Kapitel 1: Regenwolke

Sie würden mit der Stadteisenbahn fahren. Vor nicht allzu langer Zeit hätten die Andersons sich niemals in etwas anderes gesetzt, als das Privatautomobil, welches ein Chauffeur fuhr. Diese Zeiten waren vorbei. So saßen sie in einem Familienabteil in einer der Wagen der untersten Klasse. Die subs der Familie saßen mit leicht gesenktem Kopf neben ihrem Oberhaupt, während der fünf jährige Robert an seiner Mutter gelehnt aufmerksam aus dem Fenster guckte und der Vater angestrengt vor sich hin starrte und versuchte, die Schande die er fühlte zu verdrängen. Blaine wurde innerlich immer hibbeliger, äußerlich wurde er immer ruhiger. Er bekam es mit der Angst zu tun. Was, wenn dieser Kurt ihn nicht mochte? Oder sein Eltern-Dom? Seine ganze Zukunft hing von diesem einen Abend ab und Blaine konnte nichts dagegen tun. Seine Finger fühlten sich ganz taub an, so sehr drückte er sie gegen die feuchten Handflächen.

Als sie das Restaurant betraten, musste er zwei Dinge feststellen; zum ersten, dass die Hummels wohl schon da waren, denn ein Kellner sprach sie direkt an, um sie zu ihre Plätze zu führen, und zum zweiten, dass dieses Essen ganz schön teuer werden würde, denn sie wurden in ein privates Zimmer geführt, in dem sie ganz in Ruhe essen konnten. Blaine kannte diese Räume nur zu gut und wusste daher sehr genau, wie kostspielig sie waren. Gleich darauf schimpfte er sich in Gedanken. Er sollte seinen Eltern-Dom nicht so in Frage stellen, sicher hatte sein Vater die Kosten einkalkuliert. Die Eigenvorwürfe in seinem Kopf verstärkten sich noch, als ein etwas kräftigerer Mann seinem Vater die Hand reichte. „Vielen Dank, dass sie unserer Einladung zu diesem Essen gefolgt sind, Mr. Anderson." Das war ein Standartcode für die Absprache, wer zahlen würde und sicher hatte sein Vater das vorher gewusst. Hätte Blaine geahnt, dass seinem Vater bei dieser Begrüßung eine schwere Last von der Brust fiel, hätte er vielleicht anders gedacht.

„Wir bedanken uns für die Einladung." Erwiderte Claiton. „Darf ich ihnen meine Familie vorstellen?" Nacheinander stellte er sie vor. Erst Robert, dann seine Mutter Angelika, Blaine und zu Letzt Katleen. Blaine blinzelte ganz leicht in die Runde, um vielleicht einen Blick auf Kurt zu ergattern, senkte dann aber doch höflich den Blick und war sehr erstaunt, als ihm Mr. Hummel ebenfalls seine Hand gab und ihm sehr aufmerksam ins Gesicht sah, sobald Blaine den Kopf etwas hob. Blaine lächelte schüchtern. „Guten Abend, Sir. Erfreut, sie kennen zu lernen." Dafür schenkte ihm Burt ein gutmütiges Schmunzeln. „Dich auch, Blaine." Wie er sich gehörte, gab er Mrs. Anderson als gebundenen sub nicht die Hand. Bei seiner Schwester deutete er einen kleinen Handkuss an und nannte sie „junge Dame", was diese zum giggeln brachte. Claton sah sie missbilligend an und ihr Giggeln erstarb augenblicklich. Burt trat zur Seite und ließ den Blick auf seine Frau frei, stellte sie vor. Carol hatte kurz aufgeblickt, hielt sich sonst aber zurück. „Darf ich ihnen unseren Sohn vorstellen?" Fragte Burt gerade und Blaines Konzentration wanderte nun zu dem großen jungen Mann, der sich eben setzen wollte, es aber nach einem strengen Blick von Burt unterließ und ein etwas ungeduldiges „Guten Abend" wünschte. Blaine sah ihn unauffällig durch seine Wimpern hindurch an und sein Herz sank. Das sollte also nun für die nächsten zwei Jahre sein Dom werden? Er besah ihn sich genauer. Er trug einen Anzug, jedoch hing das Hemd eher schlampig heraus. Seine Schuhe sahen aus, als wäre er gerade durch den Dreck gelaufen, seine Haltung wirkte nachlässig, er sah interessierter zu den Tellern auf den Tisch, als dass er Blaine ansah. „Finn!" Kam da eine glockenklare, sehr bestimmt klingende Stimme hinter Blaine. Blaines Kopf schoss hoch, sein Herz blieb stehen, um direkt darauf wie wild loszuschlagen. Die Menschen sagten, es gab subs die in der ersten Minute spüren, wenn er einem potentiell passendem Dom gegenüber stand. Blaine hatte immer geglaubt, er würde sich an jedem Dom anpassen können, den sein Vater für ihn vor sah, selbst Sebastian. In dem Moment, in der er diese Stimme hörte, in die stürmischen Augen blickte und die schlanke, wohldefinierte Figur sah, wusste Blaine, dass er zu dieser Sorte sub gehörte. Er wusste, dass er alles dafür tun würde, diesem Dom zu gefallen, zu ihm zu gehören. Im gleichen Augenblick senkte er schuldbewusst die Augen. Na, er fing ja gut an, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Aber es schien nicht so, als hätte Kurt ihn schon wahr genommen. Die Augen des Teenagers klebten nämlich gerade an seinem- ja, es musste dann wohl sein Bruder sein.

„Meine Güte Finn, du wirst schon noch was zu essen bekommen. Und was hast du mit deinem Hemd gemacht?" Kurt schüttelte innerlich den Kopf, das nächste Mal würde er sich wirklich beim Anziehen neben Finn stellen müssen. Entschuldigend wand Kurt sich den Andersons zu und reichte ihnen nacheinander die Hand, stellte sich vor. Wie zuvor sein Vater, reichte er Blaines Mutter nicht die Hand, auch wenn er sich dabei unhöflich vorkam. Warum konnte man einer erwachsenen Frau nicht die Hand geben? Was sollte das Getue? Er kniete sich runter und gab dem Kind die Hand, das ihn aus großen Augen neugierig ansah. Er stand auf, drehte sich zur Seite und sah den ältesten der Geschwister vor sich intensiv an. Das also war Blaine. Blaines Kopf war tief gesenkt und er verspürte das dringende Bedürfnis, sein Kinn anzuheben und ihm in die Augen zu sehen. Das tat er nicht direkt, stattdessen wand er denselben Trick an, den er bei seinen Vater schon unzählige Male gesehen hatte; er gab ihm die Hand, drückte sie leicht und hielt sie einen kleinen Moment länger als nötig fest, bis Blaine im Moment der Verwirrung wie von alleine scheu aufsah. Seine Augen waren wunderschön, befand Kurt. Doch sie wirkten auf eine Art getrübt, die Kurt nicht begreifen könnte. Dimm, als wenn man das Licht in ihnen runter gedreht hätte.

„Hallo Blaine." Grüßte er lächelnd. Das Lächeln verging ihm bei Blaines Antwort.
„Guten Abend, Sir." In dem Moment wurde Kurt wieder bewusst, welcher Familie er da gegenüber stand und er verdrängte dieses Gefühl, das er gerade gespürt hatte, als er Blaines Hand in seine genommen hatte. Ein Gefühl von Richtigkeit, welches er sich nicht erklären konnte. Die Anderson- subs würden einen Dom nie frei Ansprechen. Sie waren gehorsam und nach alter Schule erzogen. Kurts Haltung versteifte sich, langsam ließ er Blaines Hand los und erklärte mit fester Stimme „Kurt." Auf Blaines irritierten Blick erläuterte er „wir sind im selben Alter, ich bin nicht dein Dom, also besteht kein Grund, mich mit einem Tittel anzusprechen." Ihm entging nicht, wie die gesamte Familie sich versteifte. Blaines Augen sahen auf einmal traurig aus. Schnell lächelte er Blaine ein kleines, entschuldigendes Lächen zu und wand sich dann an die jüngere Tochter, wollte möglichst schnell die unangenehme Stille überwinden. „Und du musst Katleen sein." Tatsächlich hatte Kurt hinter der Toilettentür gestanden und neugierig gelauscht, bevor er dazu gekommen war. Aber das musste er nun nicht gerade zugeben. Katleen sah auf und sofort sah er, dass das Feuer in ihren Augen nicht auf dieselbe Art gedimmt war, wie die ihres Bruders. Allerdings löste ihre Berührung auch nicht diese angenehme Wärme in ihm aus. „Das bin ich. Darf ich sie etwas fragen, Sir?" Kurt überhörte das „Sir" diesmal, kam es von einer jüngeren sub schon etwas natürlicher an und er nickte, neugierig, was sie wollte. „Warum tragen sie eine Regenwolken- Brosche, wenn sie ihren zukünftigen Trainings- sub kennenlernen?" Kurt nahm das entsetzte Luftholen, Schnauben und das gedonnerte „Katleen!" ihres Vaters eben so wenig wahr, wie Blaines beschämten Gesichtsausdruck. Zu sehr war er damit beschäftigt, sich das Lachen zu verkneifen. Es gelang ihm nur mit Hilfe des alten Fingernagel- in Hand-bohr- Tricks. Gott, dieses Mädchen gefiel ihm! Könnte sie nicht ein Junge in seinem Alter sein? Nachdem Katleen der Satz rausgerutscht war, schien sie auch zu begreifen, wie ungehörig sie sich gerade verhalten hatte und stammelte ein „Entschuldigen sie, Sir." Kurt grinste und schüttelte den Kopf. „Dein Gehirn- Mund-Filter hat erschreckende Ähnlichkeiten zu Finns." Bevor Finn entrüstet zur Gegenattacke starten konnte, trat Burt wieder vor. „Ich denke, wir führen die Unterhaltung nun besser beim Essen fort. Es gibt einiges zu besprechen." Sagte er ruhig und führte ihre kleine Gruppe zum Tisch. Die Anderson- subs blieben stehen, bis die Doms saßen und setzten sich dann dazu. Carol dagegen hatte sich direkt gesetzt und wurde nun etwas rot, erkannte, dass sie vor dieser Familie mit ihrer Erziehung nicht punkten konnte. Burt legte ihr beruhigend eine Hand auf den Oberschenkel, sorgte mit dieser Geste dafür, dass sein sub sich wieder entspannte. Voller Zuneigung sah Kurt auf seinen Vater und dessen Frau. Sie waren Partner, waren füreinander da. Das wollte er auch. Seufzend sah er zu Blaine, der versunken und etwas steif auf seinem Stuhl saß und die entschuldigenden Blicke nicht sah, die seine Schwester ihm zusendete.

In Blaine tobten die Gefühle. Kurt war wunderschön. Er hatte ein liebes Lächeln, hatte seine Schwester nicht angeschrien, ihrer unverschämten Frage aber auch keine Antwort gegönnt. In seinen Augen hätte er nicht perfekter mit der Situation umgehen können. Aber wieso hatte er ihm die Anrede verweigert, während er sie seiner Schwester gestattete? Wenn er das Sir nicht mochte, warum ließ er es dann bei ihr zu? Eine irrationale Eifersucht machte sich in Blaine breit. Kurt sollte doch sein Dom werden! Zumindest erstmal sein Trainings-Dom. Kurt hatte einen schwulen sub in seinem Alter gewollt. Wieso schien er nun interessierter an Katleen, als an ihm zu sein? Er schenkte ihr wohlwollende Blicke, obwohl sie während des Essens mehr als einmal die Worte „Ich will" und „warum…" verwendete und dafür neben ihrem vorherigem Ausrutscher mit Sicherheit ordentlich den Hintern versohlt bekommen würde. Und bis Weihnachten die Wohnung putzen, soviel stand fest.

Nun, endlich, wand Kurt sich mit einer Frage an Blaine- und Blaine hätte heulen können, denn er verstand sie nicht richtig. „Was meinst du, Blaine, würdest du dich in einer Wohngemeinschaft mit mir wohlfühlen?" Die Wortwahl kam Blaine komisch vor, erfüllte eine Trainingswohnung doch eigentlich nicht den Zweck einer Wohngemeinschaft. Und was meinte Kurt mit wohlfühlen? Er würde mit einem Dom zusammen leben. Er würde für Kurts leibliches Wohl sorgen und versuchen, seine Erwartungen zu erfüllen. Zudem würde er seine Familie verlassen. Sicher würde er sich nicht direkt wohl fühlen, am Anfang, das tat er ja noch nicht mal in ihrer neuen Wohnung. Aber für eine gute Zukunft lohnte es sich. Und mit diesem Mann- vielleicht, nur vielleicht, lag seine Zukunft sprichwörtlich in seinen Händen. „Ich werde mich bemühen, unsere Wohnung gemütlich zu machen, Sir- Kurt." Entgegnete er leise und unsicher. Kurt schien nicht zufrieden mit der Antwort, seine Augenbrauen runzelten sich und Blaine fühlte, wie ihm schlecht wurde. Was erwartete dieser Dom von ihm? „Oh, ich bin sicher, dass wir unsere Wohnung schön gestalten werden. Ich meinte eigentlich, ob du meinst, dass du dich mit mir zusammen wohl fühlen könntest. Ob du überhaupt mit mir zusammen ziehen willst." Je mehr er fragte, desto weniger verstand Blaine, warum er es fragte. War es nicht egal, was Blaine wollte oder nicht? Und wie sollte er mit diesem Dom, diesem wunderschönen Dom, nicht zusammen ziehen wollen? Nur ein Wort von ihm und Blaine fühlte sich so sicher und zugleich so unsicher wie noch nie in seinem Leben. „Das möchte ich sehr gerne, Kurt." Antwortete er, diesmal etwas fester und schien damit endlich einen Treffer gelandet zu haben, denn Kurts Gesicht hellte sich auf. „Und es stört dich nicht, das wir schon nach den Ferien in vier Wochen einziehen müssen?" „Nein, gar nicht, Kurt." Blaine war so versunken in Kurts Gesichtsausdruck, dass ihm entging, wie Claiton ihn wohlwollend musterte.

Kurt nickte. Er wusste, dass die Andersons gerade in eine neue Wohnung gezogen waren. Sicher fühlte Blaine sich dort noch nicht zuhause. Blaines Antworten hatten ihn fast zum verzweifeln gebracht. Wie sollte er bei diesem Ton wissen, ob Blaine wirklich dachte was er sagte oder sagte wovon er dachte, dass Kurt oder die beiden erwachsenen Doms es hören wollten? Und dennoch. Irgendwas faszinierte Kurt an Blaine. Er hatte diese Tiefe, diese wunderschönen, ruhigen Augen, eine Art sich zu bewegen die Verhalten wirkte, als würde ein sehr bewegungsfreudiger, lebhafter Mensch unter all der Steifheit stecken und nur darauf warten, endlich losgelassen zu werden.

Für eine Weile waren die Kinder ruhig, Robert schien müde zu sein und gähnte immer wieder verhalten, Finn hatte das Essen endlich beendet und betrachtete Blaine nun seinerseits aufmerksam, und Blaine, Katleen und Kurt hörten der Unterhaltung ihrer beiden Väter zu, die sich angeregt über Politik und schließlich Kurt und Blaines möglicher Verbindung unterhielten.

„Wir würden einen Standard - Vertrag selbstverständlich für angemessen befinden." Erklärte Mr. Anderson gerade und Kurts Vater stimmte zu. „Ja, ganz ohne Vertrag sollten junge Dom-sub- Verbindungen nicht geschlossen werden. Selbstverständlich bürge ich für meinen Sohn, damit sie Blaine mit gutem Gefühl in seiner Obhut lassen können. Allerdings würde ich darauf bestehen, dass Kurt für die Dauer des Vertrages, sofern sie ihn nicht frühzeitig brechen wollen und während sie in der Schule sind, über Blaines Erziehung bestimmen kann. Es bringt nur Missfallen und Turmult für einen sub, wenn er zu zwei Doms zur gleichen Zeit gehört. Selbst wenn es sich bei dem Zweiten um den Eltern- Dom handelt."

Obwohl gerade das der Punkt war, an dem es am häufigsten Schwierigkeiten gab- denn wer überließ die Erziehung seines jugendlichen subs schon gerne einem 16- Jährigem? -war es nun an Claiton, gemächlich zu nicken. Denn dieser Teil wurde in den unteren Schichten wesentlich kontroverser diskutiert, als in der Oberschicht, in der es so gebräuchlich war. Nicht in allen Punkten hatte er Mr. Hummel zustimmen können, Hummels sub war sehr offensichtlich schlecht erzogen. Und auch Finn mangelte es an jeglichem Stil. Und doch schien Kurt erstaunlich gerade, sehr dominant und sehr anmutig zu sein. Er drückte sich gewählt aus und scheute nicht davor zurück, seinen Bruder hin und wieder zu ermahnen. Und in der Grundannahme, dass jeder sub nur einen zuständigen Dom haben sollte, stimmte er zu. Für den sexuellen Bereich würden sie eine Standartformulierung wählen, die es den Beiden gestatten würde, in beidseitigem Einvernehmen ihre Erfahrungen zu sammeln, jedoch nur auf deutlichem Wunsch des subs. Bei einem heterosexuellen Paar rechnete man durchaus damit, dass aus der Verbindung ein Kind hervor gehen würde, welches die endgültige Familienschließung des Paars nach sich ziehen würde. Gerade die konservativen privaten Schulen förderten junge Eheschließungen gezielt und gestatteten den jungen Eltern, trotz Schwangerschaft eines Doms oder subs, ihre Schule abzuschließen. Egal ob der Sub die Frau oder der Mann war, würde sie oder er ausschließlich auf die Kindererziehung vorbereitet werden und sie direkt nach der Geburt unter der Hilfestellung eines Lehrers übernehmen. So gab es nicht wenige Kinder, die ihr erstes Lebensjahr in einer Trainingswohnung erlebten und stark von der Schule beeinflusst wurden.

Schließlich ging der Abend dem Ende entgegen. „Es war schön, dich kennen gelernt zu haben, Blaine." „Danke, Kurt, dich auch. Sehr schön." Nachdem Kurt Blaines Hand wieder einen Tick zu lange gehalten und tausend kleine Stromschläge durch Blaine geschickt hatte, dachte er schon, er hätte alles einigermaßen überstanden und hätte vielleicht eine kleine Chance darauf, dass Kurt ihn als Trainigs- sub haben wollte. Bis Kurt sich Katleen zuwandte, seine Brosche abnahm und sie ihr in die Hand drückte. Er zwinkerte dem verdutzten Mädchen zu. „Vielleicht findest du eine passendere Gelegenheit, sie zu tragen." Damit wand er sich ab und die Hummels verschwanden, fuhren in ihrem Familienwagen heim. Und mit ihnen gingen auch Blaines Träume und Hoffnungen dahin. Kurt hatte seiner Schwester die Brosche gegeben. Was hieß das? Dass er nun sie wollte?

Die gesamte Fahrt nach Hause sprach Blaine mit seiner Schwester kein Wort und auch der Vater strafte sie mit Ignoranz. Doch kaum hatten sie die Wohnung betreten, brach ein Donnerwetter los. „Wie kannst du es wagen, unsere ganze Familie so zu blamieren?!" Claiton pakte seine Tochter an der Hand, zog sie zu ihrem Bett und versohlte ihr den Hintern, dass sie es noch die nächsten drei Tage spüren würde. „Bitte, Sir, es war doch keine Absicht!" Heulte sie, wehrte sich aber nicht weiter. „Keine Absicht? Du versaust deinem Bruder alles und sagst es war keine Absicht?! Dein ganzes Benehmen heute. Erst kritisierst du die Kleidung eines Doms, der gerade Blaines Chance auf ein besseres Leben ist, wegen einer albernen Brosche. Und dann benimmst du dich so daneben bei Tisch. Du solltest dich schämen!" Endlich ließ er von ihr ab. „So und jetzt gehst du ins Bett. Morgen wirst du um sechs Uhr aufstehen und die Wohnung putzen. Aber grünlich!" Dann wand er sich Blaine zu, sein Ausdruck wurde etwas milder. „Du hast dich gut gehalten, Blaine. Kurt ist nicht das, was ich für dich erträumt hatte, aber für einen Hummel ist er erstaunlich akzeptabel. Wollen wir hoffen, dass der Vertrag zu Stande kommt."

Damit verließ er das Zimmer der beiden subs. Katleen, die noch immer weinend auf ihrem Bett lag und sich das schmerzende Hinterteil rieb und Blaine, der sie mit gemischten Gefühlen ansah. Einerseits war er noch sauer auf sie, andererseits wusste er zu gut, wie sich ein brennender Hintern anfühlte und sie tat ihm leid. „Du kannst die Brosche haben, Blaine." Flüsterte sie gerade. „Nein, er hat sie dir geschenkt. Das wäre nicht recht." Gab Blaine zurück, seufzte dann aber und kramte eine Creme aus seinem kleinen Nachtischschränkchen. „Hier, reib das ein, dann tut es nicht mehr so weh." „Danke, Blainers. Es tut mir leid, wenn ich dir alles versaut habe." Sie sah ihn so kläglich an, dass er trotz allem lächeln musste und ihr übers Haar fuhr. „Schon gut, Kat, schon gut."

Auch bei den Hummels bekam eines der Kinder gerade einen Vortrag über gutes Benehmen gehalten und zu Kurts großem Bedauern traf es diesmal nicht Finn. Sehr zu Unrecht, wie er fand. Burt saß seinem Sprössling ernst gegenüber und sah ihn aufmerksam an. „Ich bin mir sicher, du hast eine gute Erklärung dafür, wieso du einer Vierzehnjährigen deine Brosche schenkst und den armen Jungen ignorierst?" „Ich habe ihn nicht ignoriert." Verteidigte sich Kurt. „Ich finde ihn…" er bekam rote Wangen und umging die Worte „süß" und sexy" mit „nett." Aber er ist so- ich weiß auch nicht. Als wenn ich immer erst raten muss, ob er das, was er sagt, wirklich meint oder er es sagt weil ich es hören will. Und dieses ständige Augen-senken. Was soll das? Katleen war anders. Ich glaube sie mag ihre Erziehung nicht sehr. Und sicher bekommt sie daheim Ärger. Ich wollte sie einfach aufmuntern."

„Okay, das ist ja soweit nichts Schlechtes." Lenkte Burt ein. „Aber denk nur, wie das für Blaine aussehen musste. Es sollte um ihn und dich gehen und was machst du? Schenkst deine Aufmerksamkeit seiner kleinen Schwester." Kurt öffnete den Mund, aber Burt unterbrach ihn. „Ich habe deine Blicke zu ihm sehr wohl gesehen, Kurt. Aber er nicht. Wie auch? Du hast ihn total verunsichert. Und wenn du dich so ihm gegenüber benimmst, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihm wirklich einen Gefallen tue, euch zusammen zu stecken." Kurt verdrehte die Augen. „Bitte, hast du die Sachen der Andersons gesehen? Die waren allesamt letzte Saison. Ich glaube kaum, dass Blaine eine bessere Wahl hat." „Kurt!" Missbilligend verzog Burt sein Gesicht und Kurt hob beide Hände. „Ist ja schon gut. Ich verstehe was du meinst und es tut mir leid. Aber ehrlich, dad. Ich wusste einfach nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll." Burt nickte. Kurt fehlte es wirklich an Erfahrung mit subs. Er hatte ihm bisher auch keine gesellschaftlichen Ereignisse ermöglichen können, an denen höher gestellte subs und Doms teil nahmen. „Na gut. Aber versprich mir, dass du dir Mühe gibst, mit ihm klar zu kommen. Es sei denn, du willst ihn gar nicht…" Zu seiner Erleichterung schüttelte Kurt etwas zögerlich den Kopf. „Nein, ich denke das ist es nicht. Ich will ihn. Ich meine… ühm… also mit ihm in eine Trainingswohnung." Burt lachte und wuschelte unter energischem Protest durch Kurts Haare. „Also gut, mein Junge, lassen wir es darauf ankommen."

Blaine war den ganzen Abend über so nervös und angespannt gewesen, dass er eine ganze Zeit brauchte, um zu entspannen, seine Gedanken zu beruhigen und einzuschlafen. Als er am nächsten Morgen aufwachte, stand ein Teller mit frischen Pfandkuchen auf seinem Nachttisch und er musste trotz allem Schmunzeln. Wenn seine Schwester dafür mal nicht noch mehr Ärger bekam. Schließlich waren Lebensmittel im Augenblick knapp und sie sollte sie eigentlich nicht für Pfandkuchen verwenden. Auch an einem Sonntag nicht. Aber offensichtlich hatte auch der Vater die Geste zu schätzen gewusst, denn im Haus war es ruhig. Sehr ruhig. Zu ruhig. Blaine biss genüsslich in sein Frühstück, nahm einen Schluck des Tees, der daneben stand und beschloss dann, doch mal lieber nachzusehen, warum er weder seine Eltern, noch seinen Bruder oder Katleen hören konnte. Immerhin war es schon neun Uhr, wie er mit einem Blick auf die Uhr feststellte und seine Eltern und sein kleiner Bruder waren jeden Morgen früher auf den Beinen, als es Blaine in dieser hellhörigen Wohnung gefiel. Als er in den kombinierten Küche/ Wohnzimmer/ Esszimmer- Raum kam, sah er seine Eltern am Tisch sitzen, seinen Vater mit einer Zeitung vor sich, seine Mutter mit einer Näharbeit, Katleen wischte die Fenster und Robert spielte auf dem ranzigen Teppich mit einem Holzpferd. Katleen sah ihn als erstes, warf den Lappen in den Eimer und umarmte ihn stürmisch. Auch sein Vater stand auf, warf Katleen einen strengen Blick zu, auf den sie zurück trat und den Kopf senkte und legte eine Hand auf Blaines Schulter, Blaine bildete sich sogar ein, ein Lächeln auf seinen Mundwinkeln zu sehen. „Blaine, dein gutes Benehmen gestern hat sich ausgezahlt. Du wirst in vier Wochen mit Kurt Hummel in Dalton einziehen. Ich gratuliere dir, mein Sohn."

Blaine war sprachlos. Für einen Moment verstummten alle Gefühle in ihm, nur um direkt darauf in einer einzigen Flutwelle über ihm zusammenzubrechen. Er bekam Kurt als Trainings-Dom. Seine Zukunft sah mit einem mal nicht mehr so schwarz aus. Er bekam eine Chance. Er musste seine Familie in vier Wochen verlassen. Er würde aus dieser dunklen, grauen Wohnung raus kommen. Er bekam Kurt als Trainings-Dom. All seine Gedanken schienen mit diesem Satz zu beginnen und zu enden. Doch viel Zeit, es einsinken zu lassen, blieb ihm nicht, denn sein Vater sprach schon weiter und es war unhöflich, ihm nicht zuzuhören.

„Ich hoffe du bist dir bewusst, dass du nur diese eine Chance hast. Sie wird nicht wieder kommen. Sollte einer von euch beiden euren Vertrag frühzeitig brechen, werden wir dir einen wirklichen Dom suchen müssen, keinen auf Probe. Dann kann ich keine Rücksicht mehr darauf nehmen, wie du wirtschaftlich gestellt sein wirst oder welches Alter er hat. Ich muss an uns alle denken, ich hoffe du weißt, was für eine Verantwortung jetzt auf deinen Schultern liegt." Sehr ernst hatte Claiton gesprochen und Blaines gesenkten Kopf dabei gemustert. Er wusste, dass er sehr viel von einem so jungen sub erwartete. Blaine war gerade erst 16 geworden. Aber er hatte eine Familie durch diese Krisenzeit zu bringen und Blaine sicher in Dalton zu wissen war das Beste, was in ihrer Situation hatte passieren können. Nachdem der Vater ihn losgelassen hatte, trat auch Angelika vor und strich ihrem Sohn ganz leicht übers Haar, sagte nichts. Aber Blaine konnte spüren, dass sie ihm alles Gute wünschte und Stolz auf ihn war und das genügte ihm, musste genügen.

Kurt wurde von einem lauten Meinungsaustausch geweckt. „Ich wollte ihn überraschen! Sein erster Sub. Das ist so cool! Ich dachte er freut sich." Beschwerte sich Finn gerade. Kurt ließ die Augen noch ein wenig geschlossen und lauschte weiter. Carols Stimme war deutlich leiser, aber er konnte sie verstehen. „Ach Schatz. Das ist ja lieb gemeint, aber Käsesandwich zum Frühstück mit nichts dazu? Und wie sieht die Küche aus?" Kurt musste in sein dunkles Zimmer hinein grinsen. Er stellte sich Burt vor, wie er da stand, an den Türrahmen gelehnt und seinem Sub und seinem Stiefsohn amüsiert zusah. Ob er selber wohl auch mal so dastehen würde und seinem Sub und seinem Kind zuhören würde? Wie es wohl aussah? Adoptiert würde es natürlich sein. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Außer mit einem weiblichen Sub zu schlafen, oder seinen Sub mit einer weiblichen Dom schlafen zu lassen. Aber das war absolut verpönt und Kurt selbst lehnte es strikt ab. Aber es war auch einfach unnötig. Es gab so viele Weisenkinder, man hatte praktisch die freie Wahl.

Ehe Kurt seinen Gedanken noch vervollständigen konnte, hörte er Burts schlichtende Stimme und gleich darauf Ruhe. Dann das unruhige Trommeln von Stäben auf allen möglichen Gegenständen. Schüsseln, Schränken, Gläsern. Kurt verzog das Gesicht, als Finn offensichtlich auf die gute Vase von Kurts verstorbener Oma schlug. Er musste wirklich nochmal eine ernste Unterhaltung über Trommeln auf Haushaltsgegenständen mit Finn führen. Oh, jetzt wurde es wieder ruhig im Haus. Das hieß, er würde ein Überraschungsfrühstück bekommen. Kurt lächelte und schlug die Augen auf. Er würde seiner Familie noch ein paar Minuten gönnen, um Finns Sauerei in der Küche aufzuräumen und ein ordentliches Frühstück vorzubereiten. Dann würde er sich auf Socken anschleichen und sie Überraschen. Das tat er dann auch. Burt sah ihn streng an, Umarmte seinen Sohn dann aber doch herzlich, genau wie Finn und Carol. „Blaines Vater hat den Vertrag unterschrieben und heute Morgen angerufen, dass er per Postbote kommt. Der erste sub, das ist ein wichtiges Ereignis. Ich gratuliere dir, mein Junge. Ich bin stolz auf dich." Sanft strich Burt ihm über den Rücken. Eine Stunde später saßen sie noch immer am Esszimmertisch, lachten und unterhielten sich. Es sollte einer dieser Familientage werden, an den Kurt sich immer wieder gerne zurückerinnern würde. Sie spielten Gesellschaftsspiele bis zum Mittagessen, welches Kurt und Carol zusammen vorbereiteten, während Burt und Finn im Wohnzimmer ein Footballspiel sahen. Kurt konnte für einen Dom so gut kochen, dass jeder dachte, ein Sub hätte das Essen gerichtet. Oder ein professioneller Koch- in dem Fall dann in der Regel ein Dom. Kurt hatte aufgegeben, sich über dieses Paradox den Kopf zu zerbrechen. Fakt war, er kochte und backte leidenschaftlich gerne und Burt ließ ihn. Ob Blaine wohl auch Backen konnte? Ob sie das vielleicht mal gemeinsam tun könnten?

Ohne es zu wissen, dachte Blaine am Abend des gleichen Tages über dasselbe Thema nach. Nur in etwas anderer Ausführung. Denn ihn beschäftigte der Gedanke, dass seine Kochkünste bei der Grundausbildung in der Schule endeten. Sie hatten immer damit gerechnet, dass Blaines Dom eine Haushaltshilfe haben würde, wie es so in der oberen Schicht üblich war. Und selbst wenn das nun nicht mehr ganz so abwegig schien, in nächster Zeit würde es wohl kaum passieren. Blaine könnte sich selber in den Hintern beißen, dass er nie darüber nachgedacht hatte, dass er in einer Trainingswohnung für den Haushalt zuständig sein würde. Selbst mit Sebastian wäre er das gewesen. Oder gerade mit ihm. Und was tat er, wenn Kurt nun nicht mochte, was er kochen konnte? Oder fand, dass er ein schlampiger sub war? Blaine steigerte sich immer weiter in seine Sorgen rein. An wen sollte er sich nur wenden? Seine Mutter tat sich selbst noch mit allem ohne Haushaltshilfe schwer. Da fiel ihm eine Broschüre ein, die er vor einigen Tagen in den Händen gehalten hatte. Die Überschrift lautete „Kochen für den kleinen Geldbeutel- ein Kochkurs für subs." 10 Dollar sollte der Kurs kosten. Viel Geld. Geld, dass Blaine nicht hatte. Das einzig Wertvolle, das Blaine noch besaß, war seine Geige und die konnte er unmöglich verkaufen. Traurig senkte er den Kopf. Dabei fiel sein Blick auf sein Handgelenk. Wie immer trug er das silberne Armband seiner verstorbenen Oma. Das war mehr als 10 Dollar wert. Viel mehr. Allerdings hatte es einen noch viel größeren sentimentalen Wert für ihn. Es war das letzte, was er von seiner Oma besaß. Unsicher tat er das, was er gelernt hatte zu tun: Er fragte seinen Eltern- Dom um Rat.

Claiton sah seinen Sohn aufmerksam an. Er konnte Blaines Bedenken gut verstehen. Wenn er ehrlich war, hatte er darüber selber nie nachgedacht. Blaine hatte den Grundkurs gemacht, alles Weitere würde er schon lernen, wenn es nötig wurde. Aber andererseits kam Kurt von einer Familie, in dem Handarbeit sicher sehr groß geschrieben wurde. Es würde ihn nicht wundern, wenn selbst die Doms bei den Hummels im Haushalt bewandert waren. Auch wenn das eindeutig völlig unpassend war. Aber das Armband bedeutete Blaine so viel. Er hatte gesehen, wie Blaine darüber strich, wenn er einsam oder traurig war. Aber 10 Dollar, das war happig. Früher wären sie nichts gewesen, heute wusste er nicht, wo er sie her nehmen sollte. Schließlich schüttelte er den Kopf und stand auf. Blaine musste bestehen, in Dalton und bei Kurt Hummel. Sonst wusste er nicht mehr, was er noch tun sollte. Langsam ging er ins Schlafzimmer und nahm die Uhr von der Wand. Sie war sicher noch 20 Dollar wert. Er hatte sie behalten, weil er im Vergleich zu dem, was er für sie bezahlt hatte, so gut wie nichts mehr bekam. Aber nun würden auch diese 20 Dollar helfen. Er würde sehen, ob er irgendwo einen ganz billigen Ersatz her bekam. Als Blaine zögerte, sie zu nehmen, sah er ihn ärgerlich an. „Was zweifelst du an meiner Entscheidung? Nimm die Uhr, geh zum Kramer, er kauft sie dir sicher ab. Und ich erwarte, dass du den Kurs ernst nimmst."

Das tat Blaine. Er lief in den nächsten vier Wochen jeden Morgen eine halbe Stunde zu Fuß bis zur Volksschule und wieder zurück, um für zwei Stunden den Kochkurs für Subs zu besuchen. Geld für die Stadteisenbahn hatte er keins, aber es machte ihm nichts aus. Was er nicht erwartet hatte, war die Freude, die er dabei empfand. Er kam unter Menschen und da der Kurs freiwillig war, herrschte eine viel gelöstere Atmosphäre als in der privaten Schule, die er bisher besucht hatte. Beinahe war er traurig, als die Zeit dem Ende entgegen ging und es nur noch zwei Tage bis Dalton waren. Traditionsgemäß hatte er keinen weiteren Kontakt zu Kurt gehabt. Als es dann an der Zeit war, die restlichen Sachen zu packen, hatte er tausend Hummeln im Magen. Was würde seine Zukunft bringen? Wie würde es weiter gehen? Ob Kurt wirklich so toll war, wie er ihn von diesem einen Abend in Erinnerung hatte? Blaine schüttelte innerlich den Kopf über sich. Natürlich war Kurt toll. Natürlich würde er gerne sein sub sein. Nur musste Kurt das auch verstehen. Und Blaine würde alles dafür tun, das Kurt es genauso empfinden würde.