„Hallo Süßer, du bist aber spät dran. War noch soviel los in der Firma?", wollte Lisa von ihrem Mann wissen, als dieser das gemeinsame Haus am Berliner Stadtrand betrat. „Nein, nein", winkte Rokko ab, bevor er seiner Ehefrau einen Begrüßungskuss gab. „Ich war sogar schon mal hier, nur um festzustellen, dass mein Laptop ne Meise hat. Ich war noch schnell bei Jürgen." – „Aber der wollte doch…" – „Ja, mit Sabrina einen heben gehen und sich erzählen lassen, wie es sich in tausend und einer Nacht so lebt. Aber er war so lieb und hat meinen Rechner kurz zurecht gestrickt." – „Sehr lieb von ihm", schmunzelte Lisa. „Wieder ein Virus?", versuchte sie dann das Computerproblem zu erraten. „Jep", gestand Rokko knapp. „Wenn du mir nicht so vehement verbieten würdest, dir ein Anti-Viren-Programm zu schenken, dann…" – „Nichts dann. Ich lasse mich nicht von Microgestapo tyrannisieren", wiegelte Rokko ab. „Gut, dann nicht. Aber dass du mir ja nie vergisst, dass ich den Computerspezialisten mit in unsere Ehe gebracht habe!", mahnte Lisa gespielt. Rokko seufzte. „Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht so sicher, ob ich wirklich froh darüber bin… Jürgen hat mir da etwas eröffnet… Ist unser Erstgeborene in seinem Zimmer?" – „Der ist bei einem Freund, wollte aber zum Abendessen Zuhause sein. Warum?" – „Weil ich mal mit ihm reden müsste." – „Und worüber?", bohrte Lisa ahnungslos weiter. „Männersache." – „Männersache?", hakte sie nach. „Wie darf ich mir denn das vorstellen?" – „Okay, du hast es nicht anders gewollt, aber wenn du jetzt vor Scham im Boden versinkst, dann gib nicht mir die Schuld: Philip hat sich Pornos im Internet angeguckt." Lisa riss ihre blauen Augen weit auf. „Oh", brachte sie geschockt hervor. „Und was willst du da mit ihm reden?" – „Na Tipps will ich ihm keine geben. Ich möchte ihm einfach nur erklären, wieso… naja… das für ihn so… ach, keine Ahnung… interessant ist, dass er sich für seine Gefühle nicht schämen muss und so. Im direkten Gespräch fällt mir bestimmt eine bessere Herangehensweise ein." – „Wieso musst du denn überhaupt mit ihm darüber reden? Vielleicht gibt sich das von ganz alleine", wiegelte Lisa sichtlich peinlich berührt ab. „Er ist 13, er kommt in die Pubertät, da gibt sich nichts so einfach wieder. Ich will auf gar keinen Fall so prüde sein wie meine eigenen Eltern. Sexualität ist nichts Peinliches und das will ich ihm vermitteln. Ich will, dass er Vertrauen zu mir hat, verstehst du? Er soll einfach wissen, dass er jederzeit zu mir kommen kann, okay?" Rokko machte eine kurze Pause in seinem Redeschwall. Er dachte an das verklemmte Verhältnis zu seinem eigenen Vater. Nein, das würde ihm mit Philip nicht passieren. Das hatte er sich schon an dem Nachmittag vorgenommen, als sein Sohn geboren wurde. Jetzt war also der Ernstfall da und er würde den Super-Vater geben, der er so gerne sein wollte. „Außerdem wäre es für meinen Laptop gesünder", fügte Rokko als letztes Argument hinzu. „Du hast sicher Recht", gestand Lisa. „Und du sollst wissen, dass ich dir sehr, sehr dankbar wäre, wenn du dieses Gespräch führen würdest. Ich übernehme dann später bei Saskia auch alles rund ums Thema Menstruation." – „Ach", winkte Rokko ab. „Tampons oder Monatsbinden zu kaufen, fände ich ja nicht so schlimm, bloß mein Erfahrungsbericht könnte ein bisschen dürftig ausfallen", grinste er seine Frau provokant an. „Mama?", quäkte plötzlich eine Kinderstimme aus dem oberen Geschoss. „Ja?", rief Lisa zurück. „Ist Papa schon da?" – „Ja, Spatz, bin ich", rief Rokko. „Warte, ich komme runter", kam die resolute Anweisung von Saskia. Kurze Zeit später war das Getrappel von Kinderfüßen zu hören. „Ich habe nämlich…", erklärte sie noch auf der Treppe. „… meinem Mathetest wiedergekriegt." – „Den über's kleine Einmaleins, für den wir so viel geübt haben?" – „Ja", bestätigte Saskia. Die Achtjährige stand mittlerweile freudestrahlend vor ihrem Vater. „Und nun gucke mal." Rokko nahm das Heft seiner Tochter entgegen. „Eine Zwei? Eine Zwei!", freute er sich. „Das ist großartig", drückte er seine Tochter an sich. „Siehst du, nicht nur Philip hat dein Mathe-Gen geerbt", grinste er seine Ehefrau an. „Das hast du mir ja noch gar nicht erzählt", schmollte Lisa. „Ich freue mich doch auch, wenn du eine Zwei in Mathe kriegst", wandte sie sich an Saskia. „Weiß ich doch, aber du hättest mir doch die Überraschung verdorben, weil du es Papa gleich erzählt hättest", erklärte Saskia. „Das stimmt natürlich", gab Lisa zu. „Was haltet ihr von einem großen Kakao für jeden? Zur Feier des Tages sozusagen", schlug sie ihren Lieben dann vor.