A/N Hier das erste Kapitel, hoffentlich gefällt's!
1. Willkommene Ablenkung
Ginny kauerte unter einem protzigen Erdgeschossfenster von Malfoy Manor. Das Bogenfenster hatte einen filigranen weißen Rahmen, der die Glasfläche in acht Rechtecke und einen Halbkreis unterteilte und einen halben Meter über dem Boden endete. Die Sonne glitzerte im dünnen Kristallglas und Ginny hatte nicht wenig Lust, einen Stein aufzuheben und es einzuschlagen. Doch das würde zuviel Lärm machen. Und war nicht ihr Stil.
Sie lächelte grimmig in sich hinein. Harry hatte ihr gesagt, sie brauchte eine Beschäftigung. Was für eine Beschäftigung das sein sollte, hatte er nicht erwähnt. Einbrüche waren eine Beschäftigung. Und eine willkommene Ablenkung.
Die junge Frau hatte in ihrem Bemühen unbemerkt zu bleiben, die winzige Buchsbaumhecke zerfleddert, die sicher irgendein französischer Landschaftsarchitekt vor der Fensterreihe angelegt hatte, doch eigentlich hatte ihr Einbruch weder von ihr noch von dem alten Manor Opfer gefordert.
Es war überraschend leicht gewesen. Und leichtsinnig.
Sie war vom Fuchsbau, in dem sie eh niemand vermisste, vor die Mauer des Manors appariert und hatte dort im Gebüsch versteckt auf die Ankunft ihres Vaters und der Auroren gewartet. Ihr Plan war simpel und setzte auf die Ignoranz der Malfoys. Sie hatte angenommen, dass die Alarm- und Sicherheitszauber des Manors ausschließlich auf Eindringlinge mit magischen Fähigkeiten ausgerichtet waren, denn die Umgebung von Malfoy Manor war ohnehin schon mit den besten Muggelabwehrzaubern ausgestattet worden.
Ginny ging davon aus, dass die Malfoys die Gefahr eines Einbrechers ohne Zauberei als absurd eingestuft und daher nicht berücksichtigt hatten.
Also hatte sie auf eine Desillusionierung verzichtet, unauffällige und bequeme Kleidung angezogen, ein Seil mitgenommen und sich eine verborgene Stelle vor der Mauer gesucht. Sie hatte das Seil über einen hohen Ast nahe der Mauer geworfen und sich dann nach einigen Anläufen daran hinüber gezogen. Das neue Loch in ihrem Hosenbein hatte sie einer scharfen Ziegelsteinkante zu verdanken.
Dass sie jetzt zwar auf das Gelände, aber nicht in das Haus selber gelangt war, hatte sie einer besonderen Sicherheitsmaßnahme zu verdanken. Um ganz und gar als Muggel durchzugehen, musste sie ihren Zauberstab auf der anderen Seite der Mauer zurücklassen.
Zauberstabdetektoren gehörten zu den ältesten und effektivsten Sicherheitszaubern, die der Zaubererschaft zur Verfügung standen. Sie hatte zwar jedesmal, wenn sie sich von ihrem Zauberstab (zehn Zoll, Birke, Einhornschweif, dachte sie liebevoll) trennte, das Gefühl einen Arm zu verlieren, doch sie tat, was nötig war. Keine halben Sachen. Und ein unnötiges Risiko einzugehen, hatte sie nicht vor.
Ihr Problem lag nun darin, sich auf Muggelart Zutritt zum Haus zu verschaffen. George hätte damit keine Schwierigkeiten gehabt, aber sie hatte das alohomorafreie Schlösserknacken nie gelernt.
Schon fast das ganze Haus hatte sie in seinen enormen Ausmaßen auf der Suche nach einem offenen Fenster umrundet und keines gefunden. Die Dienstboteneingänge, das zweiflügelige Vordertor und die kristallverglaste Terrassentür waren ebenso verschlossen oder im Falle des Haupteinganges zu weit sichtbar gewesen. Ginny weigerte sich jedoch noch, ihre Aktion als Fehlschlag abzutun.
Aufgeben kam nicht in Frage. Sie war schließlich gekommen, um mit eigenen Augen den endgültigen Sieg über die Malfoys zu beobachten und ein wenig von dem Hochgefühl zu erleben, das Kriegsgewinner eigentlich haben sollten.
Wo war die Genugtuung, die Erleichterung, der Stolz und die Zuversicht? Sie vermisste beinahe die Zeit, in der sich die Zaubererwelt auf die Schlacht vorbereitet hatte. Jetzt nach ihrem Sieg schien das Leben in einer tiefen Melancholie zu stecken, aus der es für niemanden ein Entrinnen gab und die niemand in Worte fassen konnte.
Abgesehen davon genoss sie das Adrenalin in ihrem Blut und die kristallene Klarheit ihrer Gedanken. Kein Harry, den sie nicht mehr verstand, kein Fred, der fehlte, keine Mutter, die ihre Lebensfreude verloren hatte. Hier gab es nur sie und den Weg vor ihr, die Geräusche um sie herum und den Schatten hinter dem großen Blumenkübel.
Sie huschte um eine weitere Ecke und duckte sich hinter einen Springbrunnen, der auf einem kleinen Kiesplatz stand. Eine vergleichsweise unscheinbare Tür führte von dem Platz ins Haus. Auf der anderen Seite war ein Kiesweg in einen großzügigen, dichten Rosengarten angelegt.
Ginny sah sich um und als sie sich vergewissert hatte, dass auch die Zimmer hinter den zum Springbrunnen schauenden Fenstern verlassen schienen, rannte sie in gebückter Haltung zur Tür hinüber.
Der Kies knirschte unangenehm unter ihren Füßen, doch das Gelände des Manors blieb so leer wie vorher.
Sie erreichte die Tür und hockte sich hin, sodass sie durch die kleinen Türfenster nicht zu sehen war. Sie drückte ihr Ohr gegen das Holz und lauschte. Was hätte sie jetzt für ein Langziehohr gegeben.
Es war kein Geräusch auszumachen, also hob sie eine Hand und zog die Klinke vorsichtig herab.
Die Tür war verschlossen.
Sie versuchte es noch einmal vergeblich, da ertönte nicht weit von ihr ein durchdringend quietschender Schrei.
Ginny schrak hoch und griff aus Reflex nach ihrem Zauberstab. Sie erstarrte in der sinnlosen Bewegung und überrascht starrte sie das Wesen vor sich an.
Vor ihr stand majestätisch ein weißer Pfau und beäugte sie argwöhnisch.
Vor Erleichterung hätte sie fast laut aufgelacht. Da der Pfau keine Anstalten machte, sie anzugreifen, drehte sie sich mit noch immer stark pochendem Herzen wieder um, um wenigstens durch die Türfenster noch einen Blick in die ihr verwehrten Räume zu werfen.
Der zweite Schreck, der sie nur Augenblicke nach dem ersten erwischte, war ungleich größer.
Hinter der Tür lag ein schmaler Flur, auf den mehrere Türen führten. Die Tür am Ende des Ganges wurde grade geöffnet.
Ginny suchte hastig nach einem Versteck. Der Springbrunnen würde sie nicht schützen, falls die Person aus dem Haus kommen sollte.
Also der Rosengarten. Sie rannte gebückt an der Hauswand entlang, bis sie die Kiesfläche verlassen hatte. Auf dem Rasen war sie weniger zu hören. Sie übersprang eine weitere Buchsbaumhecke und erreichte die erste Reihe Rosen.
Die hellrosa Buschrosen reichten ihr nur bis zur Hüfte. Um bis zu den hohen und dichten Kletterrosen zu kommen, fehlte ihr die Zeit. Sie ließ sich kurzerhand hinter die niedrigen Rosen fallen.
Wie es schien, grade rechtzeitig, denn von ihrem Liegeplatz aus konnte sie unter den Büschen hinweg beobachten, wie sich die Tür zu dem Platz öffnete und zwei unaufdringlich elegante, schwarze Herrenschuhe aus dem Haus traten. In den Schuhen steckten dunkelblau bejeanste Beine, die nun mit langen Schritten zu dem Brunnen gingen, dort einen Moment verharrten und, als plötzlich eine leise plätschernde Melodie erklang, weiter den Kiesweg hinab liefen, kurz darauf für ihren Geschmack zu nah Ginnys Versteck passierten und tiefer im Rosengarten verschwanden. Die staksigen Vogelbeine des Pfaus trippelten in Ginnys Sichtfeld, zogen seine weißen Prunkfedern hinter sich her und folgten dem Menschen in das Labyrinth aus blühenden Sträuchern.
Ginny hörte das Knirschen des Kieses leiser werden, wartete noch einen Moment und stand dann langsam wieder auf. Sie schaute sich vorsichtig um, bevor sie zur Tür zurück schlich. Der Quelle, der noch immer spielenden Musik, warf sie im Vorbeihuschen einen Blick zu und war erstaunt, als sie ein kleines magisches Kunststück erblickte.
Der Besitzer der beiden Beine hatte die Fontäne des Brunnens verzaubert, sodass sie deutlich voneinander abgesetzte Tropfen in unterschiedlichen Größen bildete, die in verschiedenen Mustern und Abfolgen auf die glatte Wasseroberfläche des Auffangbeckens fielen. Jeder Aufschlag produzierte einen anderen Ton und gemeinsam ergaben sie eine überraschend abwechslungsreiche natürliche Symphonie.
Das Mädchen konnte es sich jedoch nicht leisten, dem Spiel der Tropfen weiterzuzusehen. Sie hielt nicht an. Als sie diesmal die Klinke herabdrückte, öffnete sich der Eingang sofort.
Sie sah noch einmal zum Rosengarten zurück. Sie war zwar nicht vollkommen sicher, aber sie hatte das Gefühl, dass es Draco Malfoys Beine gewesen waren, die in dem Garten verschwunden waren. Ihre Neugier zog sie dazu, ihm zu folgen und herauszufinden, was er tat.
Doch dazu war sie nicht hergekommen. Die Chance, in das Haus der Malfoys zu gelangen, konnte sie sich einfach nicht entgehen lassen.
Sie trat durch die Tür und schloss sie mit einem aufgeregten Trommeln in ihrer Brust hinter sich.
Wie sie feststellte, befand sie sich in einem verlassenen und scheinbar unbenutzten Teil des Hauses, den sie schnell erkundet hatte. Sie sah in ein Zimmer nach dem anderen, doch in keinem fand sie auch nur das kleinste Anzeichen, dass es bewohnt sein könnte. Keine persönlichen Gegenstände in den Regalen, nichtssagende Stillleben an den Wänden, alles penibel sauber und ordentlich gehalten. Schon nach kurzer Zeit suchte sie nach einem Weg aus dieser stillen Anonymität und trat durch die Tür am Ende des Ganges, die die Person offen stehen gelassen hatte.
Nachdem sie eine schmale Treppe hinaufgestiegen war, bemerkte sie erste Veränderungen. Die Teppiche wurden zunehmend dicker, die Möbel dunkler, die Decke war mit schwerem Stuck verziert und die Bilder enthielten nun auch Porträts von schönen, blassen, schmallippigen Frauen und Männern, die aus stahlblauen Augen auf sie herabsahen.
Vor jeder Biegung verharrte Ginny lauschend und neben einer reich beschnitzten Vitrine, die verschiedene Jagdtrophäen ausstellte, machte sie eine Stimme aus. Sie spähte um die Ecke und hörte eine weibliche Stimme aus einer Tür zu ihrer Linken rufen: "Mitch sollte sich mal den Garten vornehmen, wenn er unten fertig ist. Wer weiß, welche Leichen da vergraben sind."
Ein Mann antwortete aus dem Zimmer schräg gegenüber: "Ja, du hast Recht. Vor allem da der Kerker leer war."
Ginny schob sich vorwärts und sah in den Raum mit dem Mann. Es handelte sich um ein Arbeitszimmer, in dem ein junger Zauberer damit beschäftigt war, verschiedene Akten in Kisten zu verstauen.
Sie huschte weiter, als die Frau fragte: "Was macht Arthur eigentlich?"
Das Mädchen schaute auch in ihren Raum und war überrascht, ein Zaubertränkelabor zu sehen, in dem eine rundliche Hexe mit Drachenlederhandschuhen Gebräue untersuchte und Proben abfüllte.
"Hat das Versteck unter der Terrasse ausgehoben und vernimmt Narzissa grade im Saal. Wirklich sehr fleißig, im Moment."
Zu fleißig, dachte Ginny bitter und schlich zum Ende des Ganges, auf eine Gallerie hinaus und eine breite Treppe hinab. Sie war jetzt im Foyer angekommen und aus einer großen zweiflügeligen Tür hörte sie die Stimme ihres Vaters.
"- wenn Sie sich kooperativ zeigen, Mrs Malfoy."
Ginny trat näher. Von einem versteckten Punkt hinter einem Türflügel, sah sie durch den Spalt zwischen Tür und Rahmen hindurch den Rücken ihres Vaters, der an einer großen Tafel gegenüber von Narcissa Malfoy saß. Ihre Haltung war kerzengrade, ihr Haar zu einem perfekten, eleganten Knoten hochgesteckt und sie war in ein nebensächlich edles Kostüm gekleidet, das ihre Schultern spitz wirken ließ.
Arthur wirkte dagegen in seinem abgetragenen Umhang und seiner müden Haltung sehr schäbig, doch seine Stimme war die autoritäre Stimme eines Ordensmitglieds, die Ginny aus Krisensituationen kannte, in denen er sich als starkes Familienoberhaupt bewiesen hatte.
Die Frau starrte ihn aus ihren dunklen Augen heraus an, doch Ginny sah an ihr eindeutige Zeichen von Verlust und Entbehrung. Ihre Augen saßen tief in den Höhlen, ihr Blick schien seine Schärfe verloren zu haben und sie spielte nervös mit einer Hand an ihrem Armband.
"Und das bedeutet?" Ihre Stimme war kalt, aber kraftlos und kein bisschen einschüchternd.
"Veritaserum." Arthur winkte zur Seite und ein Zauberer, den Ginny zuvor nicht gesehen hatte, trat vor und stellte eine Phiole klarer Flüssigkeit vor die beiden auf den Tisch.
Narzissa taxierte das Fläschchen mit einem unergründlichen Blick. "Ihre Leute stellen gerade mein gesamtes Anwesen auf den Kopf und ich habe nicht protestiert. Ist das nicht Kooperation genug?"
Arthur rührte sich nicht. "Sie, Ihr Sohn und Ihr Mann haben das Dunkle Mal angenommen. Sie können dankbar sein, nicht in Askaban zu sein."
"Mein Mann befindet sich dort." Sie wischte sich mit der Hand eine nicht vorhandene Strähne aus der Stirn.
Arthur lehnte sich vor. "Und Sie wissen sehr genau warum. Er ist ein Mörder und Vergewaltiger. Er hat unzählige Gräueltaten begangen."
Narzissas Blick wanderte für einen winzigen Augenblick an die Decke über der langen Tafel, als hinge dort eine Erinnerung in der Luft. Sie sah ihn wieder an. "Nun ja, mein Sohn und ich nicht."
"Dann schlucken Sie das Veritaserum und beweisen Sie es."
Sie nickte langsam. Der Zauberer, der an der Wand gewartet hatte, trat mit einem Glas Wasser in der Hand vor, das sie in die leicht zitternde Hand nahm.
Arthur ließ zwei Tropfen aus der Phiole hineinfallen, doch bevor sie es an die Lippen setzte, sagte sie: "Lassen Sie bitte Draco da raus."
Arthur schüttelte den Kopf. "Das können wir nicht."
Sie seufzte kaum hörbar und trank das Glas aus.
"Bob, du protokollierst?" Bob schien ein Zeichen von Zustimmung zu machen, denn Arthur wandte sich Narzissa zu und stellte seine erste Frage.
ooOOoo
