Atlantis
Kurz drauf wirkten die Medikamente, Rodneys Körper entspannte sich und dann schlief er ein. Erst in diesem Moment ließ John den Arm los, ging ins Cockpit und startete die Maschine.
Auf dem Rückflug holte John das Letzte aus der Maschine heraus und im Anflug wählte er auch schon Atlantis an. Bevor der Puddle-Jumper den Ereignishorizont durchquerte, wusste man auf der Basis Bescheid, dass das Team einen Schwerverletzten mitbrachte.
Carson war mit zwei Sanitätern zur Stelle, als John die Luke des Jumpers öffnete.
Kurz darauf war Rodney auf der Krankenstation und John von Elizabeth in ihr Büro gebeten worden, wo er ihr kurz und knapp erzählte, was vorgefallen war. Er verschwieg sowohl seine Vermutungen über die Natur der Bestien, als auch die Folgen, der Angriff für Rodney haben konnte.
Nachdem Elizabeth genug gehört hatte, eilte John zur Krankenstation, wo Ronon und Teyla schon auf ihn warteten. Kurz darauf gesellte sich auch Elizabeth zu ihnen.
Carson war noch im Operationssaal.
Es kam John wie eine kleine Ewigkeit vor, bis ein Sanitäter die Rolltrage mit dem bewusstlosen Wissenschaftler herausbrachte, gefolgt von Carson, der sie in sein Büro bat.
Angespannt hörte John den Erläuterungen zu.
„Dr. McKay geht es den Umständen entsprechend gut. Er hat viel Blut verloren, aber er ist in keinem kritischen Zustand. Ich habe ihm ein Mittel gegeben, damit er mindestens zwölf Stunden schläft. Wenn er es schafft, sich an meine Anweisungen zu halten, dann werde ich in sieben Tagen die Fäden ziehen und in drei Wochen ist er fit für die nächste Mission."
Wäre es ein anderes Tier gewesen, das Rodney gebissen hätte, dann hätte John allen Grund, erleichtert zu sein. Er überlegte, ob er Carson von seinen Befürchtungen erzählen sollte, fand aber nicht den Mut.
„Das hört sich ja ganz gut an. Wie wir ihn kennen, wird er wohl ab morgen nach seinem Laptop verlangen und spätestens in drei Tagen wieder arbeiten." Elizabeth lächelte sogar. Sie wollte damit wohl ihre Erleichterung ausdrücken, John dagegen fühlte sich mehr als unwohl – schließlich war er sich sehr sicher, dass der Ärger jetzt erst begann.
„Ja, leider."
Carson schien über Elizabeths Aussage gar nicht glücklich zu sein.
„Warum?", wollte John wissen. Eigentlich war es eine rhetorische Frage, denn jeder kannte die Antwort.
„Weil er dann für mehr Nervenzusammenbrüche, Kreislaufkollapse und Erschöpfungszustände verantwortlich sein wird, als es eine Wraith Invasion jemals sein könnte. Ich werde sehr viele Überstunden machen müssen."
Das glaubte John gerne. Jetzt, wo ein Teil der Anspannung nachgelassen hatte, merkte er, wie erschöpft er war.
„Damit müssen Sie zurecht kommen, Carson. Ich gehe jetzt duschen und dann ins Bett."
Mit einem Nicken in die Runde wollte John sich verabschieden, als der Arzt ihn zurück hielt.
„Bevor Sie das machen, zeigen Sie mir bitte noch Ihren Arm. Sie scheinen auch etwas abbekommen zu haben."
Überrascht schaute John auf seine Hände. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass ihn auch ein Biest erwischt hatte. Zu seiner Erleichterung waren es nur Kratzer, die zwar desinfiziert, aber nicht genäht werden mussten. Um irgendwelche Entzündungen auszuschließen, bekam er von Carson auch noch ein Antibiotikum.
John war bestens versorgt, konnte aber noch nicht gehen. Er wusste noch nicht wie, aber er wollte Carson noch irgendeinen Hinweis geben. Jetzt wo sie allein waren, war es vielleicht einfacher.
Dass etwas nicht stimmte, merkte auch der Arzt. Er holte aus der Schreibtischschublade eine Flasche schottischen Whiskey und ein Glas. Machte es halb voll und schob es John rüber.
„Was haben Sie noch auf dem Herzen? Das war doch noch nicht alles."
Dankbar nahm John das Glas und trank. Genoss das Brennen, als der Alkohol seine Kehle runter rann. Dann blickte er Carson an.
„Kann ich Sie um etwas bitten?"
„So lange ich dadurch keinen Eid brechen muss… Sie müssen mir nur sagen, was es ist."
„Können Sie in der nächsten Zeit Rodneys Blut auf irgendwelche Veränderungen untersuchen? Die Viecher haben sich nicht wie wilde Tiere verhalten. Vielleicht sind sie krank."
„Etwas Ansteckendes? Dann wäre es besser, wenn ich Rodney die nächsten Tage in Quarantäne stecke."
Etwas, das Rodneys Laune auf den absoluten Nullpunk bringen würde und unnötig war. John schüttelte den Kopf. „Es ist genau so ansteckend wie AIDS, also keine Gefahr für seine Mitmenschen solange er niemanden beißt.."
Carson lehnte sich zurück und sah John prüfend an. So lange, bis er sich sehr unwohl fühlte – überspielte es aber mit einem Lächeln.
„Ich mag es nicht, wenn man mich für dumm verkauft und mit Halbwahrheiten abspeist, John. Das sollten Sie doch am besten wissen."
„Und wenn es so fantastisch ist, dass Sie es einfach nicht glauben können?" John wusste nicht, was er dem Arzt sagen sollte, ohne ausgelacht zu werden.
Doch diesmal schüttelte Carson den Kopf. „Wie lange sind wir schon in der Pegasusgalaxie? Inzwischen halte ich nichts mehr für unmöglich."
„Ich selber habe gedacht, dass es unmöglich ist und zweifle immer noch, ob ich meinen Augen trauen kann."
Wieder nur ein prüfender Blick von Carson, solange bis John kapitulierte. Er sagte nur ein einziges Wort: „Lykantrophie."
Im Gegensatz zu den meisten Menschen, schien Carson das Wort zu kennen. Er schluckte, holte ein weiteres Glas raus und genehmigte sich eine doppelte Portion.
„Ich kenne diesen Begriff aus einigen Sagen und dachte bisher, dass es nur das ist: Eine Sage."
„Wenn er sich wirklich angesteckt haben sollte, wird er in zwei Wochen den Vollmond über Atlantis anheulen. Und Sie werden sehen, dass ich es nicht erfunden habe."
„Dann waren die Wesen, die Rodney gebissen haben, Werwölfe?"
Der Unglaube war deutlich in Carsons Stimme zu hören. Es war aber ein positives Zeichen, dass der Arzt John nicht sofort für verrückt erklärt hatte.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es wirklich Werwölfe waren." John schwieg einen Moment, suchte nach den richtigen Worten, dann fuhr er fort. „Werwölfe sehen nicht viel anders aus als normale Wölfe. Sie sind größer, weil sie immer noch genau so schwer sind wie der verwandelte Mensch. Die Tiere auf dem anderen Planeten können genauso gut eine andere Rasse sein. Deswegen bitte ich Sie, Rodney einfach nur im Auge zu behalten."
Carson war aber nicht so leicht zu überzeugen.
„Woher wissen Sie, wie Werwölfe aussehen? Ich kenne diese Tiere nur aus Filmen. Und überall sehen sie anders aus. Und der Londoner Zoo hat leider keine Abteilung für magische Tiere, wo man sich einen Werwolf ansehen kann."
Dass der Zoo sehr wohl über so einen Bereich verfügte, der aber nur Zauberern zugänglich war, verschwieg John.
„Ein guter Freund meines Vaters wurde als Kind von einem Werwolf gebissen. Eigentlich war er der sanfteste und ruhigste Mensch, den ich kannte, doch bei Vollmond sperrte er sich ein, um keine Gefahr für seine Mitmenschen zu sein."
John spürte Carsons fragenden Blick und erzählte weiter.
„Einmal hatte ich das Pech mitzuerleben, wie er sich verwandelte. Es war pures Glück, dass er mich nicht getötet hat. Und am nächsten Tag konnte er sich an nichts mehr erinnern. Ich dagegen hatte noch Monate später Albträume."
Dass Dementoren in diesen Träumen die Hauptrolle spielten, verschwieg er.
„Und was erwarten Sie von mir? Wie soll es jetzt weiter gehen?"
„Ich denke, dass wir abwarten, ob Rodney sich wirklich infiziert hat. Wenn nicht, dann hat dieses Gespräch nie stattgefunden – glauben wird es Ihnen sowieso niemand. Falls aber doch, dann sollten Sie Rodney sagen, dass er sich mit einem Virus angesteckt hat. Aber über die Werwolfsache erzählen Sie nichts. Das wird er erst glauben, wenn er sich zum ersten Mal verwandelt hat."
„Und was ist mit der Ansteckungsgefahr? Ich möchte nicht, dass auf einmal alle zu Werwölfen werden."
„Dann könnten wir aber im Rudel jagen und wären ernsthafte Gegner für die Wraith."
Carsons Gesichtsausdruck war nach diesem Kommentar unbeschreiblich. John grinste.
„Tut mir leid, John, aber für diesen Spruch werde ich Ihnen bei passender Gelegenheit eine rektale Untersuchung verordnen."
„Denken Sie, dass ich Sie nach dieser Ankündigung an meinen Arsch lasse?"
„Ihren Humor möchte ich haben. Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet."
John wurde wieder ernst.
„Soviel ich weiß, kann man sich nur anstecken, wenn man auch von einem Werwolf gebissen wird. Es ist also nicht sehr ansteckend. Und wenn wir Rodney bei Vollmond wegsperren, dann ist er für niemanden eine Gefahr."
Stille. Carson spielte mit seinem Glas und dachte über das was er gehört hatte nach.
„Sie haben Recht. Es ist selbst für atlantische Verhältnisse ziemlich fantastisch. Und über Konsequenzen denke ich erst nach, wenn er wirklich erkrankt ist."
„Danke, Doktor."
John stand auf und ging.
Eine halbe Stunde später lag er in seinem Bett. Doch schlafen konnte er trotz seiner Erschöpfung nicht. Zu viele Gedanken beschäftigten ihn. Stimmte sein Verdacht wirklich, oder sah er nur Gespenster, weil er fürchtete, von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden? Vielleicht waren es wirklich mutierte Wölfe. Wie sollten die Werwölfe von der Erde in die Pegasusgalaxie gelangt sein. Aber wenn die Antiker hier gelebt hatten, dann bestand die Möglichkeit, dass sie die Krankheit eingeschleppt hatten. Oder kamen die Werwölfe aus der Pegasusgalaxie?
Der Morgen dämmerte bereits, als John jegliche Hoffnung, doch noch einzuschlafen, aufgab.
Er zog sich an und ging auf einen der Balkone.
Die frische Meeresbrise war kühl und doch angenehm. Er lehnte sich mit den Armen auf eine Brüstung und wartete, dass die Sonne aufging.
Für einen Werwolf war es bestimmt von Vorteil, dass der Mond sich auf dieser Welt kaum über den Horizont erhob und nur alle sechzig Tage einen Zyklus vollendete. So würde Rodney weniger unter den körperlichen Folgen der Verwandlungen zu leiden haben – falls er sich wirklich angesteckt hatte.
Aber er durfte sich nicht angesteckt haben. Es wäre einfach nicht fair. John wusste, dass es sein Fehler war. Er hätte einfach keine Freundschaft mit Rodney beginnen sollen. Er wusste doch, dass er allen Menschen Unglück brachte.
Und wie sollte er Elizabeth erklären, dass er nicht der Mann war, der er zu sein vorgab? Wie sollte er das überhaupt irgendjemandem begreiflich machen?
Die Sonne war flammend im Meer aufgegangen, doch John hatte keinen Blick für dieses Naturschauspiel. Seine Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Er erinnerte sich an schreckliche und auch an schöne Momente. In dieser ganz anderen Welt gab es vielleicht eine Möglichkeit, Rodney zu helfen. Ihm das Schicksal als Werwolf zu erleichtern. Er konnte seinen Freund doch nicht in so einer Situation im Stich lassen.
John fragte sich, ob er wirklich bereit war, in seine Heimat zurückzukehren, um ihm zu helfen. Er fand keine Antwort.
Zwei Tage später wusste John immer noch keine Antwort. Die Hoffnung, dass sich Rodney nicht angesteckt haben könnte, hatte er begraben, als er erfahren hatte, dass die Wunde sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen entzündet hatte und Carson bei der letzten Untersuchung bisher unbekannte Viren in Rodneys Blut gefunden hatte – noch größer als die Pockenviren, die bisher die größten bekannten Viren waren. Erste Tests hatten ergeben, dass sie sich nicht als Tröpfcheninfektion verbreiteten und nur durch Körperflüssigkeit übertragen werden konnte.
Carson hatte sowohl Rodney als auch Elizabeth darüber informiert, dass der Wissenschaftler sich mit einen unbekannten Virus infiziert hatte, der nur bedingt ansteckend sei. Johns Verdacht hatte er allerdings für sich behalten.
John hatte inzwischen eine Idee, wie er verhindern konnte, dass Rodney in seiner ersten Nacht als Werwolf ein Massaker anrichtete. Nur musste sein Freund dann auch mitspielen.
Nach langem Überlegen entschied sich John, niemanden, noch nicht einmal Rodney, in seine Pläne einzuweihen.
Das Risiko, dass Rodney ihm nicht glauben würde und alles für einen extrem schlechten Scherz auf seine Kosten halten würde, konnte John nicht eingehen. Denn wenn Rodney sich verarscht fühlte, würde er auch sämtliche Sicherheitsmaßnamen ignorieren.
Das war zu gefährlich und deswegen hielt John seinen Mund.
Noch zwölf Tage. Dann ging über Atlantis wieder der Vollmond auf.
Die nächsten Wochen wollte John in Rodneys Nähe bleiben, um die zu erwartenden Veränderungen im Auge zu behalten. Es würde schwierig werden zu erklären, warum er das Stargate nicht passieren wollte.
Um dies wenigstens ein wenig zu vertuschen, hatte John sich vorgenommen, den liegen gebliebenen Papierkram aufzuarbeiten. Und als militärischer Kommander hatte er nicht wenig Verwaltungsarbeit. Elizabeth hatte bisher einen Teil dieser Aufgaben übernommen, doch John fürchtete, dass er die nächsten Wochen mehr Überstunden machen musste, als ihm lieb war.
Wenn er allein sämtliche Verbesserungsvorschläge durcharbeiten würde, die ihm Cadwell und Kavanagh in den letzten Monaten geschickt hatten, war er zwei Tage beschäftigt.
Und das war nur ein kleiner Teil… Würde er die relevanten Unterlagen ausdrucken, bräche sein Schreibtisch unter der Last zusammen.
John gestand es sich nicht gern ein, er hatte sich bisher vor dem unangenehmen Teil seines Jobs gedrückt. Jetzt lieferte es ihm die ideale Ausrede - aber begeistert war er nicht. Resigniert blickte er auf den Bildschirm und klickte auf die erste unerledigte Mail – sie war zwei Jahre alt.
Die Abenddämmerung war nicht mehr fern, als John das Gefühl hatte, dass sich kleine Dampfwolken über seinem Kopf gebildet hatten. Dabei hatte er seine Unterlagen nur sortiert. In die Kategorien ‚dringend', ‚weniger dringend', ‚unwichtig' und ‚Müll'. Er war noch nicht ganz durch, aber das Ende war in Sicht, als ihn ein Klopfen aus seiner Konzentration riss.
John blickte hoch und sah Rodney im Eingang stehen. Er war sehr blass und den rechten Arm trug er in einer Schlinge. Er wirkte, als ob er jeden Moment umkippen würde. John ermahnte sich, Rodney nicht anders zu behandeln als sonst. Niemand durfte auch nur ahnen, was er verbarg.
„McKay! Bist du verrückt? Was machst du hier? Warum liegst du nicht im Bett? Carson hat dich bestimmt noch nicht entlassen!"
Am liebsten wäre John aufgesprungen und hätte Rodney persönlich ins Bett gebracht, doch der Gesichtsausdruck seines Teamgefährten hielt ihn zurück.
„Doch, hat er. Ich habe ihn so lange genervt, bis er es einfach nicht mehr ausgehalten und mich rausgeschmissen hat."
Ohne auf eine Einladung zu warten, betrat Rodney das Büro und setzte sich langsam und sehr vorsichtig hin.
„Und was ist mit der Entzündung?"
Rodney versuchte abwehrend seine linke Hand zu heben – diese steckte zwar nicht in einer Schlinge, war aber auch bandagiert. John wusste, dass die tiefen Kratzwunden mit mehren Stichen genäht worden waren. Und sie schmerzten, denn Rodney stöhnte leicht und legte den Arm vorsichtig auf der Lehne ab.
„Ganz hat er mich noch nicht von der Leine gelassen. Ich muss mir morgen eine Antibiotikainfusion abholen. Und das, wo ich Angst vor Spritzen habe. Dafür habe ich gute Gründe. Aber ich habe Glück im Unglück. Hier gibt es keine Stämme, die gegen Antibiotika resistent sind. Auf der Erde würde ich diese Verletzung nicht überleben."
„Wie komme ich zu der Ehre deines Besuchs? Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass du sofort in dein Labor gehst und arbeitest."
„Das wollte ich auch. Aber man lässt mich nicht! Zelenka hat mich sofort wieder rausgeschmissen und gesagt, dass ich nur mit einem Attest von Carson arbeiten dürfte."
Amüsiert zog John die Augenbraue hoch. Carson hatte einen Weg gefunden, dass Rodney sich nicht sofort wieder auf seine Arbeit stürzte.
„Dann genieße die Zeit und erhole dich."
„Und wie soll ich das machen? Ich habe kein Laptop, durch die Gegend rennen ist noch nicht drin und eine Bibliothek, die meinen Ansprüchen genügt, gibt es auf Atlantis nicht."
„Du könntest mir helfen, meinen Papierkram zu erledigen."
Zehn, neun—weiter kam John nicht, denn Rodney war schon ganz oben auf seiner Palme und sah ihn empört an.
„Ich soll was? Sehe ich wirklich aus, als ob ich so eine…" - Rodney suchte nach dem richtigen Wort - „Hilfsarbeit machen würde."
Dabei betonte er das Wort, als ob es etwas Unanständiges wäre. Es fiel John leicht, so zu reagieren, wie Rodney es erwartete. Es war erstaunlich einfach zu grinsen, obwohl ihm ganz anders zumute war. Aber er hatte auch jahrelanges Training. Als Schauspieler war er inzwischen verdammt gut. Genau so leicht war es auch, die passende Antwort zu geben.
„Nein, aber wenn du dich langweilst und mir auf die Nerven gehen willst, dann kannst du was dafür tun."
Das reichte, um Rodney von seiner Palme hinabsteigen zu lassen.
„Ich würde dir gerne helfen, aber nicht dabei. Es gibt nichts, was ich mehr hasse, als irgendwelchen Papierkram zu erledigen, der nicht direkt mit meiner Forschung im Zusammenhang steht. Wenn ich daran denke, wie oft und in welchen Massen ich früher Formulare ausfüllen musste, um meine Forschungsgelder bewilligt zu bekommen. Dabei haben die Sesselfurzer im Pentagon nie begriffen, wie wichtig meine Arbeit ist, nein, ich war ja nur ein nervender Wissenschaftler."
Der so nervig war, dass er sehr oft seine Gelder bewilligt bekam, nur damit man Ruhe vor ihm hatte. Nicht, weil man seine Forschung schätzte. John kannte die Akteneinträge, hütete sich aber, dies Rodney zu erzählen.
„Dann kannst du dich ja glücklich schätzen, hier zu sein. Ganz Atlantis wartet darauf, dass du es entdeckst. Es ist nur schade, dass du mit mir durchs Stargate musst, wenn dir die Vorräte ausgegangen sind und du Nachschub besorgen musst."
Nebenbei klickte John sich durch seine nächsten Mails und verschob die x-te Beschwerde von Neuankömmlingen über Rodneys Verhalten in den Papierkorb.
„Und es macht mir sogar Spaß, auf Außenmissionen zu gehen. Es gibt da draußen so viele Welten, die entdeckt werden wollen – außer wenn die Wraiths oder irgendwelche anderen Bestien mich jagen und versuchen, mich umzubringen. Weißt du, bevor ich sterbe, möchte ich Kinder haben. Ich will nicht, dass mein Erbgut verloren geht, dafür ist es zu wertvoll. Ich sollte meine Schüchternheit überwinden und Kate--"
Abwesend nickte John. Kavanagh war schrecklich penetrant und ein Besserwisser, der ständig alles kritisierte, aber seine Idee über die Verwaltung der Munition war spannend geschrieben. Nur leider nicht umsetzbar.
„John? Hörst du mir zu?"
Überhaupt nicht schuldbewusst hob John den Kopf. Und sah, dass Rodney am Ende seiner Kräfte war.
„Gib mir noch fünf Minuten. Dann bin ich durch und bring dich in dein Quartier."
„Was soll ich dort?"
Manchmal, nein immer, war Rodney einfach zu dickköpfig, um zu begreifen, wann es ihm wirklich schlecht ging. Wegen jedes Hustens nervte er Carson, aber wenn er wirklich angeschlagen war, dann wollte er es nicht akzeptieren.
„Schlafen und dich erholen. Du siehst schrecklich aus."
Erstaunlicherweise kamen von Rodney keine Widerworte, er nickte sogar.
Bevor sich John erneut auf seine Arbeit konzentrierte, griff er in die unterste Schublade seines Schreibtisches, holte einen Schokoriegel raus und warf ihn Rodney hin.
„Iss! Ich will nicht, dass du mir zusammen klappst!"
„Danke." Rodney nahm den Riegel an sich. „Jetzt weiß ich, wo du deine Schokolade versteckst."
So hektisch, wie er die Verpackung aufriss, ohne eine Miene zu verziehen, konnten seine Verletzungen doch nicht so schmerzhaft sein.
John fragte sich, wer hier der bessere Schauspieler war.
„Wenn du es wagen solltest, die Schublade anzurühren, Rodney, dann bist du ein toter Mann. Es sind meine Vorräte."
„Ist ja gut, ich habe es verstanden. Ich bin ja nicht lebensmüde", kam die beleidigte Antwort. Er presste seine Lippen zusammen und sah John vorwurfsvoll an. Doch der ignorierte es und blickte auf seinen Monitor, betete, dass Rodney wenigstens zwei Minuten seine Klappe halten würde.
„Sag mal, wie lange willst du denn den Schreibtischhengst machen?"
Genervt blickte John hoch.
„Wenn du die ganze Zeit dabei bist: Ewig, denn dann kann ich mich nicht konzentrieren. Selbst wenn ich in 'McKay lässt mich endlich in Ruhe'-Zeit rechne, dann bin ich mindestens zwei bis drei Wochen beschäftigt. Ich muss die Verwaltungsarbeiten endlich erledigen und kann mich nicht ewig davor drücken. Es können auch andere durchs Stargate gehen."
„John, als ich verletzt im Jumper lag, hast du mir versprochen, nicht ohne mich zu gehen. So sehr ich diese Geste auch zu schätzen weiß, will ich nicht, dass du dich daran hältst. Mich kann man doch auch nur mit Gewalt von meinem Labor abhalten."
„Danke, aber ich werde hier bleiben."
Abwehrend hob John seine Hände, als Rodney widersprechen wollte.
„Nein, lass mich aussprechen. Das Versprechen habe ich dir nicht ohne Hintergedanken gegeben. Ich bin einer der leitenden Offiziere dieser Basis und so gerne ich auch durch das Stargate gehe, so ist es nicht mein Job. Dafür gibt es inzwischen genügend andere Soldaten. Was meinst du, was für Berichte Kavanagh über meine Inkompetenz zur Erde geschickt hat?"
„Glaubst du wirklich, dass irgendjemand seine Beschwerden liest?"
„Ich weiß es nicht, aber falls jemand außer mir es wirklich tut und nur den Hauch eines Verdachts haben sollte, dass Kavanaghs Beschuldigungen der Wahrheit entsprechen, dann werden sie meine Arbeit überprüfen. Und so wie es hier drin...", John deutete auf sein Laptop, „aussieht, werden sie fündig. Das muss sich ändern!"
Wenn Rodney ihm jetzt glaubte, dann würden ihm auch alle anderen diese Story abkaufen.
„Gut, ich verstehe dich. Aber trotzdem schulde ich dir einen Gefallen, wenn du wirklich bleibst."
Das war genau das, was John brauchte. Sein Grinsen war jetzt sogar echt.
„Verlass dich darauf, dass ich ihn bei dir einfordern werde. Und jetzt mache ich Feierabend. Du gibst ja doch keine Ruhe. Willst du noch etwas essen, bevor ich dich ins Bett bringe?"
„Außer Schokolade kann ich nichts essen. Mir wird von Antibiotika immer schlecht. Du brauchst mich auch nicht wie eine Krankenschwester zu pflegen, in mein Bett komme ich allein."
„Das wollte ich auch gar nicht. Ich passe nur auf, dass du dich auf dem Weg dorthin nicht noch mal verirrst."
John stand auf und klappte sein Laptop zu. Die nächsten Tage würden anstrengender werden als so manche Mission.
