Vielen Dank für den Zuspruch nach dem ersten Kapitel. P.
Das dritte Jahr
Gelangweilt stand Scorpius in der Pause mit Avery und einigen anderen in einer Ecke des Hofes. Das Schuljahr hatte genauso langweilig angefangen, wie das Letzte geendet hatte. Im letzten Jahr hatten sie eigentlich nicht viel gemacht. Ihr Ruf war aus dem ersten Jahr herübergeschwappt. Die meiste Zeit hatte er mit Leo und John Karten gespielt oder gelernt. Scorpius schlief nur noch im Ravenclawturm, die restliche Zeit verbrachte er mit den Slytherins in deren Gemeinschaftsraum oder an deren Esstisch.
Einige Male hatten sie sich damit amüsiert die Erstklässler zu erschrecken, aber das war auch schon alles gewesen.
„Ist das öde!" Cristobal verdrehte genervt die Augen. Scorpius mochte ihn nicht sonderlich. Er war in seiner Stufe in Syltherin und der Sohn einer alten Freundin seines Vaters. Wenn er es richtig verstanden hatte, war sie seine Freundin gewesen, aber nicht wirklich mit ihm befreundet. Jedenfalls war Cristobal schrecklich arrogant. Bei jeder Gelegenheit machte er klar, dass Scorpius keinesfalls in der gleichen sozialen Schicht rangierte, wie er selber.
Dafür war Cristobal auch nicht wirklich ein vollwertiges Mitglied von Averys Gruppe. Er wurde geduldet.
John lachte gemein. „Lasst uns etwas Spaß haben." Er deutete auf eine Gruppe von jüngeren Hufflepuffs. Cristobal, John, Leo und Lynch, ein älterer Slytherin, begannen sich, langsam in Richtung auf die Hufflepuffs zu bewegen.
Scorpius überlegte einen Moment. Ihm war auch langweilig. Schon die ganze Woche machten sie nichts anderes als über Quidditch zu reden, obwohl es eigentlich nichts Neues zu besprechen gab.
Er lief der Gruppe hinterher. Als er sie erreichte, hört er John die Hufflepuffs anzischen. „Verpisst euch!"
„Wieso sollten wir?" fragte ein kleiner blonder Knirps.
Scorpius konnte sehen, wie Johns Augen begeistert glitzerten. „Weil, was jetzt passiert, alles eure Schuld ist!" Er hatte seinen Zauberstab gezogen und binnen Sekunden schwebte der Kleine über ihren Köpfen. John lachte höhnisch. Alle anderen begannen ebenfalls gemein zu lachen. Es sah aber auch lustig aus, wie der Kleine nun in der Luft hing.
„Lass' ihn runter!" Einer der anderen Hufflepuffs rannte gegen John. Da der, aber wie ein Fels gebaut war, begann er nur lauter zu lachen. Er schubste den kleineren Jungen, sodass der auf seinem Hintern landete.
Cristobal trat einen Schritt auf den am Boden Hockenden zu. „Und wollte ihr noch mehr?" Die Hufflepuffs starrten ihn aus großen Augen an. Er lachte nur verächtlich, dann riss er die Augen auf und schrie „Buh!"
Die kleineren Jungen rannten weg. Cristobal sah nach oben zu dem ersten Jungen, der immer noch in der Luft hing, dann zu John. „Und? Was machen wir mit dem da?"
John zuckte die Achseln. „Wir könnten ihn ein wenig über die Schlucht schweben lassen." Cristobal nickte nachdenklich. „Oder ihn in den See werfen. Vielleicht lockt er den Kraken an?"
John nickte begeistert. „Cool!" Scorpius sah kurz zu dem Jungen, der aussah, als würde er gleich weinen. Cristobal hatte das auch gesehen. „Was ein Weichei! Hey, bist du ein Schlammblut?" rief er dem Jungen zu.
Der wurde ganz blass um die Nase. John sah das auch. „Ein Schlammblut! Da haben wir ja einen Haupttreffer gelandet. Mal sehen, ob wir ihn im See sauber bekommen!"
Sie liefen in Richtung See los. Das dunkle Wasser glitzerte in der Mittagssonne. Am Ufer hielt John an.
„Nur gut, dass es heute so ein sonniger Tag ist – Ende Oktober könnte das auch ganz anders sein." erklärte er dann dem Jungen, mit vorgetäuschter Freundlichkeit.
Der Junge begann nun zum ersten Mal, sich zu bewegen. Er zappelte hilflos und versuchte sich aus dem Zauber zu befreien. Das führte nur zu Lachsalven der älteren Jungen, die ihm dabei zusahen. Der Junge begann zu weinen. „Ich kann nicht schwimmen!" Cristobal lachte hämisch. „Na, dann – ein Schlammblut weniger. Auch kein großer Schaden!"
Dann ließ John den Jungen mit einer schwungvollen Bewegung in den See fallen. Der zappelte und spritze das Wasser wild um sich herum. Scorpius und seine Freunde grölten.
„Hey, was macht ihr da?" kam plötzlich eine Stimme von der anderen Seite des Ufers. Sie konnten Professor Slinger auf sich zulaufen sehen. Da der Professor so schwer, wie ein Walross war, lief er nicht all zu schnell. John zog den Jungen mit einem Zauber aus dem Wasser und beugte sich über ihn. „Du hältst die Klappe, oder wir werden dich zu unserem neuen Maskottchen machen!"
Dann gab er den anderen ein Zeichen und sie stoben in alle Richtungen auseinander.
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Scorpius lief neben Avery zur großen Halle. Der Gang war voller Schüler, fast alles Erstklässler, die wild durcheinanderliefen und laut schrien. Avery verzog das Gesicht. „Das Benehmen wird auch immer schlimmer. Die Schlammblüter und Halbmutanten sind echt eine Zumutung!"
Einer der Jungen vor ihnen wurde geschubst und fiel gegen Avery. Erschrocken drehte er sich zu Avery. „Entschuldigung!" Avery schubste ihn von sich und klopfte seine Robe ab.
„Halt gefälligst Abstand, du Halbblut!" Der Junge straffte sich und baute sich vor Avery auf. Scorpius konnte ein Lachen gerade noch unterdrücken. Die idiotischen Gryffindors ließen sich immer auf einen Streit ein. Alles Halbaffen!
„Das wirst du nicht noch einmal zu mir sagen!" erklärte der Junge. Avery musterte ihn kalt. „Ach? Und wirst du mich auch aufklären, wieso ich dich nicht noch einmal ein Halbblut nennen werde?" Gespielt erschrocken hielt er sich die Hand vor den Mund. „Ups, da ist es schon wieder passiert!"
Die Augen des Jungen blitzten wütend. „Mein Name ist Hugo Weasley und das ist auch der Grund, warum du mit deinem Blutgewäsch aufhören wirst!"
Avery bekam diesen kalten Blick. Scorpius musste eingestehen, dass dieser Weasley mutig war. Averys Blick hatte schon ältere und stärkere Jungen in die Flucht geschlagen. Vielleicht war er auch nur dumm.
„Meinst du im Ernst, ich lasse mich von einem Namen beeindrucken? Erst recht von einem, der eigentlich nur für, was noch mal steht? Rote Haare, Vermehrungstrieb wie Karnickel und keinem Geld?"
Hugo schien zu kochen. Er ballte die Fäuste. Plötzlich stand Rose neben Hugo. Sie sah Avery in die Augen. „Komm' doch endlich in unserem Jahrhundert an. Unser Name steht für den Sieg über solchen Abschaum wie dich, Avery!"
Avery kniff die Augen zusammen. „Komm' mir nicht in die Quere, Schlampe!" Rose sah ihn nur verächtlich an. „Ist das alles, was du zu bieten hast? Billige Beleidigungen?"
Avery trat einen Schritt auf sie zu. Leise zischte er: „Das wirst du schon sehen und dann wirst du es bereuen, dich mit mir angelegt zu haben!"
Er rauschte an Rose vorbei und stieß sie dabei unsanft in die Seite. Scorpius beeilte sich, ihm zu folgen. Plötzlich spürte er eine Hand am Arm. Er drehte sich um und fand sich Auge in Auge mit Rose.
„Und du? Ist dir das nicht langsam zu dumm, als Schoßhündchen von Avery durch die Gegend zu laufen?" Wütend riss Scorpius sich los. „Fass' mich nicht an, du blöde Kuh!" Vor Wut kochend schloss er zu Avery auf.
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Scorpius saß in Magische Geschichte. Es war unglaublich, dass immer noch Binns unterrichtete. Es war sterbenslangweilig. Seine Gedanken und Blicke schweiften zu Rose, die schräg vor ihm saß. Sie hatte den Kopf auf die Hand gestützt. Sie sah genauso gelangweilt aus, wie alle anderen.
Er musste wieder daran denken, wie sie ihn einen Schoßhund genannt hatte. Blöde Kuh! Aber die kalte Wut wollte nicht wieder aufkommen. Scorpius überlegte, ob sie irgendwelche schlechten Eigenschaften hatte – außer eine Weasley zu sein. Dann könnte er seine Wut wieder anheizen.
Er verbrachte nicht viel Zeit im Ravenclaw-Aufenthaltsraum, aber wenn er dort war, war sie meist abwesend. Wahrscheinlich war sie in der Bibliothek oder bei ihren Verwandten im Gryffindorturm. Scorpius wusste nichts über sie. Sie schien ein fröhlicher Mensch zu sein. Meist lachte sie mit ihren Freunden.
Und sie hatte zusammen mit ihm die besten Noten in den Abschlussprüfungen der vergangenen Jahre. Es wurmte ihn jedes Mal, wenn ihr Name vor seinem auf den Ergebnislisten stand.
Das war aber auch schon alles, was er über sie sagen konnte. Er schaute sie sich genauer an. Vielleicht hatte sie ja hässliche Zähne, oder so etwas.
Sie hatte rotbraune Locken. Die Farbe war nicht orange, wie bei ihren Verwandten. Ihre Haarfarbe war angenehm warm. Und die Locken nicht zu wild, sondern genau richtig. Die Nase war etwas lang, aber das passte ganz gut zu den aristokratischen Wangenknochen. Die Lippen waren weder zu voll, noch zu schmal. Die Augen hatten ein hübsches Blau. Nicht zu vergleichen mit den Augen seiner Mutter, aber nett.
Alles in allem sah Rose ganz gut aus. Zumindest hatte sie nichts, was man ihr unter die Nase reiben konnte.
Frustriert biss er die Zähne zusammen. Da stieß ihn John mit dem Ellbogen an. „Ey, kein Wunder, das die Weasley ihre Nase überall 'reinsteckt – bei der Größe! Und spitz, wie eine Hühnerkralle!" John gackerte. Lauter rief er zu ihr: „Hey, Weasley!" Rose drehte sich zu ihnen um. „Was?" fragte sie scharf.
Scorpius grinste arrogant. „Meinst du, du solltest dem Einhorn nicht das Horn zurückgeben? Da sieht es sicher hübscher aus, als in deinem Gesicht." Und er fasste an seine Nase.
Sie wurde tiefrot und drehte sich wieder nach vorne. John und die anderen Slytherins um ihn herum begannen, hämisch zu kichern.
Wer hätte gedacht, dass sie so empfindlich reagieren würde? Aber gut zu wissen, dass man ihr leicht etwas einreden konnte. Das hatte sie jetzt davon, ihn einen Schoßhund zu nennen! Zufrieden grinsend begann er, mit dem Stuhl zu kippeln.
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Scorpius stand mit Leo in einer kleinen Nische. Leo hatte einen Brief seines Vaters erhalten und danach ging es ihm immer miserabel. Leos Vater verlangte die besten Noten von seinem Sohn. Außerdem sollte er gesellschaftlichen Verbindungen knüpfen. Das lief darauf hinaus, das die Briefe immer eine Mischung aus Anweisungen und Beschimpfungen waren.
Leo hockte auf dem Boden und starrte ins Leere. Scorpius saß neben ihm und wusste nicht so recht, was er tun sollte.
„Mann, Leo, nimm' das doch nicht so schwer! John bekommt doch die gleichen Briefe!" Leo sah ihn ungläubig an. „John hat noch seine Mutter, die ihm dann Kuchen schickt!" Scorpius seufzte. Natürlich fing Leo mit seiner Mutter an.
Niemand sprach über Leos Mutter. Er hatte lange John und Alfred bearbeiten müssen, bis er die ganze Geschichte zusammenhatte. Leos Mutter war vor fünf Jahren mit einem Muggel durchgebrannt.
So viel Scorpius verstanden hatte, war es fast normal in der reinblütigen Gesellschaft, dass man seinen Ehepartner betrog. Schließlich gab es dort fast nie Liebesheiraten. Aber man machte es diskret und mit einem angebrachten Partner. Wenn es unbedingt sein musste, konnte man auch einen Muggel nehmen. Das war aber nicht gut angesehen. Aber auf gar keinen Fall, unter keinen Umständen verließ man seinen Ehepartner. Und schon gar nicht für einen dreckigen Muggel. Daher sprach keiner über Leos Mutter.
Und daher stand Leo weitaus mehr unter Druck als die anderen. Er konnte sich keinen Fehltritt leisten, sonst wäre sein Familienname auf alle Ewigkeit beschmutzt.
Scorpius seufzte. Ihm tat das alles sehr Leid, aber er konnte es auch nicht wirklich verstehen. Zum einen war er gut in der Schule. Zum anderen war es seinen Eltern egal, mit wem er sich anfreundete. Muggel, Reinblüter, das war alles eins. Solange, sie nett waren. Sagte seine Mutter immer.
„Hör zu! Wir lernen heute zusammen. Dann schaffst du im nächsten Test sicher eine gute Note. Und dann helfe ich dir bei dem Aufsatz in Geschichte." erklärte er Leo. Dieser sah etwas weniger deprimiert aus. „Machst du das wirklich?" Scorpius zuckte nur mit den Schultern. „Ja, klar. Ist doch nicht wild!"
Leo sah ihn dankbar an.
Verlegen erklärte Scorpius: „Komm', wir müssen los, sonst sind wir zu spät für Tränke!" Scorpius erhob sich und nahm sich vor, häufiger mit Leo zu lernen.
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„Einhorn-Weasley im Anmarsch!" Cristobal lachte hämisch, während er Rose entgegensah. Der Spitzname hatte sich durchgesetzt, nicht nur bei den Slytherin. Scorpius lehnte neben Cristobal an der Wand. Sie warteten auf Professor Slinger. Aber das alte Walross war immer zu spät.
Scorpius konnte sehen, wie Rose sich anstrengte, Cristobal zu ignorieren. Scorpius stieß sich von der Wand ab und trat ihr in den Weg. Er sah es in ihren Augen blitzen. „Was willst du, Malfoy?"
Er grinste fies. Scorpius war stolz auf das Grinsen. „Von dir? Sehe ich aus, wie ein Zentauer? Ich stehe nicht auf Pferde, weder mit noch ohne Horn!"
Ihr Gesicht wurde rot. „Verpiss dich!" Er grinste breiter. „Deine Wortwahl lässt zu wünschen übrig. Aber was kann man auch schon von einem Freak wie dir erwarten?" Rose baute sich vor ihm auf.
„Herr Malfoy, Fräulein Weasley, wollen Sie heute noch dem Unterricht beiwohnen?" Slinger stand in der geöffneten Tür des Klassenzimmers.
Rose warf ihm noch einen wütenden Blick zu, dann rempelte sie ihn an, als sie an ihm vorbei ins Klassenzimmer trat.
Leise vor sich hinlachend folgte Scorpius ihr.
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Scorpius saß mit Alfred und Leo am See in der Sonne. Das Schuljahr hatte noch knapp zwei Monate und endlich war auch das Wetter besser geworden.
„Ich hasse diese daher gelaufenen Wichser!" Alfred sah hasserfüllt zu einer Gruppe Schüler ungefähr dreißig Meter entfernt. Normalerweise bemühte er sich um eine gehobenere Wortwahl.
Erstaunt sah Scorpius in seine Blickrichtung, um zu sehen, was ihn so aufgeregt hatte. Eine Menge rothaariger Kinder war unter der Gruppe, die Alfred anstarrte. „Vor dem Krieg hatte der Abschaum nichts zu sagen! Und jetzt? Jetzt spielen sie sich auf, als würde ihnen die Welt gehören! Aber sie sind immer noch Abschaum! Kein Benehmen und keinen Stil!"
Leo sah gelangweilt zu der lauten Gruppe. „Da lässt sich aber nicht viel machen. Weasleys und Potters haben nun mal das Sagen im Lande." Alfred schnaubte verächtlich. „Das lässt sich sicher ändern. Wieso sollte das so bleiben? Schließlich haben sie ja auch über Nacht das Sagen bekommen. Dann können sie es genauso schnell wieder verlieren."
Leo sah ihn skeptisch an. Alfred achtete nicht auf ihn, sondern starrte immer noch mit mörderischen Blicken auf die andere Gruppe. Leo warf Scorpius einen fragenden Blick zu. Dieser zuckte mit den Achseln. Er sah auch keine Änderung in Sicht. Aber er hätte sicher nichts dagegen, den Ruf der Familie Malfoy wieder herzustellen.
Alfred wandte sich an Scorpius. „Es ist eine Schande, das jemand mit deinem Stammbaum geächtet wird und diesen hirnamputierten Potters kriechen alle in den Hintern." Alfred blickte wieder zu der anderen Gruppe. „Aber zumindest sind die Potters reinblütig. Aber dieses Ungeziefer von Weasleys sind alle Mutanten. Schlammblüter, Veelas und was weiß ich noch, was man in dem Stammbaum alles findet. Das ist wirklich das Letzte! Man sollte die, wie Ungeziefer entsorgen!"
Scorpius lachte. „Vielleicht finden wir einen Zauber oder einen Trank, der die Welt von solchem Ungeziefer befreit. Schließlich gibt es auch gegen Doxys was." Alfred lachte ebenfalls. Aber bei seinem Lachen richteten sich Scorpius Nackenhaare auf.
„Wir finden sicher noch was!" Alfred klang, als würde er einen Schwur sprechen.
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Einen Tag später trat Alfred auf ihn zu. „Mir geht diese verdammte Weasley-Brut auf den Nerv. Dieser kleine Halbaffe verdient eine Abreibung!"
Unsicher sah Scorpius sich um. „Ich weiß nicht, Alfred. Das kann richtig Ärger geben. Du weißt doch, wie alle hinter denen herschleimen. Da braucht sich einer nur einen Zeh anhauen und sofort wird das Schloss mit Watte ausgelegt!"
Alfred biss die Zähne zusammen. „Genau! Und deswegen habe ich jetzt endgültig die Nase voll! Ich schnapp' mir die kleine Ratte und zeig' ihm, wer hier das Sagen hat!" Alfred war wild entschlossen. Er sah Scorpius kritisch an. „Morgen Abend um sechs an der Bibliothek. Wir haben dir damals auch geholfen."
„Natürlich mache ich mit! Wann habe ich denn gekniffen?" Scorpius war empört. Alfred grinste. „Wusste ich es doch!" Damit verschwand er den Gang hinunter. Besorgt schaute Scorpius hinter ihm her. Die Sache gefiel ihm ganz und gar nicht.
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Am nächsten Abend Punkt sechs Uhr traf Scorpius vor der Bibliothek auf Alfred, John und einen älteren Slytherin Namens Luther McNair. Alfred und McNair deuteten auf eine Nische hinter einer Statue. Die vier Jungen passten fast nicht hinein.
„Ich habe das hier besorgt!" erklärte Alfred und öffnete eine Holzkiste. Scorpius schaute über Alfreds Schulter.
Er sah etwas silbrig Glänzendes. „Todessermasken?" fragte er erstaunt. Alfred nickte. „Cool!" McNair pfiff durch die Zähne. Gebannt sah Scorpius auf die silberne Maske. Alfred nahm sie heraus und reichte sie an McNair.
„Sind die echt?" fragte John als Alfred ihm eine Maske reichte. „Nur meine. Mein Alter hat mich auf alles Mögliche schwören lassen, das ich sie nicht aus der Hand gebe. Sonst hätte er sie mir nie gegeben." Alfred reichte eine Maske über seine Schulter an Scorpius.
Blind griff Scorpius nach der Maske und sah weiterhin über Alfreds Schulter in die Kiste.
Dann sah er Alfreds Maske. Die Maske schimmerte, als würde sie pulsieren. Erst als Alfred seine Hand wegschlug, bemerkte Scorpius, dass er über Alfred hinweg zu der Maske gegriffen hatte. Die Berührung hatte seine Konzentration gebrochen und er konnte den Blick von der Maske abwenden. Er sah erschrocken zu Alfred. Ein merkwürdiger Ausdruck lag in Alfreds Augen.
„Das ist meine!" erklärte er zischend. Scorpius nickte wortlos.
„Hier zieh das über!" Alfred drückte ihm ein schwarzes Stück Stoff in die Hand.
„Die hat mein Vater noch in seinem Keller gehabt. Mein Großvater hat das ganze Zeug damals nach dem Krieg versteckt."
John pfiff durch die Zähne. „Cool! Echte Todesser-Sachen!" Scorpius lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sein Vater hatte diese Dinge regelmäßig getragen. Er war nur wenig älter gewesen, als er das Dunkle Mal erhielt. Immer noch konnte man es deutlich sehen. Es war auch nach Jahren nicht verblasst.
„Ich habe die anderen Masken, von der hier dupliziert und dann ein bisschen verändert." erklärte Alfred während Scorpius sich die Maske anlegte.
Das Metall fühlte sich kalt an. Aber nur einen kurzen Augenblick, dann wurde es angenehm warm. Scorpius fühlte sich plötzlich anders. Stark und unbesiegbar. Er zog schnell den Umhang über und sah sich um. Die anderen hatten ihre Montur ebenfalls schon angelegt. Sie sahen wirklich furchterregend aus.
John lachte neben ihm. „Cool! Die kleine Ratte wird sich vor Angst in die Hose pissen!" Scorpius lachte ebenfalls. Dann fiel ihm etwas ein. „Wie kommen wir aber an den Hosenscheißer ran? So können wir schlecht in die Bibliothek gehen!"
Avery sah ihn durch die Maske an. Er konnte sich sein überlegenes Grinsen vorstellen. „Warte es ab." Damit drehte er sich um, sodass er den Eingang der Bibliothek sehen konnte.
Keine zwei Minuten später trat Lissy aus der Tür, mit dem kleinen Weasley im Schlepptau. „Was ist denn nun mit meiner Schwester?" quengelte er. Lissy lief in ihre Richtung und erklärte über die Schulter: „Was weiß ich, was die will. Sie hat mich nur geschickt, dich zu holen. Und glaub' mir, mir gefällt das ganz und gar nicht!"
Als die zwei an der Statue vorbei liefen, sprang McNair aus der Nische auf den Gang und stülpte dem Jungen einen Sack über den Kopf. Alfred war ebenfalls vorgetreten und ließ ihn mit einem Zauber gefrieren.
Hektisch zerrten sie den Körper zu viert in den Gang, in dem sie damals auch Bones behandelt hatten. Kaum hatte John als Letzter den Gang betreten, riss McNair den Sack vom Kopf des Jungen und Alfred löste den Zauber.
Scorpius sah, wie im Schein der Kerzen, die Alfred scheinbar vorab schon aufgestellt hatte, die Masken aufleuchteten. Die Augen des kleinen Weasleys waren schreckgeweitet.
„Nun, heute keine vorwitzigen Bemerkungen?" fragte Alfred kalt. Das schien den Jungen aus seinem Schreck zu reißen.
„Was soll das? Spielt ihr Todesser? Wie erbärmlich! Soll mir das Angst einjagen? Ich weiß doch, dass du es bist, Avery!" Alfred trat näher an den Jungen. Er musterte ihn von oben bis unten, dann beschrieb er mit dem Zauberstab einen Bogen, während er kalt 'Encarcerus' sagte.
Schon wurde der rothaarige Junge von Ketten gefesselt, die aus dem Nichts erschienen waren. Alfred beugte sich über ihn. „Du wärest erstaunlich dumm, keine Angst zu haben, Weasley. Aber Intelligenz scheint in deiner Familie ja auch rar gesät!"
Der Junge versuchte sich, gegen die Ketten zu wehren. Wütend blitzte er dabei Alfred an. Dieser sah ihm eine Weile zu. Dann machte er eine sehr ausgefallene Geste mit dem Zauberstab. „Juviando!" zischte er dabei. Schon bildete sich über dem Jungen eine Wolke und es begann zu regnen. Hugo sah zur Wolke hoch und begann zu lachen. „Wow, das ist wirklich beeindruckend! Ihr fesselt mich, um mich beregnen zu lassen!"
Alfred drehte sich zu einer Wand und nahm sich einen, der dort gestapelten Stühle und setzte sich darauf. „Confrigo!" rief er, als er bequem saß. Die Temperatur im Raum schien sekündlich weiter zu sinken. Der nasse Junge in den Ketten begann bereits zu zittern.
„Immer noch so lustig?" fragte Alfred kalt. Weasley blitzte ihn nur wütend an. „Finite incantatem!" beendete Alfred den Regen. Die Temperatur beließ er aber, wo sie war. Scorpius konnte sehen, wie die Lippen von Weasley langsam blau anliefen.
Scorpius lehnte sich an die Wand. Das schien heute eine längere Übung zu werden. Alfred stand wieder auf. „Ist dir kalt? Ich kann sicher ein Feuer beschwören, damit es dir wärmer wird!" Scorpius lief ein Schauer den Rücken hinunter. Macht durchpulste ihn.
„Ignato!" hörte er Alfred leise zischen. Erst war nichts zu sehen, aber dann begann Weasley, sich wieder gegen die Ketten zu wehren. Jetzt konnte Scorpius sehen, wie Rauch von der Kleidung des Gefangenen aufstieg, wo Wasser verdampfte. Die Ketten veränderten langsam ihre Farbe. Der Junge begann erst zu wimmern, dann zu schreien! Die Ketten glühten mittlerweile rot.
Wie im Rausch beobachtete Scorpius, wie der andere sich wand und schrie. Sie könnten das stundenlang so weiter machen. Ohne das jemand sie fand. Sie könnten ihn töten. Sie hatten die Macht. Sein Blut raste in seinen Adern.
„Finite Incantatem!" rief Alfred über die Schmerzensschreie hinweg. Weasley brach wimmernd auf dem Boden zusammen. Alfred beugte sich über ihn. „Ups, das war wohl zu warm! Warte ich kühle dich wieder ab! Eis sollte doch helfen." Und schon erschien wieder die Wolke. Aber dieses Mal regnete es nicht, sondern kleine, spitze Hagelkörner prasselten auf den Körper am Boden herab. Wimmernd versuchte der Junge sich zu schützen, aber durch die Ketten war sein Spielraum beschränkt.
John begann zu lachen. Scorpius sah die Verbrennungen unter den Ketten auf der Haut von Hugo. Der Hagel landete schmerzhaft auf den Verbrennungen. Und die Ketten schabten ebenfalls über die Brandblasen. Scorpius konnte kleine Rinnsale die Arme des Jungen hinunterlaufen sehen. Blut tropfte von den Armen auf den Boden.
Alfred hatte sich Mühe gegeben. Mit Wasser, Eis und Feuer zu hantieren, hatte geradezu etwas Poetisches an sich.
Alfred zischte etwas, das Scorpius nicht verstand und die Ketten schienen sich fester um den Körper des Jungen zu schließen. Erneut schrie dieser vor Schmerz. Dann schien er ohnmächtig zu werden.
Alfred lachte. „Wir sollten ihn wieder wecken!" Er drehte sich zu seinen Freunden um, die die ganze Zeit hinter ihm gestanden hatten. Sein Augen glühten hinter der Maske fiebrig.
Scorpius wusste nicht, was, aber etwas riss ihn in diesem Moment aus seinem tranceartigen Zustand. Bestürzt sah er auf den am Boden liegenden Jungen, dann wieder auf Alfred. Wenn er nun tot war?
„Alfred, wir sollten Schluss machen. Das hier geht zu weit. Der krepiert uns noch und kein Zauber der Welt weckt die Toten auf!" sprach er hektisch auf Alfred ein. Dieser sah ihn widerstrebend an. Dann blickte er auf den Jungen. Auch er schien jetzt erst zu verstehen, was vor sich ging. Stumm nickte er, dann trat er näher an Weasley heran.
Alfred entfernte die Ketten. Dann holte er eine Flasche mit einer violetten Flüssigkeit hervor. „Helft mir! Wir müssen ihn damit einreiben!" Er zauberte die Kleider des Jungen von seinem Leib. „John mach' sie sauber und repariere sie!" befahl er dabei. Dann begann er, die violette Flüssigkeit über dem Körper zu vergießen. Scorpius half ihm, sie überall zu verteilen.
Die Brandblasen und Verbrennungen verschwanden sofort. Nach nur wenigen Minuten lag der Junge vor ihnen, als wäre nichts geschehen. Alfred zauberte die Kleidung wieder dahin, wo sie gewesen war.
Dann gab er den anderen ein Zeichen und sie verschwanden aus dem Gang. Draußen sammelte Alfred die Masken und Umhänge wieder ein. Stumm liefen alle zu ihren Schlafsälen.
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Scorpius konnte es kaum glauben. Das kleine Zwischenspiel mit Weasley hatte keinerlei Folgen. Scheinbar hatte er es niemandem erzählt. Was auch? Er konnte nichts beweisen. Nicht einmal Verletzungen hatte er vorzuzeigen. Aber er machte von da an einen großen Bogen um Avery und seine Gruppe.
Es machte Scorpius Angst, wenn er daran dachte, wie er auf die Gewalt reagierte. Aber wenn er versuchte mit John darüber zu sprechen, meinte der nur: „Ist doch geil, wenn man sich austoben kann!"
Scorpius hatte so seine Zweifel, ob sie nicht manchmal etwas zu weit gingen. Was hatte der Kleine denn getan? Er hatte Alfred angerempelt und sich sogar entschuldigt. Das rechtfertigte sicher keine solche Abreibung. Aber nun war es geschehen und man konnte sowieso nichts mehr tun. Und solche Dinge passierten ja auch nicht täglich.
