Prélude
Allegro con spirito
Es gab einen Moment des Erwachens, als sein Verstand noch schlief und nur seine Sinne den Morgen wahrnahmen: den Sommerduft nach blühendem Liguster und Geißblatt, aus denen nächtliche Kühle und Feuchtigkeit noch nicht ganz gewichen waren – die sachte Brise, die durch das geöffnete Fenster kam und wie ein lebendiges Wesen mit launischer Zärtlichkeit über seine Haut strich – die Behaglichkeit seines Bettes und schließlich die satte Schwere seines Körpers nach dem Rennen der vergangenen Nacht, auf das ein tiefer Schlaf gefolgt war –
Er öffnete die Augen nicht, sondern versuchte den Genuss dieses Moments so lang wie möglich auszukosten. Das sanfte Licht auf seinen geschlossenen Lidern und die Glätte des Bettzeugs auf seiner Haut. Das traumverlorene Nichtwissen um sich selbst. Als er sich auf die andere Seite drehte, spürte er die Muskeln seiner Beine und Arme, die sich so verausgabt hatten –
Er lächelte unbewusst. Und spürte augenblicklich scharfen Schmerz in den Lippen, dann das Brennen am Hals.
Der Moment des Erwachens war vorbei. James Potter war wach, öffnete die Augen und blickte auf die Wand, über der ein handbreiter Streifen Sonnenlicht mit den zitternden, transparenten Schatten einer Efeuranke vor dem Fenster darin langsam vorrückte. Wach zu sein und sofort wieder alles zu wissen, gab ihm das Gefühl, unerwartet abzustürzen. Ein Schockgefühl, ein Ziehen im Magen, das fast schon Schmerz war. Er schluckte.
Es konnte nicht sein. Konnte nicht geschehen sein. Er musste das geträumt haben. Oder missverstanden –
Zögernd tastete er nach dem Brennen an seinem Hals. Spürte eine leichte Schwellung. Auch seine Unterlippe war geschwollen und hatte anscheinend geblutet –
Er schluckte noch einmal. Sein Mund war plötzlich wie ausgedörrt.
In diesem Moment nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und wandte schnell den Kopf in die Richtung.
Da lehnte er an der Fensterbank, abwartend und so lässig, dass jähe Wut in James aufflammte. "Stehst du schon lang da rum? Was machst du da? Mich anstarren?"
Aber Sirius regte sich nicht und sagte auch nichts. Er trug noch immer Jeans und das graue T-Shirt, das er gestern Abend schon angehabt hatte – gestern Abend, als sie sich nach Mondaufgang zu dritt die Haupttreppe hinuntergeschlichen hatten und in atemloser Hast durch die Wiesen zur Heulenden Hütte und dann hinüber zum Waldrand gejagt waren. Gestern Abend – vor tausend Jahren –
"Wo sind die anderen?", fragte James schließlich. Es hatte ja keinen Sinn. Man musste zur Tagesordnung übergehen.
"Beim Frühstück. Du hast verschlafen."
Dann musste er sogar für seine Verhältnisse weit verschlafen haben. Wenn selbst Pete schon auf war –
Immerhin. Sirius hatte etwas gesagt. Klang zwar ein bisschen heiser, aber normal. Sirius eben. Nicht der Irre, der –
Sirius stieß sich von der Fensterbank ab und kam herüber zu seinem Bett. Er brachte den Geruch nach feuchtem Gras und Erde mit, der noch in seinen Kleidern war. Als er neben dem Bett stehen blieb, drehte sich James von ihm weg.
"Ich wollte nur sagen –", begann Sirius in ungewohnt kleinlautem Ton.
"Nein!", rief James. "Musst du nicht. Halt einfach die Klappe!"
"James –! Es tut mir leid!"
James war sich auf einmal sicher, dass er das gerade zum ersten Mal in seinem Leben gesagt hatte. Als er sich wieder zu ihm umwandte, kauerte Sirius neben dem Bett. Nein, kniete. Der kniete da neben seinem Kopfkissen, direkt Auge in Auge mit ihm, dieser blöde Spinner. Und jetzt streckte er die Hand aus und berührte die Schwellung an James' Hals.
"Entschuldige", murmelte er.
"Lass das, ja?", sagte James gereizt, aber er spürte, wie diese Fingerspitzen einen schrecklichen Schauer durch seine Haut in seinen ganzen Körper schickten. "Geh frühstücken oder was weiß ich! Lass mich in Ruhe aufstehen."
Sirius zog die Hand weg, und James schloss die Augen. Versuchte, den Schauer zu ignorieren und zu der wohligen Stimmung zurückzufinden, in der er vor drei Minuten aufgewacht war. Aber alles, was er fand, war der harte Herzschlag, der in seinen Ohren dröhnte.
Mit einem Mal war der Duft von Gras, von nächtlichem Wald ganz nahe. In dem Moment, in dem Sirius' Mund seine zerbissene Lippe berührte, zuckte er zusammen. Wollte weg. Wollte sogar zuschlagen, konnte sich aber nicht bewegen. Und fühlte stattdessen, wie sein Körper aufflammte unter dieser Berührung. Seine Lippen hatten sich verräterisch und dem Schmerz zum Trotz geöffnet und überließen sich einem vorsichtigen Darüberhinstreifen, das so ganz anders war als –
"James!", flüsterte Sirius, und der Hauch seines eigenen Namens, der über seine Lippen ging, ließ James wider Willen aufseufzen.
"Hör auf damit –", murmelte er, bis ins Innerste erschreckt von seiner Reaktion. Wandte sich ab –
... und dachte an den Lauf der vergangenen Nacht – sie waren gerannt, gerannt, gerannt – bis sie schließlich den dunklen Wald hinter sich ließen und auf die mondhelle Weite der hügeligen Wiesen hinausstürmten – und weiter, weiter. Die beiden anderen waren längst hinter ihnen zurückgeblieben, nur der Hirsch rannte noch, als könne er nicht mehr anhalten, rannte wie vom Mondlicht betrunken. Der Hund verfolgte ihn, fing schließlich an, ihn zu jagen, und irgendwann – irgendwann, als es einen weiteren grasigen Hügel hinaufging, da erreichte er ihn – sprang ihn an, brachte ihn zu Fall, packte seine Kehle mit den Zähnen –
Und dann waren sie auf einmal wieder, was sie wirklich waren: zwei junge Männer – keuchend und knurrend verstrickt in etwas, das halb Biss, halb Kuss zu sein schien.
James versuchte sich unter ihm hervorzuwinden, aber Sirius hielt ihn unnachgiebig gepackt und –
James schrie auf. "Spinnst du?", brüllte er und wandte den Kopf zur Seite. Der Schmerz in seiner Unterlippe war heftig und unerwartet, und er schmeckte Blut. "Was soll denn der –"
Aber er kam nicht weiter, denn Sirius packte seine Lippe wieder, verwischte mit seinen Lippen das Blut über James' Mund und Kinn, als wäre er nicht mehr ganz bei Sinnen.
"Hör auf!", keuchte James, der kaum noch Luft bekam. "Sirius!"
Da endlich lockerte sich der Griff, mit dem er ihn gepackt hielt, und ganz unerwartet sank der dunkle Kopf an seinen Hals. James hörte Sirius flüstern, aber er konnte ihn nicht verstehen. In seinen Ohren dröhnte es, und für eine Weile sah es so aus, als pulsiere der mondhelle Nachthimmel über ihm im Rhythmus seines Herzschlags.
So lagen sie da, außer Atem nach dem langen Lauf und diesem seltsamen Kampf und minutenlang beide außerstande sich zu bewegen. James fühlte, wie das Blut in seinem Gesicht zu trocknen begann, und kämpfte immer noch mit dem Verlangen, zu schreien und auf Sirius einzuschlagen, dessen Kopf jetzt so still an seiner Schulter lag. Als er es nicht mehr ertrug, schob er ihn grob zur Seite, stand auf – und rannte davon. Ließ Sirius einfach da liegen, einen dunklen, reglosen Umriss auf dem Gras.
Er war zum Schloss zurückgerannt ohne anzuhalten, ohne zu denken, hinauf in den Schlafsaal und in sein Bett, wo er sich in den Schlaf stürzte, als sei das die einzige Rettung vor dem, was geschehen war.
Und jetzt hatte Sirius ihn doch wieder eingeholt. Ob er die ganze Nacht draußen geblieben war? James atmete er flach und rührte sich nicht. Brachte es nicht einmal über sich, die Augen zu öffnen. Vielleicht verschwand Sirius ja einfach, wenn er sich lang genug tot stellte. Oder er fand irgendeine blöde Bemerkung, die das alles wegwischte – ungeschehen machte – etwas, das ihnen ihre Freundschaft zurückbringen konnte –
Vielleicht war das ja nur seine Art, sich bei ihm zu entschuldigen für diesen – diesen Überfall in der Nacht? Vielleicht war er da einfach ein bisschen durchgedreht?
Aber klar. Und Schweine können fliegen.
Das hier war weit genug gegangen. Was immer es bedeuten sollte, er würde jetzt aufstehen und endlich frühstücken gehen, falls es überhaupt noch –
Etwas berührte sacht seinen Mundwinkel, und er fuhr so heftig auf, dass sie Stirn an Stirn zusammenknallten.
"Verflucht", zischte er und ließ sich zurückfallen. Sirius lachte leise, und da war etwas in diesem Lachen, das James vorher noch nicht gehört hatte und das er auch nicht hören wollte.
"Lässt du mich jetzt endlich auf-" Aber das Wort ging in seinem bestürzten Luftholen unter, als eine Hand um seinen Hals bis hinter das Ohr glitt. Für einen Moment schoben sich die Finger spielerisch in sein Haar hinauf und lagen dann still, umfassten schließlich seinen Nacken und hoben ihn ganz leicht dem Mund entgegen, der noch einmal die schmerzende Lippe berührte, bevor er sich einen atemberaubenden Weg über Kinn und Kehle bis zum Schlüsselbein hinunter suchte. "James!", murmelte Sirius.
James lag da wie erstarrt. Hatte ihn der Überfall in der Nacht vor allem wütend gemacht, so war die Zärtlichkeit, die er jetzt in Sirius' Stimme und Berührung spürte, ein Schock. Wie war es verdammt noch mal hierzu gekommen? Wie konnte er hier liegen und das zulassen? Und wieso beendete er diese verrückte, diese vollkommen unmögliche Szene nicht endlich mit irgendetwas?! Wie sollten sie jemals wieder miteinander sprechen, wenn er das nicht tat?
Aber seine Fragen gingen unter, sie wurden überschwemmt wie Steine von der steigenden Flut. Lippen und Zähne glitten über seinen Hals, seine Kehle, dann über seine Brust mit kleinen, selbstvergessenen Berührungen, bis er schließlich das Gefühl hatte, dass alle Kraft zur Gegenwehr ihn verlassen hatte und nichts als sehnsüchtige Erwartung zurückgeblieben war.
Sirius' Haar streifte über seine Brust und war so überraschend weich, und das Absichtslose, das Nebenbei dieser Berührung traf ihn direkt ins Herz. Sirius' Hände, seine Lippen waren so geschickt, so sicher – wussten genau, was sie tun mussten, um ihn zu einer Reaktion zu bringen. Vielleicht hätte das allein ihn wütend gemacht. Aber das dunkle Haar, das da so weich und mit unwissender Zärtlichkeit über seine Haut strich – das sagte ihm in diesem Moment etwas über Sirius, dem er sich nicht verschließen konnte. Und auch seine Stimme, die er so noch nie gehört hatte, seine Stimme, die seinen Namen murmelte und nichts sonst –
Hab ich das gewusst? fragte er sich panisch. Will ich das etwa?
Dann erlosch auch dieses letzte Aufflackern seines Verstandes. Sirius' Lippen hatten seinen Bauch erreicht, wo sie, nachdem sie die Härte der Rippen hinter sich gelassen hatten, nun auf einmal in die seidige Weiche von seltsam schutzlosem Fleisch eintauchten. James stöhnte unwillkürlich auf. Da verließ die Hand seinen Nacken, um sich flach über seine Brust zu legen, wo sie sanft zu kreisen begann – nie hatte er gewusst, dass sich das so anfühlen konnte – dass von dort solche Schauer der Erregung durch seinen Körper wehen konnten –
Die andere Hand war auf einmal auch da. Sie glitt über seine Hüfte, seinen Bauch und tiefer, bis sie auf den Shorts lag, in denen er geschlafen hatte.
"Nicht!", keuchte er auf.
Aber Sirius tat es doch. Griff zu, sanft nur, beinahe fragend, und umfasste zugleich mit Zunge und Lippen eine Brustwarze. James bohrte seinen Kopf in das Kissen zurück und biss die Zähne zusammen. Krallte schließlich die Finger in die Matratze und konnte doch nicht verhindern, dass er sich regte und härter wurde unter Sirius' Hand. Das konnte doch nicht – er konnte das doch nicht –
"Hör auf damit!", presste er hervor. "Das ist nicht in Ordnung!"
"Lass mich!", flüsterte Sirius und hob den Kopf. "Bitte, lass mich!"
Und ja, das war, was er wollte. Mehr davon! Sein Körper war jedenfalls entschieden dieser Meinung. Wollte diese Hände einfach weitermachen lassen, die so genau Bescheid zu wissen schienen. Aber das konnte er doch unmöglich zugeben. So lag er also da, hielt die Augen krampfhaft geschlossen und auch den Mund, um sich nicht wieder zu verraten, während Sirius seine Finger noch einmal sacht über den schmalen Pfad aus dunklem Haar gleiten ließ, der von seinem Bauchnabel hinabführte bis dahin, wo er sich zu einem Delta aus kleinen Locken verbreiterte.
Wenn das Lily wäre –!, dachte er verloren. Aber er wusste sofort, dass er das nicht wirklich dachte. Nicht in diesem Moment. Das hier war Sirius – sein Freund, den er seit Ewigkeiten kannte und mit dem er fast alles geteilt hatte – bis auf das hier – bis auf Zärtlichkeit, bis auf Leidenschaft –
Und er stellte erschreckt fest, dass genau das eine ganze Menge zu seiner Erregung beitrug. Will ich das denn, dachte er fassungslos. Dass er das macht? Ihn so sehen? Hab nie an so was gedacht – er anscheinend wohl – und jetzt –
Aber da hielten die Finger inne und lagen ganz still. Er merkte auf einmal, dass er den Atem angehalten hatte. Was nun – warum –
Sirius hatte den Kopf von seinem Bauch gehoben, und James öffnete unwillkürlich die Augen. Sirius sah ihn an, und da war ein wissendes, ein so unverschämtes Lächeln in seinem Gesicht. Das war so sehr Sirius, wie er ihn kannte, dass das alles hier noch viel schockierender wurde. James fühlte, wie nun auch noch brennende Schamröte sein Gesicht überzog. Während sich seine Nervenenden allmählich allesamt in seinem Unterleib zu ballen schienen, hätte er Sirius am liebsten eine reingehauen. Wenn es dazu nicht schon viel zu spät gewesen wäre – wenn er nicht schon längst –
Ja, vertraut war ihm das Gesicht, das plötzlich wieder nahe kam. Aber die Augen darin konnten plötzlich ganz fremd sein, so wie in diesem Moment. Er musste sie einfach ansehen, auch wenn das bedeutete, dass er sich ihrem Blick auslieferte. Und als Sirius' Lippen jetzt zu seinem Mund zurückkehrten, da ließ er sich fassen, gab den fragenden Vorstößen seiner Zunge zaghaft nach. Ließ es zögernd zu, dass sich all seine Sinne diesem Kuss öffnen wollten – tastete, schmeckte – und wurde dann von seiner jähen Leidenschaft mit fortgerissen wie von einer Welle, der er nicht standhalten konnte. Fand sich schließlich wehrlos zurückgespült in die Realität dieses Schlafsaalbettes, wo Sirius auf einmal über ihm lag und seine beiden Handgelenke gepackt hielt. Die Nähe verschlug ihm den Atem.
"Nicht, Sirius – lass mich los –", stammelte er. Aber sein hilfloses Gestammel erstickte Sirius mit einem weiteren Überfall, der nicht mehr viel anders war als der in der vergangenen Nacht, auf dieser Wiese im Mondlicht.
James dachte nicht mehr. Gierig und ungeschickt erwiderte er den Kuss, und als Sirius seine Hände freigab, schlang er sie wie selbstverständlich um seinen Kopf – fühlte noch einmal erstaunt, wie weich dieses Haar war – erinnerte sich wieder – wollte nicht streicheln und konnte doch nicht anders – tastete nach dieser verräterischen Zartheit, verstohlen, wie beschämt von der eigenen Zärtlichkeit.
Sirius hatte innegehalten und sich reglos den Händen überlassen, die da auf einmal nach ihm suchten. James hörte ihn ganz leise aufseufzen, dicht an seiner Wange. Und erschrak so sehr, dass er beinahe zur Besinnung kam.
Jetzt war er nicht mehr länger nur der Überfallene. Jetzt –
Er musste ein Ende machen damit! Sofort!
Aber da war das Gewicht seines Körpers, das auf ihm lastete, ihn hilflos machte. Warme Haut, die sich an seinen Bauch schmiegte. Und auch der kalte, harte Knopf einer Jeans, die auf einmal ebenso im Weg war wie das verrutschte T-Shirt. Und der Mund, der ihn nicht mehr freigab, der ihn küsste und koste und seinen Namen über seine Haut flüsterte, als hätte er kein anderes Wort mehr –
Sirius zerrte ihm auf einmal mit einer entschlossenen und ziemlich groben Bewegung die Shorts über die Hüften und umschloss ihn dann mit einer festen, sicheren Hand. James hätte beinahe aufgeschrien. Und erst jetzt, als er spürte, wie heftig er sich dieser Hand entgegendrängte, erst da kam er endlich zu sich.
"Nein! Nein, hör auf jetzt! Das geht nicht!", rief er mit krächzender Stimme und stieß Sirius von sich. Zitternd setzte er sich auf.
Sirius' graues T-Shirt war heraufgerutscht, und James wandte hastig seinen Blick von dem Streifen glatter, leicht gebräunter Haut ab, den es freigab. Er konnte kaum atmen, sein ganzer Körper brüllte förmlich nach Erlösung.
"Ich will dich", flüsterte Sirius. "James!"
Er lag schwer atmend auf dem Rücken, und als er sich nun James zuwandte, wusste dieser, dass ihn so auch all diese Mädchen sahen, mit denen er ging: mit diesem zerzausten Haar, das ihm jetzt ziemlich wild in die Augen fiel, mit diesem Blick unter halb gesenkten Lidern, der nun James traf wie eine seltsame, ungewollte Offenbarung. Oder? Oder sah der nur ihn so an?!
Was er da gesagt hatte – konnte das noch schlimm sein, nach allem, was gerade geschehen war? Er hatte ja deutlich genug gespürt, was Sirius wollte. Aber es war schlimm. Weil er plötzlich verstand, was er schon die ganze Zeit unterschwellig wahrgenommen hatte, ohne es in sein Denken hineinzulassen. Was ihm der Klang der Stimme verraten hatte, die Art, wie Sirius seinen Namen sagte. Dass das hier keine mutwillige Laune war, die seinen unverschämten Freund plötzlich überkommen hatte. Nicht der Einfall einer mondsüchtigen Nacht, der etwas aus dem Ruder gelaufen war. Kein Spiel.
Seine Stimme, wie sie James sagte –
Es war eine Liebeserklärung.
James war so betroffen von dieser Erkenntnis, dass es ihm die Sprache verschlug. Und auch aufstehen und weggehen – was er eigentlich hatte tun wollen – konnte er plötzlich nicht mehr. Aber während er noch verzweifelt nach etwas suchte, das er hätte sagen können, war Sirius das Schweigen schon zu lang geworden. Mit einer zornigen Bewegung wischte er sich das Haar aus der Stirn. "Du willst das auch. Sieh dich an und gib es wenigstens zu", sagte er scharf. "Und es war nicht deine Lily, die dich so weit gebracht hat!"
James zuckte zusammen, als hätte er ihn ins Gesicht geschlagen. Er fühlte sich plötzlich gedemütigt und irgendwie verraten. Und dann kam von irgendwoher auch seine Wut zurück. "Halt bloß den Mund, Mann!", zischte er. "Du – du hast alles kaputtgemacht. Hau endlich ab!"
Sirius setzte seine überheblichste Miene auf, aber es war kläglich leicht zu erkennen, dass er damit nur seine Verletztheit maskierte. Und obwohl seine Brille eben irgendwohin auf den Fußboden gefegt worden war, hatte James ihn überhaupt noch nie so klar gesehen wie in diesem Moment, als ihn dieser böse Blick aus seinen grauen Augen angiften wollte, während doch der seltsam verschleierte Glanz noch nicht aus ihnen verschwunden war, so wenig wie die leise Röte aus seinem Gesicht –
Aber Sirius rappelte sich auf. Schwang die nackten Füße aus dem Bett und stand dann da, die Daumen in die hinteren Hosentaschen gehakt, und sah spöttisch auf ihn herunter. „Sag die Wahrheit, Potter", sagte er. Die Coolness in Person. Das T-Shirt hing ihm immer noch irgendwo über der Brust und ließ seinen flachen Bauch frei, bis dahin, wo die Knopfleiste seine Jeans ein wenig schief über den Hüften hielt. James hatte auf einmal das Gefühl, genau zu wissen, wie sich diese Haut unter seinen Lippen anfühlen würde. Oh Gott! Das konnte doch alles nicht wahr sein! Für einen heißen, sinnverwirrenden Moment flackerte sein Blick tiefer.
"Geh!", brachte er endlich heraus. "Hau ab!"
Sirius drehte sich um und ging zur Tür. James sah ihm nicht nach, aber er hörte seine nackten Füße leise auf den Steinboden tappen. Wo wollte der hin, ohne Schuhe –
"Vergiss bloß nicht, erst eine kalte Dusche zu nehmen, bevor du frühstücken gehst, Potter!" Damit ließ Sirius die Tür krachend hinter sich zufallen, und James blieb allein zurück. Allein, mit all dieser brennenden Haut um sich herum. In der Stille des Schlafsaals mit seinen verlassenen Betten, mit den Sonnenstreifen auf dem Boden, mit der alltäglichen Unordnung, die seine Aufgewühltheit zu verspotten schien –
Ja!, dachte James. Verflucht, die Antwort ist ja.
Er ließ sich auf sein Bett zurückfallen und rollte sich zusammen. Während er in das purpurne Dunkel hinter seinen geschlossenen Lidern starrte, versuchte er, an gar nichts zu denken. Irgendwo da draußen wartete ein Junimorgen auf ihn, ein freier Samstag voller Sonne und Verheißungen. Er war mit Lily verabredet, heute Nachmittag. Er würde zu diesem Tag zurückfinden. Alles würde wieder werden, wie es gewesen war.
Er lehnte den Kopf gegen das kühle Kissen und suchte, ohne es zu wissen, nach dem Geruch von feuchtem Gras und Walderde.
