Kapitel 2: Alte Bekannte und neue Begegnungen

Ich wusste nicht, wie lange ich ohnmächtig gewesen war. Der Schmerz, den ich beim Auftreffen des Strahls „vermisst" hatte, stellte sich jetzt mit überraschender Stärke ein. Ich musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzuschreien. Doch da war noch etwas anderes, ich wusste allerdings nicht was. Es fühlte sich an, als hätte man mich in eine eigenartige, viel zu kleine Form gepresst und erst wieder herausgelassen, als mein Körper die besagte Form exakt angenommen hatte. Ich winselte. Moment mal – winselte? Was zum Teufel war mit mir los? Ich versuchte, die Augen zu öffnen, aber es wollte mir nicht gelingen. „Bist du wach?", fragte mich eine Stimme, eine Jungenstimme, die ich noch nie gehört hatte und die mir doch eigenartig bekannt vor kam. „Schon gut, ruh dich aus, dass wird schon wieder." Ich nahm alle meine Kraft zusammen und formte die Worte: „Was ist passiert?" „Ich erkläre es dir später. Ruh dich jetzt aus!" Schritte entfernten sich. „Hallo?" Niemand antwortete mir. Dann öffnete sich eine Tür. Mir diesmal absolut bekannte Stimmen erschallten. „Was ist passiert? Meine Tochter – was ist mit ihr?" Das war Mama! „Hier bin ich!", wollte ich rufen, doch es kam nur ein leises Flüstern aus meiner Kehle. Selbst das Sprechen fühlte sich eigenartig an. Keiner schien meine Worte bemerkt zu haben, vermutlich hatte ich zu leise gesprochen. Ich fühlte mich jedoch nicht in der Lage, lauter zu sprechen. Also gab ich mich meinem Schicksal hin und lauschte den Stimmen. „Es tut mir unglaublich leid…" Jetzt war es Mister Pokémon, der sprach. „Es war ein Unfall. Ich arbeitete noch an dem Experiment, und als dieses zum ersten Mal klappte, schrie ich vor Freude auf. Da es zuvor einen lauten Knall gab, muss Hermine gedacht haben, mir sei etwas zugestoßen und sie trat ein. Einen kleinen Moment zu früh. Der Strahl hat sie voll erwischt." Ich konnte mir förmlich vorstellen, wie Mama blass wurde. Ich wurde es vermutlich auch. „Was für ein Strahl?", fragte sie leise. „Er verändert die Substanz des Körpers. Eigentlich war er noch viel zu schwach, um bei Menschen zu wirken, bisher konnte ich nur Erfolge bei Mikroorganismen und einigen Pflanzen verbuchen." Ich drohte, erneut ohnmächtig zu werden. Man hatte meinen Körper verändert? Wie das? Durch den Strahl. Aber… wer oder was war ich jetzt? Benommen startete ich einen weiteren Versuch, meine Augen zu öffnen, und diesmal gelang es mir. Dennoch konnte ich nichts sehen. War ich etwa blind? Dann erkannte ich jedoch einen schwarzen Vorhang und war doch einigermaßen erleichtert. Wenigstens war ich kein Maulwurf. Im nächsten Moment hätte ich mich selbst schelten können – jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt für Ironie! Überall um mich herum hingen schwarze Vorhänge, sodass ich nicht in der Lage war, etwas von meiner Umgebung oder mir selbst zu erkennen. Als nächstes ergriff Professor Lind, der ebenfalls anwesend war, das Wort: „Wir vermuten, dass der Teil der DNA, der für ihre äußere Erscheinung, ihren kompletten Körper zuständig ist, entweder mit denen eines Pokémon vermischt beziehungsweise in selbige verwandelt wurde. Oder…" „Also…ist sie jetzt ein Pokémon?", flüsterte meine Mama. Ihre Stimme bebte vor Verzweiflung und drohte zu brechen. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen und wäre am liebsten wieder ohnmächtig geworden. Das konnte, es durfte einfach nicht wahr sein! „Ich fürchte schon. Es kann sein, dass die Wirkung mit der Zeit nachlässt, aber auch, dass sie für immer so bleiben muss. Unser Wissensstand ist viel zu gering, als dass wir nähere Prognosen machen könnten. Es ist mir sowie so ein Rätsel, wieso der Strahl bei ihr Wirkung zeigte. Noch nicht einmal Mäuse reagierten darauf…!" Mister Pokémon klang verzweifelt, ich spürte, dass er die Wahrheit sagte. Das half allerdings absolut nicht, mich zu beruhigen, im Gegenteil. Gott, in was war ich hier nur hineingeraten? Und, noch viel wichtiger, wie kam ich wieder heraus? „Kann ich sie sehen?", fragte Mama. Noch immer kam nichts als ein leises Flüstern über ihre Lippen. „Bitte" Einer der Vorhänge wurde zur Seite geschoben. Blendendes Licht traf mich, und ich schloss schnell wieder die Augen. Ich musste die ganze Nacht hindurch ohne Bewusstsein gewesen sein. „Ein… Ein Endivie…?", hörte ich Mama stammeln.

Das war es also. Ich war ein Endivie. In diesem Moment wurde ich wieder von einem bleiernen Schlaf überwältigt, sodass ich nichts von den weiteren Geschehnissen um mich herum mitbekam.

Als ich wieder aufwachte, waren die Vorhänge zurückgezogen. Dennoch war es dunkel im Raum. Ich hörte das Klackern einer Tastatur. Vermutlich war Mister Pokémon auf der Suche nach einer Lösung für das Problem. Der Mond schien zum Fenster hinein. Es war Nacht. Sein Licht beleuchtete einige silbrige Apparaturen neben mir. Ich hing an einem Tropf, außerdem blinkten allerlei verschiedene Linien und Muster über einen Bildschirm, von denen ich nur die wenigsten erkannte. Das eine war die Herzschlagkurve, ein eigenartiges, schlangenartiges Gebilde zeigte vermutlich meine DNA in ihrem derzeitigen Zustand an. Vielleicht versuchte er sie wieder zu ändern. Sollte mir recht sein. Mein Kopf fühlte sich schwer an, außerdem tat mir noch immer alles weh. „Ah, du bist wach!" Mister Pokémons Kopf erschien neben dem Monitor und blickte mich traurig an. „Tut mir leid, dass das passiert ist. Ich weiß auch nicht, wie…" „Versuchen sie einfach, es schnellstens wieder in Ordnung zu bringen", erwiderte ich, doch er schaute mich nur mitleidig an. „Ich kann auch deine Worte nicht mehr verstehen. Vom Körper her bist du jetzt komplett ein Endivie." Man sah ihm die Verzweiflung an. Mitleid hatte ich trotzdem keins mit ihm. Schließlich war es auch irgendwie seine Schuld. Klar, ich war einfach ins Haus gerannt, aber warum musste er auch so schreien? Und derartige Experimente machen, wenn Besuch anstand? Ich wollte mich aufsetzen, was sich als erste Hürde erwies. Ich kannte diesen Körper nicht, und die mir unbekannte Anordnung meiner Gliedmaßen sowie die neuen, steuerbaren Körperteile wie das Blatt auf meinem Kopf und die Samen an meinem Hals machten jede Bewegung zu einem kleinen Abenteuer. Ich versuchte den linken Arm zu heben. Nichts geschah, außer dass an meinem Hinterteil etwas zu zucken begann – ich wedelte mit dem Schwanz! Mister Pokémon gluckste. Wütend wollte ich ihm an den Kopf werfen, dass das nicht im Entferntesten witzig war, als mir einfiel, dass er mich nicht verstehen konnte. Entmutigt unternahm ich einen erneuten Versuch und diesmal klappte es. Fünf Minuten später saß ich halbwegs ordentlich. Doch viel Zeit zum Freuen blieb mir nicht. Erneut wurde ich müde und vom Schlaf übermannt.

Mein nächstes Erwachen erfolgte um die Mittagszeit. Mister Pokémon war nicht zu Hause, ich war allein. Zumindest dachte ich das zunächst. Als erstes fiel mir auf, dass ich nicht mehr am Tropf hing. Vor mir stand eine Schüssel mit Salat. In diesem Moment bemerkte ich, wie hungrig ich war. Binnen Sekunden hatte ich alles verputzt und auch das Wasserschälchen leergeschleckert. Das Aufstehen und auch der Gebrauch meines neuen Körpers, der mir in der Nacht noch solche Probleme bereitet hatte, ging jetzt schon wie von allein. Obwohl meine Situation furchtbar aussichtslos war, konnte ich nicht anders, als mich zu freuen. Wenigstens ein kleiner Fortschritt! Auch die Müdigkeit war noch nicht zurückgekehrt, also sprang(!) ich vom Bett herunter und lief im Haus herum. Ich war noch nie bei Mister Pokémon gewesen und seine Bleibe war genauso fantastisch, wie immer berichtet wurde. Überall Poster von Entwicklungen, komplizierten Formeln, an die Wand gepinnte Notizen, die ich nicht lesen konnte, dutzende Bücherregale voller teurer, schwieriger Fachliteratur. Plötzlich jedoch fiel mir der Besucher vom Tag zuvor wieder ein, den ich irgendwoher zu kennen glaubte. Außerdem hatte er meine Worte verstanden, also konnte er kein Mensch sein. War er auch ein Pokémon? Wie als Antwort auf diese Frage trat mein Karnimani, das Pokémon, das mir der Professor zum Schutz mitgegeben hatte, hinter einem Bücherregal hervor. „Du bist wach? Gut, dann können wir ja gehen." Es hatte die gleiche Stimme wie mein gestriger Besucher. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Das erklärte auch, warum er mir so bekannt vorgekommen war. „Hä? Gehen? Wohin denn? Warum überhaupt? Was soll das? Wenn ich hier weggehe, komme ich nie wieder in meinen Körper zurück!" Zu meiner Erleichterung verstand er mich tatsächlich. „Der versucht gar nicht, einen Rückweg zu finden. Im Gegenteil. Er wirkte ganz begeistert und murmelte etwas von bahnbrechendem Fortschritt und endlich neuem Forschungsmaterial" „Was? Das glaub ich nicht!" „Musst du auch nicht. Dann geh ich eben allein. Aber dann hast du niemanden mehr, dem du trauen kannst, das ist dir klar, oder?" Fordernd sah er mich an. „Woher weiß ich denn, dass ich dir trauen kann?" „Ich kann es nicht beweisen, aber du kannst es. Wieso sollte ich dich denn anlügen?" „Keine Ahnung. Ich kenn dich doch noch gar nicht." „Schön, dass du mitkommst." „Ich hab nicht gesagt…" „Du sagtest noch. Also kommst du mit." Ich seufzte. Der Kerl hatte eine verdammt gute Menschenkenntnis. Hmm… Pokémonkenntnis wohl eher… Ach egal. Er hatte ja recht. Aus irgendeinem Grund vertraute ich ihm. Und ich würde mit ihm gehen. „Ja ja, ich komm mit. Aber wohin gehen wir überhaupt?" „Wir suchen nach einer Lösung für dein Problem, ist doch klar!" „Hm, aha. Und wo?" „Da, wo sich Anhaltspunkte finden." Da er anscheinend keine Lust hatte, mir genaueres zu verraten, gab ich mich mit vorerst zufrieden. „Mister Pokémon wird bald zurückkommen. Wir müssen uns beeilen!" Aufregung und irgendwie auch Freude schwangen aus mir unbekannten Gründen in seiner Stimme mit. Nur ein was musste ich unbedingt noch wissen, bevor wir aufbrachen. „Wie heißt du eigentlich?" Er grinste mich an. „Fred, und du bist Hermine, nicht wahr?" „Mhm", sagte ich nur. Doch es schien ihm als Antwort zu genügen. Wir hörten bereits Schritte vor der Haustür und machten uns daher schnellstens durch die Hintertür davon.