Frozen in Time

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by CarpeDiem

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Happy Birthday


„Ich muss schon sagen Mr. Kostan, diese Wohltätigkeitsaktion anlässlich Ihres Geburtstages ist eine wirklich feine Sache. Sie sind ein wichtiges Mitglied dieser Stadt, und weiß Gott, Sie leisten Ihren Beitrag so wie es sich für einen anständigen Geschäftsmann gehört."

Das großzügige Lob kam von Bürgermeister Howard Riley und Josef bedankte sich bescheiden dafür, während er sein Glas erhob und dem Bürgermeister zu prostete.

„Vielen Dank Herr Bürgermeister, aber ich tue nur das, was jeder verantwortungsvolle Bürger dieser Stadt tun sollte."

Josef trank einen Schluck Champagner und war im selben Moment froh, dass er den teuren Champagner ausgesucht hatte - und das hatte er keineswegs wegen seiner Gäste getan - denn das war der einzige, den man als Vampir durchaus trinken konnte. Er schmeckte beinahe nach gar nichts.

Die Worte des Bürgermeisters waren ehrlich gemeint gewesen und weil Josef das wusste, war auch sein Dank aufrichtig. Howard Riley war bereits annähernd 60 Jahre alt und zugegebenermaßen von den einflussreichen Geschäftsleuten und Firmen dieser Stadt verhältnismäßig leicht zu lenken - nur das hatte ihm genau genommen seine 2. Amtsperiode eingebracht - aber die Wohltätigkeitsarbeit lag ihm sehr am Herzen und er tat mit durchaus ersichtlichem Erfolg eine Menge, um das soziale Gefälle in Los Angeles ein wenig auszugleichen. Außerdem behängte er seine Gattin nicht so unverschämt protzig mit Diamanten wie es der Vizebürgermeister tat.

„Aber Mr. Kostan, seien Sie doch nicht so bescheiden. Sie tun bei weitem mehr und das finde ich sehr lobenswert", bemerkte die Frau des Bürgermeisters und obwohl sie für Josefs Geschmack eindeutig zu alt war, schenkte er ihr ein charmantes Lächeln.

„Vielen Dank Ma'am."

„Sagen Sie, Mr. Kostan, sind die Wiederaufbauarbeiten an ihrem Bürogebäude eigentlich mittlerweile abgeschlossen?"

Die Frage kam von Commissioner Thomas Hendrix. Für einen flüchtigen Moment fragte sich Josef warum er diesen Mann eigentlich zu seiner Geburtstagsfeier einladen hatte, doch dann fiel ihm ein, dass das hier in erste Linie eine Spendengala war, und nicht nur sein Geburtstag. Er hatte ihn also einladen müssen, immerhin war er der Police Commissioner.

Hendrix war nach der Explosion in Josefs Büro vor einem halben Jahr, bei der er nur knapp mit dem Leben davongekommen war, auf Josef aufmerksam geworden, und dieser Anschlag schien für Hendrix nun ein Indiz dafür zu sein, dass Josef Kontakte zur Mafia hatte, denn sonst fiel ihm anscheinen niemand ein, der gleich die komplette Etage eines Hochhauses in die Luft sprengen würde. Seitdem versuchte er Josef etwas nachzuweisen. Natürlich konnte er das nicht, denn Josef beschäftigte genau aus diesem Grund mehrere Leute, die dafür sorgten, dass seine Geschäfte und vor allem sein Privatleben und seine Vergangenheit bestens vor neugierigen Augen geschützt waren. Und da die Beweise für Hendrix' Vermutungen nun einmal nicht vorhanden waren, jagte er nun jeden Geist, der Ähnlichkeit mit Josef Kostan hatte.

„Ja, wir haben die neuen Vorhänge gestern aufgehängt", scherzte Josef mit einem Grinsen und die Runde aus Politikern und Staatsdienern lachte angesichts dieser Äußerung, wenn auch das Gesicht von Hendrix dabei etwas verkniffen aussah.

„Ich finde es bewundernswert Mr. Kostan, dass Sie sich nach diesem Anschlag auf Ihr Leben noch in der Öffentlichkeit zeigen. Ich glaube ich wäre zu Tode verängstigt", sagte die Frau des Bürgermeisters und legte sich betroffen einen Hand auf ihr großzügiges Dekolleté.

„Noch dazu, da die Hintermänner dieser Tat immer noch nicht gefasst worden sind", gab Hendrix zu bedenken und sah Josef dabei bedeutungsvoll an.

Josef hatte angegeben nicht zu wissen, wer versucht hatte ihn zu töten, und Hendrix vermutete, dass er mehr wusste, als er der Polizei gesagt hatte.

„Nun, das Leben muss weiter gehen. Und es gibt immer jemanden, der einem erfolgreichen Geschäftsmann wie mir nach dem Leben trachtet", antwortete Josef und wollte gerade zu einer weiteren Bemerkung ansetzen, um den Commissioner noch etwas zu ärgern, als er spürte wie ihm jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Josef drehte den Kopf und sah seinen Assistenten Stephen hinter sich stehen.

„Entschuldigen Sie Mr. Kostan, aber ich habe hier einen dringenden Anruf für Sie", erklärte der junge Mann mit den langen, blonden Haaren, die ihm Nacken zusammengebunden waren und hielt ein keines, schwarzes Mobiltelefon in die Höhe.

„Ich sagte doch, ich möchte nicht gestört werden, Stephen. Lassen Sie wer auch immer mich sprechen möchte ausrichten, dass ich morgen zurückrufen werde", antwortete Josef und wollte sich wieder seinem Gespräch zuwenden, doch Stephen hielt ihn auf.

„Mr. Kostan, der Anruf ist aus New York."

Stephen sah Josef eindringlich an und hielt ihm das Telefon entgegen. Natürlich wusste er nicht alles über seinen Arbeitgeber, aber er wusste genug um die Wichtigkeit dieses Anrufes zu erkennen.

Josef brauchte einen Moment, bis er in der Lage war nach dem Handy zu greifen. Er starrte das kleine, schwarze Telefon an und für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen. Ein Anruf aus New York bedeutete entweder das Schlimmste oder aber ein Wunder. Josef stoppte den Gedanken bevor er sich auch nur in irgendeine Richtung entwickeln konnte. Dann griff er mit einer zu schnellen Bewegung nach dem Handy und seine Finger umschlossen es noch bevor irgendjemand gesehen hatte, dass er überhaupt vorgehabt hatte danach zu greifen. Dass ihn die Umstehenden Gäste, insbesondere Commissioner Hendrix, verblüfft ansahen, bemerkte er nicht einmal.

„Josef Kostan?"

„Mr. Kostan, hier ist Polly. Sie werden nicht glauben was eben passiert ist, es ist ein Wunder! Sarah ist aufgewacht."

Für einen langen Moment hielt Josef das für einen Scherz und wenn es tatsächlich ein Scherz sein sollte, dann war es ein äußerst Makaberer. Doch als niemand reingefallen rief, begannen sich Pollys Worte langsam in Josefs Denken festzusetzen und löschten dabei jeden anderen Gendanken aus. Ein Teil von ihm wollte dieser Nachricht bedingungslos Glauben schenken, aber Josef ließ es nicht zu.

„Mr. Kostan, haben Sie gehört was ich gesagt habe? Sarah ist aufgewacht. Als ich vorhin bei ihr war, um die Vorhänge zu schließen, hat sich ihre Hand bewegt. Ich wollte es zuerst nicht glauben, aber dann ist sie aufgewacht und hat die Augen geöffnet."

Ein weiterer langer Moment verging, in dem Josef tausend Gedanken durch den Kopf schossen. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, formulierte er den Wichtigsten von ihnen.

„Geht es ihr gut?", fragte er und seine Stimme klag rau und die Zeit, die Polly brauchte um zu antworten, brachte ihn beinahe um den Verstand. Warum mussten Menschen nur so langsam sein?

„Ja, was ihren physischen Zustand anbelangt schon. Sie ist bei vollem Bewusstsein und ansprechbar, aber sie ist ziemlich verwirrt und sie hat Angst."

„Geben Sie sie mir."

Josefs Finger schlossen sich fester um das kleine Telefon, während er wartete, und er musste sich daran erinnern seinen Griff wieder etwas zu lockern, wenn er das Handy nicht zerbrechen wollte. Und dann hörte er Sarahs wunderschöne, glockenhelle Stimme.

„Charles?"

In diesem Moment schaffte er es nicht länger nicht daran zu glauben, dass das unwahrscheinlichste aller Wunder tatsächlich geschehen war. Noch hatte er es nicht gewagt dieses Wissen an sich heranzulassen bis er wusste, ob es tatsächlich wahr war. Er hatte gewusst, dass er eine Enttäuschung nicht würde ertragen können, aber jetzt wo er ihre Stimme hörte, konnte er es nicht mehr. Sarah war aufgewacht. Das Wunder auf das er seit über 50 Jahren gewartet hatte, war geschehen, obwohl er die Hoffnung beinahe aufgegeben hatte. Er wusste, dass es kitschig klang, aber in diesem Moment, als die Stimme seiner Sarah an seine Ohren dran, konnte er förmlich hören wie die Engel Halleluja sangen.

„Sarah. Oh mein Gott, Sarah!", antwortete Josef überglücklich, unfähig dieses Gefühl auch nur ansatzweise in Worte zu fassen.

„Charles, was ist passiert? Ich verstehe das alles nicht", sagte Sarah und Josef konnte hören wie ihre Stimme zitterte.

„Beruhige dich Sarah. Es ist alles in Ordnung. Polly wird dir einen Brief geben in dem ich dir alles erklärt habe. Ich werde in etwa 5 Stunden bei dir sein, mein Engel. Ich mache mich sofort auf den Weg. Bitte, bleib im Haus und warte auf mich, versprich mir das", forderte Josef mit sanfter Stimme, doch in Gedanken fluchte er verärgert. Warum musste es von Los Angeles nach New York so weit sein?

„In Ordnung. Ich werde auf dich warten. Ich verspreche es. Ich liebe dich, Charles."

Josef atmete erleichtert auf. Sarah schien sich weitgehend unter Kontrolle zu haben, was ein sehr gutes Zeichen war. „Ich liebe dich auch, mehr als mein Leben. Ich bin so schnell ich kann bei dir."

Dann legte Josef auf und ließ das Handy in die Tasche seines Anzugs gleiten, bevor er sich an Stephen wandte. Seine Gäste, die das Telefonat mit neugierigen Blicken verfolgt hatten, nahm Josef gar nicht mehr wahr.

„Lassen Sie sofort meinen Jet startklar machen, nur die Piloten, keine Bordcrew. Ich will so schnell es geht in New York sein. Und schicken Sie meinen Wagen vor die Tür, ich reise augenblicklich ab."

Stephen nickte. „Ist bereits erledigt Mr. Kostan. Ihr Wagen wartet draußen auf Sie."

Josef sah ihn verwirrt an, bis er das kleine silberne Handy in der Hand seines Assistenten entdeckte. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Stephen bereits alles in die Wege geleitet hatte. Josef nickte zufrieden. Er wusste schon warum er Stephen eingestellt hatte. Er wusste immer was Josef wollte, noch bevor er selbst wusste.

Tief in Gedanken ging Josef zielstrebig und mit schnellen Schritten durch den Saal und bemerkte dabei keinen seiner Gäste, die versuchten ihn anzusprechen. Dann verließ er das Gebäude und stieg in seine schwarze Limousine, die dort bereits auf ihn wartete.

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„Meine Damen und Herren, dürfte ich Sie für einen Moment um Ihre Aufmerksamkeit bitten?"

Mick drehte den Kopf zur Bühne auf der im Hintergrund das Orchester gespielt hatte, das nun verstummt war, und sah dort Josefs Assistenten Stephen, der sich mit einem Mikrofon in die Mitte gestellt hatte. Die Gespräche in dem großen Saal verstummten nach und nach bis das Stimmengewirr zum Erliegen gekommen war und Stephen die Aufmerksamkeit aller Gäste hatte.

„Zuerst einmal möchte ich Ihnen allen im Namen von Josef Kostan danken, dass Sie ihn heute Abend anlässlich seines 26. Geburtstages mit Ihrer Anwesenheit beehren. Bedauerlicherweise muss ich Ihnen mitteilen, dass Mr. Kostan aus persönlichen Gründen gezwungen war die Feierlichkeiten zu verlassen, doch er bittet Sie alle sich auch ohne ihn weiterhin zu amüsieren. Wie Sie alle wissen gehen sämtliche Spenden, die Sie heute Abend für Mr. Kostan tätigen, an gemeinnützige Projekte hier in Los Angeles, und ich danke Ihnen stellvertretend für Mr. Kostan für jede einzelne dieser Spenden. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit."

Stephen verließ die Bühne und das Orchester begann auf ein Zeichen von ihm hin wieder zu spielen.

Mick runzelte die Stirn, während Beth ihn fragend ansah.

„Was für persönliche Gründe?", fragte sie, aber Mick zuckte lediglich mit den Schultern. Er war in dieser Beziehung nicht schlauer als Beth es war, aber es musste etwas wirklich Wichtiges passiert sein, sonst würde Josef nicht seine komplette Geburtstagsgesellschaft einfach so hier stehen lassen.

Er nahm Beths Hand und ging mit ihr zusammen durch den Saal um Stephen abzufangen, der gerade auf dem Weg nach draußen in die Eingangshalle war.

„Stephen, warten Sie einen Moment."

Josefs Assistent blieb stehen und drehte sich um. „Mr. St. John, Ms. Tuner, was kann ich für Sie tun?"

„Können Sie mir sagen, wohin Josef gegangen ist?"

Stephen schien einen Moment zu überlegen, doch dann nickte er. „Ich denke es geht in Ordnung, wenn ich es Ihnen sage. Mr. Kostan ist nach New York geflogen, nachdem er einen Anruf von dort erhalten hat. Sarah Whitley ist aufgewacht."

Mick starrte ihn an, als die Worte ihn erreicht hatten. Das war einfach unmöglich.

„Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden", sagte Stephen, der sein kleines, silbernes Handy bereits in der Hand hatte, und als Mick nickte, machte er sich auf den Weg nach draußen.

Mick drehte seinen Kopf zu Beth und während er noch Mühe hatte diese Nachricht zu verdauen, sah er wie sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete, als sie durch die Türen der Eingangshalle ziellos nach draußen auf den Verkehr blickte.

„Happy Birthday, Josef."

tbc.