Kapitel Zwei
"Show me a smile on your silly face, 'cause I'm getting tired of this human race."
"Es sieht ganz so aus, als hätten es ein paar Vampire auf deinen Titel abgesehen, Alucard."
Seras vergriff sich mit ihren langen, schlanken Fingern in dem gelben Stoff ihres Rockes und wagte es nicht ihren Meister anzusehen. Seitdem sie sich ihm vor ein paar Tagen um den Hals geworfen hatte wie ein kleines, bedürftiges Kind hatte sie ihn nicht mehr gesehen und was dort passiert war, war ihr noch immer unangenehm.
Es waren dreißig Jahre und sie wusste immer, dass er zurückkommen würde. Er war der No-Life-King, es war absolut unmöglich, dass er nicht zurückkommen würde. Ihn dann aber wieder vor sich zu sehen, groß, schlank, gut aussehend und grinsend, so als hätte sich nichts geändert und er wäre niemals weg gewesen, wie hätte Seras sich nicht vollkommen überwältigt fühlen können? Irgendetwas in ihr hatte in dem Moment, in dem sie in dieses vertraute Gesicht geblickt hatte in Sympathie auf geseufzt und eine große Last wurde von ihren Schultern genommen. Ob es die schlichte Tatsache war, dass er nun endlich wieder da war um an den Missionen teilzunehmen oder einfach weil er endlich wiederda war, konnte sie nicht sagen und dieser Gedanke machte ihr Angst. Sie hatte sich nicht unter Kontrolle, als sie ihren Meister in die Arme gefallen war und sie verachtete sich selber dafür. Dreißig Jahre, in denen sie ihre Vampirkräfte trainiert und geschult hatte, in denen sie gereift und erwachsen geworden war – und dennoch fiel sie vor Alucard auf die Knie, genau wie vor so unendlich vielen Jahren zuvor.
Integra räusperte sich und riss Seras damit aus ihren Gedanken. Sie blinzelte kurz und erinnerte sich dann daran, was Integra gerade gesagt hatte. Die Tatsache, dass die Vampire anscheinend so lange gebraucht hatten um zu bemerken, dass ihr König verschwunden war verunsicherte Seras. Sie hatte den Verdacht, das sie es sich einfach nicht leisten konnten ein Risiko einzugehen. Sie hatten lange auf den richtigen Moment gewartet und sie würden ihr blaues Wunder erleben, sobald sie erfuhren, dass Alucard zurück war. Sie machte sich keine großen Sorgen darum, bis jetzt hatten sie noch jeden Vampir auslöschen können, wenn auch nur mehr schlecht als recht. Sie verstand nicht richtig, wo in der ganzen Situation das Problem lag. Natürlich, es würden noch ein paar Menschen sterben bevor das Problem gelöst wäre, aber es war keine aussichtslose Situation, jetzt nicht mehr.
In den letzten Jahren wirkte Integra müde. Das diese erhöhte Vampiraktivität sie so mitnahm sprach für ihr stetigendes Altern und Seras machte sich Sorgen um sie. Sie war immer noch berechnend, fürchterlich intelligent und schön, aber die viele Arbeit, der Stress und der Verrat des Mannes, der sie stellvertretend für ihren toten Vater aufgezogen hatte, nagten immer noch schwer an ihr. Die Ringe unter ihren Augen waren tief, Zeugen von vielen durchwachten Nächten. Sie nahm die Brille von ihrer Nase und griff sich an ihren Nasenrücken, ebenfalls eine Geste, die sie sich mit den Jahren angewöhnt hatte und ein Zeichen von Schwäche, das sie vor vielen Jahren niemals gezeigt hätte.
"Übermorgen wird es einen großen Ball im Palast geben. Zum Schutz der Queen werdet ihr und der Captain mich dorthin begleiten." Seras Augen weiteten sich etwas bei diesem überraschenden Themenwechsel und sie rutschte auf ihrem Stuhl etwas nach vorne. Ein großer Ball bedeutete viele Menschen, viele aufgeregte Menschen deren Blut raste, Menschen, die sie in den Untiefen ihrer Blutlust als Nahrungsmittel ansah. Es bedeutete, zu tanzen und sich zu unterhalten. In all den letzten Jahren hatte es diese Veranstaltungen immer mal wieder gegeben, zu den merkwürdigsten Anlässen, Ritterschläge, Ordensverleihungen, Staatsbankette, aber niemals hatte Sir Integra es für nötig gehalten Seras oder sonst irgendjemanden zum Schutze der Queen mitzunehmen. Die vermehrten, unorganisierten Angriffe der Vampire schienen ihr näher zu gehen als Seras dachte, wenn sie solche Maßnahmen ergriff.
Sie konnte nicht abstreiten, dass sie etwas nervös war. Sie hatte nie gelernt zu tanzen, noch war sie jemals in der Gegenwart von so vielen erfolgreichen und wichtigen Menschen gewesen – sie wusste gar nicht, wie sie sich verhalten sollte.
Sie konnte das vertraute Geräusch von raschelnden Leder neben sich vernehmen und sie blickte zu ihrem Meister, der sich von der Wand, an der er lehnte, abgetoßen hatte und nun neben Seras Stuhl stand, sein Blick auf Integra gerichtet. "Befürchtest du einen Angriff oder freust du dich so sehr über meine Rückkehr, dass du sie feiern willst?" Seine Stimme war tief, ruhig und spotternd und erneut rutschte Seras unruhig auf ihrem Stuhl herum.
Integra warf Alucard einen warnenden Blick zu, der Alucard erneut dazu brachte zu grinsen. "Mit der Aktivität, die die Vampire an den Tag legen, bin ich lieber auf der sicheren Seite. Das ist eine ernste Angelegenheit, Alucard. Sie haben Jahre gebraucht um dein Verschwinden zu realisieren und noch mehr Jahre um sich zu trauen zu handeln. Wir wissen nicht, wie viele es sind, was sie vorhaben." Integra stockte kurz und Seras wusste, dass sie an den Angriff der Valentine-Brüder dachte. Spätestens seit diesem Tag hasste Integra es im Dunkeln zu tappen, nicht zu wissen, was der Feind plante und Seras konnte es ihr nicht verdenken. "Wir können nicht vorsichtig genug sein. Seras, ich gehe davon aus, dass du noch nie auf solch einer Veranstaltung warst. Brauchen du und Captain Bernadotte Tanzstunden?"
Ihr Blick war nun durchdringlich auf Seras gerichtet und sie überlegte kurz, ehe sie aufhörte den Stoff ihres Rockes zwischen ihren Fingern zu kneten und sich zurücklehnte. Sie war noch nie in ihrem Leben dazu gezwungen gewesen zu tanzen. Ein bisschen Unterricht wäre in dieser Situation wahrscheinlich mehr als nur angebracht, außer sie wollte sich fürchterlich blamieren. "Es könnte bestimmt nicht schaden."
"Wilson", sagte Integra und drehte sich mit ihrem Stuhl zu dem neuen Butler und Verwalter Hellsings herum, der schräg hinter ihr am Fenster stand. Seras folgte ihrem Blick und lächelte den Mann leicht an. Sie vermisste Walter fürchterlich, auch noch nach dreißig Jahren fiel es ihr schwer, diesen neuen Mann an seiner Stelle zu sehen. "Könntest du Seras heute noch die Standartschritte beibringen?"
Wilson nickte und verbeugte sich. "Natürlich. Sir Integra. Lady Victoria, ich werde mit Captain Bernadotte in ihrem Zimmer auf Sie warten. Wenn Sie mich entschuldigen würden."
Während er das Zimmer verließ, blickte Seras wieder zu Integra, versuchte das Geräusch des raschelnden Leders neben ihr zu ignorieren, als ihr Meister seine Arme vor seiner Brust verschränkte. Sie konnte seinen Blick auf sich spüren und erneut krallte sie sich in den dünnen Stoff ihres Rockes. Sie hätte schwören können, dass sie ihn in diesem Augenblick leise lachen hörte.
"Um zum Thema zurückzukehren... Die Vampire sind momentan anscheinend hinter deinem Titel her, Alucard. So viele Morde, so viele unnatürliche Dinge, die auf einmal auf der gesamten Welt passieren. Ich kann mich nicht erinnern, wann es seit Milennium das letzte Mal so viele Probleme gab, verursacht durch Vampire. Es wirkt beinahe als hätten sie sich untereinander irgendetwas zu beweisen, eine Katastrophe schlimmer als die andere... Wir müssen etwas dagegen tun." Integra lehnte sich zurück, griff nach dem kleinen metallenen Etui, in dem sie ihre Zigarren verwahrte und zündete sich eine an. Sie nahm einen tiefen Zug und der penetrante Geruch der teuren Zigarre ließ Seras kurz die Nase rümpfen.
Wenn sie einen neuen No-Life-King ernennen wollten, wäre es nur logisch, dass der Stärkste gewinnen würde. Hatte Hellsing sich etwa unbewusst in einen ausgereiften Vampirkrieg eingemischt?
"Haben Sie einen Plan?" fragte sie, aber bevor Integra zu einer Antwort ansetzen konnte fuhr ihr Alucard dazwischen. "In ein paar Monaten wird sich dieses kleine Problem von alleine erledigt haben." Seine Stimme klang gelangweilt, so als wäre dieser kleine Machtkrieg unter seiner Schöpfung nichts weiter als ein Streit zwischen Kindergartenkindern. Seras verstand genau, was er damit meinte. Bald würden genug Vampire seinen Waffen zum Opfer fallen um die restlichen Wesen der Nacht darauf aufmerksam zu machen, dass ihr König zurück war und alles andere als zufrieden war mit ihrem Verhalten. Dieser Gedanke ließ Seras leicht lächeln.
Auch Integra schien zu verstehen, denn sie nickte nur. Anscheinend war sie genauso froh wie Seras, dass dieses Treffen abgekürzt werden konnte. "Ich hoffe du behälst Recht, Alucard. Ihr könnt beide gehen."
Seras erhob sich sofort von ihrem Stuhl und verließ das Zimmer, ohne noch einmal zu ihrem Meister oder Sir Integra zurück zu blicken. Sie war sich sicher, dass sie sich das leise, amüsierte Lachen in ihrem Kopf nicht nur einbildete, als sie die Treppen zum Keller der Hellsing Villa hinabstieg und leise seufzte. Irgendwann musste sie wieder mit ihm sprechen, geschweige denn ihn ansehen, aber der Schock darüber was sie getan hatte saß ihr noch viel zu tief in den Knochen. Das Alucard jede Gelegenheit nutzte um über sie zu lachen machte die ganze Sache nicht besser.
Sie hatte sich so sehr gewünscht, ihm zu beweisen, wie mächtig sie geworden war, sobald er zurückkehrte. Ihn stolz zu machen war seit sie denken konnte immer ihre erste Priorität gewesen, der letzte Schubs, der sie damals dazu gebracht hatte, endlich anzufangen ihr Blut zu trinken, reine Routine, der sie heute nach ging ohne großartig darüber nachzudenken. Doch kaum war er wieder zurück, musste er Seras erneut das Leben retten – nicht unbedingt das Szenario, dass sie sich für ihr Wiedersehen ausgemalt hatte aber in diesem Moment war sie zu froh gewesen, dass er da war, um darüber nachzudenken. Das erste, was er nach so vielen Jahren von seiner Schülerin sah, war ihre Unfähigkeit gegen einen einfachen Vampir zu gewinnen und sie schämte sich dafür. Es war nicht ihr erster Kampf gegen einen Vampir gewesen, der stärker und älter war als sie und bis zu diesem Tag hatte sie es immer irgendwie geschafft die Oberhand zu behalten. Sie stand schon eindeutig schwierigeren Feinden gegenüber, aber niemand war jemals auf die Idee gekommen, ihre Kräfte zu versiegeln. Sie musste so bald wie möglich lernen, diese Siegel zu durchbrechen, damit Alucard ihr nie wieder das Leben retten musste und er sie nicht mehr für die kleine Polizistin hielt, die auf seine Hilfe angewiesen war.
Er war seit einer Woche wieder da und sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt sich zu beweisen. Dass er sie immer noch für das schwache Kätzchen von vor dreißig Jahren hielt nagte wahrhaftig an ihr.
Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und presste ihre Lippen erneut zusammen. Wilson und Pip hatten sich die Freiheit genommen, ihren Tisch in eine Ecke zu schieben um in der Mitte des Raumes Platz zu machen. Auf dem Tisch stand ein kleiner, tragbarer CD-Player und während Seras von diesem mechanischen Gerät zu ihrem Freund blickte, der ihr zuzwinkerte, wurde ihr bewusst, wie wenig Begeisterung sie für diesen Ball hegte. Es war eine vollkommen fremde Welt, in die sie nicht gehörte.
Pip kam auf sie zu und hauchte einen kurzen Kuss auf ihre Stirn, ehe er ihre Hand nahm und sie in die Mitte des Raumes führte. Während er ihre Hand mit seiner verhakte, seine andere Hand auf ihre Hüfte legte und sie ihre Hand etwas unsicher auf seiner Schulter platzierte, war sie sich nicht ganz sicher, wie sie innerhalb eines Tages lernen sollte präsentabel für die Queen zu sein.
Wilson erklärte Seras kurz die Schritte, ehe er die Musik startete und er im Takt von Pips Führung die Schritte abzählte.
Sie kam sich lächerlich vor.
Sie war ein Vampir in der gefährlichsten Organisation auf dieser Welt, verbrachte ihre Abende normalerweise damit rücksichtslos und sehr blutig zu töten und wehrlose Opfer auszusaugen, niemals hätte sie erwartet zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben darauf angewiesen zu sein tanzen zu können. Pip drückte sie etwas an sich, nachdem sie die Schritte einigermaßen beherrschte und sie lehnte seufzend ihren Kopf gegen seine Schulter. Vermutlich war es gar nicht so schlecht tanzen zu können – Alucard beherrschte bestimmt jeden Tanz, den es zu beherrschen gab. Immerhin waren fast 600 Jahre eine lange Zeit um zu leben. „Und wieder denke ich an ihn."Seras versuchte bei diesem Gedanken nicht zu seufzen und schloss stattdessen ihre Augen.
Während Pip sie dazu brachte sich in seine Armen einzudrehen, wurde ihr bewusst, dass ihr Meister wohl als Sir Integras Begleitung auf diesem Ball gehen würde. Und sie konnte sich nicht erklären, wieso ihr dieser Gedanke ganz und gar nicht gefiel.
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"Ich gehe nicht zu diesem Ball."
Sie konnte hören, wie er seufzte. Sie presste ihre Lippen aufeinander und versuchte nicht zu atmen um den penetranten Geruch von dem Transfusionsblut, mit dem er versuchte sie aus ihrem Sarg zu locken, nicht einzuatmen. Sie hatte sich vor zwei Tagen noch keine wirklichen Gedanken darüber gemacht, was es überhauptbedeutete auf einen Ball zu gehen. Als Wilson in ihr Zimmer kam mit dem unmöglichsten Kleidungsstück, das sie jemals gesehen hatte, wurde ihr bewusst, dass es nichts weiter war als eine weitere großartige Gelegenheit sich vor ihrem Meister zu blamieren. Sie konnte nicht tanzen, sie hatte nichts interessantes zu diesen unbekannten, einflussreichen Menschen zu sagen und in diesem Kleid würde sie aussehen wie eine verdammte Hure. Sie konnte ihren Meister schon lachen und sie aufziehen hören. Sie würde nicht zu diesem Ball gehen, nicht wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.
"Lady Victoria, ich befürchte, Sie haben keine Wahl."
"Mein Meister und Pip sind dort. Sie brauchen mich nicht."
"Das haben wir leider beide nicht zu entscheiden. Würden Sie nun bitte aus ihrem Sarg herauskommen, damit wir uns vernünftig unterhalten können?"
Seras fletschte ihre Zähne. Sie war kein unhöfliches Wesen, und normalerweise verhielt sie sich nicht so extrem kindisch, aber sie war auch noch nie mit der Aufgabe konfrontiert worden, sich hübsch anzuziehen und einen Ball im Palast der Queen zu besuchen. Irgendwie kam ihr das furchterregender vor als jeder Vampir, jeder Ghul, dem sie je gegenüber getreten war.
Sie griff nach dem kleinen Gerät, dass die Steuerung ihres Sargs kontrollierte um den Deckel ihres Sarges zu öffnen und bestätigte den Schalter. Der Deckel öffnete sich langsam, ließ Seras kurz gegen die ungewohnte Helligheit anblinzeln. Kaum war die Sonne untergegangen wollte Seras sich aus ihrem Totenbett erheben, aber in dem Moment hatte Wilson ihr Zimmer betreten und ihr ihre Kleidung für den heutigen Abend präsentiert. Bei diesem Anblick hatte sie ihren Sarg sofort wieder geschlossen und sich in der wohltuenden Dunkelheit versteckt.
Wilson lächelte sie an, als sie ihre Beine über die Bettkante schwang und leise seufzte. Sie musterte ihren unerwünschten Besucher, sein kurzes, graues Haar, die freundlichen Falten um seine Lippen und Augen herum. Er war ein sympathischer Mann, natürlich, noch sympathischer im Anbetracht der Tatsache, dass er ihr jede Nacht ihre Mahlzeiten brachte und sich ansonsten ebenfalls um sie kümmerte. Aber in diesem Augenblick war er für Seras nur der Feind, der sie zu etwas überreden wollte, von dem sie absolut nichts wissen wollte. "Ich fühle mich wirklich nicht gut. Vielleicht bin ich krank."
Wilson reichte ihr das Blutpaket, das er bereits geöffnet hatte und lächelte sie mitleidig an. "Diese Ausrede wird leider nicht funktionieren. Sie können nicht krank werden. Sie sind tot."
Innerlich fluchte Seras kurz, ehe sie aufstand, ihm das Blutpaket aus der Hand riss und ihre Zähne in dem Plastik versenkte. Sie blickte Wilson böse über den Rand des Paketes hinweg an während das flüssige Ambrosia ihre Zunge benetzte, auch wenn sie wusste, dass der Butler der letzte Mensch war, der etwas für diese Situation konnte. Wenn sie auf jemanden wütend sein sollte, dann eher auf ihre Artsgenossen. Sie hoffte inständig das ihr Meister Recht behielt und diese "Aufstände", oder wie auch immer man diese Massenmorde nennen konnte, bald ihr Ende fanden.
"Es stehen zwei weitere Packungen für Sie bereit. Damit Sie nicht auf die Idee kommen, Ihre Blutlust als Argument vorzuschieben." Seras wusste einfach, dass das der Befehl ihres Meisters gewesen war. Sie riss das Paket von ihren Lippen und warf es auf ihren Tisch, leckte sich das überschüssige Blut von ihren Lippen und ihren Zähnen, ehe sie mit den Fingern auf das unmögliche Stück Stoff deutete, dass Wilson in seinen Händen hielt. "Ich werde dieses Ding nie im Leben anziehen."
Wilson lachte nun tatsächlich etwas und hielt das Kleid hoch, damit Seras es besser betrachten konnte. Sie unterdrückte den Drang sich erneut in ihrem Sarg zu verstecken und verzog ihre Mundwinkel."Verzeihung, aber man würde meinen, Sie seien solche Kleidung gewohnt. Ihre Uniform verdeckt nicht sehr viel mehr als dieses Kleid, Lady Victoria."
Ihre Arbeitsuniform war etwas vollkommen anderes. Der kurze Rock bot ihr größere Bewegungsfreiheit und während der Arbeit konnte sie sich keine Gedanken darum machen, wer vielleicht einen Blick erhaschte. Die Jacke war alles andere als freizüig. In diesem Kleid allerdings würde sie mehr Haut zeigen als verdecken und der Gedanke gefiel ihr gar nicht. Sie hasste es, wenn ihr jedes Argument im Mund herumgedreht wurde. Oh, sie wusste, dass sie sich wie ein Kleinkind verhielt, aber sie konnte sich nicht vorstellen auf diesen Ball zu gehen. Sie sah sich nicht inmitten all dieser lachenden, feiernden und tanzenden Menschen, in diesem sogenannten Kleid. Sie gehörte nicht dorthin und sie wusste, dass Alucard jede Sekunde nutzen würde um ihr das auf die Nase zu binden. Sie war eine Killerin, ein Vampir, ein Monster, sie war kein Mensch. Sie hatte an diesem Abend keinen Grund zu feiern, kein politisches Ereignis in der Welt der Menschen hatte noch eine Bedeutung für sie. Sie sollte nicht dort sein.
"Es tut mir wirklich leid, aber Sir Integra besteht darauf, dass Sie sie zu diesem Ball begleiten. Wir könnten versuchen mit Ihr zu reden, aber ich denke, das hätte wenig Sinn, Sie wissen ja wie sie ist. Soll ich Ihnen mit der Kleidung helfen?"
Das letzte was sie wollte war, dass Sir Integra oder sogar ihr Meister erfuhren, dass sie sich wie ein kleines Kind in ihrem Sarg versteckt hatte, als sie das Kleid gesehen hatte, wenn ihr Meister nicht sogar schon alles aus seinem schattigen Versteck heraus mit angesehen hatte und sich köstlich über sie amüsierte. Mit Sir Integra über dieses leidliche Thema zu diskutieren, geschweige denn sie um ein anderes Kleid zu bitten würde keine Früchte tragen und sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Sie streckte ihre Hand nach dem Kleidungsstück aus und schenkte Wilson dann ein gequältes Lächeln. "Das wird nicht nötig sein, danke."
Er legte kurz seine Hand auf ihre Schulter, eine väterliche, beschwichtigende Geste, die sie ungemein an Walter erinnerte und verließ dann ihr Zimmer. "Captain Bernadotte wird Sie dann in einer Stunde abholen. Schönen guten Abend, Lady Victoria."
Sie verkniff sich ein schnippisches Kommentar und atmete nur erleichtert aus, als die Tür hinter Wilson ins Schloss fiel. Sie blickte auf das Stück Stoff in ihren Händen hinab und verzog erneut das Gesicht – es hatte alles keinen Sinn. Sie musste sich einfach daran erinnern, dass sie heute Abend nur ihren Job machte, vielleicht wäre es dann leichter zu ertragen. Wenn sie wenigstens als Palastwache dort arbeiten könnte, dann wäre sie nicht gezwungen als ein Gast verkleidet über die Menschen dort zu wachen...
Sie stellte sich vor ihren Spiegel und blickte in ihr blasses Gesicht, ihre unglücklichen, blauen Augen und ihre kurzen, verwuschelten Haare. Dieses Kleid passte nicht zu ihr, in keinerlei Hinsicht, das wusste sie auch ohne es anzuziehen. Kurz verzog sie ihr hübsches Gesicht, ehe sie sich dazu entschied an ihrer Erscheinung zu arbeiten, zumindest für diesen Abend. Sie trug ihre Haare normalerweise aus praktischen Gründen kurz, es war leichter zu pflegen und war während der Missionen nicht im Weg. Aber es verlieh ihr auch das Aussehen eines normalen, bescheidenen Mädchens und genau dieses Mädchen würde heute Abend in der Menge hervorstechen, genau dieses Mädchen durfte sie heute Abend nicht sein.
'Ein Vampir zu sein hat nunmal doch seine Vorteile.', dachte sie sich lächelnd, als ihre Haare vor ihren Augen an Länge zunahmen. Sie hatte es oft bei ihrem Meister gesehen, seine verschiedenen Frisuren, jenachdem wie viel Macht Integra ihm gewährte zu benutzen und sie hatte sich sehr schnell beigebracht ihre eigene Erscheinung zu verändern, eine Fähigkeit die im Vergleich zu allen anderen sehr leicht zu erlernen war. Ihr erster Schritt auf ihrem langen Weg zur perfekten Draculina.
Sie wickelte die langen, glatten Strähnen, die ihr nun bis zum Steißbein gingen um ihre Finger, ehe sie sich daran machte sich umzuziehen. Jacke und Rock fielen zu ihren Füßen auf den Boden und ließen sie nur in Unterwäsche vor ihrem Spiegel stehen, ein gequälter Ausdruck in ihrem Gesicht. Sie konnte nicht fassen, dass sie wirklich dazu gezwungen war den ganzen Abend in diesem Kleid vor ihrem Meister rumzuturnen. So würde er sie niemals ernst nehmen, geschweige denn respektieren. Sie seufzte leise, als ihr bewusst wurde, dass ihr ewiges Gejammer ihr aber mindestens genauso wenig Respekt einbringen würde und machte sich daran dieses unglaubliche Kleid anzuziehen.
Es war ein kurzes, rotes Kleid, dass knapp oberhalb ihrer Knie endete und sehr viel mehr Dekoltee zeigte, als erlaubt sein sollte. Es war ein Neckholder-Kleid, ihr gesamter Rücken, ihre Beine und ihre Arme waren komplett nackt und Seras kam sich unglaublich billig in diesem Kleid vor. Es war unangemessen für solch einen Anlass und sie verstand nicht was Sir Integra geritten hatte, dieses Kleid für sie auszuwählen. Es wirkte eher wie etwas, das Pip für sie aussuchen würde und es würde sie nicht wundern, wenn ihr sexuell frustrierter Freund seine Finger im Spiel hatte. Seit Monaten ließ sie sich nicht von ihm berühren, da würde er vermutlich alles tun um wenigstens ein paar Blicke auf ihre blasse, nackte Haut zu erhaschen. Sie fuhr sich in einer verzweifelten Geste mit ihren Fingern durch ihr langes Haar, strich sie sich dabei nach hinten und beobachte fasziniert, wie die langen Strähnen über ihre Schultern und über ihren Busen fielen, wenigstens etwas Diskretion vor nackten Blicken boten.
Sie spürte ihn in ihrem Kopf und in ihrer unmittelbaren Umgebung, schon bevor sie ihn sah und dennoch zuckte sie etwas zusammen, als sie kalte Schatten über ihre Haut streicheln spürte. Sie beobachtete im Spiegel, wie ihr Meister sich hinter ihr materialisierte, erst die schwarzen Schatten, dann sein breites, zähnezeigendes Grinsen das verheißungsvoll in der Luft schwebte, ehe seine gesamte Erscheinung hinter ihr auftauchte. Sie spannte sich an und ballte ihre Hände zu Fäusten. Zum ersten Mal war sie mit ihrem Meister alleine, seitdem er zurückgekehrt war und ihr aller erster Impuls war sich umzudrehen und ihm sein breites, dreckiges Grinsen aus seinem unmenschlich schönen Gesicht zu schlagen. Unmenschlich schön? Sie biss ihre Zähne zusammen. Was dachte sie denn da? Sie blickte seinem Spiegelbild direkt in die Augen, ein unmöglicher Ausdruck von Schadenfreude in seinem Gesicht, nicht verdeckt von seiner Brille oder seinem Hut. Seras Finger zuckten.
"Schlechter Abend, Fräulein Polizistin?"
Sie schloss ihre Augen und zog die Möglichkeit ihn zu schlagen doch noch einmal in Betracht. Alleine die Tatsache, das er ihr Meister war hielt sie davon ab, obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass ihre kleinen Fäuste ihm nicht den geringsten Schaden zufügen könnten.
Reichte es nicht, das er den gesamten Abend Zeit haben würde um sie aufzuziehen? Hatte sie nicht einmal mehr in ihrem eigenen Zimmer Privatsphäre, nur für ein paar wenige Minuten, bevor sie sich in die Höhle des Löwen begeben musste? Und immer noch dieser dämliche Spitzname! Sie war seit über dreißig Jahren keine Polizistin mehr und sie hatte ihren Wert für Hellsing mehr als nur einmal unter Beweis gestellt, hatte herausragende Leistungen erbracht und Sir Integra mehr als nur einmal das Leben gerettet. All das schien ihrem Meister immer noch nicht zu reichen.
Sie erinnerte sich an den Tag, an dem er sie zum ersten Mal wirklich bei ihrem Namen genannt hatte. Der Tag, an dem Zorin die Hellsing-Villa angegriffen und die gesamte Belegschaft mit ihren Halluzinationen in den Wahnsinn getrieben hatte, der Tag des Millenium-Kriegs. Sie erinnerte sich daran, wie Pip vor ihren Augen starb, ihr einen letzten Kuss stahl und sie sein Blut trank, es war so deutlich, das es beinahe real wirkte – Aber Pip lebte und der "Pip" in ihren Halluzinationen war nichts anderes gewesen als ein weiterer Soldat der Gänse. Sie hatte diesen Menschen komplett ausgesaugt und Zorin vernichtet. Es war nur möglich gewesen weil "Pips" Tod sie in einen Bersekerzustand versetzt hatte, ein unbedachter Schachzug Zorins. Hinterher herauszufinden, dass es die ganze Zeit über nicht wirklich Pip gewesen war hatte sie schockiert – Aber darum ging es hier nicht.
An diesem Tag hatte sie ihre Menschlichkeit beiseite gelegt und das Blut eines lebendigen Wesens getrunken, ihr Meister war stolz genug gewesen sie bei ihrem Namen zu nennen, aber anscheinend waren sie nun zu ihrem alten Muster zurückgekehrt.
"Mein Name ist Seras Victoria."
Sie sah den zufriedenen Ausdruck in seinem Gesicht, das beinahe überraschte Lächeln, schlicht und ergreifend wegen der Tatsache, dass Seras sich letztendlich doch traute ihm die Stirn zu bieten. Sie spürte ein merkwürdiges, aber nicht unangenehmes Ziehen in ihrer Magengegend als sie sich zu ihm umdrehte und ihm direkt in die Augen blickte. Er stand nur wenige Schritte vor ihr und sie verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust, eine abwehrende Haltung und gleichzeitig ein Versuch ihr Dekoltee vor seinen Blicken zu schützen. Nicht das sie wirklich glaubte, dass ihr Meister sich für sie interessieren würde, aber sie fühlte sich so etwas sicherer.
"Du bist und bleibst das Fräulein Polizistin." sagte er ruhig, ehe er sich von ihr abwandte und sich an ihrem Tisch niederließ, seine Füße auf diesen warf, als wäre ihr Zimmer sein eigenes Reich und sich grinsend in seinem Stuhl zürücklehnte. Eine seiner feinen Brauen hob sich leicht an, eine stumme Herausforderung, beinahe so als wolle er sehen, wie weit Seras bereit war zu gehen.
Seras seufzte kurz und gab sich in diesem Augenblick geschlagen. Sie war zum ersten Mal seitdem er zurückgekehrt war mit ihm alleine. Das war der einzige Grund, warum sie ihn nicht wegen seines Verhaltens belehrte und sich stattdessen ihm gegenüber an dem Tisch niederließ. Sie suchte nach den richtigen Worten, wollte ihn fragen wieso er hier war, wo er die letzten dreißig Jahre gewesen war, was er gemacht hatte, wie es ihm ging, wieso sie sich so merkwürdig fühlte, wenn sie ihn ansah. Stattdessen faltete sie ihre Hände in ihrem Schoß und entschied sich für die aller erste Frage, die ihr in den Sinn kam, musterte ihre schmalen Hände. "Wie sehe ich aus?"
Kurz war es still. Einen Moment zu lange. Sie konnte die Überraschung ihres Meisters durch ihre Verbindung zu ihm spüren, konnte sie in ihrem Kopf fühlen als wäre es ihre eigene, und blickte auf. Ihre Augen blickten direkt in seine und kurz blinzelte sie. Der Ausdruck in seinem Gesicht war tatsächlich überrascht, aber ehe sie ihre Frage zurücknehmen oder etwas anderes sagen konnte, lachte er leise. Die Verwirrung hatte einem amüsierten Ausdruck Platz gemacht, amüsiert, aber nicht spottend oder abneigend und Seras verspannte Schultern entspannten sich etwas bei diesem wahrlich seltenen Anblick.
"Dreißig Jahre. So viele Sachen, die du fragen könntest und du entscheidest dich für die banalste aller Fragen." Seras lachte und zuckte dann kaum merklich mit ihren Schultern. Es gab so viel worüber sie sprechen wollte, aber nichts davon schien über ihre Lippen kommen zu wollen, beinahe so als würde irgendetwas sie davon abhalten. Als wüsste sie intuitiv, dass sie kein Recht hatte ihren Meister persönliche Fragen zu stellen.
Es fiel ihr schwer ein gewöhnliches Gespräch mit ihm zu führen, schlicht und ergreifend weil an ihm absolut nichts [style type="italic"]gewöhnlich[/style] war. Sie hatte schon normale Gespräche mit ihm geführt, natürlich, aber das waren andere Zeiten gewesen und meistens ging es dabei um sie, niemals um ihn. Er war mächtiger und älter als sie, seine bloße Anwesenheit erforderte Respekt und sie hatte das Gefühl sich in seinem riesigen Schatten verstecken zu können vor der gesamten Welt, wie in einem Kokon. Als könnte ihr nichts passieren, wenn dieser Mann in ihrer Nähe war, einfach weil sie seine rohe Stärke durch ihre Verbindung spüren konnte. Eine ehrfurchtgebietene Energie, von der sie wusste, dass er sie niemals gegen sie einsetzen würde und die ihr zusätzlich ein Gefühl der Sicherheit und Erleichterung verlieh, weil dieser mächtige Vampir auf ihrer Seite kämpfte. Dazu kam seine Art sich zu verhalten und zu sprechen, sie wusste nie, was er als nächstes tun würde und was er über sie dachte, alles was er tat überraschte sie und ließ sie sprachlos zurück. Es fiel ihr schwer einen klaren Gedanken zu fassen, wenn er sie so intensiv anstarrte und er wusste das ganz genau. Er wusste, wie nervös er sie machte und oft hatte Seras das Gefühl, dass er es bewusst für sein eigenes Amüsement ausnutzte. Alles in allem war er ein unberechenbares Wesen und er verwirrte Seras ungemein.
"Ich bin nicht davon ausgegangen, dass du auch nur eine meiner wichtigen Fragen beantworten würdest." sagte Seras dann leise und erhob sich von ihrem Stuhl als sie Alucard lachen hörte. "Touché, Fräulein Polizistin."
Sie wandte sich von ihm ab und setzte sich wieder auf ihre Bettkante, brachte so etwas Distanz zwischen sich und ihren Meister. Ihr Blick fiel auf die Schuhe, die neben ihrem Bett auf dem Boden standen, Schuhe die Wilson ihr passend zu dem Kleid mitgebracht hatte. Sie beugte sich vor und zog sie zu sich, musterte sie kurz kritisch. Absätze. Wenn es heute Abend tatsächlich einen Angriff gab und sie gezwungen wäre sich zu verteidigen, hatte sie sehr schlechte Chancen auf einen ordentlichen, ausgeglichenen Kampf. Sie beschäftigte ihre Hände und ihren Verstand mit der Aufgabe diese komplizierten Schuhe irgendwie vernünftig anzuziehen. An und für sich wäre es keine Herausforderung gewesen, aber sie spürte Alucards penetranten Blick auf ihrer Haut, als würde er sie in Flammen setzen, einfach nur, weil er sie ansah. Ihre Hände zitterten ungemein und sie verfehlte den komplizierten Verschluss der Schuhe viel zu oft.
Nach einer Weile blickte sie genervt von ihren Schuhen auf, direkt in das Gesicht ihres Meisters und ihre Augen verengten sich etwas. Sie konnte sich nicht konzentrieren, wenn er sie anstarrte, als würde er sie jeden Augenblick angreifen oder anspringen. Das Lächeln auf seinen Gesicht als ihr Blick den seinen traf war ehrlich, aufrichtig, ein seltenes Lächeln, das Seras kurz den Atem verschlug und sie ihre Wut vergessen ließ.
Er erhob sich von seinem Stuhl und Seras blickte überrascht auf als er zu ihr ans Bett trat. Sein Körper thronte über ihrem, sein riesiger Schatten schien sie zu verschlingen, gab ihr erneut das Gefühl ihm in hundert Jahren nicht gewachsen sein zu können, ehe er sich zu ihr niederkniete. Ihre Augen weiteten sich etwas. Ihr Meister, dieser mächtige Mann kniete tatsächlich vor ihr auf den Boden und blickte ihr unter gesenkten Augenlidern direkt in die Augen. Er nahm ihre ungeschickten, leicht zitternden Hände – wieso zitterten ihre Hände? - in seine und zog sie von den Schuhen, ehe er sie selber mit nur wenigen, präzisen Handgriffen verschloss ohne den Blickontakt dabei zu unterbrechen.
Sie war absolut verloren und ihr fehlten jegliche Worte, kein klarer Gedanke wollte sich in ihrem Kopf kristallisieren. Sie benahm sich wie ein Schulmädchen, sie spürte das gestohlene Blut in ihren Ohren rauschen und sie wusste, dass ihr Herz ihr aus der Brust gesprungen wäre, wenn sie noch am leben wäre. Sie verstand es nicht ganz. Sie hatte sich vor dreißig Jahren so verhalten, unerfahren, naiv, dumm und hilfsbedürftig, aber sie war in all dieser Zeit gereift und erwachsen geworden. Das hatte sie jedenfalls gedacht. Alucard schien die verunsicherte und nervöse Seite in ihr zum Vorschein zu bringen, mit einem einfachen Blick und einer leichten Berührung.
Alucards Mundwinkel verzogen sich zu einem leichten Grinsen, seine Hand rutschte von ihren Knöchel über ihre Wade, hinauf zu ihrem Knie. Seras Augen weiteten sich etwas und sie wurde aus ihren verwirrten Gedanken gerissen, als sie seine Hand über ihre Haut streichen spürte. "Was tust du da?"
Alucard schüttelte den Kopf, beinahe so als wollte er sagen "Aber, Aber, Fräulein Polizistin" und ließ seine Hand weiter nach oben wandern. Seras war kurz davor an die Decke zu springen, als Alucards Hand unter ihr Kleid ruschte, aber seine andere Hand hatte sich fest auf ihr anderes Knie gelegt und hinderte sie an ihrer Flucht. Ihre Augen waren weit, wie die eines aufgescheuchten Rehs und sie war unglaublich schockiert und erschrocken. Was tat ihr Meister da?
Sie spürte seine Finger kurz über die nackte zarte Haut ihres Innenschenkels streichen, ehe sie ein ungewohntes Gefühl spürte, irgendetwas wandte sich um ihren Oberschenkel und zog sich unter Alucards Fingern zusammen, wie ein festes Band. Seine Hände verschwanden von ihren Beinen und irritiert blickte sie auf ihren Oberschenkel hinab. Ihr Kleid war weit hochgeschoben, zeigte viel von ihren langen, schlanken Beinen und an der Stelle wo vor kurzem noch Alucards Finger waren befand sich nun ein schlichter, schwarzer Pistolenholster.
Sie hatte sich wie ein verdammtes Schulmädchen benommen und gedacht, dass Alucard sie unsittlich berührte obwohl er nur an die Arbeit gedacht hatte – Sie hätte sich in diesem Augenblick am liebsten in ihrem Sarg versteckt, mal wieder, nur mit dem Unterschied, dass sie dieses Mal bestimmt nicht mehr herauskommen würde.
Alucard schien diesen Gedanken gehört zu haben, denn er lachte kurz, ein Geräusch, das Seras das Blut in ihre Wangen schießen ließ. Wenn sie noch mehr Beweise brauchte, dass Alucard so gar nicht an ihr interessiert war, hier hatte sie einen wirklich handfesten.
Aber musste er sie dabei so viel berühren? Und wie er sie angesehen hatte... Unsicher blickte sie von dem Holster an ihrem Schenkel zu ihrem Meister auf. Er thronte immer noch über ihr, sein übliches Markenzeichen Grinsen auf seinen Lippen, aber seine Augen wiesen eine Emotion auf, eine Wärme, die ihr bekannt vorkam. Sie sah wie seine Augen über ihre Brüste huschten, hinauf zu ihren Lippen, die sie fest zusammen gepresst hatte, über ihre geröteten Wangen. Ehe Seras dem Ausdruck in seinem Gesicht einen Namen geben konnte war der Moment vorbei und er fing an sich vor ihren Augen in Schatten aufzulösen.
"Du siehst bezaubernd aus."
Sein breites Grinsen war das letzte was verschwand, ließ Seras erneut alleine in ihren eigenen vier Wänden mit einem Knoten in ihrem Magen und ihrem Hals. Sie ließ einen zittrigen Atemzug aus, von dem sie nicht gemerkt hatte, dass sie ihn gehalten hatte und schloss ihre Augen, versuchte zu zählen um ihre rasenden Gedanken zu beruhigen. Was war das gerade gewesen? Hatte sie sich den Ausdruck in seinen Augen nur eingebildet, hatte er ihr tatsächlich ein Kompliment genacht? Und sein Lächeln? Wieso hatte er sie überhaupt berührt?
Sie stieß ein frustriertes Geräusch aus und erhob sich ruckartig von ihrem Bett. Sie wollte zu ihrem Schreibtisch gehen und die Nachbildung von Alucards Jackal in dem frisch erschaffenen Holster befestigen, hatte aber ihre neuen Schuhe vergessen und stolperte kurz etwas nach vorne, hielt sich an der Wand fest und konnte sich so vor einem Sturz retten. So viel zu der Leichtfüßigkeit und Grazie eines Vampires.
Sie schaffte es irgendwie sich auf den hohen Absätzen fortzubewegen und befestigte die Jackal II in dem Holster, ehe sie sich den Stoff wieder ordentlich über die Beine zog. Das Kleid fiel locker über ihre Beine und versteckte die Existenz ihrer Waffe gut. Vielleicht war dieses Kleid doch Sir Integras Entscheidung gewesen, in dieser einen Hinsicht erfüllte es auf jeden Fall seinen Zweck.
Sie entschied sich in dem Moment, an dem es an ihrer Tür klopfte dazu, ihre Gedanken später zu ordnen. Dieser Ball diente nicht dem höheren Zweck, sie zu quälen, es war schlicht und ergreifend ihr Job. Sie war dort um die Menschen zu beschützen und vielleicht etwas über diese Vampire herauszufinden. Sie packte das Verhalten ihres Meisters in ihren Hinterkopf, gewillt sich später näher damit auseinander zu setzen, auch wenn sie bezweifelte, dass sie zu einem befriedigenden Ergebnis kommen würde.
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Ich werde versuchen die Kapitel im Wochentakt hochzuladen, 2 weitere Kapitel hab ich noch. Auf fanfiktion . de unter dem Autornamen "Athanasia" habe ich früher angefangen hochzuladen und poste Ende der Woche das 4. Kapitel, wer es also wirklich kaum erwarten kann, kann dort weiterlesen (:
Danke für die Favoriteneinträge und das Review, habe mich sehr gefreut.
