Kapitel 2
Der nächste Morgen kam für Zareen wie üblich viel zu früh. Irgendwann würde sie es vielleicht noch lernen, nach dem Ertönen des Wecksignals munter und fröhlich aus dem Bett zu springen und den neuen Tag zu begrüßen. Bis dahin aber würde sie sich weiterhin mürrisch der Morgentoilette widmen, ihr Frühstück eher massakrieren als essen und erst nach der zweiten Tasse Julak-Tee die Augen weit genug öffnen, um ihre Umgebung wahrzunehmen.
„Ich glaube, sie wird wach… Sei gegrüßt, Zareen! Heute ist es noch kälter als gestern und es sind noch mehr Verwundete eingetroffen!" Pivar. „Wirst du es heute noch einmal im Wundsaal versuchen oder lieber gleich zu Melenn gehen?"
‚Wenn es die einzige Möglichkeit wäre, dir zu entgehen, würde ich sogar den Clan wechseln!' Böse Gedanken. „Hilfe wird überall gebraucht, auch in den Krankensälen."
„Zareen hat Recht: wenn wir alle in den Wundsaal gehen, werden die bereits Operierten nicht genügend versorgt. Wir sollten uns aufteilen…"
Mühsam rang sich Zareen ein Lächeln für die ewig diplomatische Nasha ab. Sollte Pivar doch wütend werden und sie beschimpfen, dann bräuchte sie sich wenigstens nicht mehr darum bemühen, ihm gegenüber unnötig freundlich zu bleiben. Sie kannte sonst niemanden, der so unnützes Zeug redete wie ihr Jahrgangskollege. Immer wieder begann er, Altbekanntes zu rezitieren, brauchte manchmal Wochen, um Zusammenhänge zu erkennen und zeigte sich bei gemachten Fehlern erstaunlich lernresistent. Wahrlich eine Zierde für das Haus der Heiler des Valerian-Clans.
„Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet…" Ohne eine Antwort abzuwarten erhob sich Zareen und räumte ihr Geschirr ab. Auf dem Weg zu den Krankensälen ärgerte sie sich immer noch über Pivar und die anderen, die mit ihr vor 12 Zyklen den Weg zum Heiler eingeschlagen hatten. Jeder von ihnen tat es angeblich aus dem Grund, Dienen zu wollen. Tatsächlich aber hatten sie alle ganz andere Gründe: Pivar wollte Heiler werden, um seine Familie mit Stolz zu erfüllen. Nasha folgte der Tradition ihrer Eltern, Valur war schlichtweg neugierig, Ezeem hatte sich noch nicht entschieden, ob er nicht doch eher Hohepriester werden sollte und sie… ja, Zareen war auf diesen Weg getreten, weil man ihr eine große Begabung eingeredet hatte… und immer noch tat. Dalak wollte unbedingt, dass sie ihren Abschluss machte. Aber sie war sich einfach nicht sicher, was sie tun sollte. Sie fühlte sich noch viel zu jung, um sich endgültig festzulegen – und gleichzeitig wieder zu alt, um sich noch in der Wankelmütigkeit ihrer Jugend verirren zu dürfen. Sie wollte endlich als Erwachsene anerkannt werden. Wären ihre Eltern nicht so jung verstorben, stünde sie nun nicht unter der Obhut der Clanältesten und könnte wahrscheinlich viel freier entscheiden. Aber die Ältesten, zu denen auch Dalak gehörte, beobachteten jeden ihrer Schritte mit Argusaugen.
Wahrscheinlich würde sogar ihr brüsker Aufbruch vom Frühstück heute noch einmal Thema einer „moralisch wertvollen" Unterhaltung werden, wenn nicht sogar ein Reinigungsritual nach sich ziehen. Was aber nichts daran änderte, dass sie sich immer mehr von ihren Kommilitonen abgestoßen fühlte, die Rituale immer öfter als Zeitverschwendung erachtete und auch sonst unzufrieden mit sich und der Welt war. ‚Eine sehr erwachsene Sicht der Dinge…' schalt sie sich und betrat mit unterdrücktem Seufzen den Krankensaal, in dem sie gestern schon gewirkt hatte. Jetzt lagen noch mehr verwundete Krieger in den Betten, allerdings war sie nun auch nicht mehr allein mit der Pflege beschäftigt: zwei jüngere Studenten eilten bereits, den Verletzten das Frühstück zu bringen und Infusionsbeutel zu erneuern.
Nun ja. Dann würde sie sich eben um die Verbände kümmern. Es war ihr Vorrecht als Ältere, sich ihre Aufgaben aussuchen zu können. Und die beiden Jüngeren sahen nicht so aus, als würden sie bereits viel von Wundpflege und Medikamentengabe verstehen, insofern war ihre Wahl logisch. Und wohl auch vorherbestimmt. Melenn teilte nie unbedacht die Dienste ein.
Mit Erleichterung sah sie, dass es dem Krieger, dessen Fieber gestern nicht sinken wollte, schon wieder besser ging. Zumindest wurde er nicht mehr von Fieberträumen geschüttelt. Aber bis sie sich näher mit ihm beschäftigen konnte, waren noch andere mit Verbandswechseln dran. Sorgfältig bestückte sie den Verbandswagen, bevor sie durch die Reihen schritt und die Verwundeten versorgte. Es waren vor allen Schnitte von den herabgestürzten Kristallen, die behandelt werden mussten. Viele Wunden waren tief und konnten durch die kleinste Bewegung wieder aufreißen, andere Schnitte waren nur oberflächlich aber schmerzhaft, dazu kamen zahllose gebrochene Knochen, die in starren Verbänden gehalten wurden.
Fast am Ende des Saales lag ein junger Krieger bewusstlos auf der Seite – Fixierungs-Streben stabilisierten sein Rückgrat, dazu kam noch ein Verband auf dem Rechten Oberkörper, der an einigen Stellen durchgeblutet war. Zareen las sich das Krankenblatt durch: die Wirbelsäule war durch einen Deckenträger geprellt worden, dazu kamen einige gebrochene Rippen und ein durchbohrter Lungenflügel. Nur dadurch, dass der Kristallzapfen, der sich durch den Oberkörper gebohrt hatte, feststeckte und erst im Wundsaal entfernt werden konnte, war der Krieger nicht verblutet. ‚Glück gehabt…' dachte Zareen und entfernte vorsichtig den Verband. Die Wundnaht war sauber vernäht und doch trat etwas Blut aus einem Drainage-Schlauch. Nun denn: es würde einige Tage brauchen, bis dieser Patient aus dem künstlichen Koma erweckt werden konnte. Zu groß war die Gefahr, durch unbedachte Bewegungen Wirbel zu verletzen oder innere Blutungen hervorzurufen.
„Die anderen erzählen, dieser hier hätte ein Kind mit seinem Leib beschützt!" flüsterte einer der jungen Studenten, an dessen Namen Zareen sich nicht erinnern konnte.
Sie zuckte nur mit den Schultern und widmete sich der Säuberung der Wunde. Es widersprach ihrer Natur, sich allzu sehr auf die Geschichte ihrer Patienten einzulassen: es verklärte den Blick auf die tatsächliche Situation. Ezeem hatte einmal im Scherz gesagt, Zareen könnte selbst den Großen Valen als Patient haben, wenn er nicht stillhielte, würde sie ihn wahrscheinlich mit einer besonders großen Nadel zur Zusammenarbeit zwingen… Sie hatte darauf nur geantwortet, der Große Valen wäre höchstwahrscheinlich schlau genug, von Beginn der Behandlung an stillzuhalten. Zwei Wochen lang hatte sie für diesen Ausspruch meditieren müssen. Und war anschließend nicht einsichtiger als zuvor, dass sie ein Sakrileg begangen hatte. Aber sie beugte sich und biss sich seitdem eher auf die Zunge, als noch einmal etwas über Valen verlauten zu lassen, das gegen sie ausgelegt werden könnte.
Dumpfer Schmerz war alles, was er spürte. Er war unfähig, sich zu bewegen, selbst die Augenlider gehorchten ihm nicht. Und so vernahm er verschiedene Stimmen, weit von ihm entfernt, ohne sie Gesichtern zuordnen zu können. Es erschien ihm wie Jahre, bis er endlich den immer wiederkehrenden Schlaf so weit abschütteln und die Augen öffnen konnte. Alles war verschwommen, ein paar weiße Gestalten huschten um ihn herum… wenn die Schmerzen nicht so intensiv gewesen wären, hätte er sich in Valerian's Armen vermutet, aber so? Nein, offensichtlich hatte er überlebt, solch Leiden würde er im Tode hoffentlich nicht mehr spüren.
„Gut, er wird wach… Kannst du deine Füße bewegen, Krieger?" Die tiefe Stimme klang wie durch eine Wand aus Watte gesprochen.
„Hier tut sich nichts…" Eine andere, männliche Stimme, noch weiter weg.
„Warte es ab… siehst du? Er kann sie bewegen!" Wieder die tiefe Stimme von zuvor.
„Soll ich die Betäubung wieder einleiten?" Eine Frauenstimme, hell und klar.
„Ja, ich denke, die Schmerzen sind so nicht auszuhalten. Gönnen wir ihm noch ein paar Tage Schlaf, zumindest, bis wir die Streben entfernt haben."
Mit aller Kraft riss er sich zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Eine junge Frau stand neben ihm und spritzte etwas in einen Infusionsbeutel. In ihrer weißen Robe sah sie wirklich ein wenig aus wie eines der Bilder von Valerian, wie sie in einigen Tempeln an den Wänden prangten. Viel mehr nahm er nicht mehr wahr, bis das Medikament wirkte und er zurück in die Schwärze fiel.
Als er das nächste Mal erwachte, war es dunkel um ihn herum, nur gedämpftes Licht erhellte das Antlitz des jungen Pflegers, der nun an seinem Bett stand. „Sie sagen, du wärest so etwas wie ein Held unter deinesgleichen… ist es für die Kriegerkaste so ungewöhnlich, ein Kind zu schützen, dass ihr dadurch gleich zu Helden werdet? Was für ein Unsinn… Oh, Dalak sagte, ich solle dir rechtzeitig deine Medikamente geben, damit du nicht aufwachst und nicht unnötig Schmerz verspürst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Schmerz gibt, der für euch unnötig wäre. Wenn es nach mir ginge, würdet ihr alle hier vor Schmerz jammern und um Hilfe betteln, statt sie einfach in Anspruch zu nehmen!"
„Was… was willst du?" krächzte er und versuchte, sich zu bewegen, aber bei der geringsten Anstrengung brannte sein Körper wie von Feuer erfasst.
„Was ich will? Respekt will ich! Für mich und meine Kaste! Stattdessen behandelt ihr uns wie Ungeziefer… nein, das stimmt nicht. Die Arbeiter sind für euch Ungeziefer, wir sind für euch ja die Frommen, die, die nur beten und träumen! Und euch wieder zusammenflicken, wenn ihr verletzt seid, aber so weit denkt ihr ja nicht. Überhaupt scheint Denken bei euch nicht besonders geachtet zu werden, Krieger…" Der Pfleger zuckte mit den Achseln, bevor er sich an der Infusion zu schaffen machte und fortfuhr: „Bete, dass ich nie zu den Clanältesten gehören werde…"
Bevor er erneut bewusstlos wurde, schoss dem verletzten Krieger nur ein Gedanke durch den Kopf: ‚Dafür werde ich nicht beten, sondern Sorge tragen…'
Zareen genoss die Sonnenstrahlen, die sich an diesem klirrend kalten Wintertag durch die Hochnebeldecke über der Stadt rangen. Glücklich schloss sie die Augen und drehte ihr Gesicht der Sonne zu. Nach den vielen Tagen, die sie in den Krankensälen verbracht hatte, war dieser Nachmittag etwas Besonders. Eigentlich hätte sie versuchen sollen, etwas Schlaf zu finden, bevor sie ihren Dienst als Nachtwache antreten würde, aber die frische Luft und die Sonne hielten sie einfach davon ab. Dieser Tag war viel zu schön, um zu schlafen. Und die nächsten Tage würde sie sowieso schon verschlafen, warum nicht diesen noch genießen?
„Hier bist du also!"
Warum, in Valen's Namen, konnte sie nicht auch mal nur ein paar Stunden von ihren Kommilitonen getrennt sein, ohne dass gleich ein Suchtrupp losgeschickt wurde?
Atemlos ließ sich Valur neben ihr auf die Marmorbank fallen und schnappte nach Luft.
„Warum suchst du mich? Ich weiß, ich sollte eigentlich schlafen, aber…"
„Dalak sucht dich! Er will die Streben entfernen und du sollst ihm helfen!" keuchte Valur und hielt sich die schmerzende Brust.
„Warum ich?" fragte Zareen und ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten zusammen. Es gab so viele Pfleger und angehende Heiler, die sich um so eine Gelegenheit gerissen hätten, aber für Zareen wäre das schon die fünfte dieser Art von Operationen, die sie sehen würde. Zwar die erste an einem Krieger, aber der Rücken eines Kriegers würde sich wohl nicht weiter von dem eines Arbeiters unterscheiden, die öfters Unfälle mit schweren Folgen ertragen mussten.
„Dalak sagt, er braucht deine Erfahrung…" Valur schnappte immer noch nach Luft.
Zareen schüttelte den Kopf. „Gut, ich gehe. Und du solltest dir überlegen, ob du nicht doch etwas zu viel Zeit im Tempel mit Beten verbringst. Meisterin Keshra bietet jede Woche Körperübungen im Garten an, die auch dir gut tun würden!"
„Im Frühjahr vielleicht… jetzt ist mir zu kalt für so etwas!" antwortete Valur und schlang die Arme um den Oberkörper.
‚Sicher. Und aus dem Frühjahr wird Sommer, aus Sommer Herbst und dann ist es wieder Winter und zu kalt…' dachte die junge Pflegerin und erhob sich, um zurück zum Tempel zu gehen.
TBC
