The fallen saints
Kapitel 2
Wiedersehen
Nachdem Hermine ihr Zimmer inspiziert hatte, das im wesentlichen spartanisch mit einem alten Kleiderschrank, einem Bett, sowie Schreibtisch und Stuhl ausgerüstet war, machte sie sich auf den Weg ins Bad, um sich erst einmal frisch zu machen.
Alleine die Vorstellung, hier in Snapes Haus zu sein, hatte etwas Gruseliges an sich, doch im Grunde genommen war es damals im Grimmauldplatz nicht viel anders gewesen, als sie sich dort während ihres Aufenthalts auf engstem Raum mit den Mitgliedern des Phönix-Ordens oder der Familie Weasley arrangieren musste. Außerdem war sie längst nicht mehr so wählerisch, seit sie mit den Jungs bei eisiger Kälte in einem Zelt zusammengerückt war, um nicht zu erfrieren. Am schlimmsten aber waren die Erfahrungen gewesen, die sie während ihrer Haft in Malfoy Manor erlebt hatte. Gegen die Behandlung und die Folter, die sie dort einstecken musste, war Snapes Refugium ein richtiges Paradies.
Nach einer ausgiebigen heißen Dusche kehrte sie auf ihr Zimmer zurück. Wenig später, als sie es sich in ihrem Bett bequem gemacht hatte, es war bereits weit nach Mitternacht, klopfte es an der Tür.
„Ja?"
„Wir sind's", hörte sie Ron flüstern.
Erleichtert, endlich ein Lebenszeichen von ihren Freunden gehört zu haben, atmete sie durch.
„Kommt rein!", forderte sie aufgeregt.
Harry und Ron schlüpften ins Innere und stürmten auf das Bett zu, kaum dass die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war. Dann lagen sie sich für eine Weile in den Armen, ehe sie sich zu dritt auf das Bett lungerten.
„Wie geht es dir?", fragte Harry besorgt, um das eigenartige Schweigen zu durchbrechen, das zwischen ihnen lag.
Hermine zuckte verunsichert mit den Schultern. Obwohl sie es gewohnt war, Freud und Leid mit ihren Freunden zu teilen, war sie nicht sicher, wie viel sie ihnen erzählen sollte, um sie nicht noch mehr zu beunruhigen, als sie es ihren Blicken nach zu urteilen ohnehin schon waren.
„Es geht schon", sagte sie so gelassen wie möglich. „Mein Schädel brummt. Und hier und da fängt es wieder zu ziepen an, womit ich das Gefühl nicht loswerde, dass Snape mir irgendwas gegen die Schmerzen gegeben haben muss. Teilweise kann ich mich an fast nichts erinnern, was passiert ist, seit Dobby aufgetaucht ist. Außerdem waren die Stellen, die diese Hexe mit ihrem Messer bearbeitet hat, verheilt, als ich sie im Bad untersucht habe."
„Hmm", brummte Harry.
Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, dass er einen verstohlenen Blick mit Ron tauschte.
„Was ist? Soweit alles in Ordnung bei euch?"
Er schüttelte langsam den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Ich will dich nicht schon wieder in Aufruhr versetzen, aber ich finde, du solltest es erfahren, Hermine."
„Was erfahren?"
Mit einem Mal fühlte sie sich hundeelend, denn wenn er so anfing, konnte das nichts Gutes bedeuten.
„Dobby ist tot, Hermine. Bellatrix Lestrange hat ihn getötet."
Ihr sackte die Kinnlade runter. „Was? Nein!"
Traurig seufzte er. „Es tut mir so leid. Ich weiß, wie sehr du ihn mochtest, aber ich konnte nichts für ihn tun."
„Wo – wo ist er jetzt?"
„Ron und ich, wir haben ihn mit zu Bill zum Strandhaus genommen und ihn dort in den Dünen beerdigt. Mr. Ollivander ist auch dort. Und Griphook. Wir haben sogar schon mit ihnen geredet und einige Neuigkeiten erfahren, aber das erzählen wir dir später mal."
Sie biss sich hart auf die Lippe. Anscheinend hatte sich einiges ereignet, während sie sich erholt hatte.
„Verstehe."
Ron räusperte sich. „McGonagall wird sicher auch bald mit dir reden wollen."
Erfreut nickte sie. „Ich bin schon ganz gespannt deswegen, schließlich habe ich sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Aber immerhin habe ich schon Dumbledores Portrait kennengelernt und mich mehr oder weniger mit Snape angelegt."
„Ja, wer hätte das gedacht, ha? Dumbledore hängt in Snapes Küche rum. Schräger geht's kaum."
Hermine nickte knapp. Es fiel ihr immer noch schwer, alles zu verarbeiten, was sie erfahren hatte. „Wie geht es McGonagall so?"
Harry blinzelte. „Sie war verdammt anhänglich. Seit wir hier sind, hatten wir sie an der Backe, dabei habe ich mich am Anfang echt gefreut, sie zu sehen, aber dann wollte sie uns keine Minute mehr aus den Augen lassen. Beinahe hätte sie uns sogar zu Bill begleitet, wenn er ihr nicht hoch und heilig versprochen hätte, auf uns aufzupassen."
„Vielleicht haben sie mich deshalb von euch getrennt", fiel Hermine ein. „Weil sie wussten, dass ihr zurückkommen würdet, solange ich hier bin."
„Der Gedanke ist mir auch schon gekommen", bemerkte Harry verärgert und kratzte sich am Kinn. „Du sagtest, du kannst dich an fast nichts erinnern?"
„Na ja, das ist schwer zu sagen. Ich fühle mich, als hätte mir jemand eins über den Schädel gehauen. Vielleicht hängt das aber auch mit dem Erschöpfungszustand zusammen. Immerhin waren wir monatelang auf der Flucht."
Harry nickte. „Starkes Stück, jetzt ausgerechnet hier in Snapes Haus zu landen, findest du nicht?"
Ron hüstelte verhalten. „Wer hätte gedacht, dass er überhaupt so etwas wie ein Haus besitzt."
Hermine ging nicht darauf ein. Es gab wichtigere Dinge zu klären. „Was sagt ihr zu Dumbledore? Habt ihr schon mit ihm gesprochen?"
„Nur kurz."
„Man, du bist fast ausgerastet", schaltete Ron sich ein.
„Stimmt nicht! Ich habe mich wirklich zusammengenommen ..."
„Aha."
Hermine rollte mit den Augen. „Und Snape? Was ist mit ihm?"
Erneut wechselten Harry und Ron eigenartige Blicke.
„Weißt du, er ist uns meistens aus dem Weg gegangen", erklärte Ron schnell. „Mal ist er hier, mal in Hogwarts. Ist vermutlich besser so ..."
Verblüfft runzelte sie die Stirn. „Wie lange war ich denn nicht bei mir? So wie ihr redet, könnte man meinen, ich hab jede Menge verpasst."
„Das hast du auch", stimmte Harry zu. „Du hast drei ganze Tage geschlafen."
Hermine setzte sich mit einem Ruck auf. „Was?"
Sichtlich verunsichert nickten beide.
„McGonagall hat sich um dich gekümmert, wenn sie die Zeit entbehren konnte, schließlich kann sie nicht immer aus Hogwarts raus. Darum hat sie gemeint, auf dem Sofa wärst du besser aufgehoben als in einem der Schlafzimmer, damit Dumbledore dich im Auge behalten kann. Sie war ziemlich besorgt, aber das kannst du dir ja denken."
„Ihr meint, ich war drei Tage abwesend? Wie kommt das?"
„Ähm, nun, die Professoren waren der Meinung, dass du dich erholen musstest, also haben sie dir einige Zauber verpasst. Dazu noch einen ganzen Cocktail an Aufputschmitteln, die deine physischen Kräfte normalisieren sollten."
„Wie bitte?"
Harry seufzte. „McGonagall meinte, du wärst total unterernährt gewesen. Sie war ziemlich sauer auf uns, weil wir uns nicht richtig um dich gekümmert haben."
Hermine blickte ungläubig zwischen ihnen umher. „Das ist jetzt ein Scherz, nicht wahr?"
Zugleich schüttelten sie die Köpfe, woraufhin sie sich geknickt mit dem Rücken gegen die Wand sinken ließ.
„Na wunderbar. Können die nicht mal jetzt damit aufhören, mich wie ein kleines Kind zu behandeln? Ich bin längst erwachsen!"
„Das sind wir alle, Mione", pflichtete Ron bei. „Aber weißt du, es hätte alles weitaus schlimmer ausgehen können."
Eingeschnappt verschränkte sie die Arme vor der Brust und schnaubte vor sich hin. „Trotzdem mag ich es nicht, wenn man sich einfach so meiner bemächtigt."
„Das haben wir ihnen auch gesagt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es da unten zuging! Snape hat mit Dumbledore diskutiert, dann hat McGonagall mitgemischt und schließlich hatten sie sich alle in der Wolle. Am Ende hat McGoanagall dann die Frauen-Masche auffahren lassen, von wegen, du wärst viel zierlicher als wir und so ein Zeug. Sie meinte doch echt, wir würden das nicht verstehen. Snape hat nur noch den Kopf geschüttelt und Dumbledore hat endlich nachgegeben. Doch wohl eher, damit wieder Ruhe einkehren konnte."
Hermine spürte, wie ihre Wangen Farbe bekamen. „Wenigstens ihr hattet euren Spaß dabei, nicht wahr?", fragte sie bitter.
Ron nickte eifrig. „Es war genauso wie früher, wenn wir im Grimmauldplatz was angestellt hatten."
Ungläubig schüttelte Hermine den Kopf. Am besten war es wohl, das Thema zu wechseln. „Hmm. Was sagt ihr eigentlich zu Dumbledore?"
„Ich kann nicht glauben, dass er das getan hat", entgegnete Harry steif. „Und Snape hätte niemals darauf eingehen dürfen ..."
„Aber er wäre so oder so gestorben", warf Ron ein.
„Nicht so laut! Mir dröhnt der Kopf."
„Entschuldige, Mione."
Harry zuckte lediglich mit den Schultern. „Trotzdem war es nicht richtig von ihm, sich darauf einzulassen."
„Vielleicht. Aber wenigstens wissen wir jetzt, dass wir ihm trauen können. Die ganze Zeit über dachten wir, dass er es mit Absicht getan hat. Und dann so was!"
Ohne weiter darauf einzugehen brummte Harry vor sich hin. Es war kaum zu übersehen, dass es in ihm weitaus mehr arbeitete, als er zugeben wollte.
„Habt ihr was über die Schule gehört? Wie geht es den anderen?"
Harry nickte. „Die Zustände an Hogwarts sind echt übel. Bill hat uns erzählt, dass er von Ginny gehört hat, dass die Carrow-Zwillinge am schlimmsten sind."
Hermine lief es kalt über den Rücken bei dem Gedanken daran, dass nun wahrhaftige Todesser in Hogwarts unterrichteten.
„Neville hat sich für einige Erstklässler stark gemacht, als sie gezwungen wurden, sich gegenseitig mit Flüchen zu belegen. Daraufhin sollte er den Cruciatus auf sie anwenden und hat zur Strafe, dass er sich geweigert hat, selbst ganz schon was einstecken müssen."
„Aber das ist noch längst nicht alles", bemerkte Ron ungeduldig, ehe Hermine ihr Entsetzen zum Ausdruck bringen konnte. „Du verschweigst das Wichtigste."
Harry grummelte still vor sich hin, wodurch Hermine nur noch unruhiger wurde.
„Geht das denn überhaupt, Ron? Kommt schon, würde mir bitte einer von euch sagen, was hier los ist?"
Ron setzte ein Lächeln auf. „Snape soll im Vergleich zu denen völlig harmlos sein. Die meiste Zeit lässt er sich nicht mal blicken."
„Was soll das heißen?"
„Dass er den Schülern aus dem Weg geht und als Strafarbeit aufgibt, mit Hagrid Zutaten für Zaubertränke im verbotenen Wald zu suchen."
„Was?"
Er nickte eifrig. „Bill hat gemunkelt, dass er das tut, um die Schüler vor den Foltermethoden der Carrows zu bewahren."
„Nein, oder? Ist nicht dein Ernst!"
„Doch. Ich würd ja sagen, da is eine Entschuldigung fällig …"
Demonstrativ ließ er seinen Blick zu Harry gleiten, der aber schüttelte energisch den Kopf.
„Vergiss es! Eher geht die Welt unter, als dass ich mich bei Snape entschuldige."
„Komm schon! Das würd ich zu gern mal sehen. Selbst ich muss zugeben, dass er nicht so ist, wie ich immer dachte."
„Woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel, Ron?", fragte Hermine ironisch. Auch sie hatte ihre Meinung über Snape noch einmal überdacht, seit sie hier war, obwohl er, wie es den Anschein hatte, immer noch ein Arsch war.
„Pass auf, es kommt noch dicker! Erinnerst du dich noch daran, wie wir auf der Flucht über Griphook erfahren haben, dass Snape ein gefälschtes Schwert im Verlies der Lestranges deponiert hat? Das bedeutet, Snape hatte die ganze Zeit über das echte Schwert in Hogwarts versteckt. Und dieses Schwert, das Harry in dem Weiher gefunden hat, hat Snape uns zukommen lassen."
„Moment! Snape hat was?"
„Du hast richtig gehört."
„Aber … wieso?"
„Na, liegt das nicht auf der Hand? Dumbledore wollte von Anfang an, dass wir es bekommen, sonst hätte er es Harry wohl kaum vermacht. Nur leider hat das Ministerium das anders gesehen."
„Oh … Aber das heißt ja – das heißt, der Patronus, den Harry dort gesehen hat, war Snapes!"
„Ja."
„Das klingt nicht gerade so, als wäre das eine große Neuigkeit", bemerkte Hermine freizügig.
Ron lachte auf. „Wenn du wüsstest! Es hätte fast eine Katastrophe ausgelöst, als Harry dahinterkam."
Sie rollte angestrengt mit den Augen. „Lasst euch doch nicht alles aus der Nase ziehen! Ich war quasi drei Tage im Koma, Jungs!"
Ron gluckste. „Willst du es ihr sagen? Oder soll ich?"
Harry schnaubte und vergrub den Kopf in den Händen.
„Also", begann Ron belustigt. „Snapes Patronus war doch eine Hirschkuh ..."
„Ja, und?"
„Jetzt kommt's! Genau wie der Patronus von Harrys Mum."
Hermine riss die Augen auf. „Was?"
Ron nickte eifrig. „Eigenartig, oder?"
„Ihr habt ihm doch nicht gesagt, dass ihr das herausgefunden habt, oder?"
Neben ihr erwachte Harry plötzlich zu neuem Leben. „Ach, weißt du, ich hab natürlich getan, als hätte ich keine Ahnung, als ich Snape zum ersten Mal wiedergesehen habe!"
Wütend sprang er auf die Füße und rannte wie ein Irrer im Raum auf und ab.
Hermine biss sich beunruhigt auf die Lippe und beobachtete, wie er sich Mühe gab, seinen aufgewühlten Atem unter Kontrolle zu bringen.
„Nein, hast du nicht", stellte sie vorsichtig fest.
„Nein, hat er nicht", bestätigte Ron.
Sie schluckte. „Oh mein Gott! Was hast du getan, Harry?"
Er drehte sich entschieden von ihr weg und starrte den Schrank an, seine Hände an den Seiten zu eisernen Fäusten geballt.
„Er hat sich, gleich nachdem die Sache aufkam, unten in der Küche auf ihn gestürzt, fast genauso wie damals, als Snape mit Draco abgehauen ist. Nur eben diesmal ohne Zauberstab. Blind vor Wut hat er ihm dann auch noch einen Kinnhaken verpasst."
„Nein! In seinem eigenen Haus?"
Ron nickte. „Wäre McGonagall nicht dabei gewesen, wäre die Lage bestimmt noch mehr eskaliert."
„Was?" Hermine fuhr herum und sah Harry dabei zu, wie er vor Zorn knallrot anlief. „Sie hat gesehen, wie du Snape eine reingehauen hast?"
Harry schnaubte und ließ sich mit dem Rücken gegen den Schrank fallen. „Glaubst du, ich hab das mit Absicht gemacht? Als mir in den Sinn kam, dass er und meine Mutter irgendeine Verbindung gehabt haben könnten, ist es mit mir durchgegangen. Versetz dich mal in meine Lage, Hermine! James und Lily waren füreinander bestimmt. Für Snape gab es da keinen Platz. Aber einen so bedeutsamen Patronus bekommt man nicht von ungefähr. Das ist wie mit meinem, den ich von meinem Dad habe."
„Ich weiß, Harry. Aber du hast keine Ahnung, was dahintersteckt. Vielleicht ist alles ganz anders, als du es dir vorstellst. Sie waren beide in Hogwarts, ebenso wie James. Sie mussten sich über den Weg laufen."
„Mach es nicht noch schlimmer!", keifte er. „Ich will nichts mehr davon hören!"
„Wer's glaubt", murmelte Ron belustigt.
Hermine stupste ihm mit dem Ellenbogen in die Rippen.
„Was? Ich habe ihn jede Nacht bei mir im Zimmer, Hermine. Und in der Nacht, als er das mit dem Patronus herausgefunden hat, musste ich ihn aufhalten, damit er nicht nach unten geht, um Snape zu meucheln."
Wütend verzog sie das Gesicht. „Kann man euch nicht mal drei Tage allein lassen, ohne dass ihr was Dummes anstellt? Kein Wunder, dass Snape so gereizt war, als ich mich mit Dumbledore unterhalten habe. Er muss ja denken, dass wir total unfähig sind, wenn er in seinem eigenen Haus von seinem Ex-Schüler verdroschen wird."
„Hat er das vielleicht gesagt?", zischte Harry.
„Was gesagt?"
„Dass wir unfähig sind."
„Na ja, er hat sowas Ähnliches erwähnt. Aber, Harry, wie hat er reagiert, als du ihn geschlagen hast? Das hätte echt übel enden können. Snape ist kein Idiot. Seit du fast Draco mit dem Spruch des Halbblutprinzen getötet hast, sollte dir klar sein, dass er echt was drauf hat."
Ron gackerte erneut los, sodass sie vor Schreck zusammenzuckte. „Das ist ja das Eigenartige, Mione. Er hat überhaupt nicht darauf reagiert. Er hat nicht mal versucht, sich zu wehren."
„Siehst du jetzt, dass an der Sache mit dem Patronus was dran sein muss?", fragte Harry bitter. „Sonst hätte er sich wohl verteidigt!"
Hermine seufzte müde. „Du hast Glück gehabt, dass er dich damit hat durchkommen lassen, Harry. Wärt ihr in Hogwarts gewesen, hätte es riesigen Ärger gegeben. Und was meinte eigentlich Dumbledore zu dem Vorfall? Wussten die Professoren denn, dass es um den Patronus ging?"
„Das war total komisch", legte Ron los. „Er hat Snape einen langen Blick zugeworfen, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren."
„Er weiß was!", knurrte Harry bissig. „Darum hat er nichts gesagt. Sieht ihm mal wieder ähnlich!"
„Möglich", gab Ron zu. „Es war ein ziemliches Durcheinander da unten. Snape hatte eine blutige Lippe und McGonagall hat sich wegen Harry in Grund und Boden geschämt. Am liebsten hätte sie ihm wahrscheinlich Hauspunkte für sein Verhalten abgezogen."
„Hmm,", brummte Hermine nachdenklich. „Jetzt weiß ich auch, warum Snape meinte, du würdest es nicht akzeptieren, zusammen mit ihm in einem Raum zu sein."
„Das ist wieder mal typisch! Verdrehst du jetzt wieder alles?"
„Nein, Harry! Wie kommst du nur darauf? Ich würde dir nicht in den Rücken fallen. Nicht nachdem wir so viel durchgemacht haben. Aber mal ehrlich, Snape zu schlagen, wo wir doch jetzt endlich wissen, dass er Dumbledore nicht mit Absicht ermordet hat, war ein starkes Stück. Ich denke, uns allen ist klar, dass du immer Rache für den Mord an Dumbledore wolltest. Aufgrund der neuesten Entwicklungen darfst du aber nicht vergessen, dass Snape unschuldig ist. Außerdem hat er dem Orden sein Haus zur Verfügung gestellt, nachdem wir die Benutzung des Grimmauldplatzes unmöglich gemacht haben."
„Das ist doch genau das, was er damit erreichen wollte, um gut vor allen dazustehen ..."
„Nein, Harry, ich glaube, diesmal irrst du dich. Ich kann nicht behaupten, dass ich Snape leiden kann. Aber er ist nun auch niemand, der sich gerne in den Mittelpunkt drängt. Nach allem, was wir erfahren haben, tut er all das nur, weil Dumbledore es von ihm verlangt. Und damit meine ich wirklich alles. Außerdem will er selbst Du-weißt-schon-wen besiegen. Das ist mir jetzt deutlich klar geworden, sonst hätte er das nicht auf sich genommen."
„Vielleicht. Dennoch ist der Kerl absolut verrückt, wenn er sowas tut."
Sie zuckte mit den Schultern. „Kann sein. Aber nachdem wir wissen, was Ginny erzählt hat, haben wir einen weiteren Beweis für seine Absichten, sonst hätte er sich wohl für die Methoden der Carrows stark gemacht. Er könnte echte Schwierigkeiten deswegen bekommen, wenn jemandem auffällt, dass er sich gegen sie wendet."
„Das ist mir egal. Von mir aus kann der Kerl in der Hölle schmoren!"
Hermine rollte mit den Augen. „Das sagst du doch nur, weil du immer noch wütend auf ihn bist."
„Und wenn schon? Wen sollte es kümmern? Ich war immer wütend auf Snape. Gründe gab es schließlich genug."
Verwundert wechselte sie einen Blick mit Ron, doch der wusste offenbar selbst nicht, was er davon halten sollte.
„Ich geb's auf. Es wird ohnehin Zeit, endlich schlafen zu gehen. Lasst uns morgen weiter reden, ja?"
Nur widerwillig lenkte er ein und verzog sich mit Ron in sein Zimmer. Erst dann knipste Hermine das Licht aus und machte es sich zum ersten Mal seit einer schieren Ewigkeit in einem richtigen Bett bequem. Nicht lange darauf döste sie ein.
