Ein Deal

„Was ich am meisten will?", fragte das Mädchen, wendete sich von ihm ab und sah aus dem Fenster. „Eine Zukunft!", antwortete sie. Lucifer sah erstaunt auf das junge Mädchen. „Eine Zukunft? Du bist jung, hübsch, talentiert, von dem was ich unten gehört habe! Was steht dir im Weg eine Zukunft selbst aufzubauen?" Das Mädchen sah ihn kurz an, seufzte und drehte sich dann endgültig zu ihm um. „Sie haben Recht. Ich habe all das und ich könnte mir auch selbst eine Zukunft aufbauen und ich war auch auf dem besten Weg. Aber gestern war ich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort!" Lucifer nahm einen weiteren Schluck von seinem Drink und setzte sich auf seine sehr teuer aussehende orangene Couch. Das Mädchen erzählte weiter: „Ich war auf einem openAccess-Konzert im Industrieviertel…" „Welches?", unterbrach sie Lucifer und setzte sich ein Stück auf. „Im Süden der Stadt…" Das Mädchen sah ihn ernst an. Lucifer nahm einen weiteren Schluck. „… ich wollte nach dem Konzert durch die Gassen zwischen den Hallen nach Hause gehen, aber dann in einer dieser Hallen…" „Hast du einen Mord beobachtet. Haben dich die Täter gesehen?", fragte Lucifer interessiert. Das Mädchen nickte und er seufzte. „Zum Teil zumindest, aber es war genug. Deswegen bin ich hier. Ich brauche ihre Hilfe! Ich brauche einen Neuanfang, irgendwo, aber ich kann nicht einfach verschwinden. Ich bin wohl die einzige Zeugin und diese Mörder dürfen nicht einfach entkommen! Sie helfen mir und ich helfe Ihnen!", offerierte sie ihm.

„Was ist passiert?", fragte der Clubbesitzer und lehnte sich wieder zurück. Das Mädchen seufzte tief und sagte: „Im Grunde nichts. Ich bin nach dem Konzert nach Hause und bin an einer Lagerhalle vorbeigekommen, deren Tor halboffen stand. Dann hörte ich ein Schuss und der Mann fiel tot um. Ich muss wohl ein Geräusch verursacht haben, das sie gehört haben und mich dann bemerkt. Aber ehrlich, ich mein, die haben ihn erschossen! Einfach so! Ich hab zwar schon zuvor halbtote Junkies gesehen, aber das…" Das Mädchen drehte sich abrupt weg und atmete tief ein und aus, schloss kurz die Augen und wiederholte diese Atemübung. Lucifer saß weiterhin dort auf der Couch und sagte kein Wort. Nach einer kurzen Weile sprach das Mädchen weiter: „Ich bin weggerannt. Die Männer hinter mir her. Leider kenne ich mich da im Industrieviertel nicht so gut aus und bin wieder an der gleichen Halle angekommen. Zum Glück hatten sie keine Wache dagelassen! Ich habe mich dann schnell unten den Kisten, die da links gegenüber an der Ecke standen, versteckt und naja… hab die Männer beobachtet und belauscht. Und dann heute Morgen auch Sie und ihre Kollegen. Checken Sie eigentlich nicht die Umgebung?" Sie drehte sich um und legte den Kopf schief und fragte zusätzlich: „Und wie kommt es, dass ein Clubbesitzer bei der Polizei arbeitet?" Lucifer schnaubte kurz und trank den letzten Rest seines Drinks. „Ich bin der Teufel. Leute zu bestrafen ist mein Job!" Jetzt musste das Mädchen kichern. Lucifer sah sie irritiert an. „Was? Glaubst du mir nicht, dass ich der Teufel bin?" „Selbstwenn, die Polizei bestraft nicht die Bösen; sie fängt die Bösen. Der Richter urteilt über sie! Also müssten Sie eigentlich einen Richterjob übernehmen!", meinte das Mädchen achselzuckend.

Nun sah Lucifer Morningstar sie überrascht und irgendwie fasziniert an. Das Mädchen drehte sich wieder weg und sah aus dem Fenster hinauf in den Sternenhimmel. „Werden Sie mir nun helfen?", fragte sie leise. „Was ist mit deinen Eltern?", fragte der Clubbesitzer. Das Mädchen lächelte traurig und sagte: „Um Ihre Metapher fortzuführen. Sie sind bei Ihrem Vater im Himmel, zumindest hoffe ich das. Sie waren gute Menschen!" „Nun, das kann man nur hoffen! Aber sie tun mir jetzt schon leid, die silberne Stadt ist ziemlich langweilig. Aber hast du niemand anderen, der dir helfen könnte? Tante, Onkel, Freunde…" Das Mädchen unterbrach ihn barsch: „Damit ich über die ein Todesurteil verhänge? Diese Männer wollen mich töten! Ich kam hierher, um Ihnen alles zu erzählen, damit Sie es der Polizei sagen können, aber naja... da Sie bei denen arbeiten, nehm ich sozusagen den kurzen Dienstweg. Sie sollen mir, bitte, im Gegenzug eine neue Identität beschaffen und dann bin ich weg!" „Sie haben dich nur kurz gesehen? Sie kennen nicht deinen Namen. Wie sollen die dich finden? Los Angeles ist riesig!", warf Lucifer erneut ein. „Meinen Namen, also zumindest meinen Künstlernamen und wo ich schlafe wissen die wahrscheinlich schon!", erklärte das Mädchen müde. Lucifer sah sie fragend an. Das Mädchen seufzte, setzte sich auf einen der freistehenden Sessel, ignorierte Lucifers missbilligenden Blick und sagte: „Ich war auf dem Konzert und das haben sie ja auch vermutet und sie wollten dann auch dahin und sich nach mir erkundigen. Eine Beschreibung hatten sie ja, ich meine ich trug nicht mehr meine lila Perücke, aber ich hatte immer noch mein Stageoutfit an und naja… das reicht; in der Szene kennen mich einige!"

„Dann sind deine Freunde und Familie doch in Gefahr!" Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Die Leute wissen nur, dass meine Eltern tot sind und kennen nur meinen Künstlernamen, nicht meinen richtigen. Sie wissen nicht, wo ich herkomme oder kennen meine Freunde oder Familie." „Wo lebst du?", fragte Lucifer ernst. „In Los Angeles." „Sehr witzig, junge Dame! Ich will eine ehrliche Antwort. Der Teufel hasst Lügner!" „Ich lüge nicht! Ich lebe in Los Angeles", protestierte das Mädchen, sah dem Clubbesitzer aber nicht in die Augen. „Mhm, auf der Straße, nicht wahr? Auch wenn deine Aussprache nicht typischer Gossenslang ist, dein Auftreten und die Tatsache, dass du mir keine klare Antwort geben willst, sprechen dafür", konterte Lucifer. „Und wenn schon. Was interessiert Sie das? Ich gebe Ihnen alle Infos, die Sie brauchen und ich bekomme dafür einen neuen Namen und kann irgendwo neu anfangen!", meinte das Mädchen erschöpft. Die lange gestrige Nacht und der vergangene Tag forderten langsam ihren Tribut. Lucifer sah sie lange an. „Ich werde dir helfen, aber unter meinen Bedingungen!" „Und die wären?", fragte das Mädchen. „Du verschwindest erst mit neuen Dokumenten, wenn alle Männer im Knast sind und ich sicher sein kann, dass ich meinen Part des Deals einhalten kann. Auch wenn du es vielleicht bezweifelst der Teufel steht zu seinem Wort! Solange deine Sicherheit also nicht garantiert ist, bleibst du an einem sicheren Ort!", sagte er ernst.

Das Mädchen sah auf und fragte sauer: „Und wo bitte schön wollen Sie mich einsperren?" „Wer sagt, dass ich das tue?", fragte Lucifer verschmitzt und stand auf. „Diese Männer suchen jemanden aus der Straßenszene, ein Streetkid. Du sagtest niemand kennt deinen wahren Namen, also wirst du unter deinem wahren Namen mit kleiner Änderung ein ganz normales langweiliges Leben führen, zur Schule gehen, lernen, schlafen. Alles was ihr kleinen Menschen ebenso macht!" Das Mädchen sah ihn fassungslos an. „Okay, erstens ich bin kein kleiner Mensch! Ich bin vierzehn Jahre alt! Zweites, das meinen Sie doch nicht ernst, dass ich irgendwo einfach leben soll?! Und wo bitte schön? Vielleicht in einem Heim? Dann lassen Sie sich sagen, war ich schon und nie wieder!", meinte sie erbost. „Oh doch, mein voller Ernst! Wenn du versteckt wirst, wird das nur Fragen aufwerfen und eine Spur legen. Das Lux ist weit entfernt vom Tatort und wie ich vermute deinem normalen Umfeld?" Er sah sie fragend an und sie nickte zögernd. „Ja, schon, aber was hat das damit zu tun?" „Nun, du hast dich in meinen Club geschlichen…" „Hey, ihr Türsteher hat mich reingelassen! Ich musste einfach nur lächeln!" Lucifer sah sie kurz überrascht an. „Wie dem auch sei", meinte er dann streng und fuhr fort: „Alle haben dich spielen sehen! Spielst du auch in der Szene Klavier?" „Nein, ich singe. Manchmal begleiten mich ein paar Jungs, aber Klavier habe ich seit Jahren nicht mehr gespielt. Das letzte Mal war…" Das Mädchen holte tief Luft und blinzelte die Tränen zurück. „…war mit Dad." Lucifer nickte und entschied: „Nun denn, dann ist es geklärt. Du bleibst hier!" „Was? Wieso geklärt?", unterbrach das Mädchen ihn. Lucifer sah sie irritiert an. „Du bist ein Kind! Du kamst hierher, weil du Hilfe brauchst. Du hast keine Eltern mehr und offensichtlich fühlt sich auch niemand sonst für dich verantwortlich! Wo Mädchen wie du enden, ob sie es wollen oder nicht, habe ich über Äonen oft genug erlebt und die Schuld geben sie sich alle am Ende selbst! Was dazu führt, dass sie in der Hölle enden!" Lucifer atmete nach dieser Tirade kurz durch. Das Mädchen sah ihn sprachlos und mit offenem Mund an.

„Also ja, du bleibst hier! Ich werde mit dem Detektive sprechen und es arrangieren. Sie wird mir zustimmen, dass das am Unauffälligsten sein wird und du kannst auch Zeit bei ihr und ihrem Kind verbringen! Weit weg von diesen Männern!", sagte er nun in einem ruhigeren Ton. Das Mädchen entgegnete sarkastisch: „Und natürlich fällt es überhaupt nicht auf, wenn ein Multimillionär plötzlich ein Mädchen beherbergt!" „Nun, wir brauchen eine Erklärung, wie du in meinen Club kommen konntest! Einfachste Lösung: Du bist meine Nichte! Glaub mir, dass wird kaum jemand hinterfragen. Ich habe einen Haufen Geschwister und mein Bruder, der hier in der Stadt ist, wird dabei gerne mitspielen." „Warum sollte er?", fragte das Mädchen. „Weil er Ärger mit Daddy hat und sich beweisen will! Was wäre besser, als ein junges Mädchen zu beschützen, das niemanden mehr hat?" Das Mädchen sah ihn immer noch skeptisch an.

„Warum tun sie das wirklich? Ich mein, ich bitte Sie nicht, mich zu beschützen! Sie können mir einfach neue Papiere beschaffen und ihr Teil des Deals wäre abgeschlossen, oder? Dann würde ich Ihnen nicht auf die Nerven fallen. Der Teufel ist nicht gerade dafür bekannt, Kinder oder Jugendliche zu mögen!" „Oh glaube mir, ich verabscheue Kinder im Allgemeinen! Meine Gründe habe ich dir schon genannt. Es ist nicht mein Problem, wenn du mir nicht glaubst." Das Mädchen sah nicht gerade überzeugt aus. Lucifer strich sich genervt über das Gesicht und meinte leise: „Aber… ich habe… nun ja der Detektive meinte, dass das Richtige zu tun… helfen kann, die Schuld zu mindern, die ich spüre." Das Mädchen sah ihn fragend an, aber Lucifer hob abwehrend die Hände und sagte: „Frag nicht! Wie auch immer" Er schenkte sich einen weiteren Drink ein. „Das ist der Deal! Nimm ihn an oder lass es!" Wenn ich ihn annehme, dann könnten diese Mörder gefunden und bestraft werden. Aber kann ich ihm vertrauen? Auf der anderen Seite hab ich eine andere Wahl? Wohl kaum! Also was solls, ich will Gerechtigkeit und er kann sie mir geben. Hoffentlich hält er sein Wort! Sie sah kritisch auf und wiederholte: „Sie verstecken mich also hier vor aller Augen, ich geben Ihnen alle Informationen und Phantomzeichnungen der Männer und wenn die alle im Gefängnis sind, dann sorgen Sie dafür, dass ich irgendwo ein neues Leben anfangen kann?" Lucifer nickte, ging mit einem neuen Drink auf das Mädchen zu und streckte die Hand aus. „Deal?" „Deal!" Das Mädchen nahm die Hand und schüttelte sie kurz.

„Wundervoll! Dann werden ich jetzt den Detektive anrufen!" „Welchen Detektive? Die Blonde oder den Mann?", fragte das Mädchen. Lucifer drehte sich kurz zur ihr um und hatte das Handy schon am Ohr, als er antwortete: „Die blonde Frau… ah Detektive, es tut mir leid, dass ich ihren Mädelsabend abkürze, aber es hat sich etwas in unserem Fall entwickelt. Könnten Sie bitte ins Lux zurückkommen? Bringen Sie Linda, Maze und Miss Lopez ruhig mit. Ja…. Mhm,…Gut. Danke, Detektive!" Lucifer beendete das Gespräch und meinte: „Sie kommt." Das Mädchen nickte und lehnte sich müde in den Sessel zurück. Lucifer zog eine Grimasse und meinte: „Wenn du nun hierbleibst, würde ich es begrüßen, wenn du nicht mit dreckigen Klamotten auf meinen teuren italienischen Möbeln sitzen würdest!" Das Mädchen sah ihn genervt an. „Ich hatte heute andere Prioritäten, als duschen im Sinn. Sorry!" Lucifer seufzte genervt und meinte: „Ich habe hier ein vollausgestattetes Badezimmer. Dusche und ich lasse dir ein paar Kleidungsstücke holen, die du anziehen kannst." Das Mädchen erhob sich, hielt kurz inne und meinte: „Ich habe frische Kleider in meinem Rucksack. Der liegt draußen unter ein paar Kartons in der Gasse. Ich kann ihn schnell holen." „Bleib! Ich lasse ihn holen. Du verlässt das Penthouse nicht bis alles mit dem Detektive geklärt ist!" Lucifer zeigte ihr das Badezimmer und lies sie dann allein. Das Mädchen sah sich in diesem Luxusbad um und stieg in die Dusche, die so groß war, dass bequem drei erwachsene Menschen darin Platz gehabt hätten. Das Mädchen seufzte kurz und stellte sich unter den heißen Strahl. Nicht drüber nachdenken! Ich hoffe, ich bereue diesen Abend und diese Entscheidung nicht!