Erste Schritte
Ich hatte mich auf den Boden gesetzt, um einen klaren Kopf fassen zu können. Nachdem ich die Augen geschlossen und mehrmals tief durchgeatmet hatte, war mir klar, dass ich die Situation hinnehmen musste, wie sie nun kommen möge. Selbst wenn das ein Traum war oder ein Drogenrausch, so war ich doch jetzt, in diesem Moment, hier gefangen. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass dies hier nun meine Realität war, wollte ich nicht meine Gesundheit gefährden.
Mein Blick fiel an mir herunter. Was ich sah, war der typische Asura-Körperbau: schmale Schultern, Brustansatz kaum erkennbar, und ab der Hüfte dann ziemlich breit und klobig. Eigentlich nicht gerade eine wünschenswerte Figur, aber womöglich hatten die männlichen Asura ja andere Schönheitsideale?
Bei dem Gedanken musste ich kichern, erschrak dann jedoch über den seltsamen Klang meiner Stimme. Das ist immer noch nicht meine Stimme! Fuhr es mir durch den Kopf, doch mit jedem Laut, den ich von mir gab, gewöhnte ich mich mehr daran. Wie bei Heiserkeit, irgendwann weiß man gar nicht mehr, wie man sich gesund angehört hat.
Meine Klamotten waren recht schlicht. Ich trug ein creme-farbenes Hemd, das vorne bis oben zugeschnürt war und blaue Schulterpolster besaß. Verziert wurde es mit verschiedenen geometrischen Figuren in blau und rot. Eine ähnliche Farbgebung hatte der Rock (zumindest hatte es Ähnlichkeiten mit einem), nur war er vorne offen und ließ den Blick frei auf eine dunkelbraune Hose, die angenehm weich saß. Um die Hüfte war ein breiter, brauner Gürtel gewickelt, an dem ein paar kleinere Beutel hingen. In dem einen, so hatte ich schon in Erfahrung gebracht, befanden sich einige Münzen aus Kupfer, Silber und Gold.
Die Schuhe waren aus dunklem Leder und ließen die Zehen jeweils frei, außerdem trug ich dunkle Stulpen und darüber Handschuhe in der Farbe meines Hemdes, die auch mit blauen Kuben verziert waren. Gar nicht so schlecht für den Anfang.
In dem Rucksack, den ich zwischen die Beine gestellt hatte, befand sich einiges an Proviant, ein gefüllter Wasserbeutel, eine Karte, und vieles, von dem ich absolut keine Ahnung hatte, worum es sich handeln könnte. An einer Seitenlasche war ein Hammer befestigt, der recht schwer war und einen genauso wuchtigen Eindruck machte. Auch er trug typisch-asurische Zeichen, und als ich ihn in der Hand wog, schien er mir als Waffe ganz gut geeignet.
Moment mal. Ich hatte sehr oft gekämpft, allerdings nur virtuell und über eine Tastatur. Eine echte Waffe hatte ich noch nie in der Hand gehalten und Kampferfahrung hatte ich erst recht nicht! Aber wenn das hier wirklich Tyria war, dann bedeutete das, dass ich Kämpfe nicht gänzlich vermeiden konnte.
Bei dem Gedanken, wirklich jemanden mit diesem Hammer verletzten zu können, wurde mir ganz mulmig zumute. Oder im Kampf verletzt zu werden.
Schnell schob ich diesen Gedanken beiseite und packte den Hammer wieder in seine Halterung. Die Sonne stand schon recht tief am Himmel, und ich konnte nicht ewig auf der Wiese sitzen bleiben. Ich musste mir zuallererst eine Unterkunft für die Nacht suchen, und dann musste ich mein neues Leben in den Griff kriegen.
Seufzend stand ich auf, schulterte den Rucksack und hielt Ausschau nach einem Ort, der ein Nachtquartier versprechen könnte. Nur wenige Meter neben mir schlängelte sich ein ausgetretener Pfad durch die Landschaft, der in Richtung einiger kubischer Gebäude verlief. Ich folgte dem Pfad, stets wachsam die Umgebung beobachtend. Wer wusste schon, was sich hier alles so herumtrieb, und gerade in Angriffslaune war?
Hier und da säumten Bäume die Umgebung, und ich freute mich, dass zumindest die Natur eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Welt besaß.
Links neben dem Pfad sah ich nun eine kleine Plattform in der Luft, zu der drei steinerne Stege hinauf führten. Überdacht wurde das Gebilde von drei pyramidenförmigen Rahmen, die mit einer blau schimmernden Membran gefüllt waren. Je näher ich der Plattform kam, desto lauter wurde ein stetiges Summen und Brummen, das die Luft erfüllte. Musste wohl von den blauen Membranen kommen.
Überall um die Plattform herum schwebten kleine, mit lila und blauen Pflanzen überwucherte Würfel, von welchen sich Lianen teilweise bis zum Boden schlängelten.
Ich hatte das im Spiel schon oft zu Gesicht bekommen, aber nie hatte es so einen majestätischen Eindruck gemacht wie jetzt, wo ich leibhaftig davor stand. Langsam stieg ich einen der Stege hinauf, unsicher ob das Ding wirklich so stabil war, wie es aussah. Oben auf der Plattform standen zwei Golems, welche mindestens doppelt so groß waren wie ich. Hui! Mit denen wollte ich mich nun wirklich nicht anlegen. Zu meinem Glück schienen sie sich in so etwas wie einem Stand-By Modus zu befinden, denn sie piepten gleichgültig vor sich hin und nahmen keine Notiz von mir.
Neugierig wie ich war, fuhr ich mit der Hand über einen der Farne, die auf der Plattform wucherten, und erschrak, als dieser sich unter meiner Berührung blitzschnell zusammen zog. Du warst wohl noch nie so der Pflanzenmensch, sagte ich im Stillen zu mir, und bedächtig stieg ich wieder hinunter, froh darüber, dass kein Regen die vermoosten Steine in letzter Zeit zu einer Rutschfalle gemacht hatte.
Zu meiner rechten sah ich nun ein klassisches Labor, in dem reges Treiben herrschte. Überall wuselten Asura unterschiedlichsten Aussehens durch die Gegend, riefen sich etwas zu, fluchten oder grummelten unverständlich etwas vor sich hin. Ich wagte nicht, sie in ihrer Arbeit zu stören, und da Labore wohl kaum Hotelzimmer anboten, wanderte ich weiter in die Richtung, in der sich langsam die Silhouette einer großen Stadt abbildete.
Vereinzelt begegnete ich Asura und ihren Golems, doch niemand schien mir sonderlich viel Beachtung zu schenken. Einige wenige grüßten flüchtig, und mit gesenktem Kopf murmelte ich „excelsior". Langsam kam in mir die Sorge auf, ob ich überhaupt in der Lage wäre, mich in dieser fremden Welt anzupassen. Wie sollte ich Geld verdienen, um zu leben? Ich hatte nicht mal den Hauch einer Ahnung von Golemantie oder sonst irgendwas, das mit Technik zu tun hatte. Wahrscheinlich würde man mich für den dümmsten Asura in ganz Tyria halten.
Ich seufzte. Irgendwas würde es schon geben, irgendeine niedere Arbeit, die nicht von Golems erledigt wurde. Hoffte ich zumindest.
Schnell warf ich einen genaueren Blick in meinen Geldbeutel. Ein paar Goldmünzen hatte ich, damit würde ich vermutlich einige Tage über die Runden kommen. Und in der Zeit würde sich sicherlich ein Weg zeigen.
Ich war nun am Eingang der Stadt angekommen, einem großen steinernen Dreieck, das an beiden Seiten von Lichtsäulen flankiert wurde. Soren Draa, erinnerte ich mich. Immerhin befand ich mich ganz in der Nähe von Rata Sum, der Hauptstadt der Asura. In meiner Bauchgegend begann es, wild zu flattern. Rata Sum mochte ich von allen Städten am liebsten, und ich konnte es kaum erwarten, dieses Meisterwerk der Baukunst und den Alltag der Asura mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben! Dafür musste ich lediglich durch das Portal in Soren Draa gehen und...
Ich schluckte. Wie sich Portalreisen wohl anfühlte? Hoffentlich nicht wie meine Reise nach Tyria...
Ehrfürchtig schritt ich zwischen den Lichtsäulen hindurch durch das Tor. Ein angenehmes Geräusch ging von den Säulen aus, eine Art technisches Brummen. Nicht zu laut, aber doch allgegenwärtig.
Soren Draa selbst war schon ein Meisterwerk. Eine Stadt, halb in Fels gehauen, mit Türmen, schwebenden Matten und Steinen überall, manche schwebenden Kuben waren sogar mit Bäumen bepflanzt! Blaue Lichter umgaben mich, wo ich auch hinsah, und von allen Seiten stürmten die Geräusche aus den Laboratorien auf mich ein. Schreie, Klirren, Piepen, Summen, Schritte von Golems auf dem Stein.
Ich musste wohl ziemlich dämlich ausgesehen haben wie ich da stand und mit offenem Mund die Gegend anstarrte, denn neben mir war ein Asura grinsend stehen geblieben und meinte: „Jedes Mal aufs neue ein Augenschmaus, nicht wahr?"
Erschrocken zwang ich mich, den Mund zuzuklappen und blickte zu Boden, um die Röte zu verbergen, die in meinem Gesicht aufstieg. „Äh... Ja. Absolut erstaunlich. Als wäre man zum ersten Mal hier." Ich räusperte mich. Der Asura schüttelte belustigt den Kopf und als ich es endlich wagte, den Blick zu heben, war er schon in dem Gewusel verschwunden.
Huh. Ich sollte mich vielleicht nicht ganz so dämlich anstellen, wenn ich nicht unbedingt auffallen möchte.
Also straffte ich den Rücken und ging weiter die Straße entlang, während ich mich möglichst unauffällig umsah. Ich stieg eine große Treppe hinauf und sah am Ende der Straße auch schon das Portal, welches mich wohl nach Rata Sum führen würde. Doch ein Blick in den Himmel genügte und mir war klar, dass der Abend sich näherte und ich erst mal eine Nacht ausruhen wollte, bevor ich mich in mein erstes Abenteuer stürzte. Das helle Blau war längst einem Farbenspiel aus gelb, violett und rosa gewichen, das die Wolken in wunderbaren Mustern färbte und die ersten Sterne der Nacht erkennen ließ. Wann war es nur so dunkel geworden?
Zu meinem Glück befand sich rechts von mir ein pyramidenförmiger Eingang, der im Inneren ein paar Tische und Stühle erkennen ließ. Über dem Tor war ein Schild angebracht, dass diesen Ort als Taverne auszeichnete. Dass ich die Schriftzeichen der Asura lesen konnte, wunderte mich nicht wirklich. Wenigstens ein kleiner Lichtblick, so hielt man mich zumindest nicht noch für einen Analphabeten.
Glücklich, möglicherweise eine Bleibe für die Nacht gefunden zu haben, betrat ich die Taverne. Hier herrschte einigermaßen reges Treiben, aber die paar leeren Tische, die ich sah, machten mir Hoffnung, dass es sich mit den Zimmern vielleicht genauso verhielt.
Zielstrebig ging ich zum Tresen, hinter dem eine schmächtige Asura stand und mir einen Blick zuwarf, bei dem ich nicht sicher war, ob er freundlich oder genervt sein sollte.
Die Asura hatte braunes Haar, zu einem einfachen Knoten zusammen gebunden, und ihre Augen waren von einem nichtssagenden blau. Doch dafür waren ihre Ohren einfach gigantisch! Ich wusste, dass Asura generell große Ohren hatten, aber die hier übertrafen alles, was ich bisher gesehen hatte. Wenn sie nicht abgestanden hätten, würden sie sicher bis unter die Brust reichen.
„Excelsior. Was darf's sein?" Sprach sie mit einer Stimme, die lauter war, als ich es so einem Körper zugetraut hatte. Was erwartest Du, in einer Taverne, in der immer so ein Geräuschpegel herrscht?
„Ähm, ich..." Ich räusperte mich. „Ich suche ein Zimmer für die Nacht. Und wenn's geht noch was zu Essen und zu Trinken." Mir wurde bewusst, wie unhöflich ich mich gerade ausgedrückt hatte, doch die Asura kümmerte sich wohl nicht darum. Sie ging zur gegenüberliegenden Wand und nahm einen Schlüssel, der mit der Zahl 13 gekennzeichnet war.
Gutes Omen.
Sie reichte mir den Schlüssel und sagte „Zimmer für eine Nacht und eine Mahlzeit, macht 3 Silber."
Nervös fummelte ich in meiner Geldbörse, bis ich die Summe passend hatte, und überreichte ihr die Münzen. Sie nickte zufrieden und wies mich an einen der leeren Tische.
Ich nahm Platz und wartete darauf, dass mir jemand mein Essen bringen würde. Froh, endlich mal sitzen zu können, stützte ich den Kopf auf die Arme und schloss die Augen.
Das würden ein paar lange, lange Tage werden.
