Die gesamte Busfahrt über ertränkte ich mich in Selbstmittleid. Castiel schnappte sich nicht lange nachdem wir losfuhren seinen Ipod und so hatte ich nichts Besseres zu tun, als mir mein Buch zu schnappen. Jane Austens „Northanger Abbey". Die Geschichte eines Mädchens welches den jungen Geistlichen Henry Tilney kennenlernt und ihn am Ende sogar heiratet. Sogar diese blöde Romanfigur hatte mehr Glück als ich. Das war ja so ungerecht! Seufzend ließ ich das Buch wieder sinken und erhaschte einen kurzen Blick von Nathaniel, ehe er sich wieder Melody widmete. Mein Herz flatterte. Blöder Castiel, blöde Melody, blöder Ausflug! Ich nahm mir meinen Notizblock zur Hand und begann wild drauflos zu kritzeln. Ich wünschte Melody die Pest an den Hals! „ Was zum Hänker machst du da?", fragte Alexy der sich von Hinten über mich beugte um besser sehen zu können. „ Ich zeichne, das siehst du doch.", meine Stimme klang schnippischer als erwartet. „ So wie du mit dem Stift rumdrückst sieht es eher so aus, als würdest du versuchen, deinen Block zu erstechen!", grinste er. „ Ich ersteche nicht meinen Block, sondern Melody…also imaginär." Ich spürte, dass ich von der Seite angeguckt wurde. Ich hatte nicht bemerkt, das Castiel mittlerweile die Musik ausgeschaltet hatte und Alexy und mich anstarrte. „ Du tust was?", fragte er. Alexy lachte. „ Maike ist wütend das Melody neben Nathaniel sitzt, weil lieber sie an ihrer Stelle gewesen wäre!", sagte er in seiner gewohnt kindlich- fröhlichen Art. Danke Alexy! Castiel grinste schelmisch. „ Dann ist es ja gut, dass ich dazwischen gegangen bin. Ich bin nämlich viel interessanter als unser Lieblingsstreber." Ich versetzte ihm einen Tritt. Alexy guckte mich mitleidig an, ließ mich dann aber in Ruhe. Als wir Pause machten ging ich mir kurz die Beine vertreten. „ Maike, darf ich kurz mit dir reden?". Ich zwang mich zu einem lächeln. „ Was kann ich für dich tun, Melody?". „ Ich möchte dass du dich von Nathaniel fernhälst", sagte sie eindringlich. „ Du lenkst ihn nur von seinen Pflichten als Schülersprecher ab und außerdem ist es doch wohl klar, dass er und ich für einander bestimmt sind!". Bei ihrem letzten Satz wurde sie leicht rot. Mir stand der Mund offen. „ Lieber würde ich Nathaniel mit seiner Horrorschwester knutschen sehen, als mit dir.", sagte ich und lief bei ihr weg. Ich ertrug dieses Gefasel einfach nicht. Ich lief eine Weile auf dem Parkplatz auf und ab. Meine Eingeweide zogen sich zusammen, bis ich Bauchschmerzen bekam. Als der Himmel begann sich zu verdunkeln und die ersten Tropfen fielen, schlurfte ich zurück zum Bus. Na toll, erst die Sache mit Nathaniel und Castiel, dann Melody und nun auch noch Unwetter. Das Schicksal hat einen echt miesen Sinn für Humor! Am Bus machte ich halt. Es unterhielten, nein stritten sich zwei. „ Warum machst du dich denn an sie ran, wenn du nicht auf sie stehst?", sagte der eine. „ Ich mach mich nicht an sie ran. Warum sollte ich? Sie ist überhaupt nicht mein Typ!", sagte der andere. „ Und was war das für eine Aktion heute Morgen?". Nun erkannte ich auch die Stimmen, es waren Castiel und Nathaniel. Als ich den Bus betrat, verstummten beide sofort. Castiel, der die Hände zu Fäusten geballt hatte, musterte mich kurz und ging dann zu seinem Platz. Nathaniel, der so aussah als hätte er noch etwas erwidern wollen machte mir Platz, damit ich zu meinem Sitz konnte. Beim vorbei gehen schaute er mich etwas zerknirscht an. „ Darf ich fragen worum es ging?", fragte ich Castiel. Er lächelte leicht säuerlich. „ Frag doch Prinz Charming!". Damit war das Thema für ihn gegessen. Irgendetwas sagte mir, das ich das Gespräch nicht hätte hören sollen. Eine ganze Weile zerbrach ich mir den Kopf darüber, was Castiel wohl mit „ Warum machst du dich überhaupt an sie ran, wenn du nicht auf sie stehst" meinte. War ich damit gemeint? Verarschte Nathaniel mich nur und wenn ja, warum? Warum mischt sich Castiel in die Sache ein? Warum war ich nur so blöd, das Gespräch zu belauschen? Umso länger ich über die ganzen Fragen nachdachte, die in mir rumschwirrten, desto mehr Kopfschmerzen bekam ich und desto weiter sank ich in meinem Sitz nach unten. Warum habe ich heute Morgen nicht einfach den Wecker ausgestellt und bin liegen geblieben, wie sonst auch?
