Kapitel I
Die Stadt schlief nie. In den letzten zwei, drei Stunden vor Tagesanbruch döste sie ein bisschen, wie ein Fuchs, der mit offenen Augen schlummert. Doch selbst zu jener Zeit war das große Tier Ankh-Morpork stets zum Sprung bereit. Lebendige Signale strömten die nervenbahnartigen Straßen entlang, überquerten synaptische Kreuzungen und versetzten die Muskeln der Stadt in Bewegung. Die letzten Leute der Nacht – und Leute ist hier metaphysisch zu verstehen – waren gerade noch unterwegs und die ersten Leute des Tages waren schon unterwegs. Unsere Geschichte beginnt in dieser besonderen Zeit, die nicht mehr Nacht und noch nicht Tag ist. Ein Laut durchstach den allgemein säuselnden Geräuschteppich aus Katzen, Grillen und streitenden Ehepaaren. Lederne Sandalen klatschten auf Kopfsteinpflaster. Der junge Mann hastete die Straße entlang und warf immer wieder gehetzte Blicke über die Schulter. War da ein Schatten, dunkler als es Schatten üblicherweise sein sollten? Er wusste es nicht mit Sicherheit und beschleunigte seine Schritte. Die Häuser und Schuppen flogen an ihm vorbei, schwarze Fensteraugen schauten dem Flüchtenden verdutzt nach. Halvar hatte das Gefühl, die leeren Blicke der Häuser würden sich von hinten in ihn hinein bohren. Immer wieder blickte er zurück und hielt nach Verfolgern Ausschau. Da er aber nur in eine Richtung sehen konnte, wurde sein Lauf wenig später jäh gestoppt. Er prallte ungebremst gegen einen ausgewachsenen Troll.
"Du besser gucken, wo Du rennen hin.", schnarrte der steinerne Koloss.
Halvar befühlte sein Gesicht und ertastete eine klebrige Flüssigkeit. Er schauderte und schaute nach oben. Dann schaute er noch ein Stück höher, bis sein Blick schließlich den des Trolls einfing. Braungrüne Flechten überwucherten die Schultern und die Brust des Trolls. Zwei scheinbar gläserne Augen schimmerten im Licht der Fackeln, die in unregelmäßigen Abständen in Halterungen an den Häuserwänden steckten. Sie erhellten die Finsternis nicht etwa, sondern fügten ihr nur Schatten hinzu. Die obligatorische Keule ruhte in seiner rechten Hand knapp über dem Boden. Noch…
"T-t-tut mir leid, Herr Troll."
Das – zugegebenermaßen simple – Weltbild des Trolls namens Quarzolith geriet in dieser Nacht ins Wanken. Noch nie hatte sich jemand bei ihm entschuldigt. Das mochte unter Umständen daran liegen, dass Menschen, die eine fünfundvierzig Kilogramm schwere Keule über die Rübe bekommen haben, nicht geneigt sind, sich förmlich zu entschuldigen. Doch derlei Überlegungen waren zu abstrakt für Quarzolith. Halvar indes nutzte die offensichtliche Verwirrung des steinernen Riesen und verschwand in die nächstbeste Seitengasse. Er schlich an der Häuserfront entlang, bog am Ende angekommen nach links ab und lehnte sich keuchend an die Häuserwand. Der junge Mann schloss die Augen und lauschte in die Nacht, doch abgesehen von seinem rasselnden Atem und einem Herzschlag, der einem Elefanten beim Marathon zur Ehre gereicht hätte, blieb alles still. Dann erklang ein kratzendes Geräusch und ließ ihn aufschrecken. Doch es handelte sich nur um seinen Mantel, der über die raue Fassade strich, während ihm die Knie weich wurden und er zu Boden sank. Erleichtert atmete Halvar aus. Ihm war wohl doch niemand gefolgt; zumindest blieben die verräterischen Geräusche aus, die eine sich schlagartig verkürzende Lebenserwartung verhießen. Kein Surren einer abgefeuerten Armbrust, kein Kratzen eines Schwerts oder Dolchs, wenn die Waffe gezogen wird. Langsam beruhigte sich sein flatternder Herzschlag und die Hand glitt wie von selbst unter seinen Mantel. Ein schwarzer Umhang mit dunkelrotem Satinfutter, der einst recht edel gewirkt haben musste; vor ungefähr 70 Jahren, eine Dekade mehr oder weniger. Zum Vorschein kam ein… Ding. Halvar legte es behutsam auf seine Handfläche, hob es auf Augenhöhe und betrachtete den Gegenstand. Er wirkte filigran, zerbrechlich und irgendwie… magisch. Eine Kugel aus Glas, die ein mattes, bläuliches Licht ausstrahlte. In der Kugel befand sich ein Gewirr aus Drähtchen und Schlaufen. Diese schienen, das Leuchten auszusenden. Der junge Mann war fasziniert von dieser Perfektion. Der gläserne Behälter schien, ein eigenes kleines Universum zu beinhalten. Es war so fremdartig, dass ihm etwas Unheilvolles anhaftete.
'Verdammt, warum habe ich nicht die Finger von diesem Was-auch-immer gelassen?! Das gibt Ärger, ja, ganz bestimmt.'
Doch er konnte einfach nicht aus seiner Haut. Das Stehlen war sein Leben. Der Reiz des Verbotenen, das Prickeln im Nacken, wenn man einer Gefahr knapp entkam, für ihn stellte das etwas wie eine Ersatzdroge dar. Ersatz für etwas, an das er nicht zu denken wagte. Halvar seufzte, holte ein Taschentuch hervor und wickelte die Glaskugel darin ein. Aus irgendeinem Grund brachte er es nicht fertig, das Gebilde einfach in den nächsten Rinnstein zu werfen. Etwas hinderte ihn daran, es mit bloßen Händen zu zerquetschen, obwohl es dazu sicher keiner großen Kraftanstrengung bedürft hätte. Und zurückgeben konnte er diesen seltsam anmutenden Gegenstand nicht mehr. Sein Besitzer hatte bereits das Zeitliche gesegnet. Wenn auch unfreiwillig…
Das Schicksal gewinnt immer. Die Geschichte findet immer einen Weg, zu geschehen. Auch wenn einige Ewig-Gestrige versuchen, sie aufzuhalten, wird dieser Versuch ungefähr so erfolgreich sein wie die Bemühungen einer Ameise, einen Elefanten zu erwürgen. Doch selbst wenn der Elefant nichts zu befürchten hat, kann die Ameise der einen oder anderen Milbe auf der Elefantenhaut durchaus den Garaus machen. Und wer will schon gern eine Milbe sein…
"Guten Morgen, [Hier Namen einfügen], hier spricht Dein Disorganizer Modell Fünf."
Samuel Mumm öffnete ein Auge und hätte es am liebsten gleich wieder geschlossen. Das Licht des neuen Tages war so furchtbar grell und machte es einem wirklich nicht leicht, die verführerischen Fetzen aus Schlaf abzuschütteln. Er lag in einem weichen, warmen Bett zwischen zerwühlten Kissen und fühlte sich… zerwühlt. Mumm hatte die halbe Nacht an Sybils Seite bei einem enorm langweiligen Dinner verbracht, was ihn immer noch mehr anstrengte als die härteste Verfolgungsjagd durch die Straßen von Ankh-Morpork. Und – was vielleicht noch schwerer wog – er war gestern allzu sehr dem Alkohol zugetan gewesen; eine Verhaltensweise, die er seit der Heirat mit Sybil nicht mehr an den Tag gelegt hatte. Mumms Gefühlswelt balancierte auf einem schmalen Grat zwischen Ärger und Scham.
"Wasch willscht Du?", brummte er.
"Es ist 6:30 Uhr, [Hier Namen einfügen]. Dein Dienst beginnt in 15 Minuten. ", erwiderte der Kobold fröhlich.
Der Kommandeur verabscheute diese übertriebene Fröhlichkeit, besonders am frühen Morgen. Doch es half nichts, er musste wohl oder übel aufstehen. Mumm quälte sich aus dem viel zu bequemen Bett und verschwand im Badezimmer. Als er zwanzig Minuten später zurückkehrte und wieder einigermaßen passabel aussah, erwartete Willikins ihn bereits.
"Guten Morgen, Herr. Wie geht es Dir heute?"
Mumm musterte seinen Butler argwöhnisch. Er hatte ihn nicht gerufen, und Willikins stand sonst nie ungefragt in seinem Schlafzimmer.
"Ich lebe noch, das genügt. Ist irgendwas, Willikins?"
Er redete nie lange um den heißen Brei herum. Der Butler räusperte sich und Mumm hatte das Gefühl, als wäre er jetzt gerne woanders; vorzugsweise am anderen Ende der Scheibenwelt.
"Nun, Herr, Lady Sybil lässt Dir etwas ausrichten. Äh…"
Er brach ab und zögerte. Das entsprach eigentlich überhaupt nicht seiner Art, wie der Kommandeur durchaus bemerkte.
"Nun sag schon, ich muss zum Dienst.", drängte er.
"Lady Sybil meint, Du – Verzeihung, Herr – hast gestern zu tief ins Glas geschaut. Sie lässt Dir ausrichten, dass sie das nicht noch einmal erleben möchte. Der kleine Sam brauche einen vorbildlichen Vater."
Mumm öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Und schloss ihn wieder. Das war ein… verdammtes Ultimatum! Doch es wäre nicht fair, seine Wut und Verletztheit an Willikins auszulassen, der wohl ohnehin am liebsten im Boden versunken wäre. Stattdessen fragte er mit mühsamer Selbstbeherrschung:
"Wo ist meine Frau?"
"Im Stall, bei den Drachen."
"Danke… Das wär's, Willikins."
Der Butler verneigte sich, wirkte dabei viel zu erleichtert und verließ das Schlafzimmer. Mumm folgte ihm die Treppe hinunter und trat nach draußen. Kühle Morgenluft wehte ihm entgegen, hüllte ihn ein und betäubte seinen Zorn. Ein Zorn, der nur vordergründig seiner Frau galt. Kurz spielte er mit dem Gedanken, das Haus zu umrunden und Sybil aufzusuchen, doch er entschied sich schließlich dagegen. Sein Innerstes war noch zu aufgewühlt, er hätte Sybil wohl nur angeschrien.
Karotte betrat das Wachhaus am Pseudopolisplatz und ging ohne zu zögern nach oben zum Büro von Kommandeur Mumm. Er klopfte an und wartete. Er klopfte noch mal. Nach einem dritten erfolglosen Klopfen öffnete er die Tür und trat ein. Das Büro war leer, zumindest befand sich kein Samuel Mumm darin. Karotte legte die Stirn kraus und fragte sich, wo der Kommandeur blieb. Er wusste, dass gestern ein Bankett stattgefunden hatte, bei dem der Kommandeur und Lady Sybil anwesend gewesen waren. Aber selbst wenn es bei solchen Gelegenheiten mal später wurde, kam Herr Mumm am nächsten Tag nie unpünktlich. Der Zwerg ging zum Schreibtisch hinüber, der unter der Last von Akten und Dokumenten zusammenzubrechen drohte, und suchte nach einer Notiz, die Mumms Abwesenheit erklären konnte. Er fand nichts. Kopfschüttelnd machte Karotte kehrt und ging wieder nach unten in den Hauptraum der Wache. Dort herrschte reges Treiben. Die Frühschicht war gerade angekommen und die Nachtschicht noch nicht gegangen. Informationen wurden ausgetauscht; nicht allzu viele, die Nacht war recht ruhig gewesen.
'Das ändert sich gleich. ', fuhr es Karotte düster durch den Sinn.
Die ersten Wächter waren schon wieder auf dem Sprung nach draußen, um in Zweierteams durch die Straßen von Ankh-Morpork zu patrouillieren. Als sie Karottes Gesichtsausdruck bemerkten, hielten sie abrupt inne. Dennoch war das Stimmengewirr so laut, dass der Hauptmann fast schreien musste, um Gehör zu finden:
"Wir haben eine Leiche."
Die anderen starrten Karotte an, als sähen sie ihn zum ersten Mal. Die lärmenden Stimmen erstarben. Stille breitete sich wellenförmig aus, klatschte lautlos gegen die Wände und wurde schließlich als eine Art Anti-Echo zurückgeworfen. Angua fand als erste die Sprache wieder.
"Wer ist es?"
Der Zwerg schüttelte nur den Kopf.
"Wenn ich Dir das sage, glaubst Du mir sowieso nicht. Grinsi, Dorfl, ihr kommt mit mir! Wir müssen nach Ankh in die Kaimeisterstraße. Schickt Kommandeur Mumm hinterher, sobald er eintrifft!"
Karotte war bereits gefolgt von einer Zwergin und einem Golem auf dem Weg zur Tür, als er innehielt und überlegte. Es mochten spezielle Fähigkeiten hilfreich sein. Er drehte sich um und sah Angua an.
"Komm Du bitte auch mit."
Es war eine Bitte, nicht – wie bei den anderen – ein Befehl.
