Kapitel 2 – Ein Funke in der Hoffnungslosigkeit

Das also waren die ersten Erfahrungen, die der junge Prinz mit einem anderen Mann, überhaupt mit einem anderen Wesen, sammelte und sie bestärken ihn nur noch mehr in dem, was er ohnehin schon sehr lange für sich selbst festgestellt hatte, er wollte einen Elb, keine Elbe.

Diese so einfache Feststellung brachte allerdings nur noch mehr Chaos in sein Leben, konnte er doch nicht einfach zu seinem Vater gehen und diesem gestehen, wie es um seine Neigung bestellt war. Er war das einzige Kind Thranduils und so dieser denn keinen weiteren Nachwuchs bekommen sollte, war es eine unabwendbare Tatsache, dass er, sollte sein Vater warum auch immer eines Tages den Thron an ihn weitergeben, in der Pflicht stand, König von Eryn Lasgalen zu werden.

Für Legolas war es eine schwere Bürde. Sicherlich, sein Vater war unsterblich und da er in Maliava eine neue Liebe gefunden hatte, bestand zumindest theoretisch die Hoffnung, dass der Kelch doch noch an ihm vorüber gehen würde.

Wenn es nach dem Prinzen gegangen wäre, so hätte er seine Sachen gepackt und irgendwo anders von vorne begonnen. Ohne Titel und Pflichten – dafür hätte er nur allzu gerne auf seine Privilegien verzichtet.

Doch Legolas wusste, dass das ein Wunschtraum war. Niemals würde er woanders leben können als im Düsterwald, erst recht nicht mit einem anderen Elben an seiner Seite.

Er hing diesen traurigen, ihn missmutig stimmenden Gedanken am Frühstückstisch nach und vernahm die Stimme seines Vaters zuerst gar nicht. Erst als dieser eine Hand auf seinen Arm legte, sah der Prinz ihn an.

„Wo bist du mit deinen Gedanken?"

„Nirgendwo, entschuldige bitte. Was sagtest du?"

„Ich habe dich gefragt, ob du gestern was gehört hast?"

Legolas schüttelte fragend den Kopf. „Was sollte ich denn gehört haben?"

„Ich war auf dem Weg zu deinem Zimmer weil ich dich fragen wollte, ob du dir ein bestimmtes Buch von mir genommen hast. Und als ich beinahe an deiner Tür war, war mir so… als hätte ich Stimmen auf dem Gang gehört… na ja, mehr als das…"

Dem Prinzen rauschte das Blut in den Ohren, schien aber direkt darauf völlig aus seinem Gesicht zu weichen um ihm mit aller Gewalt wieder in die Wangen zu schießen.

Er sah seinen Vater mit großen, erschrockenen Augen an. „Nein… hab ich nicht… also… nein."

„Nana, habe ich mich also doch nicht verhört." Thranduil lächelte wissend, als er sah, dass sein Sohn die Farbe von Tomaten angenommen hatte. „Legolas, es ist in Ordnung, wenn du jemanden nur für eine Nacht willst, obwohl ich dachte, Siara interessiere dich nicht. Ich muss zugeben, die hellste Elbe ist sie tatsächlich nicht. Aber im Namen aller Götter, gehe doch das nächste Mal in dein Zimmer und drück dich nicht mit deiner Geliebten in den Nischen rum. wenn euch jemand gesehen hätte, das hätte einen Eklat gegeben."

Oh ja, und was für einen…

„Siara? Ja… natürlich Vater… es kommt nicht wieder vor…" Legolas brachte seine Worte nur stammelnd hervor, sein Herz schlug ihm bis in den Hals und er war vor Schreck der Ohnmacht nahe.

Sein Vater hingegen war äußerst zufrieden darüber, dass sein Sohn wenigstens diese Art von Interesse am anderen Geschlecht hegte.

Und Legolas? Er brauchte einige Minuten und beinahe zwei Becher Tee, ehe sich sein Atem und sein Herzschlag wieder einigermaßen beruhigt hatten. Zum Glück hatte sein Vater anscheinend nur ihn gehört und nicht auch Talorion… obwohl, wie sollte er auch? Dieser hatte ja den Mund voll gehabt… Legolas merkte, wie er bei dem Gedanken daran hart wurde und er suchte sich so unauffällig wie möglich eine bequemere Sitzposition während Thranduil innerlich laut lachte.

Zurück auf seinem Zimmer dauerte es nicht lange und Legolas brachte sich selbst Erfüllung während er an das dachte, was der Andere in der vergangenen Nacht mit ihm angestellt hatte. In seiner unendlichen Phantasie malte er sich aus, was er gerne noch alles mit ihm gemacht hätte.

Doch als seine Erregung abgeflaut war und er anschließend auf seinem Balkon stand, den Blick über das Reich seines Vaters schweifen lassend, wurde ihm bewusst, dass er im Grunde genommen sehr einsam war. Von außen betrachtet hatte er alles, Geld, Macht und viele Freunde. Zumindest gab es viele, die behaupteten, seine Freunde zu sein und er unterließ es inzwischen in einer Nuance der Selbstaufgabe zu hinterfragen, wie ernst die Absichten der Elben waren, die ihn umgaben.

Der Prinz des Düsterwaldes war so einsam, dass er es sich von einem fremden Elben in einer Nische im Halbdunkel hatte besorgen lassen, nur um wenigstens für ein paar Momente ein wenig von der Empfindung zu kosten wie es sein musste, jemanden an seiner Seite zu haben.

Und in der Melancholie, die sein Alleinsein hervorrief, kapselte er sich in den kommenden Wochen und Monaten schließlich immer mehr von den anderen ab. Zuerst von seinen flüchtigen Bekannten, dann von seinen Freunden und schließlich auch von seinem Vater.

Er verbrachte die meiste Zeit alleine in seinem Zimmer oder er flüchtete sich mit Pfeil und Bogen in den Wald, von wo er aber stets ohne Jagdbeute wiederkam. Eigentlich ließ er sich nur noch zum Essen blicken, wo er schweigend auf seinen Teller starrte und jeder Bissen einen Kampf mit ihm selbst auszulösen schien.

War er auf seinem Zimmer, so lag er meist auf seinem Bett, starrte trübsinnig aus dem Fenster und fragte sich, wie lange er diesen Schmerz wohl noch tragen könnte. Er verstand nicht, warum die Valar ausgerechnet ihm die Bürde auferlegt hatten, seine tiefsten Bedürfnisse und Wünsche nicht ausleben zu dürfen.

Thranduil hatte nach dem letzten Bankett keine weiteren Versuche mehr unternommen, seinem Sohn eine passende Frau an die Seite zu stellen. Er hatte sich vielmehr dazu entschlossen, ihm erst mal die Freiheit zu geben, sich selbst auszuprobieren und sich die Hörner abzustoßen. Wenn er erst einmal verheiratet wäre, so wäre es mit dieser Freiheit vorbei und so fand der König es nur allzu großzügig von sich selbst, seinem Nachwuchs noch Zeit zu lassen.

Allerdings schien Legolas überhaupt nicht dran interessiert zu sein, die Art von Abenteuer, die er mit Siara geteilt hatte, zu wiederholen.

Und irgendwann, es war ein schleichender Prozess, schien er an gar nichts mehr Interesse zu haben.

Nun mochte Thranduil ein kalter König sein, der sein Land gerecht, aber mit harter Hand führte, aber wenn es eines gab, dass Thranduils Herz erwärmte, so war es sein Sohn. Nichts und Niemanden auf der Welt liebte und vergötterte er so sehr wie Legolas und es riss des Königs Herz beinahe entzwei wenn er sah, wie schlecht es dem Prinzen ging.

Oft saß er bei Legolas auf der Bettkante, strich über die goldblonden Haare und fragt mit unendlich viel Sorge in seiner Stimme, was denn mit ihm los sein. Doch eine Antwort erhielt er nie. Manchmal wandte sein Sohn ihm sein Gesicht zu, sah ihn hilflos mit seinen saphirblauen Augen an, in denen so viele unausgesprochene Fragen standen und es kam vor, dass dieser Blick unter den liebevollen Augen seines Vaters verschwamm und Tränen Legolas Wangen hinunter liefen.

Es wären Tränen der Scham. Er schämte sich, dass er vor seinem Vater versagt hatte, dass er ihm nie würde den erhofften Nachwuchs schenken können, es sei denn, Legolas würde sich für sein ganzes Leben selbst betrügen und der Prinz wusste, das wäre etwas, was er nicht ertragen könnte.

Und es waren Tränen der Trauer darüber, dass er seinem Vater nicht anvertrauen konnte, was ihn so peinigte und seine Seele ins Dunkel warf.

Mit den Monaten wuchs Thranduils Sorge um seinen Sohn. Selbst die besten Heiler wussten nicht, was mit dem jungen Prinzen los war. Aber sie stellten die Vermutung an, dass die Schwere, die sein Herz belastete, vielleicht durch eine Reise, eine völlige Ablenkung vom Düsterwald und letztendlich auch von Thranduil, Besserung erfahren könnte.

Der König war erbost darüber, dass, wenn auch mit äußerster Vorsicht, geäußert wurde, dass er vielleicht einen Teil zu Legolas Zustand beigetragen hatte. Aber je mehr er darüber nachdachte, natürlich nur für sich selbst, nachts und mit dem schwersten Wein, den sein Vorrat zu bieten hatte, desto mehr kam er zu dem Entschluss, dass es eventuell doch gar nicht so abwegig war. Auch wenn sein liebendes Herz keine Antwort darauf wusste, was genau er falsch gemacht haben könnte.

Der pure Zufall wollte es, dass in den Tagen, in denen sich Legolas auch für die Heiler in einem besorgniserregenden Zustand befand und sie Thranduils sehr behutsam darauf aufmerksam machten, dass die Gnade der Valar seinem Sohn nicht mehr lange bleiben würde, ein Brief die königlichen Hallen erreichte.

Aber nicht irgendein Brief, sondern ein Schreiben von Lord Elrond aus Bruchtal, das Thranduil mit hochgezogenen Augenbrauen las, um an dessen Ende zu lächeln und auszurufen, gerade so als stünde der Herrscher von Imladris neben ihm: „Aber gerne doch!"

Nun, ob dies alles letztendlich tatsächlich nur Zufall war, mag dahingestellt sein, denn Thranduil hatte Wochen vorher Elrond in einer anderen Angelegenheit geschrieben, dabei aber auch Legolas schlechte Verfassung erwähnt. Aber wie es auch wirklich gewesen sein mochte, es änderte nichts an dem Ergebnis, das der König nun in seinen Händen hielt.

Er eilte mit dem Brief zu seinem Sohn, setzte sich voller Hoffnung auf die Bettkante und strich aufgeregt die blonden Strähnen aus dem blassen Gesicht.

„Luinil, Lord Elrond hat mir geschrieben. Er fragt, ob es dir möglich sei, nach Bruchtal zu kommen. Er würde sich freuen, wenn du seinen Sohn Elladan bei einem kleinen Auftrag unterstützen würdest.

Sicherlich nichts allzu Schwieriges, doch ihr beide wärt eine Zeit lang unterwegs und vielleicht findest du dort Ablenkung… von dem, was dich hier so bedrückt."

Elladan.

Legolas erinnerte sich an den dunkelhaarigen Elben, den er vor einigen Jahren bei einer Zusammenkunft der Elbenherrscher in Lothlórien das letzte Mal gesehen hatte, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Elrohir.

Bruchtal.

Der Prinz kannte das Tal, er wusste, dass es dort wunderschön war, und immer warm. Sicherlich war auch Eryn Lasgalen ein sehr schönes Land, aber Bruchtal war anders - bunter und lebensfroher.

Anders. So wie er es war.

Er reagierte nicht.

Thranduil wartete noch eine Weile ab, legte dann resignierend den Brief neben das Bett auf ein kleines Tischchen und wandte sich zum Gehen.

„Du kannst es dir ja überlegen. Vielleicht wäre es nicht verkehrt, einen Weile hier raus zu kommen."

Und mit diesen Worten schloss der König leise die Tür hinter sich.

Legolas starrte weiter vor sich hin und aus dem Fenster. Doch die Idee seines Vaters hatte sich bereits in seinen Kopf gepflanzt. Und dort war sie nun und wartete geduldig ab, was der Prinz mit ihr anzufangen gedachte. Dieser wollte sie zuerst wieder verscheuchen wie eine ungebetene, nervende Fliege, doch dann nahm er sich den Brief zur Hand, fuhr mit den Fingerspitzen über das leicht raue, sandfarbene Papier und er fühlte, dass die schwarze Tinte winzige Erhebungen darauf bildete. Lord Elrond hatte eine sehr schöne und gradlinige Handschrift. Dem Brief haftete ein Hauch von frisch geschnittenem Gras und Rosen an. Er erinnerte Legolas daran, wie schön die Welt außerhalb dieses Zimmers war, außerhalb der Hallen, des Landes… woanders.

Er lag dort auf seinem großen Bett, die schlanke Gestalt gewickelt in weiße, dünne Laken und je mehr Zeit verrann, desto mehr Raum gestand er der Idee zu.

Als Thranduil am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne sich endgültig über den Horizont gehoben hatte, sein Speisezimmer zum Frühstück betrat, war er mehr als erstaunt, eine ihm nur allzu bekannte und lange vermisste blonde Gestalt dort vorzufinden. Diese war grade dabei war, eine Orange zu filetieren und sich das erste Stück genüsslich in den Mund zu schieben.

„Legolas!" Thranduil breitete seine Arme aus, der Sohn erhob sich leicht und der Vater drückte ihn vorsichtig an sich, ehe er ihm gegenüber Platz nahm.

„Welch eine Freude, den Valar sei Dank! Endlich hast du dich entschieden, dein Zimmer zu verlassen."

„Mehr noch." sagte der Angesprochene nachdem er ein weiteres Stück der süßen Frucht verdrückt hatte. „Ich habe über Elronds Brief nachgedacht und ich gebe dir Recht – es ist bestimmt nicht verkehrt, wenn ich eine Zeit lang woanders sein werde. Du kannst also Antwort nach Imladris schicken, ich werde kommen. Aber… um was für einen Auftrag handelt es sich denn?"

„Oh, das wird er euch beiden schon selbst am besten erklären können. Ich denke aber, es wird etwas sein, was weder besonders gefährlich, noch schwierig sein wird, er würde nie verlangen, dass ich dich einfach so einer unbekannten Gefahr aussetze. Aber auch wenn der Auftrag schnell erledigt sein sollte, bleibe solange du willst in Imladris. Ich hoffe, dass es dir dort besser gehen wird…" Bei den letzten Worten hatte sich Traurigkeit in die Stimme des Königs gemischt.

„Was hast du?"

„Du verrätst mir ja nun mal nicht, was genau dich so fürchterlich bedrückt, aber die Heiler meinten, ich könnte einer der Gründe für deine Melancholie sein."

Als Legolas in der Bewegung des Essens stoppte, den Kopf hob und gradewegs in die eisblauen Augen seines Vater sah, wusste dieser sofort, dass die Heiler in diesem Punkt Recht hatten.

„Warum sagst du mir denn nicht, was ich dir getan habe?" In seinem Tonfall lag nichts Vorwerfendes oder Zorniges. Es war nur eine hilflose Frage, auf die sein Sohn völlig anders als erwartet reagierte.

Legolas stand auf, kam um den Tisch herum und fiel vor seinem Vater auf die Knie, der ein Stück mit seinem Stuhl vom Tisch weg rutschte ehe sein Sohn seinen Kopf auf Thranduils Oberschenkel legte und begann, bitterlich zu weinen.

„Was hast du denn Luinil? Was bedrückt dich so sehr, dass du nicht einmal mit mir darüber reden kannst?"

Als Antwort erhielt er nur ein Kopfschütteln und ein ersticktes „Ich kann nicht Ada, verzeih mir, aber ich kann nicht…" und dann folgte minutenlang nichts Anderes als das Weinen eines zitternden Körpers und dem König blieb nichts weiter, als seinem geliebten Sohn dabei beruhigend über den Haar zu streicheln und ihm somit zu zeigen, dass er nicht alleine auf dieser Welt war. Doch Legolas fühlte sich noch einsamer als zuvor.

Nur der Gedanke an Bruchtal erschien ihm in den kommenden dunklen Tagen wie ein Funke in seiner alles umfassenden Hoffnungslosigkeit.