub mir, dann würden wir uns in einem Verhörzimmer befinden!"

„Ich gestehe nichts", versteifte er sich.

„Das habe ich auch nicht von dir verlangt. Der Tatort hat mir alles gesagt, was ich wissen muss. Vor allem die Blutspuren", erwiderte ich, langsam die Geduld verlierend. „Für mich brauchst du dir nichts ausdenken."

Jeremy verschränkte die Arme vor der Brust. „Erklär mir, warum du mir helfen willst."

Ein Teil der Hilfe setzte voraus, dass er mit mir auf Jagd ging, aber so wie es aussah, mussten wir unser kleines, sportliches Duell um einige Jahre nach hinten verschieben. Aber ich war froh, überhaupt mit ihm reden zu können.

„Okay", erwiderte ich und lächelte, „Ich bin wie du. Ich habe eine innere Leere in mir, die ich mit Toten fülle. Ich bin ein Serienmörder."

Der junge Mann hob süffisant eine Augenbraue. „Ja, sicher, und ich bin Wonder Woman."

„Enchanté Wonder Woman, ich bin Dexter Morgan." Galant reichte ich Jeremy die Hand, bis der Wachmann einschritt und mich darauf hinwies, dass wirklich jeglicher Austausch verboten war.

Jeremy schluckte. Sein Adamsapfel bewegte sich. Er machte den Mund auf. „Du hast jemanden umgebracht?" Er versuchte es mit einem sarkastischen Schnauben ins Lächerliche zu ziehen.

Mein Lächeln bestätigte ihm jedoch, was ich gesagt hatte. „Ja. Ich fühle nichts. Das einzige, was man als fühlen bezeichnen kann, ist-." Ich suchte nach einem Wort. „Der Drang... Das Bedürfnis zu töten."

Er sah sich nervös um. Ich konnte ihn beruhigen, niemand war auch nur in der Nähe oder ahnte, dass wir beiden irgendetwas gemeinsam hatten. Jeremy strich sich die Ponyfransen aus den Augen. Jetzt hatte ich seine volle Aufmerksamkeit. Er fragte mich aus, um alle Zweifel zu beseitigen, ob ich nicht jemanden im Dienst getötet hattee. Nein, ich habe nur Ketchup auf ein paar Leichen in der Pathologie gekleckert.

„Du kennst das, Jeremy. Du hast es mir selbst gesagt."

Bestürzt atmete er aus. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen. „Ich werde in die Hölle kommen."

„Das Klima da unten ist sicher nicht erfreulich, aber die Gesellschaft könnte interessant sein!"

„Ich bin verdammt. Wir... sind es!" Jeremy sah mir in die Augen. Wir unterhielten uns also von Mörder zu Mörder, von Angesicht zu Angesicht. Gut, er war der Anfänger, ich der Profi – der einzige Unterschied zwischen uns. Dennoch war das nicht gerade die Reaktion, die ich von einem Spielkameraden erwartet hatte. Aber wahrscheinlich war das einfach nur der Schock, festzustellen, dass man doch nicht allein war.

„Die Hölle, das sind die anderen. Ich denke, du weißt, wie es ist, wenn man so gar nicht in das gesellschaftliche Gefüge passt. Ich beklage mich nicht über mein Schicksal. Ich nehme es an! Zum Beispiel mit einer Säge." Jeremys Interesse löste sich vor meinen Augen auf. Er war aufgesprungen, ich musste ihn zurück auf seinem Plastikstuhl drücken. Dem Wärter winkte ich gleich ab, dass ich Bescheid wusste. Zum Glück war Jeremy nicht laut geworden. Er sah mich an, wie damals in der Trainingshalle an den Boxsack gepresst. Ein wildes, ein verletztes Tier unter der kontrollierten Oberfläche.

„Ich will dir helfen", echote ich und befahl ihm, sich zu beruhigen. Ich entschied mich, eine andere Taktik an den Tag zu legen und erst einmal locker mit ihm zu plaudern. „Du kannst sehr gut mit Messern umgehen. Wo hast du das gelernt? Nimmst du Fische aus? Jagst du Wild? Bist du Sushikoch?"

Jeremy runzelte die Stirn. Es dauerte, bis er antwortete: „Fisch. Mein Vater hatte ein Luftboot. Früher sind wir öfter durch die Everglades, zu Wasser oder zu Fuß. Man braucht immer ein Messer, wenn man da draußen ist. Messer sind besser, wenn man auf Tiere trifft. Oder Menschen."

„Ich mag Messer. Sie werden viel zu gering geschätzt. Man nimmt es als Werkzeug statt als Waffe, dabei kann man solche Präzision nur mit einer scharfen Klinge erreichen", erwiderte ich anerkennend. Er sah mich andächtig, wenn auch verwirrt an.

„Warum lässt du deine Opfer verbluten?" Beim Wort Opfer schien Jeremy irgendwie zurückzuweichen, aber ich brach nicht ab, sondern beobachtete ihn weiter. „Für Rache gibt es viel perfidere Methoden. Wenn ein Mensch verblutet, verliert er das Bewusstsein, er merkt gar nicht, dass er stirbt. Er steht unter Schock, hat keine Schmerzen, mal abgesehen von den Schnitten und Stichen am Anfang."

Jeremy sah auf seine offene Handfläche herab. Er bewegte ein paar seiner Finger. „Ich mag Blut", antwortete er absolut einleuchtend klingend. Dann schloss er seine Hand, als hielte er ein Messer.

Ja, sympathisch. Dieser nette Bursche wird dich sanft töten…

Vor meinem inneren Auge erschien Jeremy und ein unbekanntes Opfer. Schwungvoll und doch exakt setzte er die Schnitte. Die Klinge glitt durch die Haut wie ein warmes Messer durch Butter. Das Blut spritzte und sprudelte schöner als in jedem Tarantino-Film. Er malte an den Wänden mit Blutspritzern wie ein virtuoser Maler mit dem Pinsel.

„Woher weißt du, wo du die Schnitte setzen muss?", fragte ich, da er nicht weiter sprach.

„Gelesen. Ich habe meinen Abschluss drinnen gemacht. Das weißt du sicher." Jeremy schaute zu mir auf. „Es lag einfach auf der Hand. Dass ich ihn mit einem Messer töte. Aber es hat nichts geändert. Es ist nichts besser. Wird es jemals besser?"

Die Frage überforderte mich. In all den Jahren, in denen ich Menschen, Kriminelle, kalt umgebracht hatte, hatte sich nichts verändert. Außer dass ich besser geworden bin. Sollte ich ihm sagen, dass es keine Hoffnung auf ‚Besserung' gab? Das wäre wirklich grausam.

„Also nicht", folgerte er mein Schweigen deutend.

„Ich töte nur Menschen, die es verdient haben zu sterben. Böse Jungs, die nicht gefasst werden. Das ist Harrys Codex, meine Überlebenshilfe. Insofern macht es die Welt zu einem besseren Ort zum Leben. Aber das willst du nicht hören. Du hast aus Rache getötet, das erste Mal. Und dann, weil du nichts mehr fühlst."

Rache unterschied uns. Wenn ich fühlen würde, wäre ich jetzt traurig. Aber andererseits war ich froh, dass Jeremy mir lebendig gegenüber saß. Es hätte auch anders kommen können: Jeremy hätte depressiv, suizidgefährdet oder drogenabhängig werden können. Jeremy in the Sky with Diamonds.

Er war einfach beschädigt. Nicht so sehr wie Rita, eher schon wie ich.

Zu niemandem war ich bisher so ehrlich gewesen. Das war besser als Krustentiere im Auto bei offnem Fenster zu essen.

„Ich schätze, du hast jetzt einiges zum Nachdenken. Wir reden bald wieder", gelobte ich und stand auf, denn wir hatten einen Zaungast bekommen.

Jeremy machte eine Andeutung eines Nickens.

~ * ~ * ~

Die Anklageerhebung vor Gericht lautete auf Mord. Ich war überrascht und imponiert von der resignierten Chuzpe, mit der Jeremy es aufnahm, obwohl ein ‚Lebenslänglich' wie ein Damokles-Schwert über seinem Kopf hing.

Bei meinem Besuch brachte ich zwei Schinkensandwichs mit. Ich brauchte meine besten Überredungskünste und eine Leibesvisitation beider Sandwichs, damit ich sie in den Besucherraum mitnehmen konnte.

„Womit habe ich das verdient?", fragte Jeremy, als ich ihm sein Essen gab. Er wirkte nicht so trotzig wie beim letzten Mal, dafür umso stoisch entspannter, als habe er sich bereits mit seinem Schicksal arrangiert.

„Ich will meine zweite Passion, nach dem Blut, mit dir teilen." Ich grinste zufrieden. Seit die Sitzungen bei meinem Psychotherapeuten Dr. Emmett Meridian begonnen hatten, ruhte ich praktisch in mir selbst. Um genau zu sein, nachdem ich ihn umgebracht hatte. Ich hatte eine fiktive Hängematte über mein schwarzes Inneres gespannt und relaxte ein wenig.

Mein Stiefvater war der einzige, der mich wirklich kannte. Und jetzt lernte mich Jeremy kennen.

Eine überaus befriedigende Woche.

Jeremy begann, mich auszufragen. Er fragte, ob ich schon immer gewalttätig und mord(s)lustig gewesen sei und ich antwortete ihm, soweit ich konnte. Dass ich nicht mehr wusste, was vor meiner Adoption war. Dass mich Erinnerungsbrocken im Schlaf verfolgten: Ein Junge, der inmitten von Litern Blut sitzt.

Ich vertraute ihm, obwohl er mein Geheimnis wusste, obwohl ich (meistens) die Kontrolle über alles haben musste. Und er fragte mich, was ich tun würde, würde Jeremy jemandem anders von meinen Morden erzählen.

Ich lächelte. „Bisher habe ich dir noch gar nichts erzählt."

„Vielleicht mache ich es wieder. Ich meine, dass ich jemanden töte", meinte er.

„Du hast niemanden umgebracht, während du im Gefängnis warst."

Jeremy schnaubte. „Hätte ich aber manchmal gerne." Er hatte Ellenbogen. Es war gefährlich, sich mit ihm anzulegen.

„Du hast deine Morde nicht vertuscht."

„Du lässt deine Leichen verschwinden, Dexter." Es fühlte sich an wie eine Sitzung. Nur wir beide, die eine Käseglocke über sich gelegt und die Außenwelt ausgeschlossen hatten. Vielleicht hatte Jeremy noch mehr als ich darauf gewartet, sich mit jemandem austauschen zu können. „Sind die anderen Mörder, Serienmörder uns ähnlich? Ich weiß nicht... ich bin.... ich sehe mich eigentlich nicht als Serienmörder. Meinst du, sie fühlen anders oder nichts?"

„Keine Ahnung, Psychologie ist nicht mein Gebiet. Profiling erst recht nicht."

„Wenn du wüsstest, was dir in deiner Kindheit widerfahren ist, würdest du vielleicht auch aus Rache töten."

„Vielleicht", antwortete ich nachdenklich.

Je öfter ich mich ihm unterhielt, desto mehr mochte ich ihn. Morgan und Downs. Bonnie und Clyde. Oder: Angel und Spike? Schließlich ging's um Blut. Ich teilte mit ihm, wie ich mich aus dem Hinterhalt anschlich, betäubte und meine Opfer in Klarsichtfolie wickelte, um sie dann mit Messer, Säge oder Beil zu töten. Ich erzählte ihm von meinem Boot ‚Slice of Life' und dass ich die Leichen im offenen Meer beseitigte.

Jeder, der uns belauscht hätte, hätte uns sofort eingewiesen. Das war einfach krank. Aber als Kriminologe sollte man ein bisschen krank sein, meine ich. Ein Koch, der sein Essen nicht isst, kann nichts von seinem Metier verstehen. So simpel, so logisch.