Kapitel 2

Unglücklicherweise war Georges Karte nicht einmal für Jane Austen verständlich.

Als ich mir endlich eingestand, dass ich mich nicht mehr auskannte – und das schon seit geraumer Zeit – war die Mittagszeit vorbei und allmählich erschien mir der Umzug nach Indianapolis nicht mehr als das grandiose Abenteuer, das ich erwartet hatte. Ich war nun fast eine halbe Stunde lang immer wieder den Kreis im Stadtzentrum herumgefahren (während der 3. Umrundung fand ich heraus, dass er Monument Circle hieß, zweifellos wegen des Denkmals in der Mitte, das mir die Sicht versperrte), als das Auto ein schreckliches Geräusch von sich gab; ich fuhr an die Seite und legte meinen Kopf auf das Lenkrad. Das letzte, was ich jetzt brauchte, war, dass mein Auto mitten in einem riesigen Kreisverkehr den Geist aufgab. Überhaupt, wer stellt schon einen gewaltigen Kreisverkehr direkt ins Zentrum einer Stadt und erwartet, dass die Menschen rauskriegen, wo sie sind? Alles schaut gleich aus, nachdem man drei oder vier Mal dran vorbeigefahren ist. Es machte mich schwindelig, wenn ich nur daran dachte.

Es dauerte nicht lange, da klopfte es heftig ans Fenster. Mein Kopf rutschte vom Lenkrad und drückte auf die Hupe, die schmetternd losging. „Ma'am, Sie können hier nicht parken." Ein Polizeibeamter, der zu jung wirkte, um jemandem zu sagen, was er tun solle, runzelte streng die Stirn und deutete auf das Schild über dem Auto. „Es tut mir leid, aber Sie müssen weiterfahren."

Ich hob meinen Kopf und kurbelte das Fenster herunter, in der Absicht ihm zu sagen, dass ich technisch gesehen nicht parkte, weil das Auto ja noch lief, als er sich näher beugte und sich räusperte. „Ich bedaure, dass ich so schroff war, Ma'am", sagte er in einem zutraulichen Ton. „Mein Vorgesetzter hat mich beobachtet, und ich wollte ihm zeigen, dass ich professionell vorgehe." Er räusperte sich noch einmal. „Haben Sie sich verfahren? Sie haben keine Nummernschilder von Indianapolis und sehen ein wenig abgekämpft aus."

Schwach lächelnd übergab ich ihm Georges Karte. „Ich sollte vor eineinhalb Stunden bei George und Bea sein", sagte ich zu ihm und versuchte, die Kopfschmerzen zu ignorieren, die sich seit Überschreiten der Stadtgrenze stetig aufgebaut hatten. „Anscheinend ist mein Freund nicht zum Kartographen geschaffen."

Er schielte auf die Reihe von Kringeln und Linien, die angeblich Straßen zeigten und runzelte nachdenklich die Stirn. „Du hast nicht etwa George und Bea Butterblum gemeint, oder?"

„Doch." Ich hoffte wirklich, dass die Butterblums nicht in irgendwelchen rechtlichen Schwierigkeiten waren. Sicher, sie waren die besten Freunde meiner Eltern, und wir hatten sie über die Jahre ziemlich regelmäßig gesehen, aber warum sonst sollten sie einem Polizeibeamten namentlich bekannt sein?

„Na, das ist ein Zufall. Ich wohne in ihrer Straße etwas weiter unten." Er drehte die Karte um und kritzelte etwas. „Richte dich nach dieser Wegbeschreibung und du bist in höchstens 20 Minuten da. Ich würde sagen, du solltest bei meinem Haus halten und meine Frau kennenlernen, aber es klingt, als seist du spät dran."

Ich hätten ihn gleich an Ort und Stelle umarmen können. „Vielen Dank, Officer ..."

Er streckte sofort seine Hand durchs Fenster, um meine zu schütteln. „Fredericks. Ich weiß, dein Name ist Katie Embury", sagte er und senkte seine Stimme zu einem Flüstern.

„Und wie hast du das herausgefunden?"

„Ich habe bemerkt, dass es auf der anderen Seite des Papiers steht." Er schien mit seiner Detektivarbeit sehr zufrieden, richtete sich auf, räusperte sich zum dritten Mal (inzwischen zählte ich mit) und sagte in normalem Ton: "Wenn du dich eingelebt hast, komm mal auf ein Schwätzchen vorbei. Wir haben das weiße Haus am Ende der Straße. Seit das Baby geboren wurde, bekommen wir nicht allzu viele Anregungen von außerhalb."

„Ich weiß deine Hilfe wirklich zu schätzen", sagte ich aufrichtig und schwor, den Fredericks Plätzchen zu backen, sobald George und Bea das Land verlassen hatten und aus dem Weg waren. „Ich werde bald mal vorbeischauen."

Er winkte und ging weg, wobei er nur knapp das Straßenschild verfehlte, auf das er mich nur ein paar Minuten zuvor hingewiesen hatte. Er wich schnell aus, blickte nochmals zu mir zurück und schenkte mir ein irgendwie verlegenes Lächeln. Ich schaute auf seine Notizen. Ganz unten hatte er in großen, unterstrichenen Buchstaben geschrieben: Das Haus ist gelb. Es ist nicht zu verfehlen.


Das Auto fing eine Meile oder so vor dem Haus der Butterblums an, die gleichen Geräusche zu machen wie auf dem Kreisverkehr, und ich umklammerte das Lenkrad, so fest ich konnte, in einem vergeblichen Versuch, es zur Kooperation zu bringen. Es hielt durch, aber nur knapp, und rollte keuchend und rauchend bis zum Halt vor ihrem Briefkasten.

George und Bea waren draußen und warteten auf mich. „Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht!" rief Bea, stürmte herbei und warf ihre Arme um mich, als ich aus dem Auto stieg. „Wo in aller Welt bist du gewesen?"

Ich wollte George nicht unbedingt erzählen, dass seine Karten etwas zu wünschen übrig ließen, also zuckte ich nur mit den Schultern und befreite mich aus ihrem Griff. Es fühlte sich gut, aus dem Auto heraus zu sein – obwohl ich schon anfing zu glauben, ich könne nie wieder hinein. „Ich habe das Stadtzentrum erkundet", sagte ich vage und schaute mich dabei um. Sie hatten das Haus vor sechs Monaten oder so gekauft, und ich hatte es noch nicht gesehen. Jetzt wusste ich, warum Officer Fredericks diesen Zusatz unten an seine Notiz geschrieben hatte.

Das Haus war in der Tat gelb – so gelb wie Georges Auto, Beas Haar und ihre beiden Hemden. Es verkündete lauthals, dass jemand, der Bananen – oder Butter – sehr mochte, zunächst das Haus angestrichen hatte und dann alles ringsherum. Gelbe Blumen säumten die Auffahrt, gelbe Büsche duckten sich unter die Fenster der Fassade und gelbe Vorhänge flatterten in der Brise. Sie hatten sogar einen passenden gelben Briefkasten.

„Das ist wirklich ..." unsicher, was ich sagen könnte (und dennoch sowohl wahrheitsgetreu und höflich bleiben) ließ ich den Satz unvollendet.

„Großartig?" Bea schaute liebevoll zu ihrem Haus, Stolz drang aus all ihren Poren. „In den vergangenen Monaten haben wir das meiste im Außenbereich neu gestalten lassen. Es ist nur schade, dass wir abreisen, bevor wir im Inneren wirklich beginnen konnten."

Ich nickte stumm und schwor mir, dass ich auch nicht das kleinste Stück Butter kaufen würde, während ich dort wohnte. Dann dachte ich an die geplanten Plätzchen, die ich für die Nachbarn machen wollte. Na ja, vielleicht könnte ich doch ein wenig kaufen. Aber ich würde sicher keine Butter essen.

Während unseres Gesprächs betrachtete George stirnrunzelnd das Auto. „Das musst du reparieren lassen", sagte er abwesend, klappte die Motorhaube hoch und sah hinein. Eine Schwade übelriechenden Rauchs stieg auf und umhüllte seinen Kopf. Er hustete und schwenkte seinen Hut in der Luft in dem vergeblichen Versuch, sie zu beseitigen. „Bis dahin solltest du besser meines benutzen. Ich hätte ein viel besseres Gefühl, wenn ich wüsste, dass du in einem sitzt, das ein wenig zuverlässiger ist als dieses." Er schlug die Haube wieder zu und wischte sich die Hände ab. „Ich werde Officer Fredericks dazu bringen mir zu helfen, es in die Garage zu schieben, und du legst deine Schlüssel weg, bis wir zurückkommen."

„Ich kann doch nicht dein Auto benutzen", protestierte ich. „Du liebst das Ding."

Er legte den Arm um meine Schultern und drückte mich. „Ich habe deiner Mutter versprochen, wir würden uns gut um dich kümmern", sagte er mir, „und das ist Teil des Pakets. Und bevor du anfängst, Andeutungen über die Versicherung zu machen, ich kümmere mich morgen Vormittag darum. Also tu es, um mich glücklich zu machen."

Ich lächelte ihn an und nickte. „Wenn du darauf bestehst."

„Hier ist mein Baby!" rief Bea. Sie breitete ihre Arme weit aus und strahlte. „Komm zu Mama, Mr. Poppikins!"

Ein rötlich brauner Bär raste auf sie zu, die Zähne gefletscht, Sabber floss von seinem Kiefer. Ich kreischte und wich mehrere Schritte zurück. Glücklicherweise ignorierte mich der Bär vollständig und kam direkt vor Bea zum Halt, indem er sehr energisch ihre Kniescheiben vollsabberte.

Das war Mr. Poppikins? Irgendwie hatte ich mir etwas ganz anderes vorgestellt. Und viel kleiner.

„Komm her, Katie, damit er dich richtig sehen kann. Mein armer Mr. Poppikins kann nicht sehr gut sehen, nicht wahr, Süßer?" schmachtete sie und bückte sich, so dass der Hund seine Aufmerksamkeit von ihren Knien auf ihre Nase verlagern konnte. „Er hat schon den ganzen Tag darauf gewartet, dich kennenzulernen."

Während ich näher ranging, sah ich ihn vorsichtig an. Jetzt, da er sich nicht in meine Richtung schleuderte, konnte ich feststellen, dass er in der Tat ein Hund war. Ein sehr großer Hund, aber definitiv kein Bär. Obwohl es irgendwo in seinem Stammbaum so eine Art Bär gegeben haben mochte ...

Mr. Poppikins warf einen Blick auf mich, schnupperte und ging zurück zu seiner Herrin. George hustete und nahm mir meinen Autoschlüssel aus der Hand. „Er macht das auch bei mir", murmelte er, als er den Kofferraum öffnete und anfing, meine Sachen durch das Garagentor zu tragen. „Ignoriert mich völlig. So als ob er wüsste, dass ich lieber einen Goldfisch hätte."

Ich kicherte, folgte ihm ins Haus und überließ Bea und ihr Baby ihrem Liebesfest. „Wenn du keinen Hund wolltest, warum hast du dann einen?" fragte ich. Das Innere des Hauses war zum Glück nicht gelb und ich stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

George grummelte. „Er hat uns gefunden, leider. Wir kamen vom Yogakurs nach Hause und dort war er und grub die Blumenbeete neben dem Briefkasten um. Bea verliebte sich in ihn, bevor ich ihn zum Tierschutzverein bringen konnte, und jetzt haben wir einen Hund. Und fürs Protokoll, er sieht einwandfrei. Warte nur ab, bis er ein Eichhörnchen erblickt." Er öffnete eine Tür und trat zurück, um mich hineinzulassen. „Tut mir leid, das Innere ist noch nicht renoviert", fuhr er entschuldigend fort, „aber Mr. Poppikins ist mit jeder Dose Farbe, die ich gekauft habe, davongelaufen und nach einer Weile habe ich es aufgegeben. Wenn sie wieder auftauchen, während wir weg sind, streiche ruhig alles an, was du willst."

Vielleicht hatten der Hundebär und ich mehr gemeinsam, als ich gedacht hatte. „Ich werde sehen, was ich tun kann."

Bea hastete herein, Mr. Poppikins war nirgends in Sicht. „Wie ich sehe, hat George dir dein Zimmer gezeigt", bemerkte sie und sah sich um. „Da ist noch eines, den Flur entlang, das Oliver gefallen könnte, oder eins im Untergeschoss, wenn ihm das lieber ist."

Wir verbrachten den Rest des Nachmittags damit, das Haus anzusehen, und ich machte lange Listen mit Notizen, von denen ich wusste, dass ich sie nie wieder ansehen würde. Wie schwer konnte es wohl sein, sich daran zu erinnern abzustauben, staubzusaugen und die Pflanzen zu gießen? Und wie würden sie es erfahren, wenn all die Figuren, die den Kaminsims säumten, nicht jeden Dienstag von Hand poliert wurden?

Bea machte das Abendessen, während ich auspackte, und ich begann, mich wieder ein wenig aufgeregt zu fühlen. Sicher, das Haus war etwas butterig, aber das gab ihm Charme, oder nicht? Und der Blick aus meinem Fenster war ganz reizend. Wenn Mr. P das einzige war, was zwischen mir und dem häuslichen Glück lag, war ich bereit.

George klopfte an meine Tür, als ich die Kommode schloss. „Essen ist fertig", sagte er und schaute sich um. „Es ist schön, jemanden zu haben, der hier wohnt. Ich denke, der Grund, dass Bea von diesem Hund so angetan ist, liegt teilweise darin, dass wir nie eigene Kinder hatten."

„Ihr habt mich, Oliver und Josie", protestierte ich.

Er lächelte und küsste mich auf die Wange. „Das weiß ich, Schatz. Aber es ist nicht ganz dasselbe." Er machte eine Pause, dann beugte er sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: „Was auch immer Bea sagt, ich finde es nicht gut, dass der Hund am Tisch isst. Er hat einen völlig ausreichenden Fressnapf, der unter der Küchenspüle versteckt ist. Vielleicht willst du ihn morgen herausholen. Und lass ihn draußen." Er zwinkerte mir feierlich zu, und wir gingen Arm in Arm zur Küche.

Mr. P war schon da, als wir den Kopf ins Esszimmer steckten. Er saß auf einem Stuhl, wie man es in Werbespots für ausgefallenes Hundefutter sehen kann, die Pfoten auf dem Tisch verschränkt. Er schien darauf zu warten, dass die Königin höchstpersönlich ihm gegenüber Platz nehmen würde. Ich warf George einen kurzen Blick zu, aber er sah nur mit leidgeprüfter Miene Mr. P an und raunte mir ins Ohr: „Unter der Spüle. Vergiss es nicht."

Die Unterhaltung beim Abendessen bestand darin, dass Bea mir detaillierte Anweisungen über die Versorgung von Mr. P gab, die ich prompt vergaß, sobald sie mir einen riesigen Dreiring-Ordner (*1) überreichte, der alle Informationen enthielt, die sie mir gerade gegeben hatte. Wofür war es gut, sich ihr Gesummse anzuhören, wenn ich alles einfach nachschlagen konnte, wenn sie weg war? Ich wusste, ich war kindisch; immerhin war die Fürsorge für ihren Hund eine meiner Hauptaufgaben – aber es war ein sehr langer Tag gewesen, und mein Gehirn fing an, langsam in den Nebel eines Chemieunterrichts abzusacken.

Bea und George umarmten mich, bevor ich zu Bett ging. „Wir sind so froh, dass du in letzter Minute kommen konntest", sagte Bea aufrichtig. „Ich hätte mir Sorgen gemacht über die Sachen hier im Haus, wenn es nur Oliver gewesen wäre. Er ist ein lieber Junge, aber ich glaube nicht, dass Männer den Details so viel Aufmerksamkeit schenken wie Frauen."

Ich versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken. „Du hast bestimmt recht."

Sie gab einen missbilligenden Laut von sich und umarmte mich ein letztes Mal. „Wir müssen morgen früh los, daher werden wir uns jetzt verabschieden. Wenn du irgendwelche Fragen hast, die Fredericks von weiter unten an der Straße haben ihre Nummer am Kühlschrank gelassen."

„Ich habe Officer Fredericks schon kennengelernt", sagte ich ohne nachzudenken.

Bea zog diese Augenbraue wieder hoch. „Wirklich? Wie bist du ihm denn begegnet?"

Ich zuckte mit den Schultern und versuchte, lässig auszusehen. „Ich hatte ein kleines Problem mit Georges Karte" – ich warf ihm einen entschuldigenden Blick zu – „und bin im Stadtzentrum auf ihn gestoßen. Er war sehr hilfsbereit."

„Nun gut, ruf ihn oder seine Frau an, wenn du etwas brauchst."

George schob mich sanft in Richtung Schlafzimmer. „Lass das arme Mädchen ins Bett gehen, Bea", sagte er freundlich. „Sie schläft fast im Stehen ein. Wir rufen in ein paar Tagen an." Er umarmte mich, bevor ich durch den Flur zu meinem neuen Schlafzimmer stolperte. Zehn Minuten später beobachtete ich, wie die Vorhänge in der leichten Brise flatterten, die durch das offene Fenster wehte. Das letzte Geräusch, das ich hörte, bevor ich wegdöste, war, wie Bea durch den Flur eilte und Mr. Poppikins Pfoten hinter ihr auf dem Holzfußboden klickten.


Das erste, was ich am nächsten Morgen fühlte, war etwas Kaltes und Nasses, das auf meiner Wange lag. Ich stöhnte und versuchte, es wegzuschieben, aber es war überraschend stark. „Geh weg, Oliver", murmelte ich. „Es ist zu früh für Scherze."

Das Geräusch eines kleinen Güterzugs rumpelte in meinem Ohr, und das nächste, was ich wusste, war, dass ich in ein Paar braune Augen starrte, die beunruhigend nahe an meinen eigenen waren. Ich zuckte zurück, bevor ich begriff, dass es nur Mr. P war.

„Das sollte besser nicht der Beginn eines Verhaltensmusters sein", sagte ich kläglich und fiel auf die Kissen zurück. „Es ist mir egal, wie früh Bea dich füttert; ich bin im Urlaub. Geh weg."

Daraufhin sah Mr. P mich traurig an, bevor er aus dem Zimmer trottete. War das alles, was es dazu brauchte? Geh weg? Mann, dieser Hundehüten-Kram war einfacher, als ich dachte. Ich war fast wieder eingeschlafen, als das Geräusch seiner Pfoten, die sich zielbewusst den Flur entlang bewegten, mich dazu veranlasste, meinen Kopf mit dem Kopfkissen zuzudecken. Es funktionierte aber nicht. Ein paar Sekunden später war Mr. P wieder da. Er legte ein Buch oben auf das Kopfkissen, steckte seine Nase wieder darunter und leckte mein Ohr.

Hunde waren stark überbewertet, entschied ich und setzte mich auf, um zu sehen, was er machte. Das Buch, das er mitgebracht hatte, stellte sich als der Ordner mit den Hunde-Anweisungen heraus, den Bea mir beim Abendessen am Abend zuvor gegeben hatte; ich klappte ihn auf und blätterte zum ersten Abschnitt: Frühstück für Champions! Nach der Festlegung, wie viel Futter man ihm geben sollte, stand da folgendes: Mr. Poppikins nimmt das Frühstück immer im Wintergarten ein und er liebt es, die DVD anzuschauen, die im Video-Player ist, während er frisst. Das verhilft ihm zu einem guten Start in den Tag.

Ich verdrehte die Augen. War das ein Hund oder ein Zweijähriger? „Komm mit, Mr. P", seufzte ich, als ich meine Füße in die Hausschuhe steckte. „Es gibt Frühstück für Champions."

Ich saß neben ihm, während er fraß (aus dem Hundenapf, den ich unter der Spüle gefunden hatte, wie George es mir gesagt hatte, obwohl ich erst mal den Staub abspülen musste, bevor er verwendet werden konnte) und sah mit ihm seinen Film an, während ich geräuschvoll an meinen Cheerios (*2) knabberte. Ich schniefte, als Sylvester und Tweety (*3) auf dem Bildschirm aufleuchteten; es vermittelte den Eindruck, er würde einen Zeichentrickfilm mögen, bei dem ein Kanarienvogel immer eine Katze besiegte. Ich warf einen Blick auf meine Hausschuhe und nahm mir vor, beim nächsten Mal, wenn ich ein neues Paar brauchte, welche zu besorgen, die Garfields (*4) Kopf drauf hatten.

Nachdem ich geduscht hatte, wanderte ich durch das Haus und versuchte, ein Gefühl für mein neues Zuhause zu bekommen. George und Bea mussten ihre ganze Zeit draußen verbracht haben, denn obwohl der Innenbereich komfortabel war, war der hintere Garten ein Meisterwerk des Freiluft-Lebens. Whirlpool, Feuerstelle, Hollywoodschaukel ... das einzige, was fehlte, war ein Schwimmbecken, obwohl es viel Mühe kosten konnte, sich um so eins zu kümmern. Ich saß auf der Schaukel, Mr. P sank zu meinen Füßen nieder und seufzte glücklich. „Dir gefällt es hier, nicht wahr?" fragte ich, beugte mich vor und rieb ihm die Ohren.

Ich hatte Stolz und Vorurteil mit nach draußen genommen, aber aus irgendeinem Grund konnte ich meine Gedanken an diesem Morgen nicht auf die Worte vor mir konzentrieren – auch nicht, als ich mich Darcys erstem verfehlten Heiratsantrag zuwandte, den ich auswendig gelernt hatte. Ich lehnte meinen Kopf an die Seite der Schaukel, legte meine Füße auf Mr. Ps Rücken und ließ mich vom langsamen Schwingen der Schaukel in eine Art Halbschlaf wiegen.

Das Nickerchen endete, als etwas mit einem dumpfen Schlag in meinen Schoß fiel. Mr. P beobachtete mich, wie ich meine Finger entlang der Kante des Ordners bewegte und mich fragte, wie er ihn ohne jegliche Biss-Spur aus dem Haus bekommen hatte. Er öffnete sich beim Abschnitt Hundeausführen und ich sah Mr. P misstrauisch an.

„Wie hast du das gemacht?" fragte ich. Er schlug nur mit dem Schwanz auf den Boden und beobachtete eine Biene in den Blumen, die die Veranda einfassten. „Also gut, gehen wir. Es heißt, du gehst gerne auf dem Monon Trail spazieren, und Bea hat hier eine Karte hineingelegt. Hoffen wir nur, dass sie bei Wegbeschreibungen besser ist als ihr Mann."

Nachdem ich Mr. P, seine Leine und mein Buch auf den Rücksitz von Georges Auto geschafft hatte, fuhren wir die Straße entlang und ich sah interessiert die Häuser an, die sie säumten. Das letzte Haus auf der linken Seite, bevor ich abbiegen musste, war ein kleineres weißes Haus, und draußen stand eine Frau, die mit äußerst gelangweiltem Blick die Petunien goss. Mit ihrem winzigen Shirt – oben zu tief und unten zu hoch, um ernsthaft als Bluse zu gelten – schien sie genau die Art weibliches Wesen zu sein, die Oliver zum Hyperventilieren bringen würde. Er stand auf Brünette, und diese hier schnippte andauernd ihr Haar über die Schulter, mit einer geübten Finesse, die besagte, dass sie seit Jahren Jungs angemacht hatte. Ich grinste. Das würde keine leichte Aufgabe für Oliver sein, wenn sein Studium ernsthaft anfing.


Beas Karte war viel besser als die von George, eine Tatsache, auf die ich ihn würde hinweisen müssen, wenn sie anriefen, und bald spazierten wir den Weg entlang – eine alte Eisenbahnlinie, die in einen Fußweg umgewandelt worden war, der mitten durch das Herz von Indianapolis verlief und nach Norden gerichtet war. Es war ein schöner Tag, und Mr. P und ich fanden schnell einen gemeinsamen Rhythmus. Nun ja, er zog so hart wie er konnte an seiner Leine und ich versuchte, nicht hinter ihm zu trotten. Wer war hier der Mensch? Schätzungsweise hing es davon ab, an welchem Ende der Leine du zufällig gerade gingst.

Wir waren etwa eine Meile getrottet, als Mr. P etwas vor uns über den Weg huschen sah. Ich kann nur vermuten, dass es ein Eichhörnchen war. Wenn ich zuvor gedacht hatte, Mr. P würde mich vorwärts ziehen, so war es nichts im Vergleich zu dem, was er jetzt tat. Ich klammerte mich fest, als ob mein Leben davon abhinge, und begann zu beten, dass er nicht versuchen würde, auf einen Baum zu klettern – und das Eichhörnchen dann einen sehr schmerzhaften, langwierigen Tod fand.

Leider habe ich dem göttlichen Wesen, welches auch immer auf mich hörte, nicht detailliert genug dargelegt, was ich wollte, nämlich dass Mr. P überhaupt aufhören sollte zu rennen, denn das Eichhörnchen flitzte von der Gegenrichtung erneut über den Weg, und Mr. P rastete nun ganz aus. Er bellte wild und rannte hinterher, und in dem Bruchteil einer Sekunde, die ich benötigte um sicherzustellen, dass ich mein Exemplar von Stolz und Vorurteil immer noch sicher unter meinen Arm hatte, war er mehrmals um mich herum gerannt. Ich stand einen Moment lang da, völlig verwirrt davon, wie sich die Leine, die ich immer noch festhielt, um meine Beine, meine Bauchgegend und sogar rund um meine Arme gewickelt hatte, bevor ich langsam darüber taumelte und atemlos auf meinem Hinterteil landete. Das Buch, um das ich so besorgt gewesen war, fiel etwa einen Meter entfernt nutzlos auf den Asphalt, und da meine Arme nun an meinen Seiten festgebunden waren, beschloss ich, mich nicht darum zu kümmern. Mr. P stand keuchend da, gab schließlich den Kampf auf, brach auf dem Boden neben mir zusammen, legte seinen Kopf auf meine ausgestreckten Fußgelenke und sah für die ganze Welt so aus, als hätte er noch nie im Leben ein Eichhörnchen gesehen – und als mache er sich nichts daraus, wenn er je eins zu sehen bekäme.

Ich wollte nach ihm treten, wirklich, aber ich konnte es einfach nicht. Zum einen soll man ja Tiere nicht treten (obwohl ich langsam dachte, er sei eigentlich gar kein Hund, sondern ein getarnter Dämon und als solcher galt die Regel für ihn nicht), und zum anderen konnte ich meine Beine nicht bewegen. Wie oft hatte er mich überhaupt umkreist?

Wir saßen eine Minute lang da, Mr. P und ich, und nach einer weiteren beugte ich mich vor und lehnte meinen Kopf an seinen Rücken. Hey, wenn er mich als Kopfkissen benutzen konnte, konnte ich das gleiche mit ihm tun.

Ich dachte schon, dass ich vielleicht den Rest meiner Tage verschnürt auf dem Monon Trail verbringen würde, als ich aufblickte und eine wirkliche, echte Vision auf mich zu joggen sah. Direkt zwischen Mr. Ps rötlichen Ohren erschien ein Mann, den ich so oft in meinen Träumen gesehen hatte – meistens nachdem ich die nächstbeste Version von Stolz und Vorurteil, die mir in die Hände kam, angeschaut hatte – so dass ich ihn sofort erkannte. Er war sogar noch größer als Oliver und hatte braune lockige Haare, und durch das Laufen klebte sein T-Shirt an all den richtigen Körperstellen.

„Heiliger Strohsack, Mr. Darcy", hauchte ich.

Ich dachte daran, ohnmächtig zu werden, wie sie es zu tun pflegten, bevor die Leute herausfanden, dass Büstenhalter nicht unbedingt das Lebenslicht aus dir herauspressen mussten, aber da ich schon am Boden war, erschien es irgendwie sinnlos – und überhaupt, der Mann schaute nur ernst auf das iPod in seiner Hand, als ob er daraus nicht schlau würde, statt auf mich, was viel sinnvoller gewesen wäre. Für mich zumindest.

Er war so beschäftigt, in seinen Playlists zu blättern, dass er mich nicht sah, bis es fast zu spät war. Als er endlich registrierte, dass er dabei war, über einen verschnürten Körper am Boden zu laufen, kam er rutschend zum Stehen und starrte auf mich herunter. Dann näherte er sich ganz vorsichtig, wobei er ein wachsames Auge auf Mr. P hatte, und flüsterte eindringlich: „Bist du in Ordnung? Soll ich einen Notruf absetzen?"

Ich war ziemlich sicher, dass Elizabeth Bennet an dieser Stelle etwas Witziges und Prickelndes gesagt hätte, aber ich fühlte mich ausgesprochen Lydia-artig und konnte ihn nur anstarren; mein offener Mund vermittelte einen ziemlich guten Eindruck von einem Goldfisch, da war ich mir sicher. Der Mann bewegte sich zentimeterweise bis zu der Seite, wo er Mr. P am nächsten kam und sagte: „Die einzige Waffe, die ich habe, ist mein iPod. Den Kopf nicht bewegen; ich werde versuchen, ihn k.o. zu schlagen, dann kannst du wegrennen."

An diesem Punkt riss ich mich aus meiner Darcy-bedingten Trance und versuchte mich aufzurichten. „Ich könnte nicht rennen, selbst wenn ich es wollte", stellte ich klar, schaffte es aber nur, mich zur Seite zu winden, so dass mein Kopf auf Mr. Ps Rücken weiter herunter rutschte. „Er ist jedenfalls relativ harmlos. Wir hatten eine unglückliche Begegnung mit einem Eichhörnchen, und, nun gut, du kannst das Ergebnis ja selbst sehen."

Er stand einen Moment da, als sei er nicht sicher, was er mit dieser Information anfangen sollte, warf dann den Kopf zurück und hielt sich den Bauch vor Lachen. Ich muss dabei eher beleidigt ausgesehen haben, weil er sich die Augen am Ärmel abwischte und sich neben mich kauerte.

„Ich gehe davon aus, dass dir nichts passiert ist", sagte er im Plauderton. „Du siehst zu wütend aus, um ernsthaft verletzt zu sein. Ich bin übrigens Sam."

„Katie". Ich sagte das so beleidigt, wie ich konnte. Wirklich, wenn er nicht daranging mir zu helfen, sollte er aus dem Weg gehen, damit es jemand anderes könnte.

Er steckte sein iPod in die Tasche, und als er mich wieder ansah, war sein Gesicht ernst. „Ich würde nie eine Frau in Not auslachen", sagte er in entschuldigendem Ton. „Aber ich konnte mir vorstellen, was passiert ist, und ich kam einfach nicht dagegen an. Normalerweise bin ich sehr galant und charmant." Er hielt einen Moment inne und fuhr dann fort: „Aber ich muss fragen. Bestraft dich dein Hund für schlechtes Benehmen? Denn wenn das der Fall ist, solltest du dir vielleicht ein weniger anspruchsvolles Haustier suchen."

Ich warf einen vernichtenden Blick auf Mr. P. „Er ist eigentlich nicht mein Hund."

Sam hob seine Augenbrauen und stand auf. Er ging um mich und Mr. P herum und versuchte zu entscheiden, wie er mich am besten losbekam. Hoffte ich. „Dann muss ich annehmen, dass du ihn entführt hast, und er dich jetzt als Geisel hält in einer seltsamen Art von O. Henry Parodie."

Ich musste lachen. Das war irgendwie lustig. Es weckte in mir keine nachsichtigeren Gefühle gegenüber Mr. P, aber zumindest war das Eichhörnchen davongekommen. Ich fand einen ziemlich perversen Gefallen an dieser Gewissheit. „Genau genommen bin ich die Hundehüterin", sagte ich ihm, als er endlich aufhörte, im Kreis herumzulaufen. „Ich glaube allmählich, ich hätte in Vincennes bleiben sollen. Es war viel ruhiger dort."

„Vincennes, eh? Du bist den ganzen Weg nach Indianapolis gekommen, um auf einen Hund aufzupassen, der dich eindeutig als Mittagsimbiss auffressen könnte? Das muss ein Freund sein. Ich hoffe, er weiß dich zu schätzen."

„Irgendwie denke ich, wenn sie mich jetzt sehen könnten, würden sie mit dem ersten Flug, den sie kriegen können, nach Hause kommen." Hatte ich an diesem Morgen daran gedacht, mich zu rasieren? Nach der Art, wie er auf meine Beine starrte, war ich mir sicher, dass ich es nicht getan hatte. Ich rutschte unbehaglich herum. „Ich hasse es, unhöflich zu klingen, aber ich darf wohl nicht annehmen, dass du mir aufhelfen könntest? Dann wäre es vielleicht leichter, mich einfach ein paar Mal zu drehen, aber ich glaube nicht, dass ich es schaffe, ohne Hilfe aufzustehen."

„Richtig. Tut mir leid." Er trat schnell hinter mich, legte seine Hände um meine Taille und stellte mich mühelos auf die Füße. Ich schwankte ein wenig, und er hielt mich einen Moment länger, bis ich einen sicheren Stand hatte.

„Mr. Poppikins." Ich verstand nun, warum Elizabeth auf dem Netherfield Ball so unhöflich zu Mr. Darcy war – sie hatte nicht gewusst, was sie mit sich selbst anfangen sollte, während sie tanzten, und so sagte sie einfach das erste, was ihr in den Sinn kam.

Sam sah zu Recht verwirrt drein. „Wie bitte?"

Ich wusste, ich hatte bescheuert geklungen, fuhr aber tapfer fort, als sei es wirklich sehr clever, zufällig mit lächerlichen Namen herauszuplatzen: „So heißt der Hund." Sam begann, mich an den Schultern herumzudrehen. Möglicherweise tat er es, um mich davon abzuhalten, sein Gesicht zu sehen, aber das war mir egal. „Er schaut jeden Morgen Looney Tunes (*5) zum Frühstück, während er frisst. Ich glaube, meine Tante Bea ist verrückt, dass sie einen Hund das tun lässt."

„Dann ist es also der Hund deiner Tante."

„Nun ja, ihrer und der von Onkel George. Obwohl ich glaube, George würde es vorziehen, einen Hamster zu haben." Ich hörte auf, mich zu drehen, gerade rechtzeitig, um Sam ein wenig lächeln zu sehen. Hatte ich das bereits gesagt? Ich fühlte mich ein wenig schwindlig. Wahrscheinlich von dem ganzen Herumdrehen. „Warum? Was dachtest du, wessen Hund er ist?"

Das Lächeln wurde breiter. „Ich weiß nicht", sagte er. „Du hast es mir nicht gesagt. Gehst du zurück zum Auto? Wenn ja, denke ich, dass ich dich besser bis dahin begleiten sollte. Aus Gründen der Sicherheit natürlich", fügte er hinzu, als ich ihn fragend ansah.

Er ging neben mir und passte sich meinen Schritten an, Mr. Ps Leine fest in der Hand. „Also erzähl mal, was machst du so, außer Hundehüten? Bleibst du für eine Weile in Indianapolis oder kehrst du bald wieder nach Hause zurück?"

„Nein, ich bleibe hier für ein Jahr oder so. Die Freunde meiner Eltern – das sind George und Bea – sind heute Morgen nach Japan abgereist, und Oliver und ich kümmern uns um das Haus, während sie weg sind. Oliver ist mein Bruder", sagte ich ihm, als sein Gesicht einige der Lachfalten um seine Augen verlor. „Er geht im Herbst ans Butler, und ich werde einen Job suchen, sobald ich nach Hause komme und Mr. P für die nächsten zwölf Monate in den Keller sperre."

„Was für ein Zufall." Sam drehte seinen Kopf, um auf mich herunter zu blicken. „Mein Vater hat ein Catering-Unternehmen in der Innenstadt, und er kann vielleicht jemanden brauchen. Glaubst du, du würdest –"

Plötzlich merkte ich, dass mein Buch, das mir aus der Hand geflogen war, als Mr. P seine gymnastischen Übungen verrichtet hatte, nicht mehr in Sichtweite war. „Oh nein", rief ich leicht panisch. „Mein Buch! Hast du es da hinten gesehen?"

Ich wartete nicht auf eine Antwort und rannte zurück, in der Hoffnung, es sei nicht in eine Pfütze gefallen. Ich wusste, dass ich ein weiteres Exemplar kaufen könnte, doch dieses war mir im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen und ich wollte es nicht verlieren. Es dauerte nicht lange, bis ich wieder zurück, sozusagen am Ort des Verbrechens war, und da lag Stolz und Vorurteil mit der Vorderseite nach unten neben dem Trail im Dreck. Ich hatte mich gerade gebückt, um es aufzuheben, als Sam und Mr. P mich erreichten.

Das muss ein Buch sein", war Sams Kommentar, als er beobachtete, wie ich den Umschlag abwischte. „Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, du könntest lesen, während du Mr. Poppikins" – er hielt inne, um zu schnauben – „spazieren führst, oder?"

„Nein!" Ich zögerte. „Nun, ja. Dies ist mein erstes Mal auf dem Trail, und ich dachte irgendwie, Mr. P würde sich weniger von der einheimischen Tierwelt angezogen fühlen. Und ich dachte, ich könnte irgendwo eine nette Parkbank finden."

Sam lachte und schlang die Leine fester um sein Handgelenk. „Nun, Mr. P, ich sehe, du bist so fasziniert von den Einheimischen, wie ich es bin." Er warf mir einen Seitenblick zu. „Also, was ist so wichtig an diesem Buch, dass du so panisch reagiert hast? Es ist doch nur ein Buch."

Ich versuchte mich zu erinnern, dass nicht jeder die gleiche Liebe zu Jane Austen aufbrachte wie ich, aber es war schwer, wenn die Person, die solche Dummheiten äußerte, erst vor ein paar Minuten so sehr dem Helden des besagten Romans geähnelt hatte. „Es ist nicht nur ein Buch", sagte ich empört zu ihm, als ich anfing weiterzugehen. „Stolz und Vorurteil ist eines der meistgeliebten Bücher in englischer Sprache. Jane Austen hat großen Einfluss auf die Art gehabt, wie wir heute schreiben – und lesen. Nur weil es keine Schießereien oder Verfolgungsjagden mit Autos enthält, bedeutet das nicht, dass es langweilig ist. Nur ein Buch, nein wirklich."

„Brr, nun mal langsam, Katie." Sam hielt lachend seine Hände hoch, so dass Mr. Ps Kopf ruckartig ein wenig zurückgezogen wurde. „Ich habe dein Buch nicht niedergemacht. Ich wusste gar nicht, was es war."

Ich konnte die Hitze auf meinen Wangen fühlen. „Entschuldigung", murmelte ich in dem Wissen, dass ich überreagiert hatte – wieder einmal. „Ich hätte mich nicht derart aufregen sollen."

Immer noch lachend nahm mir Sam das Buch aus der Hand und blätterte darin. „Ich würde sagen, ich habe einen Nerv getroffen. So gut ist es also, hm? Vielleicht muss ich es mal lesen."

Ich blickte ihn überrascht an. „Das solltest du. Nicht einmal mein eigener Bruder hat es gelesen, und er hat mich bei mehr als einer Gelegenheit seine Vorzüge preisen hören. Natürlich kann das der Grund sein, warum er es nicht gelesen hat."

Er gab es mir zurück und wir gingen für eine Weile in kameradschaftlicher Stille. Als wir neben meinem Auto anhielten, übergab er mir die Leine und half mir, Mr. P auf den Rücksitz zu stopfen. „Ich habe etwas weiter vorn an der Straße geparkt", sagte er und gestikulierte unbestimmt in Richtung der Straße. „Bist du wirklich auf der Suche nach einem Job?"

„Ja, das bin ich."

Er kramte einen Moment in seiner Tasche, bevor er eine Karte herauszog, die bessere Tage gesehen hatte. „Wie ich schon sagte, mein Vater besitzt ein Catering-Unternehmen. Wenn du meist, dass du Interesse hast, komm im Laufe der Woche – sagen wir, Freitagnachmittag – mal vorbei und ich werde sehen, ob ich dir ein Vorstellungsgespräch verschaffen kann. Du könntest genau das sein, was er braucht."

Peters Perfect Catering. „Dein Vater heißt Peter?"

„Allerdings. Peter Selman."

Ich steckte die Karte in die Tasche und nahm Sams die Leine aus der Hand. „Danke für die Hilfe vorhin", sagte ich zu ihm. „Ich wäre vielleicht stundenlang dort gelegen, wenn du nicht angehalten hättest."

„Oh, dann wäre jemand anderes gekommen und hätte dich losgebunden." Er hatte einen seltsamen Ausdruck auf seinem Gesicht. „Es war aber ein guter Vorwand, dich kennenzulernen. Ich kann wohl nicht erwarten, dass du mir deine Telefonnummer gibst? Du weißt schon, für den Fall, dass Mr. P hier sich entschließt, ein weiteres Eichhörnchen zu jagen."

Bestimmt wollte er meine Nummer aus Gründen, die nichts mit Mr. P zu tun hatten. Ich öffnete die Vordertür (es war ein Gradmesser für seinen Charakter, dass er das gelbe Innere nicht kommentierte) und schnappte mir ein Stück Papier, das Bea im Becherhalter zurückgelassen hatte. Ich kritzelte meine Angaben darauf und gab es ihm.

„Du bist nicht die Katie Embury, oder? Du bist viel zu nett, um die berüchtigte Tochter des Senators zu sein."

„Nein, ich bin nur Katie Embury, die Tochter von Ted und Sally. Bist du enttäuscht?"

Er sah mich seltsam an. „Nie im Leben. Danke für den Spaziergang. Werde ich dich morgen wieder auf dem Trail sehen?"

Ich starrte demonstrativ auf Mr. P und zuckte mit der Schulter. „Das hängt davon ab, wie gut Mr. Poppikins sich heute Abend benimmt. Aber ich werde nach dir Ausschau halten, wenn ich es tue."

Er lächelte und machte die Tür für mich zu. „Dann hoffe ich dich morgen zu sehen. Vorzugsweise stehend und ohne den verstörten Ausdruck auf deinem Gesicht." Dann winkte er und joggte die Straße hinunter.

Ich sah zu, bis er aus meinem Blickfeld verschwand. Jetzt hatte ich Aussicht auf einen Job und einen gut aussehenden, charmanten Bekannten – der nach meiner Nummer gefragt hatte. Was konnte sich ein Mädchen mehr wünschen?

Ich warf einen Blick auf den Rücksitz, nur um zu sehen, dass Mr. P meine Handtasche über und über voll sabberte. Na ja, ein bisschen weniger Liebe (*6) wäre vielleicht ganz schön.


(*1): Ordner für Papier mit Dreifach-Lochung, üblicherweise im Letter Format (amerikanisch)

(*2): Cheerios sind Haferring-Frühstücksflocken der amerikanischen Firma General Mills, die hauptsächlich als Müsli gegessen werden.

(*3): Sylvester und Tweety sind zwei Trickfilmhelden: Der Kater Sylvester macht stets vergeblich Jagd auf den kleinen Vogel Tweety.

(*4): Garfield ist ein fetter, fauler, oft sarkastischer Kater aus den gleichnamigen Comic-Strips. Siehe Wikipedia Artikel Garfield (Comic).

(*5): Looney Tunes ('verrückte Melodien') ist eine Serie von jeweils ca. 7-minütigen Trickfilmen von Warner Bros aus den Jahren 1930 bis 1969.

(*6) Please – a little less love, and a little more common decency (Bitte ein bisschen weniger Liebe und ein wenig mehr Anstand) ist ein Spruch des in Indianapolis geborenen Schriftstellers Kurt Vonnegut.