Willkommen zurück, ihr alle!
Dieser Teil ist viel länger als der letzte, aber wir hoffen, dieser zweite Teil von Blut und Blüten wird euch gefallen. Und wenn nicht, dann ist das auch in Ordnung.
Warnungen: In diesem Kapitel gibt es recht bildlichen Horror und Körperhorror. Wenn sowas euch nicht gefällt oder zu viel ist, dann schlage ich vor, dass ihr auf das letzte Kapitel dieser Geschichte wartet. Für die, die weiterlesen wollen, die Autorin und ich haben euch gewarnt.
Viel Spaß!
…
„Was glauben Sie, was so etwas mit ihm angestellt hat?"
„Weiß ich nicht."
„Tja, wir müssen es herausfinden, sonst wird Henry zum x-ten Mal einen Anfall kriegen."
„Das wissen wir doch, Dr. Lanyon! Bird, ich und die anderen hier wollen Dr. Jekyll auch nicht mehr Stress verursachen!"
„Erheben Sie nicht Ihre Stimme gegen–"
„Seien Sie alle still, Mr. Hyde wacht auf!"
Unter schmerzvollem Stöhnen öffnete der Verrückte langsam die Augen und erblickte die stillen und verschwommenen Figuren, die ihn umgaben. In seinem Bauch war ein dumpfer Schmerz und sein Kopf fühlte sich an wie eine leichte Wolke. Hyde blinzelte wiederholt, sein Blick klärte sich langsam, bis die verschwommenen Gestalten um ihn her ihre wahre Gestalt annahmen.
All die Mieter, Rachel und … Lanyon … umgaben ihn, während er auf etwas Weicherem als dem Boden lag, auf dem er, wie er sich erinnerte, ohnmächtig geworden war. Die Mieter und Rachel sahen besorgt aus, während Lanyon mit höflichem Gleichmut dreinschaute. Hyde starrte sie alle an, ein verwirrter Ausdruck auf seinem bleichen Gesicht.
„Wo … wo bin ich …?", fragte der Verrückte. Seine Kehle war schmerzhaft trocken und seine Stimme war kratzig und schwach. Hätten nicht alle so nah bei ihm gestanden, dann hätte wohl niemand seine Worte gehört.
Er konnte Henrys Anwesenheit im Zimmer spüren und noch immer hatte er die Kontrolle, also hatten sie wenigstens nicht die Körper getauscht, während er bewusstlos gewesen war.
„Sie sind im Krankenzimmer, Mr. Hyde. Archer und Bird haben Sie ohnmächtig in ihrem Zimmer in einer Pfütze in Ihrem eigenen Blut vorgefunden und Sie runter gebracht, damit wir uns um Sie kümmern können", erklärte Rachel ruhig und leise. Hyde drehte seiner Freundin den Kopf zu, während sie sprach. Er konnte die Sorge in ihrer Stimme hören.
Doch als er ihre Worte hörte, flitzte die Erkenntnis über sein Gesicht und er stöhnte genervt auf.
„Das soll wohl ein Witz sein. Ich hatte keinen Spaß, weil ich ohnmächtig hier gelegen hab?", knurrte Edward schwach und frustriert und sein Gesicht wurde rot vor Ärger.
Doch dann formte sich ein vertrauter Schatten auf der Wand hinter Hyde, beugte sich über das Bett des Irren und sah ihn mit wütender, aber besorgter Miene an.
„Du hättest nicht in die Nähe dieser grässlichen Blume gehen sollen, Hyde", schalt Henry ihn sanft und verschränkte die Arme vor der Brust.
Dann seufzte er leise und traurig.
Aber ich hätte angestrengter versuchen sollen, dich von der Gefahr fernzuhalten", murmelte er leise, wenn es auch schien, als würde er mehr mit sich selbst, als mit Hyde reden. Aber der Irre rollte nur mit den Augen, versuchte, sich auf dem Krankenbett aufzusetzen und ignorierte seinen schattenhaften Gegenpart.
Er hatte es nicht nötig, von Jekyll daran erinnert zu werden, dass er Scheiße gebaut hatte.
„Bewegen Sie sich nicht, Mr. Hyde, davon fühlen Sie sich nur noch schlimmer!", warnte Rachel, näherte sich ihm und versuchte, ihm den Weg abzuschneiden.
Aber Edward hörte nicht und machte sich daran, aufzustehen. Er wollte raus aus der Gesellschaft und die wertvolle Zeit aufholen, die er verloren hatte, wegen dieser verdammten–! Plötzlich fuhr ein bekannter, quälender Schmerz durch Hydes Bauch, ein scheußliches Gemisch stieg hoch in seine ausgetrocknete Kehle und zwang ihn, sich heftig zu erbrechen. Lautes Aufkeuchen drang durch das Krankenzimmer, während alle entsetzt zurücktraten und Rachel sich eilig einen Eimer schnappte, ihn zurückbrachte und Hyde gab. Dieser riss ihr den Eimer aus den Händen und fuhr fort, sich geräuschvoll und unwillkürlich in den Eimer zu übergeben. Sein Körper zitterte, Tränen traten aus den Augen und die zitterten Hände hielten den Eimer fest umklammert.
Doch endlich, nach ein paar weiteren Schüben, legten sich der verzehrende Schmerz in seinem Bauch, die Übelkeit und das Zittern des armen Blonden und bald lag er wieder auf dem Bett; keuchend, bleich und dehydriert, während der Eimer zu Boden purzelte und den Inhalt darüber ausbreitete.
Aller Augen, eingeschlossen Henrys, fielen auf den widerlichen Austritt. Allen klappte die Kinnlade herunter, ihre Augen wurden groß wie Untertassen und jeder im Raum schnappte nach Luft.
Blüten.
Schwarze und gelbe Blüten waren über das widerliche Erbrochene verteilt … und dem guten Doktor ging endlich ein Licht auf.
„Warte! Ich hab's!", rief Henry plötzlich aus und eine Glühbirne erleuchtete praktisch über seinem Kopf, während die junge Köchin rasch raus rannte, um dem armen Verrückten etwas Wasser zu holen.
Doch als Henry auf Edward herab sah, den Mund offen, als wolle er was sagen, sah er den schrecklichen Zustand, in dem sich der Blonde nun befand. Er war in keiner Verfassung, schon das Krankenzimmer zu verlassen.
Der Doktor schloss schnell den Mund und wandte sich wieder der Szene zu, die sich unter ihm abspielte, als würde er ein Theaterspiel seiner Kindheit betrachten. Schließlich kam Rachel mit einem Tablett voller Gläser zurück, auf dem recht verschwitzten Gesicht eine entschlossene Miene.
Ein paar der Mieter hatten Hyde wieder zugedeckt. Seine Augen waren halb geschlossen und sein Gesicht noch bleicher als normal, als er zu Rachel ansah und sich ein kleines, dankbares Lächeln erlaubte.
„Bitte schön … Mr. Hyde … trinken Sie etwas Wasser … dann fühlen Sie sich besser", japste Rachel munter und stellte das Tablett auf das Tischchen neben Edwards Krankenbett.
„Danke", murmelte er heiser und schwach, bevor er das nächstbeste Glas nahm und dann wortlos jedes einzelne leerte.
Dabei kehrte langsam etwas Farbe auf sein Gesicht zurück und seine Kehle wandelte sich wieder von staubtrocken zu feucht und arbeitsfähig. Er sah fast aus, als wäre er nicht schwerkrank und unter enormen Schmerzen. Als er aber mit einem befriedigten Seufzten das letzte Glas geleert hatte, trat Dr. Lanyon vor und neben den Verrückten. Seine Hände waren hinter seinem Rücken verschränkt, sein Rücken kerzengerade und seine Augen sahen streng auf Hyde herab.
„Werden Sie uns endlich erzählen, was Sie letzte Nacht in Mr. Birds und Mr. Archers Wohnung zu suchen hatten, Mr. Hyde?", fragte der ältere Arzt. Ruhig und respektvoll … bis der Nachname des Irren Lanyon wie Gift von der Zunge rollte.
Edward stellte das Glas zurück auf das Tablett und sah dem anderen in die Augen.
„Ich war nur neugierig wegen ihrer neuen Pflanze, Lanyon. Ist es ach so schlecht, neugierig auf Neues zu sein?", versetzte er zähneknirschend und grinste provozierend, während er den anderen mit verengten Augen anschaute.
Anders als Lanyon würde Hyde keine Zeit damit vergeuden, seine Verachtung vor ihm zu verbergen oder auch nur subtiler auszudrücken.
Doch während die beiden Männer einander finster anblickten, stöhnte Henry und verdrehte die Augen, als er auf die beiden nieder schaute. Er wusste nur zu gut, dass Robert seine Beziehung zu einem scheinbar so schrecklichen Mann wie Hyde verabscheute. Henry wusste auch, dass Hyde wiederum die bloße Existenz seines besten Freundes hasste, vielleicht mehr noch als ihn selbst. Henry war sich sicher, dass sie sich ohne weiter nachzudenken an die Kehle gehen würden, wenn sie nicht beide mit ihm in Verbindung stünden.
„Tja, ich schlage vor, dass Sie von jetzt an nicht mehr in die Nähe der Wohnungen der anderen Mieter gehen. Wir wollen doch beide Dr. Jekyll keine Sorgen bereiten, oder?", warnte der ältere Arzt streng, aber als Hyde den Mund öffnete, um eine pampige Antwort zu geben und Lanyon auf seinen Platz zu verweisen, hatte Henry endlich genug und sprach.
„Sag kein Wort, Hyde. Es nützt nichts, Zeit damit zu verschwenden, mit Robert zu streiten, wo wir Wichtigeres zu tun haben", befahl Henry seinem kranken Gegenpart bestimmt.
Einen Augenblick später machte Hyde endlich den Mund zu, der die ganze Zeit geöffnet gewesen war, und schwieg Lanyon bösen Blickes an. Der Dunkelhaarige sah ihn finster an, dann drehte er Hyde den Rücken zu und stolzierte davon.
Nun wandte sich Edward endlich an seinen schattenhaften Gegenpart.
'Also, was ist denn dieses Wichtigere, wovon du sprichst, mein lieber Doktor?', fragte er ihn durch ihre mentale Verbindung.
„Uns von der Krankheit zu befreien, die meinen Körper plagt."
Der Irre hob mental eine Augenbraue und hob langsam den Blick zu dem Schatten, der über seinem Körper hing. Diesen Schatten konnten nur seine Augen wahrnehmen, in denen eine Mischung von Neugier und Hoffnung lag, als er und Henry einander schweigend ansahen.
'Erstens; unser Körper, Jekyll.'
Henry rollte mit den Augen und machte sich nicht die Mühe einer Antwort.
'Und zweitens; was willst du, was ich tue? Wir können hier nichts machen, ohne augenblicklich ihren Argwohn zu erregen.'
Ob dieser Frage verzogen sich Henrys Lippen zu einem schiefen Grinsen und seine schattenhaften Augen funkelten herausfordernd.
„Sie sind doch ein hartnäckiger Mann, Mr. Hyde, also sollte es nicht zu schwer sein, uns aus dem Krankenzimmer zurück in mein Büro zu bringen. Korrekt?", erörterte der Doktor. Die Herausforderung in seinen Augen schwang nun auch in seiner Stimme mit.
Der Irre kam nicht umhin, breit zu grinsen, bevor er sich langsam aufsetzte und wieder versuchte, aufzustehen.
'Ja und ich nehme deine Herausforderung an, Jekyll.'
Hydes Schuhe berührten den kalten Boden, er stieß sich vom Bett hoch und stand auf, ehe alle Mieter und die junge Köchin Rachel ihm in den Weg traten.
„Mr. Hyde, Sie müssen sich hinlegen und warten, bis Dr. Jekyll kommt und Ihnen hilft", flehte sie und die Besorgnis lag schwer in ihrer Stimme. Die anderen nickten zustimmend.
„Sie hat recht, wissen Sie?", murmelte Bird mit verschränkten Armen und sah den Verrückten durch seine kleinen Brillengläser an.
„Ja, also seien Sie wenigstens einmal kein sturer Mistkerl und legen Sie sich wieder hin", knurrte Griffith und sah Hyde wütend an.
Doch natürlich hörte der nicht auf sie und ging weiter langsam auf die Doppeltür des Krankenzimmers zu. Hyde wollte endlich raus, weg von ihren Blicken. Vor der Tür hielt er inne und hielt sich aufrecht, indem seine bleichen, bebenden Hände die Türklinken festhielten.
„Ich werde selbst zu ihm gehen und wenn einer von Ihnen wagt, uns ungebeten zu stören, erteile ich Ihnen eine Lektion, die Sie nicht so schnell vergessen werden, sobald ich wieder gesund bin!", blaffte der Verrückte und starrte die anderen mit verengten Augen über die Schulter hinweg an.
Bei dieser Warnung wurde es still im Zimmer, Hyde öffnete die Tür und ging endlich hinaus, durch die irrsinnig dekorierte Haupthalle. Aus ihrem Blickfeld verschwunden eilte der kranke Blonde zu Henrys Büro und schenkte den dumpfen Bauchschmerzen keine Beachtung. Dabei folgte ihm der Schatten des Doktors durch die Halle, die Treppe hoch in sein schlecht beleuchtetes Arbeitszimmer.
Doch sobald er die Tür geschlossen hatte, lehnte Hyde sich dagegen, schwer atmend und nach Luft ringend. Der Schmerz in seiner Brust begann nun mit jedem Atemzug, den er tat, zu pochen.
Es war, als würde sich sein eigenes Herz gegen ihn stellen.
Als er endlich wieder zu Atem gekommen war, ging der Irre langsam zu Henrys Schreibtisch und begann, die HJ7 Formel zu mischen, wobei Henry vom Spiegel aus zusah. Geduldig wartete er darauf, dass sie wieder Plätze tauschten. Die Zutaten waren schnell gemischt und als er das spezielle Salz hinzufügte, begann die Chemikalie grün zu leuchten und zu blubbern und ihr grüner Dampf hüllte die Gestalt des Verrückten fast ein.
Die war endlich bereit zur Einnahme.
Hyde verschwendete keine Zeit und trank sie rasch. Die Formel brannte in seiner Kehle und erfüllte seine Adern, bevor das bekannte Feuer in seinem Leib entfacht wurde und ein heftiger Schmerz ihn zwang, die Phiole fallen zu lassen und zusammenzubrechen. Er hustete, schluchzte und weinte, während er sich den Kopf hielt und sich zusammenkauerte und auf dem Boden des Büros unter Höllenqualen wand. Ihre Seelen kamen zusammen, wurden auseinander gerissen und dann in gegensätzliche Richtungen geschleudert, bis Hyde den Spiegel und Henry ihren gemeinsamen Körper fand. Und damit fand der vertraute, wenn auch unerträgliche Schmerz endlich zu einem schnellen und gnädigen Ende.
Als Henry die Augen endlich öffnete, umgab ihn sein dunkles Arbeitszimmer, die Formel triefte ihm aus Mund und Augen, er rang nach Luft und lag zusammengekauert auf dem Boden. Er fühlte einen leichten Schmerz in der Brust, doch für Henry fühlte es sich nicht an, als ob mit ihm etwas wirklich nicht stimmte.
Als er endlich Luft bekam und die Reste der Chemikalie aus seinem Gesicht gewischt hatte, stand Henry auf, drehte sich um und betrachtete seinen kranken Gegenpart mit einem professionellen, aber sanften Gesichtsausdruck. Hyde war bleicher als sonst; sein Körper nach vorne gebeugt und die Arme waren um den Bauch geschlungen, während er Henry mit schmerzerfüllten, trüben smaragdgrünen Augen ansah.
„Leg dich für mich auf die Couch, Hyde. Ich muss dich mir ansehen", befahl der gute Doktor sanft.
Edward nickte und stieg langsam aus dem Spiegel. Sein Körper festigte sich, als er durch das Glas und hinüber zur bequemen und warmen Couch trat. Er seufzte leise, als er sich darauf legte.
Mit düsterer Miene sah Henry zu, wie der Arme sich fast im Schneckentempo bewegte, dann drehte er sich um und durchsuchte all die staubigen, mit Tränken gefüllten Schränke in seinem Büro, öffnete sie, sah hinein und schloss sie alle wieder.
'Ich bin sicher, dass ich mein altes Notizbuch hier irgendwo hin getan habe' dachte er sich und fluchte innerlich, wann immer er erfolglos einen Schrank durchsuchte.
Es musste irgendwo in seinem Büro versteckt sein! Auf keinen Fall konnte er es verloren haben!
Doch in den Kabinetten war nichts, also rannte er an den Schreibtisch und zerrte beide Schubladen heraus. Als er in der rechten nachsah, fand er sein Notizbuch nicht und schaute in die linke. Sein Herz flatterte vor Freude und ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm.
Da war es, lugte unter ein paar Papieren und anderen Dingen hervor, die Henry irgendwann in diese Schublade getan hatte. Sein altes Notizbuch. Es war mit einer dicken Staubschicht bedeckt und zum Bersten voll mit Wissen gefüllt. Doch glücklicherweise schien es immer noch ganz zu sein, so wie es damals gewesen war.
Hastig packte er das Notizbuch, legte es auf den Schreibtisch und öffnete es.
Seite um Seite wurde überflogen, auf allen waren die einzelnen Krankheiten bis ins Detail beschrieben. Er suchte nach einem einzigen Wort.
Hanahaki
Als er durch sein Notizbuch blätterte, drang heftiges Husten und Japsen seines armen Gegenparts an seine Ohren.
Der Verrückte rang nach Luft und versuchte, so viel davon wie möglich einzuatmen. Doch die unsichtbaren und unnachgiebigen Hände um Edwards Hals machten das fast unmöglich, Finger legten sich immer enger um seinen Hals und scharfe Klauen gruben sich tief in seine Haut.
Sein Körper bebte vor Angst und erstickte Hilferufe steckten in seiner Kehle, gurgelten verzweifelt und verlangten Freiheit … doch er hielt sie zurück. Nie würde er wagen, um Henrys Hilfe zu betteln oder zu flehen! Diese endlosen Qualen würden nicht ihn, den Geist des Nächtlichen Londons, dazu bringen, sich jemandem zu beugen, und damit basta!
Bald stieß Henry auf zwei konkrete Seiten, auf denen sich eine schöne Skizze der vertrauten Blume und Erläuterungen einer grässlichen Krankheit befanden. Dann hob er das Buch auf und rannte zur Couch. An Edwards Seite kniete er sich hin und legte das immer noch offene Notizbuch auf den Boden.
„Es wird alles wieder gut, Hyde", versicherte er mit sanftem aber professionellem Tonfall, ehe er die Hand ausstreckte und versuchte, mit den Fingern durch Edwards unordentliches, blondes Haar zu streichen.
Doch dieser wich vehement vor Henrys tröstender Berührung zurück, obwohl ein Großteil von ihm sich danach sehnte und darum bettelte. Er wollte diese zierlichen Finger in seinen Haaren und seinen Schmerz lindern spüren, doch Hydes Stolz ließ es nicht zu. Also warf er Henry einen gereizten aber wenig beeindruckenden Blick zu.
Er versuchte, sich zu beruhigen und gleichmäßig zu atmen, doch es dauerte nicht lange, dann füllte sich sein Mund mit der vertrauten Gallensäure, was ihn nötigte, erneut mehr Hanahaki-Blüten auf den Boden zu erbrechen. Tränen rannen ihm aus den Augen und sein Körper erbebte heftig.
Der gute Doktor schrie auf und zog hastig sein Notizbuch an die Brust, bevor Hydes Erbrochenes es ruinieren konnte.
Mit dem Buch an der Brust sah Henry seinen armen Gegenpart mitleidig an und ihm tat das Herz weh. Aber das machte keinen Sinn.
Er hatte in der Vergangenheit mit vielen Patienten zu tun gehabt, unzählig und viele davon dem Tode näher als Edward es war. Und doch, seinen Gegenpart so zu sehen; die Augen überquellend vor Tränen, der Körper sich unter Schmerzen windend; das schien so einfach sein Herz in zwei Teile zu zerbrechen als wäre es ein dürrer Zweig.
„Hyde. Alles wird wieder gut", murmelte er seinem kranken Gegenpart sanft zu.
Wieder wollte sich Hyde der Berührung des anderen entziehen. Doch dieses Mal war er zu langsam. Henrys Finger fanden problemlos ihren Weg in sein unordentliches, blondes Haar und streichelten es langsam und sanft. Einen Augenblick lang lag Edward in stummer Anspannung auf der Couch und kniff die tränenden Augen zu.
'Nicht nachgeben! Einfach nicht nachgeben! Ich stehe das ohne seinen Trost durch!'
Doch es fühlte sich so gut an, wie diese Finger ihn auf so innige Art berührten.
Danach war sein Atem immer noch ein Problem, als er die Augen öffnete und in Henrys fürsorgliche Rubine schaute. Hyde dachte, dass es nicht schaden konnte, dieses eine Mal nachzugeben. Also tat er das, hob den Kopf Henrys Hand entgegen und gestattete dem guten Doktor, mit seinen Fingern die blonden, unordentlichen Haare zu kämmen. Dabei blieb sein Atem ungleichmäßig und rasselnd.
„Tiefe Atemzüge, Hyde. Gerate nicht in Panik und atme einfach tief durch für mich, okay?", wisperte Henry und lächelte aufmunternd, während er in die nassen Augen seines Gegenparts sah.
Edwards Herz flatterte schwächlich bei diesem schönen Lächeln und er nickte rasch, dann nahm er tiefe, aber zittrige Atemzüge. Tränen kullerten sein Gesicht hinunter und seine Lungen brannten mit jedem Atemzug, den er tat. Als der gute Doktor diese Tränen sah, nahm er die Hand aus den Haaren des armen Irren und wischte sie sanft weg, bis sein Daumen nass und Hydes Augen vorübergehend trocken waren.
Dann nahm er die Hand fort und nahm sein immer noch offenes Notizbuch in die Hand. Edward maulte über den Verlust von Henrys Berührung. Dieser hob sich das Buch vors Gesicht und las endlich die begehrte Information.
„Die Hanahaki-Krankheit, oder übersetzt Blumen-Hust-Krankheit, ist eine Krankheit die in asiatischen Ländern wie Japan verbreitet ist. Die Blume lässt sich leicht an ihren schwarz-gelben Blüten erkennen", murmelte Henry leise.
Seine Augen überflogen jede Zeile, die die einzelnen Stadien beschrieb. Diese zu lesen war nichts Anderes als Henry in der Vergangenheit getan hatte … bis er zum letzten Stadium und dahinter kam.
Nachdem der Tod das Opfer ereilt hat, wächst die fürchterliche Hanahaki-Blume in der Leiche weiter. Wurzeln und Blüten wachsen in Herz, Kehle und Lungen, während die Blume selbst erblühen und aus der Brust ausbrechen wird, ehe sie beginnt, langsam den Körper des Opfer mit mehr Hanahaki-Blumen zu bedecken, bis das Opfer nichts weiter ist als eine regungslose Energiequelle für einen widerlichen Hanahaki-Strauch, der unvermeidlich verschlingen wird, was noch vom Opfer übrig ist.
Und wenn Henry Edward jetzt nicht rettete … dann würde dies ihrer beider albtraumhaftes Schicksal sein.
Schnell schloss er das Buch, legte es weg und streckte die Hände nach Edward aus. Dann aber hielt er inne und wartete auf einen Protest seitens seines Gegenparts. Hyde sagte nichts und holte weiterhin tief und schmerzvoll Luft, während er Henry anschaute.
Henry lächelte ihn an und begann, ihn vorsichtig auszuziehen, öffnete Knöpfe und schälte jedes Kleidungsstück ab, bis er nur noch seine Schuhe und Unterwäsche trug.
Doch als der Körper ihm offenbart war, schnappte Henry laut und entsetzt nach Luft, zog die Hände weg und hielt sich den Mund zu. Seine Augen wurden groß wie Untertassen, als er den armen Verrückten entsetzt anstarrte.
„Wie … wie schlimm ist es …? Jekyll …?", fragte der arme Irre unter tiefen, gequälten Atemzügen.
Henry sagte aber nichts und starrte weiterhin auf den fast nackten Leib seines Gegenparts. Tintenschwärze floss von Kopf bis Fuß durch Edwards Adern, während bläuliche und gelbliche Flecken auf seiner Brust verteilt waren … genau dort, wo sich das Herz des Armen befand.
Die Krankheit war in ihrer dritten Stufe.
Henry konnte seine Augen kaum von dem Desaster abwenden, zu dem Hydes Körper geworden war. Doch nach einer Minute hörte er wieder Edwards Stimme ihn fragen, wie schlimm es sei. Seine Stimme riss den Doktor aus seiner entsetzten Trance und hinter seine professionelle Fassade.
„Nicht gut, Hyde, aber ich kann dir versichern, dass du geheilt sein wirst, bevor der Tag vorbei ist", erklärte Henry seinem kranken Gegenpart ruhig und lächelte erneut aufmunternd, bevor er sich wieder seinem Notizbuch zuwandte und suchte schweigend nach den Einzelheiten des Heilmittels.
Er war nun umso entschlossener, sie beide vor den grausamen Fängen des Todes zu bewahren.
Es dauerte nicht lange, bis er fand, was er vor vielen Jahren niedergeschrieben hatte; die vier Zutaten des Heilmittels, inklusive benötigter Menge jeder Zutat und wie man das Mittel mischte, ohne zu riskieren, es zu vermasseln. Er hatte immer gehofft, dass er diese Informationen nie brauchen würde, aber anscheinend kippte ihr Glück auf die Seite. Die Seite des Todes.
Die Zutatenliste ging so:
-5 Blüten eines Wermuts
-5 Blüten eines Windröschens
-5 Blüten einer Akazie
-5 Tropen Blut der Person, in die das Opfer unglücklich verliebt ist
'Was? Hyde ist … verliebt? Aber in wen könnte er sich verliebt haben?', dachte der gute Doktor bei sich, die Augen und den Mund vor Verblüffung weit offen. Der Gedanke, dass Hyde unter unerwiderten Gefühlen zu leiden hatte, zehrte nicht nur an Henrys Herzen … es entfachte auch einen Funken Hoffnung, der es durch seine Maske hindurch in seine rubinroten Augen schaffte.
Rasch überschaute er Edward. Der Wahnsinnige atmete nun etwas leichter, doch die Flecken hatten sich hinter Henrys rücken vermehrt und färbten Hydes bleiche Brust lila, blau und gelb. Als er alles gesehen hatte, stand Henry auf, schloss das Buch und eilte auf die Doppeltür des Zimmers zu.
„Wo … gehst du … hin?", fragte Hyde keuchend, hob den Kopf und sah seinen Gegenpart verdutzt an.
„Ich muss die Zutaten für das Heilmittel holen, Hyde. Ich verspreche, ich bin nicht lange weg" erklärte Henry ruhig, lächelte ihm noch einmal beruhigend zu und verließ dann sein Arbeitszimmer.
Als er aber die Tür geschlossen hatte und die Treppe runtergehen wollte, warteten am unteren Ende Rachel und die anderen Mieter, besorgt und stumm. Alle hatten die selbe Frage in den Augen. Alle wollten Antworten.
Dr. Jekyll seufzte leise und lächelte auf sie herunter.
„Mr Hyde wird sich erholen, alle zusammen, aber einige von Ihnen müssen mir ein paar Sachen bringen, damit ich ihm helfen kann", erklärte Henry ruhig, dann gab er Anweisungen und alle auf den Weg zu schicken.
Archer und Bird wurden in ihre Wohnung geschickt, um die 15 benötigten Blüten für das Heilmittel zu holen. Rachel und ein anderer Mieter wurden in die Küche geschickt, um Wasser zu holen, sollte Hyde wieder dehydrieren. Die anderen wurden in ihre eigenen Gemächer geschickt und angewiesen, zu warten, bis Henry verkündete, dass der Irre geheilt war.
Darauf gingen alle wortlos hinaus und machten sich an die Arbeit, während der Doktor zurück in sein Büro eilte und die Tür hinter sich schloss.
'Jetzt brauche ich nur die fünf Tropfen Blut. Aber wo in der Welt finde ich die Person, in die Hyde verliebt ist? Hmm … vielleicht dieser Mann oder diese Frau, mit denen er sich so oft herumtreibt? Oder ist es vielleicht Cutthroat–?'
Als Henry die Frage überdachte, hallten plötzlich merkwürdige und kindische Laute durch sein Büro und ließen ihn fast aus der Haut fahren. Hastig wirbelte er herum, um den Ursprung dieser Geräusche zu finden … und sah seinen Gegenpart. Dieser lachte und wand sich, mit einem Ausdruck qualvollen Fieberwahns auf dem tränenverschmierten Gesicht, kreischte, wimmerte und lachte hysterisch.
Fassungslos und mit aufgerissenen Augen und Mund starrte Henry Edward an. Der Geist des Nächtlichen Londons war plötzlich zum Kind herabgesetzt worden?! Er trat herüber und stellte sich mit verwirrter Miene neben ihn. Der Wahnsinnige stierte aber nur Henry an, ein kleines und unschuldiges Lächeln auf dem Gesicht, wobei sich seinen nun rissigen Lippen ein Kichern entwand.
„Wie kannst du sooooooo funkeln? Du bist wie ein riiiiiiiiiiiesiger Penny!", fragte Edward neugierig und heiter. Er nuschelte und wiegte den Kopf hin und her.
Henry klappte wieder die Kinnlade herunter, stotterte unvollständige Worte und suchte in seinem Verstand fieberhaft nach einer Erklärung, während er Edward anstarrte … bis ein Funken der Erkenntnis in seine Augen trat.
Das Kreischen und Wimmern.
Das unkontrollierte Kichern und Lachen.
Der kindliche Tonfall.
Edward befand sich im Delirium und ihnen lief die Zeit davon!
Bei dem Gedanken schüttelte Henry heftig den Kopf und umklammerte sein Notizbuch und kniete sich neben Edward nieder. Sanft nahm er die Wange des armen Wahnsinnigen in die Hand und drehte dessen Kopf, damit er ihm in die Augen sehen konnte.
„Ich muss wissen, wen du liebst, Hyde. Deren Blut ist wichtig für das Heilmittel", erklärte Henry hastig und ruhig und seine professionelle Maske begann zu bröckeln.
Doch Edward schüttelte nur den Kopf.
„Neeeeiiin, das ist ein Geheimnis! Geheimnisse erzählt man nicht weiter!"
Plötzlich fielen Edwards Augen zu und er gab ein zugegeben niedliches Kichern von sich, wirkte aber gleichzeitig, als würde er das Bewusstsein verlieren. Doch Henry bemerkte es schnell. Innerhalb von Sekunden lagen seine Hände auf Edwards Schultern und er schüttelte seinen fiebernden Gegenpart wach. Der Blondschopf öffnete die Augen und schnappte überrascht nach Luft.
„Bitte, Hyde, du musst mir sagen, in wen du dich verliebt hast, sonst kann ich dir nicht helfen", bat der Doktor. Sorge drang durch seine professionelle Maske in seine Stimme.
Anstatt aber zu antworten … wurde Edwards Aufmerksamkeit auf Henrys Augen gelenkt.
„Hast du Rubine als Augen? Sie sind so glitzernd und hübsch und rot. Soooooo viel Rot!", lallte Edward neugierig. Er kicherte und lachte laut, hob dann die Hände und klatschte sie matt zusammen.
„Henry hat Rubine als Augen! Henry hat Rubine als Augen! Henry hat Rubine als Augen!"
Henry seufzte verzweifelt auf, stützte den Kopf in die Hände und schüttelte ihn frustriert. Er hoffte wirklich, dass dieses Delirium bald vorbei wäre.
„Wie soll ich dein verdammtes Leben retten, wenn du nicht– häh?"
Langsam hob Henry den Kopf und starrte Edward an, überrascht aber verwirrt. Plötzlich fühlte er ein vertrautes Paar Hände auf seinem Kopf ruhen und behutsame, wissbegierige Finger fuhren durch sein weiches, kurzes braunes Haar.
Keiner von ihnen wagte zu sprechen und sie zogen unbewusst den Moment in die Länge. Edward fuhr weiter mit den Fingern durch Henrys Haare und dieser starrte weiter in Edwards getrübte smaragdgrüne Augen.
Doch nach einer Minute angenehmer Stille sprach eine schwache Stimme.
„Du hast so weiches Haar … und auch echt funkelnde Augen", flüsterte Edward und lächelte ein wenig. Henrys Wangen färbten sich dunkelrot und sein Herz flatterte insgeheim leidenschaftlich in seiner Brust bei diesen Worten.
Doch Sekunden später stellte er seine Frage zum dritten Mal und hoffte, das Gespräch endlich zu beenden. Seine professionelle Maske war nun viel brüchiger als sie vorher gewesen war.
Als jedoch die Frage an Edwards Ohren drang, nahm er die Finger aus Henrys Haar, packte so schnell er konnte dessen Wangen und zog seines Gegenparts Antlitz näher an das seine. Er lächelte breit und glücklich und in seinen Augen war ein zärtliches, aber schwaches Funkeln.
Dann, endlich … gab Edward seine Antwort.
„Du bist es! Ich liebe dich, Henry! Ich liebe dich! Ich liebe dich, Henry Jekyll!", rief er froh. Eine große Last fiel von seinen Schultern, als er wieder und wieder seine Liebe ausdrückte.
Doch dann fiel dieselbe Last wieder zurück auf sein fragiles und infiziertes Herz.
Damit fanden seine Verkündigungen ein abruptes Ende; seine rissigen Lippen schnappten zu, sein Ausdruck heiteren Fieberwahns zerbröckelte und offenbarte Schmerz und sogar Schrecken über sein Geständnis.
Hyde verfluchte sich selbst und legte den Kopf wieder zurück auf die Couch. Sein Herz raste, mehr Flecken bedeckten seine Brust und wieder erfüllte sein gequältes, rasselndes Atmen das Büro. Aber Henry starrte nur verdattert auf ihn hinunter. Sein Körper war vor Schock erstarrt, während die Worte wieder und wieder in seinem Kopf und seinen Ohren widerhallten.
'Du … du hast dich in mich verliebt?', dachte der gute Doktor und sein Herz flatterte in der Brust.
Doch einen Moment später, während Edward Tränen zurückhielt, blinzelte Henry und schüttelte den Kopf. Mit dem Notizbuch in der Hand stand er stumm auf. Henry wusste, dass es grausam war, Edward dieses Schweigen zuzumuten, aber ihnen lief die Zeit davon. Er rückte seine Maske zurecht, drehte dem Irren den Rücken zu und ging an seinen Schreibtisch, auf den er das offene Notizbuch legte.
'Ich muss ihn retten. Ich muss uns beide retten. Es tut mir leid, aber das hat jetzt Vorrang.'
Mit dem Gedanken machte sich Henry daran, durch das Büro zu hasten, seine alte chemische Ausrüstung zusammenzusuchen und sie auf den Tisch zu stellen. Hätte er jedenfalls getan, wenn nicht ein Klopfen an der Tür plötzlich im Zimmer erklungen wäre. Der gute Doktor stöhnte und stapfte zur Tür, riss sie auf und steckte den Kopf raus, mit dem Körper den Blick ins Büro blockierend, und war drauf und dran, die Besucher anzuschreien.
Doch es waren nur Archer, Bird, Rachel und der Mieter, der ihr geholfen hatte, die vor der Tür standen.
Archer und Bird hielten drei kleine Tassen, die jeweils fünf frische Blüten enthielten, während Rachel und der Mieter kleine Tablette mit Gläsern Wasser hielten.
Aber Henry ließ sie nicht in sein Arbeitszimmer.
Stattdessen lächelte er nur dankbar und aufrichtig, nahm die drei Tassen und balancierte sie in seinen Händen hinüber zum Schreibtisch. Dasselbe tat er dann mit den zwei Tabletten Wasser. Zumindest dankte er den Vieren, ehe er die Tür schloss.
Als diese zu und die vier Helfer weg waren, trug Henry die Gläser mit Wasser hinüber zu Edward, stellte sie neben die Couch und gab ihm eines. Edward nahm es schweigend und trank langsam das kühle Wasser. Und wieder einmal sagte Henry nichts, sondern stand auf und fing an, endlich seine Ausrüstung zusammenzusuchen.
Erst nahm er die Destillierkolben aus einem der Schränke. Die hatte er schon ewig nicht mehr benutzt. Vorsichtig trug er sie hinüber und stellte sie behutsam auf den Tisch. Nachdem er sie kurz überprüft hatte, holte er seine steinernen Mörser und Stößel aus einem anderen Kabinett und brachte sie ebenfalls an den Tisch.
Der gute Doktor war sich sicher, dass er nun alles hatte.
Henry packte die drei Tässchen und warf die fünfzehn Blüten in den Mörser. Dann nahm er den Stößel und zerdrückte die bunten Blüten zu Matsch, wobei er den Mörser festhielt. Sein Ausdruck war vollkommen konzentriert und seine Finger umklammerten fest den Stößel. Dabei erklang Edwards gequältes Schluchzen, Ächzen und Wimmern im Arbeitszimmer, schrecklich in Henrys Ohren.
Als die Blüten nur noch Matsch waren, legte Henry den Stößel weg und nahm das Thermometer aus einem der Destillierkolben am Anfang der Ausrüstung. Der Blütenmatsch wurde dann in den Kolben geworfen und das Thermometer zurück in den Kolben gelegt. Sekunden später wurde der Bunsenbrenner eingeschaltet. Die Flamme brannte heiß unter dem Glaskolben und kochte die eingeschlossene Blütenmasse.
Nun konnte Henry nur noch zusehen und abwarten. Das zwang ihn, den gequälten, traurig machenden Worten und der schwachen Stimme des armen Wahnsinnigen zuzuhören.
„Bitte … beeile dich … bitte, verdammt. Es wird schlimmer … verdammt, bitte. Bitte … mach, dass es aufhört … mach, dass es aufhört … ich will, dass es … verdammt nochmal aufhört", flehte Edward gequält schluchzend und schwer atmend. Seine Wangen waren sichtlich gerötet und seine smaragdgrünen Augen quollen über vor Tränen, als er sprach.
„Ich verspreche, du wirst wieder gesund, Hyde. Du wirst dich erholen", versicherte Henry sanft. Seine Hände ballten sich und zitterten auf dem Tisch, die Augen waren geschlossen und seine Worte waren voller Unsicherheit.
Er wusste nicht mal, ob seine Worte wahr waren.
Nach ein paar Minuten fing die kochende Blütenmasse an zu dampfen und der Dampf stieg durch die Kondensröhre in den letzten Kolben, wo der Blütenextrakt kondensierte und hinab tröpfelte. Henry sah genau zu, bis endlich alles abgetropft war, dann schaltete er den Brenner aus und packte den Kolben. Dann goss er den Blütenextrakt in eines der Tässchen und ging um den Tisch herum.
Henry stellte die Tasse wieder hin, öffnete eine Schublade und holte eine kleine, aber scharfe Nadel heraus, bevor er die Schublade wieder schloss.
Fünf Tropfen seines Blutes.
Die letzte Zutat für das Heilmittel.
Er drehte die linke Hand, holte tief Luft und drückte die Nadel in einen seiner Finger. Henry verbiss sich ein schmerzerfülltes Wimmern, als das scharfe Metall seine Haut durchstach und ein dünnes Rinnsal an Blut seinen Finger hinunterlief.
Dann zog Henry die Nadel raus, warf sie weg und führte seinen blutenden Finger über das Tässchen. Er passte genau auf und zählte fünf Tropfen ab. Sobald diese in der Tasse waren, holte Henry einen Rührstab aus einer Schublade und vermischte rasch das Blut und den Blütenextrakt.
Doch nach nur wenigen Sekunden erklang lautes Husten; stark und gequält. Darauf folgte das Geräusch von Erbrochenem, das sich Edwards Kehle entrang und auf dem Boden verteilte.
Und als der Doktor das Heilmittel fertigstellte und an die Seite des armen Verrückten eilte, bereit den Albtraum und Edwards Leiden zu beenden, erstarrte er und ließ beinahe das Heilmittel fallen. Der furchtbare Anblick ließ ihn erbleichen, seine Augen sich weiten und ihn vor Grauen nach Luft schnappen.
Kleinere Hanahaki-Blumen; langsam wachsend und erblühend, hatten begonnen, Edwards Mund zu erfüllen, als wäre er ein fleischiger Blumentopf. Tränen liefen über sein totenbleiches Gesicht. Die Haut auf seiner Brust war unheimlich gelb und dunkelbraun von den hunderten Flecken, die sie nun bedeckten, wie ein verzerrtes Bild vom Pinsel des Todes gemalt. Und die schwarze Substanz, durch seine Adern strömte und sie mit ihrer grässlichen Anwesenheit vergiftete, breitete sich rasch aus und kam dem von Blumen befallenen Herzen des Irren gefährlich nah.
Die letzte Stufe war nun bereit, ihn zu fordern.
Mit wässrigen und blutunterlaufenen smaragdgrünen Augen starrte Edward Henry an.
'Henry … bitte … hilf mir. Bitte … es tut mir leid … alles, was ich dir … angetan habe. Bitte … mach, dass es aufhört … ich will nicht sterben … ich will nicht sterben … ich will nicht … dass einer von uns … stirbt', flehte er durch ihre mentale Verbindung. Mit jedem Flehen, das er ausstieß, wurden seine Worte schwächer.
'Es wird wieder gut, Edward, beruhige dich einfach, ich habe hier das Heilmittel.'
Henrys eigener Tonfall grenzte bereits an Panik und Angst und seine rubinroten Augen füllten sich mit Tränen.
Doch er ließ sie nicht fallen. Noch nicht.
Schnell kniete er sich neben Edward nieder, die rechte Hand die Tasse haltend und die linke Hand nach seinem verängstigten Gegenpart ausgestreckt. Seine Maske hatte tausend dicke Risse. Edward jedoch konnte kaum sehen, was vor ihm ablief, sein ganzer Körper flehte um Gnade, rief ihn an, endlich sein Bewusstsein aufzugeben!
Seine Augen öffneten und schlossen sich, öffneten und schlossen sich. Sein Blick wurde verschwommen und feucht. Farben verschwammen und Henrys Leib und alles drum herum wurde zu undeutlichen Gestalten. Edward versuchte, sich zu bewegen, doch seine Gliedmaßen schienen aus Blei, schwer und nutzlos. Er versuchte, was zu sagen, um Gnade zu flehen, brachte aber nur ein gurgelndes Durcheinander aus kehligen und erstickten Lauten zustande, während der scheußliche Geschmack der Hanahaki-Blümchen seine Geschmacksknospen erfüllte.
Es tat weh! Es tat so verdammt weh! Warum konnte es nicht einfach aufhören, warum konnte es nicht endlich zu ende gehen?!
Und dann schlossen sich schließlich Edwards Augen, die Welt wurde schwarz und sein Körper und Verstand gaben sich endlich der süßen Bewusstlosigkeit hin … doch hörte er noch immer die Stimme des armen Doktors.
„Nein … nein, nein, nein, nein, Edward, wach auf! Wach auf, bitte! Du musst das trinken! Du musst!"
„Bitte, Edward! Bitte, es tut mir leid, dass ich nicht angestrengter versucht habe, das hier zu beenden, aber bitte wach auf! Komm zurück, Edward!"
„EDWARD!"
Die Maske war endlich zersplittert und die Tränen waren endlich gefallen.
…
Fortsetzung folgt.
…
Kleine Frage der Autorin: Hat jemand bemerkt, was die Blumen für das Heilmittel gemeinsam haben? (Ganz ehrlich, ich habe es nicht bemerkt). Was haltet ihr von ihrem Konzept der Hanahaki-Blume und der gleichnamigen Krankheit? Gefällt euch die Fic soweit?
Die Autorin und ich entschuldigen uns für diesen erneuten Cliffhanger. Aber der letzte Teil wird das aufwiegen, versprochen!
Und jetzt vergesst nicht, eure Antworten auf ihre Fragen und noch mehr in den Kommentaren zu hinterlassen, bevor ihr euch davon macht!
Bis dann!
