Vielen herzlichen Dank an Tlana Isimi für die Review, über die ich mich sehr gefreut habe. Ich hoffe, Dir mit diesem Kapitel erneut eine Freude machen zu können. Beste Grüße. Demetra


Kapitel 2 – Taktierung

Die junge Frau blieb noch weitere zwei Tage in einem Zustand, der Obi-Wan Sorgen machte. Die Kopfverletzung und deren Folgen brachten ihren Körper dazu, zu revoltieren – einschließlich ihres Magens, der Nahrung schlichtweg verweigerte. Hinzu kamen der Schock, ein heftiges Fieber und die körperliche Auszehrung von ihrer Gefangenschaft, die die Kraft der Verletzten schwinden ließen. Irgendwann zitterte die Frau so sehr vor Schwäche, dass Obi-Wan sie festhalten musste, wenn er ihr etwas zu Trinken oder kleine Schlucke der Suppe einflößen wollte, die er aus seinem zur Neige gehenden Vorrat aus Pilzen und Wurzeln zubereitete. Sie schlief die meiste Zeit unruhig, schlug um sich und ihr Atem ging schnell und hektisch. Die wenigen Wachphasen verbrachte sie damit, an die Wände zu starren oder in einer fremden Sprache hektische Worte zu murmeln.

Obi-Wans Tagesablauf verlor die gewohnte Routine und er konzentrierte sich darauf, ein Leben zu retten, sie zu pflegen, zu füttern, zu waschen. Nach all der Zeit des Krieges, in der das Leben tausender Männer und Frauen in seinen Händen gelegen hatte, kam es ihm seltsam vor, sich vollkommen auf eine einzige Person fokussieren zu müssen. Selbst seine Aufgabe, auf Luke aufzupassen, forderte ihn nicht so, wie die Frau es tat, denn Luke war weit weg. Die Situation erinnerte Obi-Wan an die Zeiten als junger Padawan, in denen er versucht hatte, sich seinem verbitterten Meister Qui-Gon zu nähern und doch oft abgeprallt war. Dennoch hatte er es immer wieder versucht und am Ende erreicht, dass all die Dinge, die zwischen ihm und Qui-Gon gestanden hatten, verschwunden waren und sich ihr Verhältnis in eine lebenslange Freundschaft verwandelte. Damals hatte sich das Schlechte zum Besseren gewendet, allein durch Beharrlichkeit und Glauben an die Macht.

Wie damals ließ er sich auch in diesem Fall von der Macht leiten, die seine Handlungen bestimmte, seine Gedanken klärte, wenn er nicht weiter musste und die er um Hilfe bat, wann immer er Zeit dafür hatte. Ein Jedi lernte aus der Vergangenheit, um die Gegenwart und die Zukunft sehen zu können, ohne sie fürchten zu müssen. Oftmals überlegte er, ob die Frau den Transport zu dem Feuchtfarmer Owen Lars überstehen würde, doch jedes Mal entschied er sich dagegen, zumal die medizinische Versorgung dort wahrscheinlich auch nicht besser sein würde – also wie überall auf Tatooine. Neben dieser und der Tatsache, dass Owen ihn nicht leiden konnte, weil er den Jedi nach dem Fall seines Stiefbruders Anakin misstraute, wog vor allem der Fakt schwer, dass die Frau ihn gesehen hatte und er nicht wusste, wer sie war. Ihm war bewusst, dass er nach ihrer Genesung zuerst mit ihr reden musste, um sicherstellen zu können, dass sie ihn nicht verriet. Auch wenn es eine kleine Hoffnung war und er sich albern vorkam, er hatte den Glauben noch nicht verloren, dass die Jedi noch Freunde in der Galaxis hatten. Über den Umstand, was er tun sollte, wenn sie ihm doch nicht freundlich gesonnen war, wollte er sich Gedanken machen, wenn es an der Zeit war und sie ihre Verletzung überlebte.

Qui-Gon erschien in dieser Zeit als seltene, schweigende Gestalt im Haus, doch es war nur Zustimmung in seiner Miene zu sehen, wenn er nach einer kurzen Weile wieder verschwand. Obi-Wan war seinem Meister für diese Unterstützung aus der Ferne, die ihn jedoch nicht aus der Konzentration riss, sehr dankbar. Er ahnte, dass Qui-Gon ihm seine heftigen Worte bei ihrer letzten Unterhaltung nicht übel nahm, denn der seltene Groll des verstorbenen Meisters war stets nur von kurzer Dauer. Qui-Gon hatte stets Verständnis für alle lebenden Wesen und oftmals bewiesen, dass seine Angewohnheit, hilflose Personen aller Couleur zu sammeln und ihnen zu helfen, sich immer wieder als die richtige Entscheidung herausgestellt hatte. Auch in der Macht und nicht mehr im sterblichen Leben, würde der Meister daher abwarten, wie er es immer tat. Und dann, eines Tages, würde er den richtigen Moment finden, um seinen Schüler - einen über vierzigjährigen, aber dennoch immer noch gehörig geknickten Schüler - zu einem Gespräch zu bitten, ihre Differenzen zu bereden und eine Lösung finden. Und er würde sich wahrscheinlich herzlich darüber amüsieren, dass Obi-Wans geordnetes Leben, das seiner persönlichen Vorliebe für entschlossenes Vorgehen und schnörkelloses Gehorsam der Macht gegenüber entsprach, so durcheinandergeschüttelt wurde.

Am Morgen des vierten Tages erwachte die Verletzte mit klarem Blick und vollkommen ruhig. Ihre Augen richteten sich auf Obi-Wan, der sich auf einer Matte neben dem Bett niedergelassen hatte, um dort zu schlafen oder zu meditieren, je nach Tages- oder Nachtzeit. Der Jedi erhob sich und holte in einer in den letzten Tagen zur Gewohnheit gewordenen Geste den Becher mit Wasser vom Tisch, um der Frau etwas zu trinken zu geben. Dieses Mal trank sie selbstständig und als er sie vorsichtig ins Bett zurücklegte, nachdem er ihren Oberkörper angehoben hatte, lächelte sie ihn an.

„Danke. Ihr seid sehr gütig." Ihre Stimme war noch immer schwach, hatte aber den weltfremden Klang verloren, die sie bei ihrer letzten Unterhaltung gehabt hatte. In diesem Moment begriff Obi-Wan erleichtert, dass sie überleben würde und sich seine Beharrlichkeit bezahlt gemacht hatte. „Wer seid Ihr?"

Obi-Wan wandte sich kurz ab, um den Becher zurückzustellen. Sein Gesicht glitt in den Schatten des Felsens, der von der Morgensonne durch das Fenster geworfen wurde.

„Mein Name ist Ben", gab er zurück. Er log ungern und der Name kam ihm noch immer schwer von den Lippen, aber die Verstellung war bitter nötig. Er räusperte seine plötzlich belegte Stimme frei und wandte sich wieder an seinen Gast. „Erinnert Ihr Euch wieder an die Vorkommnisse, die Euch hergebracht haben?"

Sie legte die Stirn in Falten und ihr Blick wurde abwesend. Eine kleine Weile verging, bis sie schließlich mit schmerzerfülltem Gesicht den Kopf schüttelte und seufzend ausatmete.

„Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist Euer Gesicht und der blaue Himmel. Alles, was davor geschah – ich weiß es nicht." Sie sah ihn an und es war ihr leicht anzumerken, dass der Schrecken darüber, dass sie sich nicht erinnern konnte, sie bewegte. „Es tut mir Leid", murmelte sie und blinzelte einmal, um ihre plötzlich feuchten Augen wieder zu klären.

„Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen", gab Obi-Wan ruhig zurück, unterschwellig die Macht nutzend, um der Frau ein wenig Beruhigung zu vermitteln. Und tatsächlich, ein wenig Farbe kehrte in diesem Moment in ihre Wangen zurück und sie strich in einer verlegenen Geste eine Falte auf der Bettdecke gerade. Ihre Worte waren wohlüberlegt und höflich, wenn auch ihre Stimme noch ein wenig von ihrer inneren Bewegung und ihrer Schwäche schwankte.

„Doch, das muss ich. Was immer passiert ist, Ihr habt sehr viel Zeit und Mühe mit mir gehabt." Sie sah an sich hinunter, dann an Obi-Wan vorbei und den Wohnraum des kleinen Hauses an. Ihrer Miene war nicht zu entnehmen, was sie über die viel zu große Tunika dachte, die sie trug, die ärmliche Einrichtung des Hauses und vor allem über seinen Bewohner. Dennoch spürte Obi-Wan, dass jähe Vorsicht sie erfüllte und dass neben der Dankbarkeit, die sie empfand, eine Woge Angst und Verwirrung durch sie toste. Er ahnte, was sie bewegte. Eine Frau, allein auf einem ihr unbekannten Planeten und mit einem Mann, der offenkundig nicht unbedingt zu dem geschätztesten Bürgern des Imperiums gehörte. Die Art, mit der sie Tür und Fenster beobachtete, verriet ihm, dass sie bereits darüber nachdachte, möglichst schnell diesem Ort zu entkommen. Reumütig dachte er, dass es vielleicht angebracht war, sich um sein äußeres Erscheinungsbild zu kümmern. Was Sandleute und Jawas erschreckte, war vielleicht nicht unbedingt hilfreich dabei, eine verstörte Frau zu beruhigen.

„Habt keine Angst", versicherte er ihr mit sanfter Stimme. „Ich habe Euch nicht gerettet, um Euch irgendein Leid anzutun. Erholt Euch und ich bin sicher, dass Ihr Eure Erinnerung wiederfinden werdet. Das ist nach Kopfverletzungen nichts Ungewöhnliches."

Sie blickte ihn prüfend an und schien in seinem Gesicht nach einem Zeichen zu suchen, das von der Unwahrheit seiner Worte sprach. Er ließ diese Musterung still über sich ergehen, bis sie schließlich leicht nickte und sich ein wenig entspannte. Es huschte sogar ein schmales Lächeln über ihr müdes und verhärmtes Gesicht.

„Nein", murmelte sie. „Irgendetwas ist an Euch, das mir wirklich keine Angst machen sollte."

Am Ende des Satzes wurde ihre Stimme undeutlicher und kaum hatte sie das letzte Wort gesprochen, fielen ihr wieder die Augen zu. Obi-Wan betrachtete sie noch eine kleine Weile regungslos, dann machte er sich daran, die während der Tage des Wachens arg vernachlässigte Hütte aufzuräumen.

In der großen Wanne aus dem Badezimmer brachte er die eingeweichte Wäsche nach draußen in den kleinen Hinterhof, um das Wasser in der stärker werdenden Vormittagssonne zu erwärmen. Auf dem Hof lag auch der einzige Zugang zu dem Kellerraum, in dem er unter anderem den größten Teil des technischen Equipments lagerte. Obi-Wan öffnete die verrostete, aber stabile stählerne Tür, die mit einem unangenehmen Quietschen aufschwand und stieg die schmale und steile Treppe hinunter. Die dämmrige Kühle des Kellers begrüßend, machte er sich daran, zwischen den Resten einer uralten Wassergewinnungsanlage und den wenigen persönlichen Besitztümern, die er mitgebracht hatte, nach einer Truhe zu suchen, die er drei Jahre lang nicht mehr angefasst hatte. Zunächst fand er einige Werkzeuge, die er mitgebracht hatte, um sich mit dem Bau von Lichtschwertern beschäftigen. Leider hatte er noch keine Zeit gefunden, doch er nahm sich vor, sich diese zu nehmen. Zudem würde er wohl ein Hauptaugenmerk auf die Unmöglichkeit legen müssen, Kristalle vom Eisplaneten Ilum zu holen, da dieser unter der Kontrolle des Imperiums stand.

Er legte die Werkzeuge auf den kleinen Arbeitstisch, auf dem sich noch die Reste seines Versuches befanden, eine der Energiezellen des Kondensators so zu verändern, dass sie bei selber Lebensdauer auf höherer Leistung lief. Die Suche nach einer neuen Zelle hatte ihn nach Mos Eisley geführt und dazu noch in die Arme einiger betrunkener Whipiden laufen lassen, die versucht hatten, ihn zusammenzuschlagen und zu berauben. An Tagen, an denen das Wetter umschlug und Sandstürme aufkamen, meinte Obi-Wan seitdem, sein bei dieser Prügelei zerschmettertes Schlüsselbein pochen zu spüren. Seitdem hatte er sich auch erst einmal davon abgewandt, technische Wunder vollbringen zu wollen.

Nach dem Öffnen einiger weiterer Kisten, die er mit einem persönlichen Sicherheitscode gesichert hatte, fand er schließlich das Gesuchte. Mit einem Arm voller Kleidung kehrte er in den Wohnraum zurück, suchte sich Nadel und Faden und begann mit einem neuen Experiment. Er hoffte inbrünstig, dass sein Talent beim Nähen sein Talent im Umgang mit Energiezellen überstieg.

oOo

Zu Obi-Wans Glück war sein Talent zum Nähen tatsächlich größer als gedacht. Gegen Abend hatte er eine Hose und zwei Tuniken so umgeändert, dass sein Gast nicht darin versinken würde. Zusammen mit seinem alten Jedi-Umhang und den Stiefeln, die die Frau getragen hatte, ließ sich so eine provisorische Garderobe zusammenstellen, die für die nächste Zeit ausreichen musste.

Die Frau schlief den ganzen Tag über, ebenso wie die komplette Nacht und überraschte ihn am nächsten Morgen damit, dass sie versuchte, ihre Beine aus dem Bett zu schwingen und aufzustehen, was natürlich nicht funktionierte. Von einem Ausflug in die Pilzhöhlen zurückkommend, kam er gerade rechtzeitig durch die Tür, um den Beutel mit den Pilzen auf den Tisch zu werfen und sie aufzufangen.

„Entschuldigung", sagte sie, als er sie wieder auf der Bettkante absetzte, und ihre Wangen erblühten in sattem Rot. In einer verlegenen Geste strich sie sich die verstaubten, dunklen Haare aus dem Gesicht und zog sich dann die abgetragene Tunika über die nackten Oberschenkel Richtung Knie. „Ich wollte nur zum – also, ich meine, ich müsste ziemlich dringend einmal-." Sie brach verlegen ab und Obi-Wan atmete kurz durch. Eine Bewusstlose in allen Belangen zu pflegen und eine Genesende unter Wahrung ihrer Intimsphäre zu betreuen waren zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Tatsächlich war dies eine Situation, die er schon erwartet, deren Auftreten er allerdings gedanklich von sich geschoben hatte. Er nickte, schob kurzerhand eine Hand unter ihre Kniekehlen, umfasste mit der anderen ihre Taille und hob sie hoch. Sie gab einen überraschten Laut von sich, schlang dann aber ihre Arme um seinen Nacken und blieb dann schweigsam, bis die ganze Angelegenheit vorbei war und er sie wieder zurück ins Bett gebracht hatte. Als er schließlich mit der umgeänderten Kleidung zu ihr kam und sie neben dem Bett auf den Tisch legte, griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest, wie sie es schon einmal getan hatte. „Ich denke, ich muss mich schon wieder entschuldigen. Dafür, dass ich Eure Absichten in Frage gestellt habe."

Ihre Augen flehten um Verzeihung. Obi-Wan setzte sich auf die Bettkante und sah für einen Moment auf ihrer beider Hände hinab. Seine Hand, sonnenverbrannt und voller alter Narben und ihre, weiß und fest, wenngleich nicht so weich, wie er vermutet hätte. Für einen Moment verschwamm das Bild vor seinen Augen und er sah Padmés Hand in seiner, weiß und fein geädert, die Haut bereits von der grauen Ahnung des nahen Todes gezeichnet. Fast wäre seine Beherrschung verlorengegangen, doch dann ging das Bild wieder fort und er fand sich dem forschenden Blick der Fremden ausgesetzt, die ihn aufmerksam betrachtete. Ein Teil der Traurigkeit, die sich ihn ihm zu einem Knoten zusammenballte, spiegelte sich in ihren braunen Augen wieder. Sie hatte den kleinen Moment seiner Schwäche sehr genau registriert und das erschreckte ihn, weil er eigentlich nichts von sich hatte preisgeben wollen, bis geklärt war, wer sie war und wie ihre Sicht auf einen flüchtigen Jedi sein würde.

„Es gibt nichts zu verzeihen. Das Universum ist nun einmal kein gastfreundlicher Ort und ich kann Euren Argwohn verstehen." Er löste sich sanft aus dem Griff, plötzlich von der ungewohnten Nähe zu einer anderen Person seltsam gehemmt. Sein letzter Besuch auf Tatooine war Ferus Olin gewesen, ein ehemaliger Jedi und guter Freund. Ferus Anwesenheit hatte ihm keines der Probleme bereitet, mit denen er sich nun konfrontiert sah. „Wenn Ihr morgen ein wenig kräftiger seid, werde ich Euch Wasser für ein Bad warm machen. Nun, das heißt – eigentlich wird es die Sonne machen. Dies ist ein Wüstenplanet namens Tatooine."

Er sah bei der Erwähnung eines Bades den Funken von Sehnsucht in ihren Augen aufblitzen und ersparte ihr die auf seiner Zunge liegende Bemerkung, dass ein Bad auf Tatooine eh nur einen Tag vorhielt und dann der Sand zurückkam, um sich in jede Körperfalte zu setzen und die Bewohner des Planeten zu piesacken. Er sammelte die Pilze von Tisch auf und machte sich daran, auf der kleinen Anrichte die Zutaten für einen Eintopf zusammenzustellen. Sein Ofen war eine gelungene Konstruktion, die der vorherige Bewohner des kleinen Hauses erbaut hatte und die sowohl mit Hilfe einer Energiezelle, die über eine Solareinheit auf dem Dach aufgeladen wurde, als auch mit normalen Brennstoffen betrieben werden konnte. Obi-Wan hatte die Erfahrung gemacht, dass sich getrocknete Bantha-Fladen ausgezeichnet eigneten, wenn die Energiezelle wieder einmal einen schlechten Tag hatte.

Dieser Tag war ein guter Tag für den Ofen und bald schlug unter dem großen Topf eine Flamme empor. Pilze, saftige Sprossen und kleine Zwiebeln brieten zischend an. Obi-Wan schnitt sein letztes Trockenfleisch hinein, da sein Gast sichtlich reichhaltige Nahrung benötigte, um wieder auf die Beine zu kommen. Bald schon waberte ein köstlicher Geruch durch den Raum und ein verstohlener Blick über die Schulter bestätigte ihm, dass das Essen seine Wirkung nicht verfehlte. Die Frau saß wieder im Bett und blickte mit hungrigen Augen zum Topf. Sie zupfte gedankenverloren an dem Verband an ihrem Handgelenk und wirkte sehr jung und verloren.

Obi-Wan wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Essen zu und warf ein paar getrocknete Blätter in das brodelnde Durcheinander aus Zutaten.

„Ben?"

„Ja?" Er rührte um, stellte die Flamme kleiner und sah über die Schulter zu ihr. Sie hatte die Verbände gelöst und betrachtete mit seltsam leerem Blick die Narben an ihren Handgelenken, die das qualitativ sehr mittelmäßige Bacta zurückgelassen hatte.

„Warum hat man mich gefesselt? Ich erinnere mich daran, dass meine Hände wehtaten, weil die Handschellen so fürchterlich eng waren, aber nicht an mehr. Wie seltsam."

In ihrer Stimme lag kein Schmerz, nur Verwunderung. Sie erinnerte sich wirklich nicht, dachte Obi-Wan, und in diesem Moment freute er sich für sie, denn er wusste nicht, ob ihr ausgezehrter Körper die Last der wiederkehrenden Erinnerung tragen können würde. Nach einem kritischen Blick in den Topf goss er Wasser hinzu, legte er den Deckel auf, wischte sich die Hände an einem Tuch ab und holte die weiße Tunika und die Unterwäsche, die sie bei ihrer Bruchlandung getragen hatte, aus der Truhe unter dem Fenster, in dem seine eigene Kleidung und, ganz unten, versteckt in einem Geheimfach, zwei Lichtschwerter und ein Comlink lagen. Er hatte die Kleidungsstücke gewaschen und nur noch schwache Spuren erinnerten an die Blutflecke, die das feine Gewebe verunziert hatten. Er brachte ihr das Bündel.

„Das habt Ihr getragen, als ich Euch in dem abgestürzten Schiff fand. Der Stoff ist von exzellenter Qualität. Als ich Euch fand, wart Ihr voller Blut und Schmutz. Das und das verschiedene Alter Eurer Verletzungen deutet darauf hin, dass Ihr schon länger in Gefangenschaft wart. Es waren noch zwei Männer an Bord, offensichtlich Alkoholschmuggler oder Piraten. Der eine war bereits tot, der andere griff mich an, starb dann aber auch an seinen Verletzungen. Das Schiff liegt nun unter einer Sanddüne und ist unrettbar verloren, daher werden wir wohl auf diesem Wege auch keine Informationen mehr erhalten."

Er betrachtete ihr Mienenspiel, als sie die Kleidungsstücke in Empfang nahm. Mit fast so etwas wie Ehrfurcht strich sie über die kostbare Stickerei aus Silberfäden, die den Halsausschnitt zierte.

„Sieht aus wie das Kleid einer Prinzessin", sagte sie überraschend trocken und blickte von dem weißen Stoff zurück auf die schmalen, hellen Narben auf ihren Armen. „Das könnte also der Grund sein, weswegen ich jetzt hier bin."

„Ja, das könnte sein", bestätigte Obi-Wan, setzte dann aber hinzu: „Aber wir sollten abwarten, bis Ihr Euch erholt habt, bevor wir weitere Schlüsse ziehen, die vielleicht nicht nötig sind und Euch nur Kopfzerbrechen bereiten."

Sie hob im Angesicht der doppeldeutigen Wortwahl lediglich in einer anmutigen Geste die Schultern, schnitt dann aber eine Grimasse, als ihre Verletzungen sie daran erinnerten, dass sie noch nicht wieder voll beweglich war.

„Ihr habt vermutlich Recht, Ben." Sie lächelte, diesmal ein volles und ehrliches Lächeln, das ihr schmales Gesicht auf erstaunliche Weise veränderte. Dann schnupperte sie und setzte ernst hinzu: „Ich glaube, da brennt etwas an."

oOo

„Ich werde für eine Weile fort sein", erklärte Obi-Wan und schob seinen Gleiter aus dem abgegrenzten Hinterhof. Die Sonnen gingen unter, doch noch immer flimmerte der Horizont in der Ahnung weit entfernter Orte. Zwei der Monde Tatooines standen bereits am Himmel. Als sich Obi-Wan zu seinem Gast umdrehte, die sich auf der schmalen Bank vor der Tür niedergelassen hatte, sah er, dass sie die beiden bleichen Monde unverwandt betrachtete und wahrscheinlich keines seiner Worte gehört hatte. Tatsächlich zuckte sie zusammen, als sie sich bewusst wurde, dass er sie fragend ansah.

„Oh, ich – ja, ich habe verstanden." Sie blinzelte in die untergehende Sonne, dann richteten sich ihre Augen auf ihn. Ihr Blick war wieder scharf und aufmerksam, obwohl sie in regelmäßigen Abständen von starken Kopfschmerzen heimgesucht wurde, die ihr Sicht und Atem nehmen konnten. „Passt bitte auf Euch auf, Ben."

„Das werde ich", versprach er und nahm einen Hauch Beunruhigung in ihr wahr. Ohne ihn und den Gleiter war sie in dieser Einöde verloren, noch verlorener, als sie eh schon war. Dennoch schien sie zu dem Typ von Frauen zu gehören, der mit starken Nerven gesegnet war und er dankte im Stillen der Macht dafür, dass sie ihm einen Gast geschenkt hatte, der seiner Lebensweise entsprach. Mit Hysterie oder Panik bei Frauen kannte er sich wirklich nicht aus, denn diese Wesenszüge waren jedem Jedi fremd. Obi-Wan überprüfte die Energieanzeige des Gleiters und überlegte dabei, ob es klug war, den nächsten Schritt zu wagen. Er griff an seinen Gürtel und nahm dort einen der Blaster ab, die er dort in einem Holster trug. „Denkt Ihr, dass Ihr mit so etwas umgehen könnt?"

Sie erhob sich und trat zu ihm, eine Strähne ihres ordentlich in einen Zopf geflochtenen nussbraunen Haares zurückstreichend. Seit dem Bad, das er ihr am vergangenen Tag bereitet hatte, wirkte sie wie ein neuer Mensch und viel jünger, als er sie zunächst eingeschätzt hatte. Das heiße Wasser hatte ihre vom Liegen verkrampften Muskeln gelockert und die letzten Reste ihrer Gefangenschaft fortgespült. Es hatte noch einmal einen unangenehmen Moment zwischen ihnen gegeben, als sie ihn zur Hilfe gerufen hatte, weil ihre Knie doch noch einmal nachgegeben hatten. Er hatte sich bemüht, ihr zu helfen, ohne ihre Selbstachtung und das Handtuch zu gefährden, das sie um sich geschlungen hatte.

Obi-Wan seufzte. Er war wirklich zu lange allein gewesen. Die Gesellschaft eines anderen Menschen tat ihm gut, auch wenn sie beide sich sehr vorsichtig umkreisten. Die Frau hatte zwar einen Großteil ihrer Skepsis abgelegt, doch sie blieb vorsichtig, genau wissend, dass sie ein Leben jenseits des Wüstenplaneten hatte, das vielleicht in krassem Gegensatz zu dem stand, das sie jetzt lebte. Und er selbst wusste noch immer nicht, was er von ihr halten sollte. Die Schilde, die sie um ihren Geist erbaut hatte, waren undurchdringlich, selbst für ihn als Jedimeister. Das war das Beunruhigendste an ihr, neben der Tatsache, dass er sonst fast gar nichts von ihrem Leben wusste.

Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die junge Frau, die den Blaster musterte, als würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Waffe sehen. Widerstrebend streckte sie die Hand aus und nahm die Schusswaffe an sich. Für einen Moment wirkte ihr Blick abwesend, dann entfernte sie mit einem geübt aussehenden Griff die Energiezelle, um deren Aufladestatus zu überprüfen und ließ sie wieder in ihrer Halterung einrasten.

„Ich glaube, das beantwortet Eure Frage", stellte sie erstaunt fest und schmunzelte plötzlich. „Seltsam. Ich überrasche mich jeden Tag selbst, kann aber nicht behaupten, dass all die neuen Tatsachen wirklich beruhigend sind." Obi-Wan runzelte leicht die Stirn, was sie sofort bemerkte und hinzusetzte: „Ich verspreche Euch, die nächsten Dinge, die ich über mich herausfinde, werden angenehmer sein. Ich denke nicht, dass ich Kopfgeldjägerin bin und hauptberuflich Männer in Wüsten überfalle."

„Das ist aber dennoch eine Möglichkeit", gab Obi-Wan zu bedenken, aber sein Tonfall nahm ein wenig jener spielerischer Leichtigkeit an, die in ihrem mitschwang. Tatsächlich hatte er schon indirekt recht viele Dinge über sie herausfinden können, wenn er genau darüber nachdachte. Sie hatte Sinn für Humor, wenn auch einen recht morbiden. Schmerzen und Anstrengungen hielten sich nicht davon ab, ihre Ziele zu verfolgen. Immerhin hatte sie schneller wieder auf eigenen Beinen gestanden als er geahnt hatte und dennoch die Leistungen ihres eigenen Körpers weder unter- noch überschätzt. Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion hätte Obi-Wan von einem wesentlich älteren Menschen oder von einem Krieger erwartet und machte ihn stutzig. Ihre Magerkeit hatte zudem zunächst darüber hinweg getäuscht, dass sie für eine Frau recht kräftig war. Obi-Wan hatte sein Bild von ihr als verwöhnter Senatorentocher längst wieder korrigiert und sich darauf verlegt, dem Rat seines Meisters, das Spekulieren sein zu lassen, zu folgen und sich überraschen zu lassen. Nicht jede Überraschung würde so schmerzvoll sein wie jene, die ihm Anakin bereitet hatte.

Er sah, dass sie noch etwas sagen wollte, aber offenkundig nicht die richtigen Worte fand. Er nahm sich deshalb die Zeit, noch einmal den Sitz der beiden großen Kisten zu überprüfen, die er zu beiden Seiten an das schmale Fahrzeug geschnallt hatte.

„Denkt Ihr das wirklich? Dass ich ein böser Mensch sein könnte?" Eine ihrer Hände krampfte sich in einer unbedachten Geste zur Faust. Fort war ihre anfängliche Belustigung, in der Gesprächspause umgewandelt in eine ferne Ahnung, die nun in ihr zu wüten schien. Eine trockene Windböe zerrte an dem alten dunkelbraunen Jedi-Mantel, den er für ihre Schulterbreite umgenäht hatte und warf sie fast um. Für einen Moment sah Obi-Wan in der Art, in der der Kummer über ihr Gesicht fuhr und dann widerstrebend verschwand, als sie sich wieder aufrichtete, etwas sehr Vertrautes: das Bemühen eines anderen Wesens, Empfindungen vor ihm zu verbergen. Er fragte sich, ob es lediglich ihre Gefühle waren oder ob sie sich bereits an etwas erinnert hatte, das ihr auf der Seele brannte, das sie aber nicht zu teilen bereit war.

„Ich kenne Euch nicht", gab er nach einer kleine Weile des Abwägens zurück. Er bemühte sich, seine Worte so bedacht zu wählen, dass er die Wahrheit sagen konnte, ohne die Frau zu verletzen. „Ich glaube, mir eine Meinung über Euch zu bilden wäre zu diesem Zeitpunkt ebenso falsch wie gefährlich. Ebenso wie Ihr Euch nicht zu schnell eine Meinung über mich bilden solltet. Die Galaxis und vor allem dieser Planet sind kein Platz von Freundschaft und Vertrauen."

„Was macht dann ein Mann wie Ihr an so einem Ort?" Sie verschränkte die Arme vor der Brust und begegnete seinem Blick „Man sollte den Anderen nach seinen Taten beurteilen, und nicht nach seinen Worten. Und an Euch kann ich nun wirklich nichts finden, das mich warnt, Euch nicht zu trauen."

Obi-Wan blickte zum Horizont. Tatoo II berührte soeben die schmale Linie zwischen Himmel und Erde. Er vermied es, sie darüber aufzuklären, dass allein der Mantel, den er ihr gegeben hatte, in manchen der Regionen ein Todesurteil darstellen konnte, wenn man seine Machart kannte. Er atmete aus. So viel zum Thema Vertrauen.

„Es ist Zeit für mich. Bleibt beim Haus und achtet auf die Umgebung. Es gibt hier vielerlei Spezies, die uns nicht wohl gesonnen sind. Wenn alles gut geht, bin ich morgen Mittag wieder hier."

Sie nickte und trat zurück, damit er ungestört in den Gleiter steigen konnte. Die Hand mit dem Blaster ließ sie sinken, so dass die Mündung auf den Boden zeigte. Er wusste, dass er sie mit seinem Verhalten trotz seiner vorsichtigen Worte verletzt hatte, doch er konnte sich einfach keine Blöße leisten. Nicht, wenn es um Anakins Erbe ging. Und damit meinte er nicht unbedingt nur den jungen Luke Skywalker.


Ich hoffe das Kapitel hat gefallen - es gibt noch einige mehr davon! Über Reviews freue ich mich sehr!