Promised

Kapitel 2

Elizabeth erwies sich wie immer als Besonderheit. Sie war kaum an Bord, da weigerte sie sich schon, ihr Quartier in den Mannschaftsunterkünften zu beziehen und pochte darauf, für die Dauer ihres Aufenthalts an Bord in der Kapitänskajüte zu schlafen. In einem richtigen Bett. Er hatte nichts anderes von ihr erwartet, doch das Wiedersehen wurde dadurch nicht gerade leichter für ihn. Egal wie viel Zeit verging, sie schaffte es mühelos, ihn um den Finger zu wickeln.

Zwei Stunden später stand er höchstselbst mit grimmigem Blick am Steuer seines Flaggschiffes und scheuchte jeden herum, der ihm in die Quere kam. Jack, dem Affen, der auf seiner Schulter saß, wurde es bald zu viel und er sprang davon.

Abgesehen von einer sanften Brise, die sein kochendes Blut etwas zu kühlen vermochte, war die See bis zur Mittagszeit ungewöhnlich ruhig. Während er beständig in seine Gedanken versunken auf die Weite des Meers hinaus starrte, gingen die Männer auf dem Schiff ihrer Arbeit nach, um ihre Ruhe vor ihm zu haben. Manche singend und voller Abenteuerlust, andere stumm und in sich gekehrt. Er kannte jede einzelne dieser Facetten und liebte das dazugehörige Leben mit dem strengen Geruch nach Schweiß, Salz und faulendem Fisch. Viel zu selten ging er an Land; nicht einmal mehr, um der nächtlichen Einsamkeit in seinem sanft schaukelnden Bett zu entfliehen. Er hatte wohl die eine oder andere Frau um sich gehabt, doch zumeist war es nur unbedeutendes Geplänkel gewesen. Für einen Mann seines Schlags gab es nichts Erquicklicheres als die Befehlsgewalt über seine Flotte, das Steuer fest in den eigenen Händen haltend. Die Einzige, die ihm etwas bedeutet hatte, war vor langer Zeit gestorben. Mit ihr auch seine Bindung zum Land.

Als Elizabeth etwas später in die flirrende Sonne hinaustrat, hatte sie ihr Kleid gegen ein locker sitzendes Hemd und eine weite Hose getauscht. Auf dem Kopf trug sie seinen Lieblingshut, den er nurmehr zu besonderen Anlässen herausholte, da er sichtbar in die Jahre gekommen war. Abgerundet wurde ihr Anblick von einem breiten schwarzen Gürtel mit ausladender Silberschnalle, in den sie eine Pistole und einen Krummsäbel gesteckt hatte – alles entstammte großzügig seinem persönlichen Besitz. Er fand ihren Auftritt amüsant und belächelte sie ohne ein Wort zu sagen. Elizabeth stellte sich breitbeinig neben ihn und stemmte die Hände in die Hüften.

„Kein Vortrag diesmal, Barbossa?"

„Nein, Ma'am. Nicht, wenn Ihr Euch beharrlich weigert, meine Ratschläge anzunehmen. Oder habt Ihr geglaubt, ich würde Euretwegen meinen Atem verschwenden?", erwiderte er von der Seite her, sich dessen wohl bewusst, dass sie ihn nicht aus den Augen ließ.

Sie beugte sich lasziv zu ihm hinüber. „Ihr habt meinetwegen schon ganz andere Dinge getan, wenn ich Euch daran erinnern darf", zischte sie unvermutet heftig in sein Ohr.

„Aye. Aber das ist lange her."

Mit spitzen Fingern zupfte sie ein Haar des Affen vom Ärmel seines makellosen Gewands, das ein unübersehbares Zeichen seines Wohlstands war. „Tut Ihr mir einen Gefallen, Hektor, und tragt heute Abend beim Bankett nicht diese scheußliche Perücke, die ich in Eurem Gemach gefunden habe?"

„Ihr solltet weniger durch meine Sachen stöbern, wenn Euch meine Gastfreundschaft am Herzen liegt", gab er steif von sich, das Steuer in den Händen noch fester umfassend, so dass sich die Muskeln in seinen Armen zum Zerreißen spannten. Ihm war, als hätte man ihn vor den Kopf gestoßen. All die Gefahren, die er auf sich genommen hatte, um der Armut zu entfliehen, schienen sie nicht im Mindesten zu beeindrucken. „Die Kleider, die Ihr am Leib tragt, gehören ganz und gar mir, das Festmahl, das Ihr Euch wünscht, wird Euch gewiss nicht enttäuschen. Auch wollt Ihr, dass ich Euch mein Bett zur Verfügung stelle, nicht wahr? Ihr könnt es haben. Doch seid gewarnt, jede Gefälligkeit an Bord verlangt nach einem Tribut."

„Gewiss. Ich will nur vorbereitet sein", sagte sie mit Bedauern in der Stimme. Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen fügte sie schnell an: „Es ist wahr, ich komme zu Euch mit nichts als Forderungen. Eure Freundschaft bedeutet mir viel, Hector. Die Perücke, sie erinnert mich voller Schmerz an meinen Vater und die Zeit, zu der ich Euch das erste Mal sah. Ich habe ihn sehr geliebt, aber nichts kann ihn zu mir zurückholen. Erst recht nicht, wenn ich Euch in den Gewändern eines Edelmanns vor mir sehe, obwohl Ihr im Inneren ganz anders seid als er."

„Und was wäre ich in Euren Augen, legte ich sie ab?", fragte er in seiner aufkommenden Erregung, der er sich nicht erwehren konnte.

„Es war nie meine Absicht, Euch zu kränken. Noch, Euch Hoffnungen zu machen, die über meine freundschaftlichen Gefühle hinausgehen."

Die Unterhaltung endete abrupt, was ihm sehr gelegen kam. Alter Narr. Die Anspielung auf sein Äußeres trug keineswegs dazu bei, dass er sich geschmeichelt fühlte. Ihr hervorragendes Gedächtnis irritierte ihn. Hatte er wirklich geglaubt, es würde diesmal einfacher werden?

Seine Grübelei wurde auch nicht besser, als sie den Posten neben ihm verließ und aus seinem Blickfeld verschwand. Keine zehn Minuten später stolzierte sie auf dem Deck auf und ab und verdrehte den Männern mit ihrem weiblichen Gang einem nach dem anderen den Kopf. Erst gegen Abend hatte sich sein erhitztes Gemüt soweit beruhigt, dass er sich eingestehen konnte, wie sehr er sich an ihre Besuche gewöhnt hatte. In Wahrheit sehnte er sich jeden Tag danach, sie wiederzusehen und sie in seiner Nähe zu haben. Warum ihr also nicht geben, was sie wollte? Ohne sie zu sein, war auch nicht besser, als ihre Launen und ihre ständigen Zurückweisungen ertragen zu müssen.