YamiTai: Es hat lange gedauert, aber ich lebe noch :) Und jetzt gehts auch endlich weiter...
jacobsangel86: Kommt verspätet, aber es kommt, keine Sorge...
Kapitel 1
Rückkehr
Es war Herbst in Mittelerde.
Grau und sturmgepeitscht breitete sich das Meer bis zum Horizont aus. Jede Windböe ließ die Schiffe gefährlich schwanken. Der Sturm hatte die kleine Flotte, bestehend aus vier Schiffen, längst voneinander getrennt. Welle auf Welle spülte über die hellen Holzplanken. Die großen, schneeweißen Segel waren längst eingeholt worden, nachdem der Wind sie zerrissen hatte. Niemand hielt sich noch über Deck auf. Zwei Männer waren bereits verloren gegangen. Man wollte nicht noch mehr Verluste riskieren.
„Wenn der Sturm anhält, werden wir abgetrieben."
„Noch nicht. Noch treibt er uns genau auf Mittelerde zu. In einer Woche werden wir dort sein."
„Und dann, Olórin? Was, wenn es niemanden mehr gibt, der sich an uns erinnert? Niemand wird auf Fremde hören, wenn sie von einer Bedrohung sprechen. Ich glaube nicht daran, dass wir Erfolg haben werden."
„Die Elben werden sich erinnern."
„Wir wissen nicht, ob es noch Elben in Mittelerde gibt.", kam es prompt zurück. „Habt Ihr nicht einen Adler mit einem Brief dorthin geschickt? Es ist keine Antwort zurückgekommen. Glaubt Ihr nicht, dass uns jeder Elb uns geantwortet hätte? Es ist keine Antwort gekommen, also gibt es niemandem mehr, der uns helfen könnte. Unsere Fahrt wird vergeblich sein."
„Ihr malt schwarz, Celeborn.", entgegnete Olórin bestimmt. „Sag mal, Sam, hast du noch etwas von diesem vorzüglichen Pfeifenkraut da?", fragte er dann und wedelte mit eine langen Pfeife den Rauch beiseite. Eine Welle ließ das Schiff bedrohlich schwanken. Vereinzelt ertönten leise Schmerzenslaute, als einige Elben stürzten oder gegen Balken fielen. Olórin schien das alles nicht im Geringsten zu beeindrucken.
„Natürlich, Herr Gandalf… ich finde es nur nicht…", ertönte eine verzweifelte Stimme aus einer dunklen Ecke.
Olórin gluckste leise und schien die teils belustigten, teils missbilligenden Blicke seiner Mitreisenden nicht zur Kenntnis zu nehmen. „Nur keine Umstände, Samweis. Nur keine Hektik. Davon haben wir genug gehabt und werden noch genug haben.", sagte er in weiser Voraussicht. „Na, Frodo, was schaust du so nachdenklich? Mach dir nicht so viele Gedanken."
„Tu ich aber.", widersprach Frodo. „Ich habe mich gefragt, ob wir vielleicht noch einen unserer Gefährten dort treffen werden. Legolas, meine ich. Glaubst du… was glaubst du, Gandalf? Gibt es wirklich keine Elben mehr in Mittelerde? Es waren nur noch so wenige, als wir gegangen sind." Beinahe flehentlich sah er zu dem alten Mann auf.
Dieser lächelte leicht und wiegte abschätzend den Kopf. „Nun, mein lieber Frodo, sagen wir mal so: Die Tawarwaith waren noch einige Hunderte. Sie sind ein zähes Volk, gute Krieger mit guten Führern. Und unser Legolas – ihm traue ich zu, so ziemlich alles zu überleben. Mach dir nicht so viele Gedanken, Frodo. Selbst wenn er nicht mehr leben sollte, werden wir jemanden finden, dem wir vertrauen können. Neue Freunde. Sein möglicher Tod mag vielleicht das Ende des Ringgemeinschaft in Mittelerde bedeuten, aber so wie ich ihn kenne, wird er die Erinnerung daran weiterleben lassen. Ob in Schriften oder Nachfahren, weiß ich nicht – aber die Geschichte wird nicht verloren gegangen sein. Nicht ein zweites Mal. Dessen bin ich mir sicher."
„Dann hoffen wir, dass Eurer Gefühl Euch nicht trügt.", bemerkte Elrond mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ansonsten könnten wir auf Probleme stoßen."
„Probleme gibt es in Mittelerde so oder so. Es kommt nur darauf an, ob wir jemanden haben, der uns bei ihrer Überwindung zur Seite steht. Und das werden wir."
Ithilien.
Es war noch genau so, wie er es in Erinnerung gehabt hatte. Eine hügelige Waldlandschaft mit Bäumen, deren Blätter rotgolden im Sonnenlicht schimmerten. Er war im äußersten Norden des Landes. Wohin nun? Weiter in den Süden? Wenn ihn einer der Elben bemerkte, wäre das sein Tod.
Die Erinnerungen schwanden langsam, wie immer, wenn es Tag war. Wenn die Sonne schien, die Welt verbrannte im Feuer des Laubes… ein wenig Ruhe, ein wenig Vergessen – für einen kleinen Moment, wertvoller als die Jahre zuvor, in denen er die Weiten der Länder nicht zu schätzen gewusst hatte. Doch wenn er jetzt hier stand, die Ebenen leuchtend im Morgenlicht, wurde ihm bewusst, dass es weiterging. Dass er noch am Leben war. Dass es nicht nur Schmerz war, der ihn das wissen ließ. Wenigstens für die wenigen Stunden der schwindenden Herbsttage.
Sogar Genugtuung verspürte er, wenn er hier stand und sah, was vor Jahrtausenden zerstörtes Land gewesen war, jetzt aber wieder lebte und atmete, wie es sein sollte. Sie hatten gesiegt. Ihn hatten sie besiegt. Er hatte diejenigen besiegt, die sein Werk fortführen wollten. Er war entkommen. Er wusste nicht, welcher Tag in welchem Jahr es war. Nur das es Herbst war, das wusste er. Es war aber nicht wichtig. Keine Zeit der Welt kümmerte ihn mehr. Er würde zurückkehren zu denjenigen, die ihn erwarteten, egal wie lange es dauern würde. Vergeltung üben an denen, die ihn verraten hatten, gleichgültig, was der Preis dafür war. Die Jahre und Jahrtausende der Folter hatten ihn hart gemacht, Schmerzen zu etwas Gewöhnlichem werden lassen, das es nicht wert war, ihm Beachtung zu schenken.
Doch nicht jetzt. Jetzt war es an der Zeit, das bisschen Freiheit und Frieden auszuschöpfen, das ihm das Schicksal noch gewährte. Er spürte, stärker als jemals zuvor, dass die Zeit nahte, in der er gebraucht werden würde. Die Flamme begann zu wachsen, verzehrte den letzten Rest an Erinnerung und Schmerz, der ihn noch peinigte, ließ ihn Frieden finden.
Bevor sie wieder begann, die Nacht, wie alle Nächte, in denen die Erinnerungen zurückkehrten. Die Erinnerungen an dunkle, stinkende Zellen, lange Jahre, Jahrhunderte, Ewigkeiten. Zuviel Schmerz, Leiden, die Erinnerung an die schlimmsten Stunden, Tage, Jahre seines Lebens. Seines immer noch währenden Lebens, das niemals enden zu wollen schien. In der Nacht durchlebte er sie wieder und wieder, die Qualen an Körper und Seele, die er erleiden musste, ohne den Grund dafür zu kennen. So sehr er es auch versuchte, er konnte nicht mehr vergessen. Niemals würde er leben können wie zuvor. Es gab zu viele Wunden, die keine Zeit heilen konnte.
„Eines steht fest: Hier gibt es keine Elben mehr.", stellte Círdan mit gemischten Gefühlen klar und sah sich in den Ruinen Mithlonds um. Es war nicht mehr viel von ihnen übrig. „Scheint so, als hätten die Menschen unseren Hafen als Steinbruch benutzt." Er seufzte und betrachtete die wenigen efeuberankten Säulen und Bögen, die noch standen, die einst die Grauen Anfurten gewesen waren. „Aber etwas anderes war wohl nicht zu erwarten. Nun, Olórin – wie geht es weiter?", wandte er sich dann an den alten, in strahlendem Weiß gekleideten Mann, der den Hals eines großen Schimmels streichelte.
„Was denkst du, Schattenfell? Imladris? Nein, vielleicht doch lieber zuerst nach Bree. Wir sollten lieber einmal nachfragen, wie es hier überhaupt aussieht, sonst reisen wir im Ernstfall unserem Verderben entgegen… und vielleicht kann uns jemand sagen, wo wir Elben finden können. Komm, mein Guter. Komm Frodo. Du reitest mit mir. Sam, such dir einen Reiter. Auf geht die Reise."
Celeborn, Elrond und Círdan sahen sich an. „Es scheint, als hätten wir hier nichts mehr zu sagen."
„Macht Euch nichts daraus." Galadriel sah eher amüsiert denn verärgert aus und strich ihrer Stute über die Nase. Lächelnd über die Gesichter der drei Männer saß sie auf und folgte Olórin, der langsam einen schmalen Weg entlang ritt. Einige ihrer Gardisten folgten ihr. Zögernd auch die anderen, bis auf einige, die bei den Schiffen blieben und diese reparierten. Der Sturm hatte mehr Schäden angerichtet als erwartet.
Bree hatte sich nicht viel verändert, obwohl mehrere tausend Jahre vergangen waren. Für Olórin war dies nur ein weiteres Zeichen dafür, dass in Mittelerde etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Kein Dorf blieb eine so lange Zeit über unberührt von Veränderungen. Olórin brummte leise vor sich hin und ging, in einen grauen Umhang gehüllt, die schlammigen Straßen entlang bis zum ‚Tänzelnden Pony'. Wirklich, er konnte auf den ersten Blick keine noch so kleine Veränderung erkennen. Selbst die Gäste im Gasthof schienen genau die selben Gespräche zu führen wie in den Jahrtausenden zuvor. Unmöglich. Und der Wirt schien – genau wie damals – auch jetzt nicht mit übermäßiger Intelligenz gesegnet zu sein.
„Elben? Hab ich schon mal gehört… fragt mal den Waldläufer dort in der Ecke, dann hab' ich den hier raus."
„Werde ich machen. Danke für die Auskunft."
„Elben? Ja, natürlich. Was wollt Ihr wissen? Alles? Meinetwegen. Setzt Euch, es wird eine Weile dauern."
Zwei Stunden später.
„Wir dachten schon, du kommst überhaupt nicht mehr wieder." Sam sah ihn vorwurfsvoll an und rührte in seiner Kartoffelsuppe. „Nicht wahr, Herr Frodo? Wir haben uns Sorgen gemacht."
Frodo entfuhr ein Lachen. „Ach, Sam. Als ob wir uns um Gandalf Sorgen machen müssten." Er sah den alten Mann an. „Hast du etwas herausgefunden? Warum schaust du so ernst?" Er hatte seinen besorgt-ratlosen Gesichtsausdruck gesehen.
Schwerfällig ließ er sich zwischen Frodo und Elrond zu Boden sinken. „Ich habe mit einem Waldläufer gesprochen und einiges herausgefunden, was wir wissen müssen. Eines vorweg: Es gibt Elben hier. Sehr viele sogar. Aber wir können von ihnen keine Hilfe erwarten."
„Warum das?", fragte Galadriel lauernd. „Was ist geschehen?"
„Verrat. Darauf läuft es immer hinaus. Ein großes Reich, das aus einem goldenen in ein dunkles Zeitalter stürzt. Es ist eine lange, sehr lange Geschichte… und beginnt da, wo unsere eigene Geschichte in Mittelerde endete. Ich will mich auf das Hier und Jetzt beschränken, alles andere vielleicht später. Imladris, Lothlórien, Ost-Lórien, der Norden Eryn Lasgalens und die südlichen Gegenden Ithiliens sind ein einziges, großes Elbenkönigreich. Sein rechtmäßiger König ist gestürzt worden, von einem Krieger, der das Volk der Waldelben in den Untergang führt, langsam, aber sicher. Wir sollten uns von diesen Orten fernhalten, niemand ist jemals zurückgekehrt aus einem dieser Länder."
„Dann war es also umsonst. Elben hin oder her, sie können uns nicht helfen. Es hat keinen Sinn."
Olórin seufzte. „Herr Celeborn, vergesst eines nicht: Sie können uns nicht helfen, würden es aber bestimmt tun, wenn sie sich nur darauf besinnen würden, dass tausend Elben mühelos gegen einen Tyrannen und seine hundert Gefolgsleute ankommt. Sie müssen nur wieder Hoffnung schöpfen. Und das ist unsere Hoffnung."
„Was?"
„Nicht was, sondern wer. Der Elbenkönig, der vertrieben wurde. Sein Name ist unter den Menschen schon lange in Vergessenheit geraten, aber er soll ein großer König gewesen sein, in vielen Sprachen bewandert, weit gereist, ein guter Herrscher. Es gibt nur Gerüchte über das, was mit ihm geschehen ist. Er soll nach Mordor verschleppt, gefoltert, getötet worden sein. Er soll nach Mordor verschleppt, gefoltert worden und entkommen sein. Es geht ewig so weiter. Aber falls er noch lebt, müssen wir ihn finden und gegebenenfalls befreien. Nur er kann wissen, was wir wissen müssen."
„Mittelerde ist groß, Olórin. Wo sollen wir anfangen zu suchen, wenige, wie wir sind?", fragte Elrond skeptisch.
„Wir müssen in jedem Fall zusammen bleiben, falls ihr darauf anspielt. Wir werden in den Süden gehen. Der König wurde zuletzt in Ithilien gesehen. Also werden wir dort beginnen."
„Ithilien… wir werden mehrere Monate bis dorthin brauchen, besonders jetzt, wo es auf den Winter zugeht.", vermutete Círdan. „Direkt an Mordors Grenzen… aber war das nicht eine Kolonie, eine Kolonie des Nördlichen Waldlandreiches?"
„Ja, das war es. Legolas, einer unserer Gefährten aus dem Ringkrieg, hat sie nach dessen Ende dort gegründet. Es war ein wunderschönes Land, aber zerstört und verwüstet von Orks, Uruk-hai und allen möglichen dunklen Geschöpfen. Die Elben haben es wieder aufgebaut, soweit ich weiß. Nun, lasst uns aufbrechen. Wir sollten keine Zeit verschwenden."
Wird fortgesetzt...
