Ende April 2000, London, Winkelgasse
Mit einem Lächeln stieg Harry ruhig von der Liege im Behandlungszimmer, wo er die letzte halbe Stunde verbracht hatte. Sein Arzt, Adrian Sanders, löste den Diagnosezauber und legte seinen Zauberstab auf den Tisch, ehe er sich Harry zuwandte.
„Also, Mr. Potter, ich kann bei ihnen weder Verbesserungen noch Verschlechterungen feststellen. Es scheint, als sei alles soweit stabil. Vermeiden Sie weiterhin zu viel Aufregung.", meinte der Arzt freundlich. Er erhob sich von seinem Stuhl und gab Harry die Hand.
„Wenn sie wieder Schmerzen in ihrer Brust haben sollten oder wenn sie anderweitige Probleme haben kommen Sie bitte so bald wie möglich wieder. Die Tabletten, die ich Ihnen verschrieben habe, nehmen Sie die noch regelmäßig?"
„Ja, Dr. Sanders. Ich melde mich, wenn etwas sein sollte.", nickte Harry leicht und begann damit, sich das Hemd wieder zuzuknöpfen und den Umhang überzuwerfen.
„Gut. In dem Fall hoffe ich für Sie, dass wir uns so schnell nicht wieder sehen.", lachte der Arzt und klopfte dem Schwarzhaarigen auf die Schulter.
„Ich wünsche Ihnen noch eine angenehme Woche, Dr. Sanders.", lachte nun auch Harry. Er kannte den Arzt jetzt schon seit gut anderthalb Jahren und sie hatten ein freundschaftliches Verhältnis zueinander aufgebaut. Adrian Sanders war ein sympathischer, freundlicher Mann und ein guter Arzt obendrein. Er hatte eine Weile im St. Mungos gearbeitet, bis er beschlossen hatte, seine eigene Praxis auf die Beine zu stellen, die inzwischen einen guten Ruf genoss und gut lief.
Harry verließ die Praxis, die in einer Seitengasse der Winkelstraße lag, welche zu der frühen Stunde noch wie ausgestorben schien. Hierher zu kommen hatte ihm seltsamerweise noch nie etwas ausgemacht, obwohl er sonst Krankenhäuser und Ärzte jeglicher Art verabscheute, was vermutlich an der vielen Zeit lag, die er während seiner Schulzeit im Krankenflügel verbracht hatte.
An den Krankenflügel hatte er kaum gute Erinnerungen. Die meisten waren mehr trauriger Natur. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er zum ersten Mal über eine längere Zeit da bleiben musste. Da war in seinem ersten Jahr gewesen, nachdem er zusammen mit Ron und Hermine versucht hatte, den Stein der Weisen zu retten. Er war gescheitert damals, der Stein auf ewig verloren. Quirrel war durch seine Hand gestorben und zwei weitere Menschen waren zum Tod verdammt, weil sie ohne das Lebenselixir nicht länger existieren konnten, obwohl sie nicht die ersten Menschen waren, die wegen ihm starben. Als er später im Krankenflügel wieder aufgewacht war, hatte er als erstes Dumbledores Gesicht gesehen und die Enttäuschung darin, dass der Junge, der die Welt retten sollte, an einer solch einfachen Aufgabe versagt hatte. Und Harry war sich sicher, dass der alte Schulleiter im Laufe der Jahre noch oft enttäuscht gewesen war, auch wenn er es ihn nie hatte merken lassen.
Harry schloss kurz seine Augen, konzentrierte sich und apparierte in das Atrium des Ministeriums für Zauberei. Er hatte den Arzttermin bewusst auf einen Vormittag gelegt, damit er nach der Arbeit direkt zu Dracos Wohnung apparieren konnte. Draco würde es sicher nicht gutheißen, wenn er nach Hause kommen würde, und niemanden und vor allem kein Essen vorfand. Außerdem wollte Harry ihn nicht mit seinen eigenen Problemen belasten, dafür hatte der Blonde schon genug Arbeit und Stress am Hals.
Der Aufzug war leer, als Harry ihn betrat. Nur ein paar Memos schwebten über seinem Kopf und raschelten ab und zu, wenn sie die Position wechselten oder den Aufzug verließen. In eine Ecke gelehnt hing Harry seinen Gedanken nach, bis die Frauenstimme verkündete, dass sich auf diesem Stockwerk die Abteilung für Auroren und deren Ausbildung befand.
Seufzend verließ er den Aufzug und hoffte, dass Ron ihm einen Platz in dem heute anstehenden Vortrag über die richtige Identifikation von Tränken zur Gestaltveränderung und deren Neutralisierung freigehalten hatte. Harry wusste, dass sein Chef ihn sicher später beiseite nehmen und ihn zum x-ten Mal erzählen würde, wie wichtig, ja, lebenswichtig, es war, Zaubertränke und Flüche und was es nicht noch alles gab auf Anhieb erkennen und abwehren zu können, und dass er in Zukunft besser pünktlich erscheinen sollte, oder es würde ihn früher oder später das Leben kosten...
Harry war erschöpft, als er sich endlich von seinem Chef loseisen und in Dracos Wohnung apparieren konnte.
Das Gespräch unter vier Augen hatte länger gedauert als er angenommen hatte und neben den üblichen Ermahnungen hatte sein Chef deutlich gemacht, dass er nicht alle paar Wochen einfach nicht erscheinen konnte. Harry wusste, dass seine Ergebnisse nicht gut genug waren, um immer wieder fehlen zu können, und sein Chef wusste das auch. Harry wusste, dass er sich seine Fehlzeiten nur erlauben konnte, weil er Harry Potter war, aber trotzdem stand es außer Frage, die Termine auf den Abend zu legen und er bemühte sich regelmäßig, die so schnell wie möglich nach dem Arztbesuch im Ministerium zu erscheinen.
Natürlich konnte er nicht darum bitten, ein paar Stunden frei zu bekommen, um sich untersuchen zu lassen. Das würde bedeuten, dass seine Ausbilder und der Chef von seinem Herzproblem erfahren würden, und dann wäre er seine Aurorenausbildung sicher los. Wer wollte schon einen Auror, der körperlich nicht ganz auf der Höhe war?
Harry stützte seinen Hände in den Rücken und streckte sich, dass seine Gelenke knackte. Dann zog er den Umhang von seinen Schultern und hängte ihn auf einen der geschnitzten Kleiderhaken neben der Tür. Jetzt war erst einmal Feierabend und er freute sich schon darauf, endlich in die Küche zu kommen und ein Abendessen für Draco zu zaubern.
Eine gute Stunde und einiges Geschnippel später stand Harry fröhlich vor sich hinsummend in der Küche und rührte in einem Topf voll cremiger Suppe. Er wusste, dass Draco, auch wenn dieser es sicher nicht zugeben würde, heiße Suppen jeglicher Art liebte, ob es zur Jahreszeit passte oder nicht und trotz jeglicher Gepflogenheiten der Haute Cuisine, und heute war es einfach ideal gewesen, hatte Harry doch nicht die Zeit gehabt, längere Projekte in Angriff zu nehmen.
Ein leises Ploppen zeigte, dass Draco endlich angekommen war. Harry nahm einen Löffel, schmeckte zum letzten Mal nach, ob auch wirklich alles in Ordnung war, und begab sich dann in das Esszimmer, um seinen sehnlichst Erwarteten zu begrüßen. Keine zehn Sekunden nachdem Harry das Zimmer betreten hatte, kam Draco aus dem Flur. Er schien ein wenig erschöpft heute. Sein sonst immer perfekt gestyltes blondes Haar war ein klein wenig unordentlich; nicht viel, aber Harry fiel es doch auf. Draco stellte seine Tasche an die übliche Stelle und warf seinen Mantel darüber, dann sah er Harry kurz an, bevor er sich auf den Tisch zu bewegte, auf dem schon alles bis auf die Suppe fertig hingerichtet dastand.
„Guten Abend, D-...", setzte Harry an und verstummte abrupt, als ihm ein unbekannter Geruch in die Nase wehte, gerade in dem Moment, als Draco an ihm vorbei lief. Ein anderer Geruch als den, der Draco üblicherweise umgab, süßer, billiger und... weiblicher.
In Harrys Brust breitete sich ein dumpfer Schmerz aus und sein Herz machte ein paar unregelmäßige Schläge. Ein paar Augenblicke rang er um seine Fassung, bis er seine Maske fand und sich mit einem Lächeln an Draco wandte.
„Das Essen dauert nicht mehr lange, ich bin sofort wieder da."
Mit diesen Worten ging er zurück in die Küche, wo er eine elegante Terrine aus einem Regal nahm und sorgfältig die Suppe umfüllte. Der Schmerz und die unregelmäßigen Schläge hatten nicht nachgelassen und Harry wusste aus Erfahrung, dass jetzt der beste Zeitpunkt war, eine von den von Dr. Sanders verschrieben Tabletten zu nehmen, wenn er nicht mitten in der Nacht mit Krämpfen aufwachen wollte.
Er kramte in seiner linken Hosentasche nach der kleinen Dose, die er schon seit einiger Zeit immer mit sich herumtrug und fischte sie heraus. Mit einem Klicken öffnete er sie und nahm einen der kleinen, weißen Kügelchen heraus, von denen er inzwischen wusste, dass sie zu Pulver destillierte und potenzierte Zaubertränke enthielten, die dann gepresst wurden. Sie schmeckten wesentlich besser als die meisten Zaubertränke, die oft faulig oder anderweitig widerliche Geschmacksrichtungen aufwiesen, waren haltbarer und besser aufzubewahren. Severus Snape hatte das Verfahren vor einem Jahr entwickelt, auch wenn er die flüssigen Tränke immer noch bevorzugte.
Wenige Sekunden, nachdem Harry die Tablette geschluckt hatte, ließ der Schmerz nach, als sie ihre Wirkung entfaltete. Der Schwarzhaarige schloss seine Augen und versuchte, nicht daran zu denken, was der an Draco haftende Geruch bedeutete. Es war nicht das erste Mal, dass dies passiert war. Harry wusste, dass Draco für ihn einen anderen Stellenwert einnahm als umgekehrt. So war es schon immer gewesen.
Er trug immer noch seine Maske, als Harry aus der Küche trat und sich auf den Weg hinüber zum Tisch machte, wo die Schüssel direkt vor seinem geliebten Draco abstellte.
„Sag einfach Stopp, wenn es genug ist.", bemerkte er leise, bevor begann die Suppe Löffel für Löffel in Dracos Teller zu gießen. Im Zimmer blieb es still und nach ein paar Sekunden sah Harry auf, nur um zu sehen, dass Draco ihn anstarrte.
„Ist etwas?", fragte der Dunkelhaarige ein wenig besorgt, dass er vielleicht einen Fehler gemacht hatte.
Draco riss seinen Blick von Harrys Gesicht los, vermied es, in seine Augen zu sehen und sagte nur: „Nein, nichts."
Ein klein wenig verwirrt fuhr Harry fort, Suppe in Dracos Teller zu schöpfen, bis dieser ihm signalisierte, dass es genug war. Manierlich wartete der Blonde, bis auch Harry sich genommen hatte, bevor er zu essen begann.
Hätte Harry die Brühe nicht vorher schon einmal probiert, er hätte nicht sagen können, wonach sie schmeckte. Es war, als wären alle seine Geschmacksrezeptoren gleichzeitig verschwunden. Lediglich das Gefühl der heißen Flüssigkeit in seinem Mund blieb. (A.d.A.: keine falschen Vorstellungen hier, bitte!)
Die gesamte Mahlzeit verlief schweigend, wie es normalerweise der Fall war. Harry war damit beschäftigt, Draco zu beobachten, während dieser stumm seinen Gedanken nachhing. Der einzige Unterschied war, dass sich der Blonde, nachdem er den sowieso schon vollen Teller leer gegessen hatte, noch einmal nach nahm. Schon allein diese Geste nahm Harry als großes Lob.
Als sie beide fertig waren, erhob sich Harry und begann damit, die Teller in die Küche zu tragen, wo er sie in die Spüle stapelte. Die inzwischen fast ganz leere Terrine war als letztes an der Reihe. Schließlich war der Tisch leer bis auf die Kerzenhalter. Nur Draco saß noch immer auf seinem Platz und beobachtete Harry während des gesamten Abräumens. Als Harry fertig war, erhob er sich.
„Die Suppe war sehr lecker."
Harry, der gerade damit beginnen wollte, das Geschirr abzuspülen, drehte sich überrascht um. Es passierte selten, dass Draco sein Lob tatsächlich aussprach.
„... Danke.", erwiderte er zögerlich, bevor der fortfuhr, Wasser in das Becken einzulassen. Wie beiläufig und doch gleichzeitig hoffnungsvoll fragte er über die Schulter:
„Soll ich heute Abend bleiben? Oder willst du eher, dass ich..." Die daraufhin folgende Stille schien sich unheimlich in die Länge zu ziehen. Harry war schon dabei, seinen Mund zu öffnen und zu sagen, dass er nicht mehr lange brauchen würde und dass er dann in seine Wohnung gehen würde, als Draco selbst anfing zu sprechen:
„Wenn du willst, kannst du bleiben.", bevor er sich umdrehte und ins Wohnzimmer verschwand.
Mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen beendete Harry das Säubern der Küche. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Draco sich heute mit ihm als Gesellschaft umgeben würde. Harry verließ die Küche und folgte Draco ins Wohnzimmer, wo dieser schon auf dem geräumigen, modernen Sofa saß, neben sich ein Glas Feuerwhiskey mit Eis und den Tagespropheten aufgeschlagen in der Hand.
Harry ging langsam vor dem Bücherregal, dass an der Wand rechts neben dem Sofa aufgebaut war, auf und ab und suchte nach einem Buch, von dem er wusste, dass Draco es sicher besitzen würde. Wenn er an diesem Morgen schon den Vortrag fast ganz verpasst hatte, dann konnte er sich das Wissen wenigstens selbst aneignen, und Draco hatte eine Sammlung an Zaubertrankbüchern, die die der Bibliothek in Hogwarts übertraf. Mit dem gesuchten Buch in der Hand setzte Harry sich ein wenig entfernt von Draco ebenfalls auf die Couch und begann zu lesen.
Irgendwann klappte Draco seine Zeitung zusammen und warf sie auf den Couchtisch aus hellem Holz vor ihm. Harry legte sein Buch ab und sah Draco an, der ein paar Sekunden einfach nur mit geschlossenen Augen dasaß. Dann drehte er den Kopf und sah Harry mit einem Blick an, der seine wunderschönen, silbernen Augen dunkel werden ließ. Elegant stand der Blonde auf und schritt auf Harry zu, seine Augen auf ihn gerichtet. Dicht vor dem immer noch sitzenden Schwarzhaarigen blieb er stehen.
„Kommst du?", fragte er schlicht, während er seinen glühenden Blick über Harrys Körper gleiten ließ. Harry bekam eine leichte Gänsehaut. Er stand auf und ging Draco hinterher, der voraus eine kleine Treppe hinauf in sein Schlafzimmer ging, eins der beiden Heiligtümer von Dracos Wohnung, die kaum jemand je zu Gesicht bekam.
Kaum war Harry in das leicht beleuchtete Zimmer getreten, schloss der Blonde dir Tür und schob Harry vor sich her auf das mit schwarzen Seidenlaken bedeckte king-size Bett zu, bis dieser mit den Füßen anstieß und nach hinten auf die weiche Matratze fiel. Kaum dass Harry auf dem Bett lag, begann Draco auch schon ihm mit geschickten Händen das Hemd aufzuknöpfen und die darunter liegende Haut zu berühren. Er fühlte, wie ihm langsam das Blut in die Wangen schoss, als Draco sich unverfroren auf seine Schenkel setzte und mit seinen langen, schönen Fingern seinen Oberkörper zu erkunden begann, die immer wieder sanft über seine Brustwarzen strichen, bis sein Atem schneller ging und sich sowohl in seiner als auch in Dracos Hose eine leichte Beule abzeichnete.
Auch Draco streifte sein Hemd ab und warf es achtlos vom Bett, sodass sein blasser, fein definierter Oberkörper sichtbar wurde, zusammen mit dem Dunklen Mal auf seinem rechten Unterarm. Ohne viel Federlesen machte sich der ehemalige Slytherin an Harrys Hose zu schaffen, bis er schlicht seinen Zauberstab hervorzog und sie mit einem Schwung ebenfalls neben das Bett beförderte. Ein Stöhnen entkam Harrys Mund, als er Dracos Lippen auf seiner Haut fühlte, zusammen mit dessen Händen, die seine Beine angewinkelt hatten und jetzt an den Innenseiten seiner Schenkel auf und ab fuhren, bis sie sich auf seine Mitte konzentrierten.
Mit einem weiteren Stöhnen legte Harry den Kopf in den Nacken und hob seine Hand, um sie in Dracos seidenweichem Haar zu vergraben, welches er so sehr liebte. Jede einzelne Berührung Dracos ließ seinen Verstand mehr und mehr schwinden, bis nichts mehr übrig blieb, als pures Verlangen nach diesem geliebten Wesen und der Lust, die es ihm bereitete.
Und das letzte, was Harry in dieser Nacht wahrnahm, war die warme, feuchte Haut des Blonden an seinem Rücken, sein Atem in seinem Nacken, der schale Geruch eines fremden Parfums in den Laken und ein kleiner Schmerz in seinem Herzen...
