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And Even The Strongest Heart Has A Weak Spot

"Du meinst Freundin wie Freundschaft, oder Freundin wie Beziehung?"

John war zu perplex, um seine Gedanken ordentlich artikulieren zu können. Hatte Sherlock ihm nicht bei Angelos gesagt, dass Frauen, oder besser gesagt, Beziehungen nicht sein Gebiet waren? Sherlock antwortete nicht sofort und John hatte schon die Befürchtung, dass er Sherlock sämtliche Details aus der Nase ziehen musste. Doch dann atmerte Sherlock tief durch und fing an zu erzählen.

"Verena ist die Tochter des besten Freundes meines Vaters. Wir kennen uns schon seit dem Kindergarten, und als sich zwischen uns als Jugendliche eine romantische Beziehung entwickelte, ist sie eines Tages, ohne ein Wort zu sagen, verschwunden. Ich war damals erst achtzehn Jahre alt und seitdem hatte ich nie mehr etwas von ihr gehört. Bis heute".

Sherlocks Augen waren eine Nuance dunkler geworden, wie jedes Mal, wenn er drohte tief in Gedanken zu versinken.

"Unsere Beziehung hielt nur einen Monat." Mehr hatte Sherlock nicht zu sagen, aber mehr brauchte John auch nicht zu wissen.

Es erklärte einiges und John konnte nun mit Sicherheit sagen, dass Sherlocks Unfähigkeit und Unwilligkeit eine Beziehung zu führen auf diese schmerzliche Enttäuschung vor achtzehn Jahren zurück zu führen waren. Damals musste er einfach beschlossen haben, dass es einfacher wäre, ein Leben zu führen, ohne sich auf einen anderen Menschen emotional einzulassen. Johns Magen verkrampfte sich und Traurigkeit überkam ihn, als er daran dachte, wie einsam Sherlock in all den Jahren sich gefühlt haben musste, und er kam nicht umhin, Verena Gatiss Vorwürfe zu machen, obwohl er sie und ihre Beweggründe gar nicht kannte.

"Warum war sie verschwunden?" fragte John und stand auf, um sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Wasser zu holen. Er blieb auf dem Weg dorthin kurz hinter Sherlock stehen und streichelte seinem Freund und Mitbewohner ganz unbewusst durch die dunklen lockigen Haare um ihm Trost zu spenden.

"Ihre Eltern ließen sich damals scheiden und nur durch einen Zufall habe ich erfahren, dass sie mit ihrer Mutter zurück nach Hamburg gegangen war."

Sherlock wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Er hatte in den achtzehn Jahren kein einziges Mal wegen Gatiss geweint, und er würde jetzt auch nicht damit anfangen. Sie war ein abgeschlossenes Kapitel, ein abgeschlossener Fall, dessen Details er erfolgreich aus seinem Gehirn gelöscht hatte, um Platz für andere Fälle zu schaffen. Mit aller Macht versuchte er die aufkommenden Gefühle in Schach zu halten. Ein lautes, trauriges und erschöpftes Seufzen entwich Sherlocks Mund und Johns Hand wanderte automatisch tiefer zu seinem Nacken.

"Sherlock," sagte John leise. "Das tut mir leid."

Sherlock riss seine Arme hoch und drehte seinen Körper zur Seite, damit er John an sich ziehen konnte. Er vergrub sein Gesicht in Johns Bauch und sog den Geruch des Mediziners tief in sich auf.

"John, sagte er einfach, und etwas in seiner Stimme ließ Johns Herz in tausend kleine Splitter zerspringen.

Er konnte es kaum ertragen, Sherlock in diesem offenen und verletzlichen Zustand zu erleben. John schloss seine Arme ebenfalls um Sherlock und presste ihn fest an sich. Nach ein paar Minuten wurde John das Stehen schwer und er wollte sich auf den Stuhl neben Sherlock setzen, doch der Consulting Detective zeigte keinerlei Interesse daran, sich aus der Umarmung lösen zu wollen.

"John," fragte Sherlock und blickte hoffnungsvoll zu ihm auf.

"Ja, Sherlock?"

"Bitte schlafe heute Nacht mit mir."

John zog scharf die Luft ein. Es war zwar nicht ungewöhnlich für die beiden, dass sie manchmal das Bett miteinander teilten, aber John wusste genau, warum Sherlock ausgerechnet jetzt, obwohl ihr letzter Sex schon Wochen zurück lag, mit ihm schlafen wollte. Sherlock wollte die Erinnerungen an die unangenehmen Gefühle von damals, die Gatiss's Besuch wieder an die Oberfläche katapultiert hatte, mit den schönen Gefühlen betäuben, die John ihm schenkte wenn er ihn liebte.

"Sherlock," räusperte John sich, als er seine Stimme wieder gefunden hatte. "Ich glaube, das ist keine gute Idee."

"Bitte," flehte Sherlock. "Ich muss die Gefühle wieder auslöschen.

John seufzte. "So einfach ist das nicht. Wenn die Gefühle selbst nach achtzehn Jahren noch vorhanden sind, heißt dass lediglich, dass sie unter der Oberfläche brodeln und nicht gelöscht wurden von dir. Und sie werden heute Nacht nicht einfach wieder in der Versenkung verschwinden, nur weil ich dich mit Sex ablenke."

"Was macht das schon für einen Unterschied? Du zierst dich doch sonst nicht."

John riss sich aus der Umarmung und wich mehrere Schritte zurück. Sherlock starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. John kämpfte mit den Tränen. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass Sherlock ihn womöglich nur benutzte. John wurde schmerzlich bewusst, dass er sich die Zuneigung, die Sherlock ihm entgegenbrachte, vielleicht nur eingebildet hatte.

"Was?" fragte er, als er Johns entsetzte Miene studiert hatte.

"Ich helfe dir gerne diese schwierige Zeit durchzustehen," erklärte John. "Aber nicht auf Kosten meines eigenen Seelenfriedens."

Mit diesen Worten ließ John Sherlock in der Küche sitzen und floh in sein Zimmer. Sherlock, der keine Ahnung hatte, was John damit meinte, fühlte sich plötzlich so einsam wie noch nie zuvor in seinem Leben. Selbst der Augenblick, als er von Gatiss' Verschwinden erfuhr, stellte keinen angemessenen Vergleich dar. John ließ sich in seinem Zimmer aufs Bett fallen, wütend auf sich selbst. Wie hatte er nur glauben können, dass die Gefühle, die er für Sherlock entwickelt hatte, auch nur die geringste Chance hätten?

John wurde irgendwann mitten in der Nacht wach, als er spürte, wie Sherlock sich von hinten an ihn kuschelte und einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange gab. John seufzte wohlig, hielt aber die Augen geschlossen. Er genoss Sherlocks Nähe und die enorme Körperwärme, die er stets ausstrahlte und die John jedes Mal in einen angenehmen Dämmerzustand versetzte.

„Es tut mir leid, wenn ich dich, auf welche Art und Weise auch immer, verletzt haben sollte," murmelte Sherlock in Johns Haare. „Ich hätte mich von meinen Gefühlen nicht übermannen lassen dürfen."

Sherlock ließ John wieder los und rollte sich auf den Rücken, um an die Decke starren zu können, die hell von der Straßenlaterne vor dem Haus erleuchtet wurde. John musste vergessen haben, die Vorhänge zu schließen. Außerdem trug er noch die Kleidung vom Tag und Sherlock schlussfolgerte daraus, dass John nachdenklich stundenlang auf dem Bett gelegen haben musste und er irgendwann einfach darüber eingeschlafen war.

„Bist du noch wütend?" fragte Sherlock .

John drehte sich auf die andere Seite und legte Sherlock eine Hand auf seinen Bauch.

„Ich war nicht wütend," antwortete John, ein Gähnen unterdrückend und als die Erinnerung an ihr Gespräch vom Abend wieder in ihm hochkam, verkrampfte er sich und wollte seine Hand wieder von Sherlocks Bauch nehmen, aber dieser griff nach seiner Hand und hielt sie an Ort und Stelle.

„Aber ich habe dich enttäuscht," sagte Sherlock.

„Gute Deduktion," murmelte John, gefangen in einem äußerst starken Deja-vu.

„John," seufzte Sherlock und John schlang automatisch seine Arme um Sherlocks Körper, als er die Angst und die Sorgen in Sherlocks Stimme vernahm.

Sein Freund war gewiss nicht auf den Mund gefallen, aber wenn es darum ging, Gefühle in Form von Worten Ausdruck zu verleihen, war Sherlock mehr als inkompetent. John wusste, was Sherlock auf der Zunge lag und mit seiner Umarmung wollte er zeigen, dass es in Ordnung war, dass er verstand, dass er Sherlock sein ungewolltes Schweigen nicht übel nahm.

Sherlock erwiderte die Umarmung und versenkte sein Gesicht erneut in Johns duftende Haare. Vollkommen überwältigt vom Gefühl der Erleichterung, welches ihn nun durchströmte, jetzt, da John ihm offensichtlich verziehen hatte, presste er seinen Freund feste an sich.

John blieb auch nichts anderes übrig, als ihm zu verzeihen. Auf der einen Seite zerriss es ihm das Herz, Sherlock in einem Zustand von Furcht und Verunsicherung zu sehen, John könnte ihn verlassen. Aber auf der anderen Seite wollte John nicht für das Ende ihrer Freundschaft verantwortlich sein. Denn wenn Freundschaft das Einzige war, was Sherlock ihm bieten konnte, würde John das mit offenen Armen in Empfang nehmen. Immerhin war das die beste Lösung und John hätte es nicht ertragen können, müsste er sein Leben, vollends von Sherlock befreit, allein in London verbringen.

„Möchtest du darüber reden?"fragte Sherlock und John erschrak aus seinen Gedanken, kurzzeitig davon überzeugt, Sherlock hätte einen Blick in seinen Kopf geworfen.

„Ich möchte, was auch immer ich getan habe, kein zweites Mal deine Gefühle verletzen."

John atmete tief ein. „Ich weiß nicht, ob ich schon bereit dazu bin, mit dir darüber zu reden."

Er wusste ja nicht einmal, ob das jetzt noch von Bedeutung war. Immerhin hatte er die Entscheidung getroffen, dass eine Freundschaft mit Sherlock ausreichen musste. Und im Grunde genommen traf Sherlock doch auch keine Schuld, oder? Wie sollte er denn ahnen, Johns Gefühle zu verletzen, wenn er nicht einmal wusste, dass sein einziger und bester Freund verliebt ihn war?

„Ich würde dich aber gerne besser verstehen."

Bastard, dachte John. Sherlock versuchte ihn zu manipulieren, indem er falsches Interesse heuchelte, nur um seine eigene Neugier stillen zu können.

John war sich mit einem Mal gar nicht mehr so sicher, ob es nicht doch von Vorteil wäre, wüsste Sherlock über seine Gefühle für ihn Bescheid. Und wie konnte er sich jemals Sherlocks Gefühlen sicher sein, wenn sie nie darüber sprechen würden?

Sherlocks rechte Hand nestelte sich ihren Weg unter Johns Pullover auf die warme Haut auf seinen Rücken. Geistesabwesend streichelte Sherlock John über die hervorstehenden Wirbel, geduldig wartend auf eine Erklärung.

Die intime Nähe, die beide miteinander teilten, und das nicht zum ersten Mal, half John nicht dabei, standhaft zu bleiben. Und es fiel John besonders schwer, da er wusste, wie viele menschliche Seiten insgeheim in Sherlock schlummerten.

John räusperte und verkrampfte sich wieder, als er sich dazu entschloss, Sherlock die Wahrheit zu sagen. Sherlock konnte seine Anspannung spüren und es trieb John beinahe Tränen in die Augen, als Sherlock sagte:

„Ich will nicht, dass du dich vor mir fürchten musst und ich wünschte, ich könnte dir die Angst nehmen."

John hob seinen Kopf und ehe Sherlock sich versehen hatte, spürte er auch schon die Lippen des Doktors auf seinen. Zunächst erschrak Sherlock, unsicher, wie er nun reagieren sollte. Doch dann gewährte er John Einlass und als ihre Zungen aufeinander trafen, verwickelt in einem leidenschaftlichen Tanz, wurde Sherlock schlagartig bewusst, was John nicht erst seit ihrem Gespräch in der Küche beschäftigen musste.

Sherlock legte John seine linke Hand auf die Schulter und schob ihn bestimmt ein Stückchen von sich weg. Völlig atemlos unterbrachen sie ihren Kuss.

„John," stöhnte Sherlock, seine Augen weit aufgerissen in Entsetzen, dass er nicht schon viel früher die Gefühle seines Freundes entschlüsselt hatte.

John legte Sherlock einen Finger auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Ich bin verliebt in dich," flüsterte John, ehe er beschämt wie ein Jugendlicher nach einem unfreiwilligen Liebesgeständnis das Bett und das Zimmer verließ, um für die Nacht Quartier auf dem Sofa im Wohnzimmer zu beziehen. An der Tür zum Schlafzimmer hielt er kurz inne und drehte sich zu Sherlock um, der im Semilicht der Straßenlaterne Johns Miene nicht akkurat deuten konnte, was ihm äußerst missfiel.

„Jetzt, da du Bescheid weißt, hoffe ich, dass das Thema von dir nie wieder zur Sprache gebracht wird."

Eine unmissverständliche Anordnung. Und eine unterschwellige Androhung.

John schloss die Tür hinter sich und eilte die Treppe hinunter, als er könnte er so seinen Gefühlen und der unangenehmen Begegnung mit Sherlock entfliehen.

Sherlock starrte fassungslos die Tür an. Er fühlte sich überrumpelt, hatte er doch mit allem gerechnet, nur nicht damit.

„Bitte gehe nicht," sagte er in die Dunkelheit hinein, ehe er sich auf den Bauch rollte und in Johns Bett mit einem auf Hochtouren arbeitendem Gehirn irgendwann in einen ruhelosen Schlaf fiel.

Sherlock schlug seine Augen auf und setzte sich aufrecht im Bett auf. Sein Blick fiel auf die nun wieder offenstehende Schlafzimmertür, auf Johns Kleiderschrank und die aufgerissenen Schubladen .John hatte sich offensichtlich in sein eigenes Zimmer geschlichen um sich frische Kleidung aus seinem Kleiderschrank zu holen, darauf bedacht, leise zu sein und Sherlock nicht zu wecken. Sherlock fühlte sich das erste Mal in fast drei Jahren zurückgewiesen nicht von Johns emsigen Treiben am frühen Morgen geweckt worden zu sein. Oder von John persönlich. Sherlock hatte sich schnell an diese kleinen Rituale gewöhnt, die sich relativ zügig und eigenständig entwickelt hatten im Laufe ihres Zusammenlebens und er spürte eine eigenartige Leere in seinem Inneren aufsteigen. John verließ niemals die Wohnung, ohne sich von ihm zu verabschieden.

Sherlock stand gemächlich auf, in der Annahme, John hätte bereits das Haus verlassen, aber als er die Stufen in die erste Etage hinabstieg, sah er John durch die Tür am Küchentisch stehen, die obligatorische Tasse Tee in der Hand einen Blick auf die Schlagzeile der Times werfend. Sherlock ging auf ihn zu und legte ihm von hinten sanft eine Hand auf die verletzte Schulter.

„John."

Keine Antwort, aber Sherlock ließ sich von Johns stiller Ablehnung nicht beeindrucken.

„Was du mir letzte Nacht gestanden hast..."

John riss sich von Sherlock los und knurrte:

„Ich habe dir klipp und klar gesagt, dass ich nicht mehr darüber reden möchte. Und jetzt lass mich durch. Ich muss ins Krankenhaus zur Arbeit."

Ehe Sherlock noch etwas hinzufügen konnte, stürmte John davon und griff nach seiner Lederjacke, bevor er eilig die Wohnung verließ und den Weg Richtung Baker Street Station einschlug, um noch die U-Bahn um viertel vor acht zu erwischen.

Sherlock hatte es geahnt und umso weniger überraschte ihn Johns Verhalten. Johns Widerwillen darüber zu sprechen konnte nur bedeuten, dass John nicht den Wunsch verspürte, weitere Schritte zu unternehmen, was Sherlock wiederum zu der Vermutung veranlasste, dass John vielleicht ein Problem mit der Tatsache hatte, in einen Mann verliebt zu sein. Er schätzte John zwar nicht als einen Menschen ein, der Probleme mit Homosexualität hatte, aber Sherlock hatte unerklärlicherweise schon seit längerem Schwierigkeiten, Johns Verhalten und Gefühle ordentlich zu deduzieren. Alles was Sherlock nun übrig blieb, war, Johns Wunsch zu respektieren und das Thema tot zu schweigen. Sherlock war das sogar ganz recht, wenn er genauer überlegte. So musste er John nicht seine eigenen Gefühle gegenüber ihm gestehen und vielleicht hatte somit ihre Freundschaft zumindest noch eine Chance.

Im gleichen Augenblick, als John die U-Bahn Station erreicht hatte, fuhr eines der typisch englischen schwarzen Taxis an den Straßenrand und hielt genau vor Mrs Hudsons Haus. Verena Gatiss bezahlte den Fahrer mit einer 20 Pfund Note und stieg aus, hielt kurz inne und war beinahe der Versuchung erlegen, wieder in das Taxi zu steigen und einfach ihre ursprünglich geplante Fahrt nach Scotland Yard fortzusetzen. Sie wusste auch, aus welchem Impuls heraus sie sich entschieden hatte, Sherlock einen Besuch abzustatten und mit einem Mal kam ihr die Idee absolut absurd vor.

Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als der Taxifahrer gedachte seine Arbeit wieder aufzunehmen und davon fuhr. Verena verstand das als einen Wink des Schicksals. Das, und dass sie der kalte Novemberwind sie in eine wärmere Umgebung zwang. Mit einem letzten Ruck stieg sie die zwei Stufen zu 221 Baker Street hinauf und betätigte die altmodische Türklingel. Verena hoffte insgeheim, dass sie Sherlock nicht antreffen würde, würde sie doch mit seiner Zurückweisung, die sie schon sehr deutlich am Vorabend vernommen hatte, als sie ihn mit Lestrade aufgesucht hatte, nicht umgehen können. Doch sie verspürte das dringende Bedürfnis Sherlock zu sehen, zu spüren, zu riechen und ja sogar zu hören. Sie vermisste ihn und der Schmerz über seinen Verlust hatte sich schnell psychosomatisch manifestiert, indem sie in regelmäßigen Abständen unter Angstattacken litt.

Ihm alles erklären zu wollen stand, interessanterweise, erst an zweiter Stelle. Verena wusste, dass sie noch heute mit Sherlock zusammen wäre, hätte sie damals nicht mit ihrer Mutter nach Deutschland gehen müssen. Selbst heute, nach all den Jahren, übte Sherlock weiterhin eine faszinierende Anziehung auf sie aus, und wie sie vor nur knapp zwölf Stunden feststellen durfte, hatte diese Faszination nicht an Intensität eingebüßt. Eine Intensität, die ihr rationales Denken und besonnenes Verhalten außer Kraft zu setzen vermochte.

Eine kleine, ältere Dame öffnete ihr die Tür.

„Ja, bitte?"

„Ich bin Detective Inspector Gatiss von Scotland Yard." Verena fischte ihren Ausweis aus der Jackentasche und zeigte ihr der Frau, um ihrem Auftreten eine gewisse Dringlichkeit zu vermitteln, bevor sie von der Dame abgewiesen werden konnte.

„Ist Mr Holmes zufällig zu sprechen?"

Die Dame drehte sich halb zur Seite und rief laut in die erste Etage:

„Sherlock, Besuch für Sie!"

Mrs Hudson ließ Verena eintreten.

„Danke," quittierte Verena mit einem Lächeln, als Mrs Hudson ihr mit einer Geste zu verstehen gab, dass sie die Erlaubnis hatte, Sherlocks Wohnung zu betreten.

Plötzlich fing Verenas Herz an zu pochen, ihre Atmung beschleunigte sich und ihr wurde ganz warm im Gesicht und flau im Magen. Eine irrationale Welle von Furcht durchflutete ihren Körper und Verena musste auf halben Weg auf der Treppe kurz stehen bleiben um tief Luft zu holen und sich zu beruhigen.

Mach dich nicht lächerlich, sagte sie in Gedanken zu sich selbst. Das ist nur Sherlock.

Aber sie wusste es besser und sie konnte unmöglich die Hoffnungen leugnen, die seit dem unerwarteten Aufeinandertreffen mit Sherlock am Abend zuvor, unfreiwillig in ihr aufkeimten. Hoffnungen, die bestimmt von Sherlock enttäuscht wurden. Aber Verena tröstete sich mit dem Gedanken, dass, selbst wenn ihr Streben nach einer Versöhnung kein Glück haben würde, sie nichts zu verlieren hatte. Sie konnte nichts verlieren, was sie bereits verloren hatte.

Vielleicht würde Sherlock ihr verzeihen. Vielleicht würde er sie aber auch wieder wegschicken, weil er kein Interesse mehr an ihr als Person hatte. Er betrachtete die Dinge nun mal alle sehr rational und nüchtern und es würde sie nicht wundern, sollte er die Versöhnung aus ganz praktischen Gründen sich ihre Gedanken weiter überschlagen konnten, nahm Verena die letzten drei Stufen auf einmal und stand in der Tür an der gleichen Stelle wie gestern.

Sherlock stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und bewegte sich keinen Millimeter. Er hatte sie schon an ihrem Gang erkannt, denn die Absätze ihrer Schuhe verursachten auf dem Holzboden einen charakteristischen Klang. Ihr Parfüm, welches er als „Armani Code" wieder erkannte, umspielte jetzt seine Nase und das verlieh ihrem Erscheinen ein neues Maß an Authentizität und die Realität holte Sherlock mit einem Schlag ein. Sherlock verkrampfte sich, weil er mit ihrem Besuch weder gerechnet hatte, noch dass er ihn Willkommen hieß.

Verena hielt dem Atem an. Sie wusste, dass er bereits Notiz von ihr genommen hatte, und dass er sich nicht sofort zu ihr umdrehte, deutete sie als untrügliches Zeichen. Sherlock wollte sie nicht sehen.

„Sherlock."

Ihre Stimme war voller Hoffnung und Furcht zugleich, mit dem gleichen warmen und sanften Klang wie vor siebzehn Jahren. Sherlock schwieg beharrlich und seiner Beharrlichkeit konnte Verena nur ihre Geduld und ihr Durchhaltevermögen entgegensetzen. Es war ein stiller Machtkampf zwischen zwei Menschen mit starken Persönlichkeiten, die es gewohnt waren, zu kämpfen und zu siegen. Früher hatte Sherlock sich immer durchgesetzt und gerade, als Verena nach einer gefühlten halben Ewigkeit kapitulieren und auf dem Absatz kehrt machen wollte, drehte Sherlock sich endlich um und schenkte seiner Ex-Freundin einen kleinen Sieg.

Verena starrte ihm direkt ins Gesicht und sie konnte Schmerz, Wut und Trauer in seiner Mimik erkennen, wofür sie sich zutiefst schämte. Ja, sie hatte Sherlock das Herz gebrochen und nein, sie hatte nicht damit gerechnet, dass es nach fast zwanzig Jahren immer noch nicht verheilt war.

„Es tut mir so leid, Sherlock. So furchtbar leid," flüsterte sie und die ersten Tränen lösten sich aus ihren Augenwinkeln und sie konnte nichts dagegen unternehmen.

Verena wusste nicht, wie ihr geschah als eine scheinbar unsichtbare Macht sie beide aufeinander zu trieb, bis sie in der Mitte des Raumes zusammen fanden und sich in die Arme fielen.

„Ich weiß," flüsterte Sherlock zurück, der nicht wusste, wie er mit ihren Tränen sonst umgehen sollte. Sie in den Arm zu nehmen erschien ihm richtig.

Eine kleine Ewigkeit hielten sie, schweigend und ruhig, einander fest, als hätten sie Angst, sich wieder aus den Augen zu verlieren, sobald der eine den anderen wieder losließ. Irgendwann trat Verena einen Schritt zurück und nahm Sherlocks Gesicht in beide Hände, um ihm einen federleichten und zärtlichen Kuss auf die geschlossenen Lippen zu geben. Es war die Art Kuss, die Verena sich damals als Abschiedskuss vorgestellt hatte.

Sherlock ließ den Kuss vollkommen unbeeindruckt über sich ergehen, denn er hatte keine Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Er hatte in seinem Leben noch nie eine andere Frau außer Verena geküsst und er empfand es als unangenehm, einem Menschen, den er seit siebzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, körperlich näher zu sein, als es die soziale Etikette in solch einer Situation erlaubt hätte. Aber er stand nicht irgendeinem Menschen gegenüber, sondern der Frau, von der er einmal gedacht hatte, er würde sein Leben mit ihr verbringen, weil kein anderer Mensch für ihn dafür in Frage kam. Bis John in sein Leben trat. John. Der Gedanke an John versetzte Sherlock einen Stich und er beendete den ungewollten Kuss noch bevor er einknicken konnte.

Verena löste sich von Sherlock und hielt den Kopf gesenkt, zu beschämt, um Sherlock in die Augen blicken zu können. Sie konnte ihre eigenen salzigen Tränen auf ihren brennenden Lippen schmecken und es fiel ihr schwer, den Kuss zu bereuen, von dem sie ständig träumte.

„Tut mir leid," entschuldigte sie sich für das Eindringen in Sherlocks Intimsphäre und genierte sich sichtlich dafür, als sie versuchte, sich durch mehrere Rückwärtsschritte von Sherlock zu entfernen.

Er griff nach ihrem Arm, zog sie zurück und gab schließlich einem Bedürfnis nach, welches er bis eben nicht definieren konnte, als er sie wieder an sich presste um die Kälte zu vertreiben die er plötzlich spürte. Es erstaunte ihn, wie stark er doch ihre körperliche Nähe vermisst hatte.

„Schon okay," sagte Sherlock, auf dessen vollen, bleichen Lippen jetzt ihre Tränen schimmerten. Der Kuss war zwar unüberlegt, aber Sherlock mochte ihre Impulsivität und er hatte nicht beabsichtigt sie zu demütigen, indem er ihr das Gefühl vermittelte sich schämen zu müssen.

Er presste leise seufzend seine Stirn an Verenas, während ihre Hände Halt an seinen Hüften suchten. Mit beiden Daumen strich Sherlock ihr über die Wangen und versuchte ihre Tränen zu trocknen. Er stellte fest, dass ihre Haut sich immer noch gleich anfühlte und den selben Geruch verströmte, den er begierig in sich aufsog.

„Sieh mich an," sagte Sherlock betont, aber weder streng noch böse.

Zögerlich kam sie seinem Wunsch nach. Ihre warmen braunen Augen trafen auf seine kühlen blauen Augen und es war, als ein Blitz in ihrer Mitte einschlagen, beide sich plötzlich wieder bewusst, dass Verena aus seinem Leben verschwunden war und ein tiefes Loch hinterlassen hatte, jetzt aber wieder vor ihm stand, ohne, dass sie so recht wussten, wie es nun weiter gehen sollte.

„Warum?" wollte Sherlock wissen und er setzte ihre Unterhaltung ganz automatisch in Deutsch fort. Es war ein Überbleibsel aus ihrer gemeinsamen Zeit. Verena und Sherlock hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, auf Deutsch zu reden, da sonst niemand in ihrem Umfeld, außer Verenas Mutter, die Sprache beherrschte und sie so sicher sein konnten, dass ihnen niemand, insbesondere Mycroft, heimlich lauschte.

„Warum bist du verschwunden?"

Verena war wieder versucht, ihren Blick zu senken, aber sie war Sherlock eine Erklärung schuldig und sie wollte ihm dabei in die Augen sehen.

„Mein Vater hat mich damals gezwungen, mit nach Hamburg zu gehen, als meine Eltern sich scheiden ließen," erklärte sie ihm mit brüchiger Stimme, ebenfalls auf Deutsch.

„Er sah darin die optimale Gelegenheit, mich deinem Dunstkreis zu entziehen.."

Sherlock nickte bedächtig. Ja, das sah Reginald Gatiss tatsächlich sehr ähnlich und es bestätigte eine seiner wahrscheinlichsten Theorien, dass seine Beziehung zu Verena eine unerwünschte Erscheinung war, die es bedurfte ein schnelles Ende zu setzen.

„Sherlock, du weißt, mein Vater hatte nie eine hohe Meinung von dir, und als er von unserer Romanze erfahren hat, war er außer sich vor Wut und Zorn. Ich versichere dir, dass ich damals alles daran gesetzt habe, um in England bleiben zu können."

Sherlock nickte wieder. Obwohl er sich stets auf seine Deduktionen und Theorien verlassen konnte,

war es ihm wichtig, sie dieses eine Mal aus Verenas Mund bestätigt zu hören. Eines der größten Rätsel in seinem Leben war somit aufgeklärt und er war erleichtert darüber, jetzt mit Sicherheit zu wissen, dass Verena ihn niemals mit Absicht zurück gelassen hatte.

„Du hättest mir schreiben können," sagte Sherlock und er wusste die Antwort, ehe Verena etwas entgegen konnte.

„Mutter," flüsterte er und vor seinem geistigen Auge rekapitulierte Sherlock die Szene, die er damals in der Küche beobachtet hatte. Seine Mutter hatte im alten Holzfeuerofen Briefe verbrannt, dies aber nie hinterfragt, weil er sich dabei nichts dachte.

„Nach fünf Briefen ohne Antwort von dir, hatte ich es aufgegeben," erklärte Verena. „Ich dachte, du wolltest mich komplett aus deinem Leben streichen, nachdem ich dich einfach, ohne ein Wort zu sagen, zurück lassen musste. Bitte verzeihe mir."

Sherlock glaubte ihr jedes Wort und im Grunde hatte er ihr schon längst verziehen, denn sie traf tatsächlich keine Schuld. Aber was erwartete sie jetzt von ihm? Erwartete sie, dass, wenn er ihr verzieh, sie wieder Freunde wurden? Oder wollte sie gar mehr als das? Sherlock war verunsichert und er hasste es, die Dinge, und vor allem seine Gefühle, nicht unter Kontrolle zu haben. Wie konnte er ihre Erwartungen erfüllen, wenn er nicht einmal für sich selbst wusste, was er eigentlich wollte? Er wollte, dass sie blieb und es wäre gelogen gewesen, wenn er behauptet hätte, sie nicht mehr zu lieben. Er hatte nie damit aufgehört. Aber wollte er mit ihr eine Freundchaft führen oder gar wieder mit ihr zusammen sein?

Sie hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, um wieder in sein Leben zu treten. Sherlock war gerade damit beschäftigt, seine Gefühle für John zu entdecken und gleichzeitig mit dem Kampf, ihre Freundchaft

„Bitte gehe jetzt," bat er Verena, sichtlich überfordert mit der Situation. „Ich muss nachdenken."

Verena nickte und stellte sich auf Zehenspitzen, um Sherlock einen Kuss auf die Stirn zu geben.

„Ich verspreche dir ab sofort immer für dich da zu sein, wenn du dir das wünscht."

Mit einem leisen Seufzer verließ sie wieder die Wohnung und Sherlock ließ sich frustriert in bereits bekannter melodramatischer Manier auf das Sofa fallen. Moriarty konnte abdanken. Nun hatte Sherlocks Gefühlsleben Platz auf dem Thron der anspruchsvollsten Fälle genommen.