2. Bei Slughorn zum Tee

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug. Während Lily und auch Remus, der –ganz zur Freude Lilys und zur Überraschung der restlichen Rumtreiber („Welche Schande, Moony. Du solltest dich wirklich schämen!")- wie sie zum Vertrauensschüler ernannt worden war und so gerade am Anfang des Schuljahres besonders viel Arbeit hatten, brüteten besonders Sirius und James ständig über einem großen Stapel Pergamente, auf dem sie sämtliche ihre schon ausgeführten und noch geplanten Streiche aufgelistet hatten. Ihrer Meinung nach mussten sie die Rumtreiberehre wieder herstellen, die seit Remus Ernennung zum Vertrauensschüler einen kleinen Knacks hatte. So kam es also, dass in den wenigen Wochen, die bis jetzt vergangen waren schon eine beträchtliche Anzahl an Streichen gespielt worden war. Professor McGonagall zum Beispiel war eines Tages fünf Minuten zu spät zum Verwandlungsunterricht gekommen, was –wie sogar der amtierende Schulsprecher angeblich bestätigt hatte- noch niemals in ihrer gesamten Laufbahn als Professorin der Fall gewesen war.

Als sie nämlich aus dem Lehrerzimmer heraustrat, war das erste, was sie sah, ein Eimer voll Stinksaft, der auf ihrem Kopf saß. Natürlich war ihr sofort klar gewesen, welche Schüler für diesen Vorfall verantwortlich gewesen waren und so hatten die Rumtreiber –einschließlich Remus, bei dem McGonagall nur den Kopf geschüttelt und etwas von wegen „schlechter Einfluss" gemurmelt hatte - gleich in der ersten Woche nachsitzen müssen.

Doch die Stunden in McGonagalls Büro hatten Sirius und James nicht davon abgehalten, Filch in eine Besenkammer zu sperren, Snape auf dem Slytherintisch tanzen zu lassen (er hatte erst aufgehört, als sein Fuß in einer Schüssel mit Plumpudding steckte) und Stinkbomben in den Taschen einiger Slytherins zu deponieren.

Als die Strafen, die dafür auf sie zukamen, jedoch viel milder ausfielen oder teilweise gar nicht eintraten, änderte sich ihre Meinung über Remus „Vertrauensschülerkarriere", wie Sirius es gerne nannte, schlagartig.

„Weißt du, Moony, eigentlich ist es gar nicht mal so schlecht, dass du Vertrauensschüler bist", sagte Sirius über einen weiteren Pergamenthaufen gebeugt eines Abends. „So kannst du uns doch prima den Rücken freihalten!" Er grinste zufrieden.

„Hmmm", brummte Remus, der hinter einem dicken Buch mit der Aufschrift ´Alte Runen-leicht gemacht´ saß.

„Lernst du schon wieder, Moony?" James hatte sich von seinem Schachspiel mit Peter, der sowieso jedes Mal verlor, abgewandt und sah nun leicht spöttisch zu Remus herüber.

„Hmmm", brummte Remus ein zweites Mal.

„Streber", murmelte James grinsend.

„Das habe ich gehört, James."

***

„Evans-"

„Nein!"

„Aber-"

„Nein, Potter!"

„Ich will doch nur-"

„Ich aber nicht!"

„Komm schon-"

„Verzieh dich, Potter!"

„Hör mir nur mal kurz zu."

„Ich sagte: Verzieh dich, Potter!"

„Und ich sagte: Hör mir zu."

„Lass mich in Ruhe!"

„Erst wenn du mir zuhörst."

„Nein danke, kein Bedarf!"

„Aber es ist wichtig."

„Verschwinde!"

„Hör mir zu!"

„Hau ab!"

„Hör mir zu!"

„JETZT HAU ENDLICH AB, POTTER!"

„JETZT HÖR MIR EINMAL ZU, EVANS!"

Feindselig starrten Lily und James sich an.

„Was willst du?", fauchte sie ihn schließlich an.

„Also, es gibt viele Dinge, die ich will. Zum Beispiel ein Date mit dir und ein Date mit dir und-"

„Verschone mich, Potter. Was wolltest du mir so Dringendes sagen?" Genervt sah Lily auf die Uhr.

„Slughorn schickt mich. Er will dich sehen. Jetzt, in seinem Büro." Lily stöhnte auf. Das letzte, auf das sie jetzt Lust hatte, war mit Professor Slughorn Tee zu trinken und seinen Erzählungen zu lauschen: Nur allzu gerne erzählte er stundenlang von den vielen berühmten Persönlichkeiten, die er schon alle hatte kennen lernen dürfen.

„Wenn du keine Lust hast, könntest du natürlich auch mit mir an den See kommen. Ich würde schon eine passende Ausrede für Slughorn finden." Anzüglich grinste James sie an.

„Nein danke, Potter. Lieber Slughorns stundelanges Geschwafel, als auch nur eine Sekunde mit dir!" Lily machte auf dem Absatz kehrt und eilte davon. Auf dem leeren Korridor bröckelte das arrogante Grinsen langsam von James Gesicht und hinterließ ein trauriges Lächeln.

***

Lily eilte zum See. Meist fand sie ihren besten Freund an dem von der Sonne erwärmten Ufer. So auch heute.

„Hey, Sev."

„Hey.", murmelte Severus und starrte weiter gedankenverloren auf den Riesenkraken, der seine Bahnen im See zog. Lily setzte sich direkt vor ihn, sodass er statt des Sees sie ansah.

„Sev, kommst du mit in Slughorns Büro?" Sie setzte einen Hundeblick auf. Er stöhnte genervt auf.

„Will er dich schon wieder voll quatschen? Du warst doch erst letzte Woche da."

„Ja. Er hat Potter zu mir geschickt." Bei James Namen zuckte Severus Kopf in die Höhe.

„Potter?" Er spuckte den Namen beinahe aus. „Was hast du ihm gesagt?"

„Ich habe ihn angeschrieen.", sagte Lily gleichgültig.

Snape blickte höchst zufrieden drein.

„Natürlich komm ich mit. Ich lass doch nicht zu, dass du den Schwafeleien ganz alleine ausgesetzt bist." Plötzlich war er bester Laune.

***

„Ah, Ms Evans. Und Mr Snape haben sie auch gleich mitgebracht. Wunderbar!" Slughorn klatschte höchst zufrieden in die Hände, als Lily und Severus sein Büro betraten. Er bedeutete ihnen, in den gemütlichen Ohrensesseln vor dem Kamin Platz zu nehmen und watschelte durch den Raum, auf einen kleinen Beistelltisch zu.

„Butterbier?", fragte er heiter und hielt zwei Flaschen ebendieses Getränkes in die Höhe. Höflich bejahten die beiden und er kam mit dem Butterbier, das er vor den beiden auf den großen Tisch in der Mitte des Raumes stellte, und einer Flasche Feuerwhisky für sich selbst zurück. Seufzend ließ er sich auf das breite Sofa sinken und blickte sie erwartungsvoll an.

„Nun, es freut mich, dass sie gekommen sind. Mr Potter scheint sie erreicht zu haben." Er wandte sich bei diesen Worten Lily zu. „Er war ja ganz scharf auf den Job. Aber er sagte, sie würden vielleicht nicht kommen können, da sie eigentlich liebend gerne mit ihm an den See gegangen wären."

Lily verdrehte die Augen und Severus ballte unter dem Tisch die Hände zu Fäusten, doch Slughorn schien das nicht zu bemerken.

„Ja ja, die Potters.", sagte er, als schwebe er in alten Erinnerungen. „Eine wunderbare Familie. Ich kenne sie natürlich alle." Seine Brust schien ein wenig anzuschwellen und Lily wunderte sich, dass die Knöpfe seiner Weste noch nicht abgesprungen und in alle Richtungen des Raumes geflogen waren. „Zum einen Harold Potter, der ehemalige Zaubereiminister. Ja, ich habe ihn persönlich getroffen. Netter Mann. Wir haben uns natürlich sofort blendend verstanden." Wieder lächelte er glückselig und griff dann in eine Schachtel gefüllter Pralinen, die geöffnet und halb leer vor ihm stand.

Und natürlich Michael und seine Frau... die berühmten Auroren. Wirklich nett. Gebildete Menschen, wissen gut bescheid, über das was da draußen so vorgeht. Tja, und dann der liebe James... äußerst begabt, das muss ich schon sagen. So ein liebenswürdiger, charmanter junger Mann."

Lily und Severus sahen sich an und wussten, dass sie dasselbe dachten. Lily verdrehte zu Snape die Augen. Er nickte zustimmend.

„Natürlich habe ich auch ihn schon in zu unseren netten kleinen Partys eingeladen. Aber er jedes Mal etwas vor. Hat viel zu tun mit Quidditsch... schließlich ist er ja der Kapitän. Da habe ich es aufgegeben ihn zu fragen. Wo wir schon beim Thema Party sind:", glücklich strahlte er sie an. „Die erste wird an Halloween stattfinden, hier in meinem Büro. Ich weiß, sie sind sicher schon ganz aufgeregt. Kommen sie doch in Verkleidung, das wird sicher interessant!"

Freundlich lächelte Lily und nickte dann ein wenig gezwungen.

„Natürlich werden wir viele Gäste haben... ein paar sehr angesehene Quidditschspieler und der Autor von ´Muggel –ihr Leben, ihre Welt´ werden auch dabei sein. Und sicherlich noch einige mehr." Wieder stopfte er sich eine Praline in den Mund.

Severus stieß Lily leicht den Ellenbogen in die Seite, um ihr zu bedeuten, dass es für ihn nun an der Zeit war, zu gehen.

„Ähm, Professor... wissen Sie, wir haben leider nicht mehr allzu viel Zeit... die ZAG´s, Sie wissen ja." Sie lächelte entschuldigend.

„Oh, natürlich, Ms Evans, natürlich. Ich alter, nerviger Professor halte sie noch von ihrem Studium ab... und ich weiß ja, wie viel es Ihnen bedeutet. Sie sind aber auch außerordentlich begabt. Dieser Trank, den sie in der letzten Stunde gebraut haben-" Slughorn geriet mal wieder in eine seiner endlosen Erzählungen und so schnitt Lily ihm das Wort ab.

„Natürlich halten sie mich nicht von meinem Studium ab, Professor und sie nerven mich auch nicht", log Lily. „Aber ich muss jetzt wirklich los." Sie schritt zur Tür, Severus im Schlepptau, und öffnete sie rasch. Mit einem Fuße auf dem Korridor drehte sich noch einmal um und rief ein kurzes „Auf Wiedersehen, Professor". Slughorn winkte fröhlich und schon war die Tür hinter Lily und Snape zugefallen.

„Was meinst du, wie lange wird es dauern, bis er mich das nächste mal rufen lässt?", fragte Lily. Severus grinste.