Kapitel 2:

Fragwürdige Strafarbeit

„Und hast du gesehen, wie... oh! Hey, Evans!", unterbrach James seine Ausführungen, als er Lily zusammen mit Remus, Peter und Kelsey durch das Portraitloch steigen sah.
Er fuhr sich durch die Haare und lächelte ein Lächeln, wie es nur ein James Potter konnte.
Sirius rollte genervt mit den Augen, sagte aber nichts und wartete darauf, was als nächstes passieren würde.
Lily Evans zog jedoch nur eine Augenbraue hoch und warf James einen missbilligenden Blick zu.
„Wie geht's?", hakte dieser nun nach, da das Mädchen nichts auf seine Begrüßung erwiderte.
„Bis eben gerade noch ganz gut", antwortete sie trocken und schlug den Weg in den Mädchenschlafsaal ein.
James ließ sich jedoch nicht beirren.
„Diese kleine Aktion vorhin war der totale Erfolg, McGonagall ist im Büro fast aus der Haut gefahren, als...", versuchte er es noch einmal und plapperte munter weiter, wurde jedoch von Lily unterbrochen.
„Sei stolz drauf, Potter!", erwiderte sie kühl und verschwand schon, von Kelsey gefolgt, um die nächste Ecke.
James sah ihr verwirrt hinterher, drehte sich dann zu seinem besten Freund um und schüttelte nur den Kopf.
„Was hat sie nur immer? Ph, verstehe einer die Frauen..."
„Tja, man", meldete sich nun auch Sirius zu Wort. „Ich glaube, die Evans kannst du mit so was nicht beeindrucken. Lass dir 'ne andere Methode einfallen." Er zuckte gleichgültig mit den Schultern, James allerdings stutzte.
„Das ist es, Tatze!", rief er plötzlich. „Du bist ein Genie!" Er sprang entschlossen auf und lief hoch zum Jungenschlafsaal, ohne die anderen aufzuklären.
„Was war das denn?", fragte Remus, der sich nun auch genähert, jedoch nicht das ganze Gespräch mitbekommen, hatte. Er setzte sich in einen der äußerst weichen und bequemen Sessel und sah sich flüchtig um.

Das Feuer im Kamin flackerte ruhig vor sich hin und im Gemeinschaftsraum war es angenehm leer, was kein Wunder war, denn noch war es draußen relativ warm und die jüngeren Schüler ließen sich die letzten Sonnenstrahlen natürlich nicht entgehen.
„Ach", winkte Sirius gelangweilt ab, „jedes Mal dasselbe Theater. Krone ist gerade oben und überlegt, wie er Evans für sich gewinnen kann."
„...schon wieder?", fragte Lupin mit einem gequälten Lächeln.
Egal, was James sich ausdachte – und seine Ideen waren manchmal wirklich... verblüffend! – Lily zeigte sich stets unbeeindruckt.
„Hoffentlich überredet er nicht schon wieder einen Hauselfen, bei den Evans' zu arbeiten, um ihn dann Lily zu schenken...", erinnerte sich Peter und Remus fügte hinzu: „Oder er schenkt ihr eine Quidditch-Figur von sich selbst, die durch die Lüfte rast und kaum zu bändigen ist."
Beim Gedanken daran rieb er sich seinen Kopf, gegen den der Mini-James auf dem Mini-Besen mehrmals brutalst gedonnert war, ehe er von Lily, die es mittlerweile satt hatte, endlich mit einem Schockzauber gelähmt wurde.
Remus und Peter kicherten, Sirius jedoch grinste nur vor sich hin. Immerhin war die Idee mit den Hauselfen von ihm gewesen und er war ziemlich stolz drauf. Hätte er doch nicht wissen können, dass Evans sich so dagegen sträuben würde!
Die anderen Mädchen fänden das sicher eine gute Idee, da war Sirius sich sicher. Die fanden sowieso alles toll, was Sirius so machte... Er grinste noch mehr und rutschte tiefer in seinen Sessel hinein.

„Was gibt's da zu grinsen, Tatze?", riss ihn Remus aus seinen Gedanken.
„Überlegst du dir, wer als nächstes auf deiner Liste kommt, oder denkst du noch an deine letzte Eroberung?", wollte er wissen, Sirius jedoch schnaubte nur und wischte diese Behauptung mit einer Handbewegung weg.
„Von wegen, Moony. Das ist alles zu leicht... Ich suche nach einer Herausforderung!", erklärte er in vollem Ernst und Remus wusste nicht, ob er jetzt laut loslachen durfte oder sich das Lachen doch lieber verkneifen sollte, entschied sich aber für letzteres.
Seine Aufmerksamkeit wurde auch schnell wieder abgelenkt, als Lily zum erneut im Gemeinschaftsraum erschien und sich suchend umschaute.
Ihr Blick blieb am Nebentisch der Jungs hängen und sie schritt entschlossen auf diesen zu, erleichtert, dass James nicht anwesend war und sie mit seinen Sprüchen belästigen konnte.
„Ich hab mein Buch hier unten vergessen", lächelte sie entschuldigend, als Remus ihr einen fragenden Blick zuwarf und auch Sirius sich zu ihr umdrehte.
Lily hob ihr Schulbuch auf und wollte sich gerade wieder auf den Weg nach oben machen, als Peter die Stille, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachzuhängen schien, unterbrach.
„Was habt ihr eigentlich für Strafarbeiten bekommen?", fragte er neugierig und Sirius machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Das Übliche... Pokale putzen und so." Doch dann schien ihm wieder etwas einzufallen und er setzte sich in seinem Sessel aufrecht hin.
„Warte mal. Die McGonagall hat irgendwas von Herbstfest erzählt."
Er kratzte sich ratlos am Hinterkopf und zuckte die Schultern.
„Ich hab gar nicht richtig zugehört", gestand er und an seinem Tonfall merkte man sofort, dass ihm das nicht sonderlich leid tat. „Sie sagte was von mithelfen und aufbauen, keine Ahnung."
Lily, die schon am Fuß der Treppe angekommen war, machte auf dem Absatz kehrt und starrte Sirius, von dem sie nur ein schwarzes Haarbüschel erkennen konnte, das hinter der Sessellehne hervorlugte, entsetzt an.
„Herbstfest?", wiederholte sie zweifelnd, wartete jedoch gar nicht erst eine Antwort ab.
„Bist du ganz sicher?"
Sirius verdrehte genervt die Augen.
„Hast du was an den Ohren, Evans?", fragte er unfreundlich, woraufhin Remus ihn mit einem tadelnden Blick bedachte.

Lily jedoch ging gar nicht auf die Bemerkung ein, denn vor ihrem inneren Auge spielte sich schon ein ganz andere Szene ab – nämlich Sirius und James, wie sie die Vorbereitungen zum Herbstfest und anschließen das ganze Fest vereitelten. Ihr wurde übel.
Remus und sie waren schließlich die Vertrauensschüler und als solche dazu verpflichtet, den Schulsprechern bei den Vorbereitung und bei der Ausrichtung des Festes zu helfen, denn während die Schulsprecher sind um die Belange der ganzen Schule kümmerten, übernahmen die Vertrauensschüler die Aufgabe, die eigenen Häuser zu dekorieren und alle anderen in Schach zu halten.

Dass Sirius und James dazu verdammt worden waren, bei diesen Vorbereitungen zu helfen, war mehr als nur ärgerlich! Lily hätte gut und gerne darauf verzichten können, denn etwas Gutes konnte bei diesem Duo garantiert nicht entstehen.
Wessen Strafe war das hier überhaupt? Sie hatte schließlich nichts angestellt!
Sie schickte einen hilflos-verzweifelten Blick zu dem, ihrer Meinung nach, einzigen Normalen der vier Jungs – Lupin - doch dieser antwortete mit einem ebenfalls leidenden Blick seinerseits und zuckte die Achseln, als wollte er sagen, dass man das jetzt auch nicht mehr ändern könnte.

Lily seufzte ergeben. Vielleicht hatte Sirius, der ja sowieso nicht allzu viele Informationen zu haben schien, McGonagall auch falsch verstanden, redete sie sich ein und klammerte sich an diese einzige Hoffnung, die sie hatte, während sie ihr Buch umklammerte und immer noch wie ein begossener Pudel am Treppenabsatz stand, das flackernde Feuer beobachtend.
Kaum einen Moment später war ein lautes Poltern zu hören und James erschien auf der Treppe gegenüber, die hoch zum Jungenschlafsaal führte.
In seinen wirren Haaren hingen einige Papierschnipsel und er hatte eine lange, orange gefärbte Pergamentrolle in der linken Hand, hielt sie in die Höhe und wedelte aufgeregt damit herum, bis er Lily erblickte, das Schriftstück sofort sinken ließ und ihr sein übliches Grinsen schenkte.
„Evans!", rief er erfreut aus und deutete auf die Pergamentrolle.
„Hast du es schon gehört? Ich helfe mit beim Herbstfest und ich hab tolle Ideen", informierte er sie und bestätigte ihre schlimmsten Vermutungen.
Lily jedoch schnaubte nur verächtlich.
„Wie du alles in die Luft sprengen willst, oder was?", fragte sie gereizt und warf mit einer schwungvollen Kopfbewegung die roten Haare zurück, während sie James mit ihren grünen Augen durchdringend anfunkelte.
Sollte er ihr das vermasseln, so würde er ganz bestimmt mehr als nur sein blaues Wunder erleben!
Ihr ablehnende Haltung dämpfte James' Begeisterung jedoch nicht mal um ein Minimum.
Er schüttelte bloß hektisch den Kopf und sprang die letzter Treppenstufen hinunter, immer zwei auf einmal nehmend.
Dann warf er Lily ein verführerisches Lächeln zu, was sie dazu veranlasste, misstrauisch eine Augenbraue hoch zu ziehen.
„Wir könnten zusammenarbeiten...", bot er um einiges leiser mit verlockender Stimme an, doch bevor er seinen Satz fortsetzen konnte, zeigte Lily ihm bereits pragmatisch den Vogel.
„Nicht mal in hundert Jahren, Potter!", wies sie ihn ab, drehte sich abrupt um und verschwand in den Mädchenschlafsaal.
Mit bedauerndem Gesicht wandte sich James zu seinen Freunden um, die seine Unterhaltung mit Lily interessiert verfolgt hatten und fischte sich ein Stück Papier aus den Haaren.
„Dumm gelaufen", grinste Sirius schadenfroh und kuschelte sich wieder in den weichen Sessel, genoss die Wärme des Feuers, während Remus James einen mitleidigen Blick zuwarf und selbst nicht so genau wusste, zu wem er halten sollte.
Lily war ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch und James ging ihr einfach nur auf die Nerven, er verstand das, denn er sah ja selbst, wie hartnäckig und aufdringlich dieser sein konnte.
Aber andererseits war er einer seiner besten Freunde und behandelte ihn wie seinesgleichen, auch wenn Remus sich in vielem von den „normalen" Schülern unterschied... vom sozialen Stand, wie auch vom Wesen her.
„Nächstes Mal", antwortete der Schwarzhaarige verbissen und ließ sich schließlich erschöpft in den Sessel neben Remus' sinken, während er ein paar Mal seufzte, um sein Selbstmitleid kund zu tun, bis er von Peter dabei unterbrochen wurde, dem es nach der Rauchschwadenaktion schon besser zu gehen schien – jedenfalls spuckte er keinen Rauch mehr aus.
„Was hast du da oben eigentlich gemacht?", wollte er wissen und deutete auf das papier, das teilweise immer noch in James' Haaren hing.
Potter's Miene hellte sich sogleich auf.
Er kramte in seiner Pullitasche herum und zog eine ganz normale Muggelschere heraus, dann hob er wieder das Blatt Pergament hoch.
„Gebastelt!", antwortete er mit einem stolzen Grinsen im Gesicht.