So, endlich das zweite Chapter. Mit eins meiner Lieblinge. Hoffe es gefällt euch.


Part II
Lost

I'm about to lose my mind.
You've been gone for so long.
Time's running out.

„Er tut was?", fragte Abby geschockt und weinerlich als Gibbs sie über Tonys Zustand informierte. „Er liegt im Koma", sagte Gibbs erneut und umarmte Abby. Sie zitterte und schluchzte. „Nein... nein", murmelte sie. Ziva vermied den Blick auf Abby. Sie wollte aufstehen, aber McGee kam zurück und reichte ihr einen Kaffee. „Bestimmt nicht so gut, aber er wird seinen Zweck erfüllen", flüsterte der MIT-Absolvent. Ziva nahm dankend den Becher und hielt ihn in ihren Händen. McGee brachte Gibbs noch einen Kaffee, sogar Abby.

Ducky tauchte in der Tür des Wartezimmers auf und sah zu Gibbs. „Wie geht es Anthony?", fragte er und setzte sich neben seinen langjährigen Freund. Gibbs ließ von Abby ab, die sich an McGee wandte. „Lass uns raus gehen", sagte Gibbs und verließ zusammen mit Ducky das Wartezimmer. Er wollte es nicht nochmal sagen, wenn Abby dabei war. „Also?", fragte Ducky besorgt. „Er hat viel Blut verloren. Die Ärzte haben bei der OP eine Kugel aus seinem Ellbogen und eine aus seinem Knie entfernt. Eine Platzwunde knapp über dem Auge und eine am Hinterkopf. Dazu kommen noch Verbrennungen, Prellungen und Schrammen oder Kratzer. Er war nur kurz wach, dann ist er ins Koma gefallen", erklärte Gibbs. Ducky sah ihn geschockt an. „Der arme Junge", sagte er.


Er vernahm keine Geräusche. Um ihn herum war alles schwarz. Ihm war kalt und immer wieder strömten erschreckende Bilder auf ihn ein. Doch er konnte mit ihnen nichts anfangen. Er konnte die verschwommenen Szenen nicht zuordnen, die Personen auch nicht. Er fragte sich wo er war. Er fragte sich, ob er überhaupt noch lebte.


Die Tage vergingen ohne ein Zeichen darauf, dass Tony aufwachte. Nun war es schon fast drei Wochen her. Gibbs saß so gut wie jeden Tag an seinem Bett. Er wollte der erste sein, den Tony sah, wenn er aufwachte. Doch mittlerweile... Zwei Tage nachdem sie Tony gerettet hatten, hatte er DiNozzos Vater angerufen. Die Nachricht, dass sein Sohn im Koma lag, hatte ihn merklich geschockt und er war sofort nach DC gekommen. Eine Woche war er geblieben, dann war er zurück nach New York geflogen.

Gibbs trank an diesem Nachmittag nun schon seinen zweiten Kaffee innerhalb von eineinhalb Stunden und sah aus dem Fenster des Zimmers auf der ITS. Er wollte nicht mehr beobachten wie sich die Brust seines Agents im steten Rhythmus hob und senkte. Und er hätte fast alles dafür getan, damit er dieses nervtötende Piepen der Geräte nicht mehr zu hören bräuchte. Er ertrug es nicht und fragte sich einmal mehr, wieso er sich das dann antat. Seine Gedanken wanderten. Er dachte daran, was wäre, wenn Tony jetzt plötzlich aufwachen würde. Allerdings dachte er auch daran, was wäre, wenn er dies nie wieder tat...

Gibbs schüttelte den Kopf und nahm einen kräftigen Schluck seines Kaffees. Daran wollte er jetzt nicht denken. Er stand auf und trat an das Fenster. Draußen regnete es und der Regen lief die Glasscheibe hinunter. Gibbs konnte alles jenseits des Fensters kaum erkennen. Der Regen war wie ein seidener Schleier. Gibbs seufzte und drehte sich um. So hatte er Tony nie gesehen. Das einzige, was in etwa an diesen Anblick herankam, war Tony als er sich vor Jahren die Lungenpest eingefangen hatte. Doch es war auf keinen Fall das Gleiche.

Gibbs seufzte und nahm erneut einen kräftigen Schluck seines Kaffees. Er schloss einen Moment wieder die Augen und als er sie wieder öffnete, entschloss er sich, etwas zu tun, was er selten tat. Er fing an, mit seinem Freund und Kollegen zu reden. „Tony, ich bitte dich – und du weißt, dass das schon selten vorkommt – wach wieder auf! Es ist schon viel zu lange her... Bitte las mich nicht den Glauben an dein Erwachen verlieren... Ohne dich..." Doch weiter kam er nicht. Er konnte das nicht. Das war absurd! Als würde Tony ihn hören können. Er lag seit gut drei Wochen im Koma. Keine Anzeichen auf Besserung. Keine Zeichen...

Gibbs warf seinen Kaffeebecher in den Mülleimer und verließ das Zimmer. Niedergeschlagen. Verzweifelt. Seelisch stand er an einer Schlucht, die scheinbar unendlich tief war und so dunkel wie der Tod selbst. Er stand an ihrem Rand und sah darüber. Die andere Seite der Schlucht schien meilenweit entfernt, war kaum zu sehen, ebenso wie ihr Boden. Er stand am Rand dieser Schlucht und wusste, er stand am Rand der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung. Tat er jetzt einen Schritt... er würde unaufhaltsam fallen.


So wirklich war sie nicht bei der Sache. Sie versuchte, ihre Arbeit gewissenhaft, konzentriert und ordentlich zu erledigen. Doch ihr Gewissen war beeinträchtigt – durch Schuldgefühle, welche sie sich nicht erklären konnte. Ihre Konzentration wurde dadurch erheblich gestört, weil sie an etwas grundverschiedenes dachte. Und das hatte zu Folge, dass sie nicht ordentlich arbeitete. Die „Ordnung" wurde gänzlich von ihren Schuldgefühlen und ihren Gedanken an ihn niedergedrückt. So konnten Fehler passieren, und das durften sie nicht.

Sie legte den Kugelschreiber beiseite und fuhr sich durch ihr langes braunes Haar. Sie war müde – und wusste nicht, warum. Sie schlug die Akte zu und stand auf. Mit der Akte in der Hand ging sie zu McGees Tisch und legte die Akte vor ihn hin. Er blickte auf und sie verwirrt an. Er erkannte die Müdigkeit in ihren Augen, die ihren Glanz seit langem verloren hatten. Er sagte nichts, nickte nur und fing damit an, die Akte zu bearbeiten. Sie setzte sich zurück an ihren Tisch. Starr sah sie zu Tonys leerem Platz und Tränen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche. Nein, dachte sie und wischte die salzigen Tropfen wieder weg. Ich werde nicht weinen.

Das wohlbekannte 'Pling' des Fahrstuhls erklang und sie drehte ihren Kopf. Fast hoffte sie, Tony zu sehen. Als sie Gibbs sah, hoffte sie, er würde lächeln, weil es gute Nachrichten gab. Doch als sie seinen Gesichtsausdruck erkannte, da fand sie ihre Hände auf einmal sehr interessant. Sie stellte nicht mehr die Frage: „Wie geht es Tony?" Sie kannte die Antwort schon. Und an jedem Tag, an dem Gibbs mit einem müden und trübseligen Blick das Büro betrat, schwand ihre Hoffnung, dass sie jemals gute Nachrichten hören würde.

Ich hätte ihn aufhalten sollen, als ich es konnte. Ist es meine Schuld? Bin ich daran schuld, dass er jetzt mehr tot als lebendig ist? Aber ich habe ihn doch gewarnt! Er wollte nicht hören! Ist es dann nur zum Teil meine Schuld? Ich habe ihn gewarnt. Und als er nicht auf mich hörte, hätte ich ihn nicht aufhalten sollen? Wieso habe ich es nicht getan?! Ich bin mit schuldig. Wenn ich ihn aufgehalten hätte... Wenn ich ihn davon abgehalten hätte, weiteren Schaden anzurichten... Vielleicht wäre er dann... Vielleicht wäre dann...

„Ziva?" Gibbs sah sie besorgt an. Ihr Blick wanderte zu seinen blauen Augen. „Alles in Ordnung. Ich geh mir einen Kaffee holen", sagte sie, stand auf und ging. Gibbs sah ihr nach, wissend, was sie beschäftigte. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte vor sich hin. McGee, der wohl der einzige war, der im Team noch richtig arbeiten konnte, sah kurz zu Gibbs, dann arbeitete er weiter.

Er vermied jeglichen Gedanken an Tony. In den drei Wochen hatte er ihn zwei Mal besucht, beide Male nicht länger als fünf Minuten. Es war nicht so, dass er, wie Abby, schon fast um seinen Freund und Kollegen trauerte. Er konnte nur einfach den Anblick nicht sehr viel länger ertragen. Wenn Gibbs von DiNozzos Zustand berichtet hatte, mittlerweile tat und brauchte er das nicht mehr, so hatte McGee stets weg gehört. Er hatte das nicht hören wollen, wollte es noch immer nicht.


Er konnte an nichts anderes mehr denken als an seinen einzigen Sohn. Er befürchtete, ihn zu überleben. Welcher Vater wollte seinen Sohn überleben? Keiner! Er hoffte, betete, flehte, dass sein Junge aufwachen würde, gesund und wieder ganz der alte sein würde. Er wollte nicht wieder nach Washington. Er wusste, dass sich nichts am Zustand Tonys geändert hatte. Gibbs hatte ihn oft angerufen.

Nun, er saß im Esszimmer und starrte auf das saftige Steak vor ihm auf dem Teller. Der Appetit war ihm vergangen. Er nahm einen Schluck vom Rotwein, der in einem Glas neben dem Teller vor sich hin schimmerte. Zwar mochte er diesen Wein, er zählte zu seinen Lieblingsweinen, doch er konnte ihn einfach nicht richtig genießen. Schließlich gab er auf, schob den Teller von sich weg, stand auf und ging in sein Arbeitszimmer. Das Weinglas nahm er mit.


Nicht ihre Musik. Kein Caf-Pow. Im Hintergrund lief leise Jazzmusik, die die Atmosphäre in ihrem Reich wohl perfekt untermalte. Trüb, traurig – kurz gesagt: zum Heulen! Sie saß in einer Ecke, die Knie ran gezogen, und drückte Bert das Nilpferd fest an sich und es gab ein Geräusch von sich. Sie schluchzte. Die Tränen hielt sie mit Mühe – sehr viel Mühe – zurück. Sie arbeitete nur, wenn es unbedingt sein musste. Und dann war sie nicht mit ihrem ganzen Herzen bei der Sache. Sie hatte es wohl am Schlimmsten getroffen. Abby flüchtete sich in ihre eigene Welt, um dem Schmerz der Realität zu entkommen. Sie hoffte einfach, dass alles wieder gut werden würde.


Ich würde mich sehr über Feedback freuen!

~ Monty