Kapitel 1

sechs Monate später.

Mit einem leichten Seufzer lehnte Grace sich zurück, rutschte tief in ihren Bürostuhl und schloss noch einmal die Augen. Die Nacht war nicht so geruhsam, wie die hübsche Agentin es sich erwünscht hatte, sie war immer noch erschöpft und fürchterlich überarbeitet. Der Job hier in Los Angeles forderte sie mehr, als sie erwartet hatte.

Sie fröstelte ein wenig vor Müdigkeit und rieb sich über ihre nackten Unterarme. Ihre Haut hatte nicht mehr den üblichen Karamellton, sondern war durch die kalifornische Sonne viel dunkler, fast dunkelbraun, geworden. Ihr langes, gelocktes Haar hingegen wurde immer heller und sogar einige leicht blonde Strähnen traten zwischen den sonst dunklen Locken hervor. Sie war hübsch, gar keine Frage, aber sie war keine Durchschnittsamerikanerin.

Geboren wurde sie irgendwo am Hindukusch, adoptiert und aufgezogen von einer amerikanischen Offiziersfamilie, entwickelte sie sich zu einer vorbildlichen Patriotin und Bundesagentin. Es war naheliegend, das der Nahe Osten ihr Spezialgebiet war, aber ebenso glänzte sie mit fundiertem Wissen über Südamerika. In den letzten zwei Jahren arbeitete Grace mit Hochdruck daran, Handelsbeziehungen zwischen Al Quaida und südamerikanischen Drogenkartellen aufzudecken. Das war auch der Anlass für ihre Versetzung nach Kalifornien, der Aufbau einer Task Force zur Bekämpfung terroristischer Aktivitäten jeglicher Art auf amerikanischen Boden. Dummerweise war der Etat des NCIS so klein, dass diese Task Force bisher nur aus ihr selbst bestand. Noch nicht einmal eine konkrete, passende Beschreibung war diese Sondereinheit dem NCIS wert.

Frustriert strich sie sich mit den Händen über das Gesicht und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Dass Grace sich momentan immer noch um Callens Team kümmern musste, vereinfachte die Sache nicht gerade.

„Grace?" eine Hand winkte direkt vor ihrem Gesicht. „Agent Lantern, guten Morgen." flötete jemand. Sie musste den Kopf weit in den Nacken legen, um ihren Gesprächspartner ins Gesicht sehen zu können.

„Morgen, Nate." brummte sie. Seit Tagen schlich der Teampsychologe schon um sie herum, irgendwas war da im Busch. Vermutlich sollte er in Hettys Auftrag etwas über ihre Stressresistenz in Erfahrung bringen. Neben den aktuellen Fällen, war nämlich der halbjährliche Bericht für ihre so wahnsinnig spezielle One-Woman Task Force fällig.

Kaffeschlürfend lehnte der schlaksige Mann sich nun an ihren Schreibtisch.

„Und, was machst du?" fragte er ganz unbefangen.

„Dir beim Kaffee trinken zu sehen und mich darüber ärgern, dass ich noch keinen bekommen habe." antwortete die hübsche Agentin schnippisch und stand auf, um sich auch eine Tasse zu holen.

Sie angelte sie sich einen Becher vom Regal und goss sich frischen, heißen Kaffee ein. „Mmhh…" summte sie und musste schon wieder an ihn denken. Wie sie ihn das erste Mal traf, in einem Cafe in Venice. Sie erinnerte sich an jede Sekunde dieses Tages und auch seine Küsse… Gedankenverloren strich sie leicht mit ihren Fingern über ihre Lippen. Selbst die Erinnerung daran war noch nicht verblasst. Es war das erste Mal nach sehr langer Zeit, dass sie jemandem ihr Herz öffnete und dann…pffffffffffffffff.

Wut stieg in ihr hoch und sie ballte eine Faust. Grace war enttäuscht von sich selbst, dass sie Brandon, auch nach einem halben Jahr, immer noch nicht vergessen konnte. Nie wieder hatte sie etwas von ihm gehört, seit sie ihm damals, direkt nach dem Gespräch mit Vance, von ihrer Rückkehr nach Los Angeles erzählte. Er war einfach nicht mehr erreichbar, wie tot, als hätte es ihn nie gegeben.

Manchmal erwischte sie sich selbst dabei, wie sie heimlich auf der Strasse nach ihm Ausschau hielt, nur um ihn zur Rede stellen zu können und um ihm Eine runter zu hauen, ja das hätte er verdient. Er hatte sie mit Anfang Dreißig in den absoluten Liebeskummer getrieben. Tagelang saß sie heulend auf dem Sofa, im grässlichsten Jogger den sie besaß und mit der größten Packung Schoko Bons die sie kriegen konnte. Abwechselnd telefonierte sie immer wieder mit ihrer Mom oder mit Abby und wenn sie gerade nicht telefonierte, sang sie diesen einen verdammten Song von Snow Patrol, der ihr nicht aus dem Kopf ging, immer und immer wieder.

„Sag mal, Grace hast du …" Nate stand plötzlich mit ein paar Akten und seinem Tablet-PC in der Hand direkt neben ihr. Sie zuckte zusammen und verschüttete ein wenig heißen Kaffee über ihre Hand.

„Verdammt Nate!" meckerte sie, „bist du ein Stalker?" Er zeigte keinerlei Regung auf diese provokante Frage.

„Nein, nur der Teampsychologe." erinnerte er sie trocken an seine eigentliche Funktion. Sie verdrehte genervt die Augen.

„Ist das nicht dasselbe?" Sie war ein wenig stinkig und hielt ihre Hand unter kaltes, fließendes Wasser während sie Nate vorwurfsvoll ansah.

Es wurde unruhig im OSP. Grace konnte wahrnehmen wie einige Stimmen freudig jemanden willkommen hießen. Sie hörte Sams unverwechselbares Gelächter, dieser Mann war wie ein Bär und fürsorglich wie eine Bärenmutter. Die letzten Monate hatten sie eng zusammengearbeitet und Sam erwies sich als zuverlässiger Partner. Allerdings hat er sie hart auf die Probe gestellt, bevor die hübsche Agentin sein Vertrauen gewann. Insbesondere im Nahkampftraining nahm Sam sie hart ran. Grace hatte verständlicherweise ihre Schwierigkeiten kräftemäßig gegen den Ex – Navy Seal anzukommen, aber dafür war sie wesentlich ausdauernder und flinker als er. Seit einiger Zeit, sah der große, schwarze Agent sie endlich als wichtigen Teil des Teams an.

„Callen ist wieder da!" sagte Nate mehr zu einer imaginären Person, die vor ihm stand als zu ihr und ging zügig in Richtung der Geräuschkulisse. Grace verdrehte ungesehen die Augen. Oh ja, der sagenumwobene Special Agent G Callen, sie konnte es manchmal wirklich nicht mehr ertragen wie sehr er von seinem Team verehrt wurde. Callen hier, Callen da.

Als Grace hier angefangen hatte, konnte sie noch Verständnis dafür aufbringen, schließlich hat Callen nur knapp überlebt. Sie war die letzte die es nicht nachvollziehen konnte, aber irgendwann musste auch mal gut sein mit der Heldenverehrung. Besonders mit Kensi geriet sie deswegen immer wieder aneinander. Sam konnte sich allerdings mit Anekdoten über seinen Freund und Partner auch nicht zurückhalten.

„Na dann." sie raffte sich auf um Agent Callen auch endlich kennenzulernen. Sie atmete noch einmal tief durch, um nicht wieder unerwartet an Brandon denken zu müssen und ging entschlossen zu der kleine Gruppe Agents die sich gebildet hatte.

Sam kam freudig ein Schritt auf sie zu, als er seine hübsche Kollegin sah. Er grinste wie ein Kind am Weihnachtsmorgen, man sie ihm an wie sehr er sich über Callens Rückkehr freute. Mit leichtem Kopfschütteln erwiderte Grace sein Lächeln.

„Wenn ich dir dann endlich vorstellen darf, das ist mein Partner Special Agent G Callen." sagte er feierlich. Doch noch versperrte Sam ihr die Sicht. Sie sah verlegen auf ihre noch feuchte Hand und trocknete sie schnell an ihrer Hose, als der große schwarze Mann beiseitetrat. Grace hob den Kopf und schüttelte sich leicht die Locken aus dem Gesicht, doch was sie dann sah, übertraf alle ihre Erwartungen.

Wie einzelne heftige Blitze schossen ihr die Erinnerungen in den Kopf. Ihr Herz schlug heftig und drohte in ihrer Brust zu platzen, ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren um alle Eindrücke zu verarbeiten und ihre Augen starrten einfach nur. Sie starrte ihn an. Brandon. Brandon stand urplötzlich vor ihr. Sie atmete seinen unverwechselbaren Geruch ein, sah in seine unglaublich blauen Augen, die sie immer so fesselten und dann berührte er ihre Hand. Es kostete sie viel Konzentration zu verhindern, dass ihr die Gesichtszüge entglitten.

„Freut mich dich kennen zu lernen. Sam hat schon viel von dir erzählt." sagte Callen. Nicht eine Regung im Gesicht ließ auch nur ansatzweise eine überraschte Mimik erkennen. Er musste ein verdammt guter Undercover Agent sein. Er war so gut, dass die hübsche Agentin selbst für einen Moment dachte, Callen würde Brandon nur zum verwechseln ähnlich sehen, doch das Gefühl seiner Hand in ihrer, belehrte sie eines Besseren. Diese Hand hatte so oft ihre gehalten, so oft über ihre Wange gestreichelt und so oft viel intimere Gegenden ihres Körpers erforscht als nur ihre Handinnenflächen.

„Ja, freut mich auch und Sam spricht pausenlos von dir. Du wurdest wirklich schmerzlich vermisst." Grace sprach überaus freundlich, auch sie beherrschte ihr Handwerk. Die hübsche Agentin konnte es nicht fassen, dass er hier vor ihr stand. Sie hatte mit vielem gerechnet aber damit…niemals. Die Wut stieg wieder in ihr hoch und sie kämpfte gegen den überaus mächtigen Impuls ihm Eine zu kleben. Es fiel ihr wirklich schwer, denn in ihrem Kopf hallten immer wieder unglaublich ordinäre, aber durchaus phantasievolle Schimpfworte, für ihren Ex – Liebhaber, oder besser gesagt neuen Kollegen.

„Na, na wir wollen mal nicht übertreiben." schäkerte Sam und legte sowohl Callen, als auch Grace eine Hand auf die Schulter und drückte sie anerkennend. Er bemerkte nicht wirklich, was sich gerade zwischen den beiden abspielte.

Hetty entging so etwas natürlich nicht. Sie hatte sich bereits auf dem Treppenabsatz zu ihrem Büro positioniert, um ihren wiederkehrenden Agent in Empfang zu nehmen und beobachtete die Szenerie genau. Ihr war der Moment nicht entgangen, auch wenn er nur Sekundenbruchteile andauerte, in dem Grace durchaus überrascht wirkte. Auch jetzt blieb der Dame nicht verborgen, dass Callen und die hübsche Agentin immer wieder zweifelhafte Blicke austauschten. Sie ahnte das Schlimmste und machte sich darauf gefasst, dass die Arbeit in den nächsten Wochen vermutlich nicht leichter werden würde.

Die Gruppe Agents löste sich allmählichen auf und jeder ging wieder seinen Pflichten nach. Callen bewegte sich zu Hettys Büro, die bereits auf ihn wartete.

„Hetty," säuselte er ironisch, „ich hab ihr Lächeln vermisst." Doch Henrietta Lange verzog nur das Gesicht und winkte den Agent in ihr Büro.

Total in Gedanken versunken ließ sich Grace auf ihren Stuhl fallen. Sie war wütend, enttäuscht und unglaublich verwirrt. Sie stützte ihren Kopf auf ihre Hände und versuchte die Situation mit klarem Verstand zu erfassen. Das war gar nicht so einfach, hatte ebendieser doch gerade kapituliert. Verzweifelt ließ sie ihren Lockenkopf auf den Schreibtisch sinken.

„Also Grace, wegen gerade, was ich dich fragen wollte…." Nate stand schon wieder neben ihr.

„Nicht jetzt, Nate!" fauchte Grace auf die Tischplatte. Sie versuchte zu begreifen, dass Brandon gar nicht existierte. Der Mann, den sie im letzten halben Jahr so sehr vermisst und zugleich verflucht hatte, war Special Agent G Callen, ihr Kollege.