Chap 2: Hopeless
Das Auswahlverfahren lief wie immer ab. Den Neulingen der ersten Klasse wurde der sprechende Hut aufgesetzt und alle am Tisch klatschten begeistert, wenn ein neuer zu ihnen kam. Dumbledore hielt seine Rede und begrüßte die neuen Schulsprecher, bei denen wahrlich ein großer Beifall geklatscht wurde. Sogar von den Slytherins, wenn sie auch Lilli eher mörderische Blicke zuwarfen als respektvolle. James war im Gegenzug zu ihr von allem akzeptiert, er war reinblütig, war von allen bewundert, selbst die Slytherins sahen zu ihm auf, was nicht zuletzt daran lag dass er mit Melissa ging und sie sehr gut mit Bella, Malfoy und den ganzen anderen Slytherinköpfen befreundet war..
"Ich bin gespannt, wie lang sich Evans hält..."
Alle 4 Maurauder samt Anna und Alice starrten Melissa fragend an, als diese beim Essen damit anfing.
"Wir wissen doch alle, dass die halbe Schule sie nicht leiden kann und dann wählt der Schulleiter auch noch SIE zur Schulsprecherin. Glaubt ihr nicht, dass sie die Position bereits nach dem ersten Monat aufgeben wird?"
"Da unterschätzt du sie aber gewaltig, Lissy," antwortete Anna.
"Hast doch gemerkt, wie sie im Zug zurückgegiftet hat?"
"Das war nicht unbedingt beeindruckend, Anna."
"Na, außerdem muß ich dich korrigieren, Freundinn: Nicht die HALBE Schule kann sie nicht leiden, sondern nur ein VIERTEL! Das sind unsere allseits beliebten Schlangen. Meines Wissens nach haben Hufflepuff und Rawenclaw nichts gegen sie."
Melissa zuckte als Antwort lediglich gleichgültig die Schulter.
"Für ne Muggelgeborene ist sowas nicht schlecht."
"Ey, Padfoot, guck mal wer dort hockt," grinste James und zeigte mit dem Kopf Richtung Slytherinstisch. Wer hätte es anders sein sollen als:
"Old Snievellus!" lachte Sirius begeistert und war bereits am aufstehen als ihn Anna mit aller Kraft wieder auf den Platz zurück zog.
"Lass ihn doch bitte mal in Ruhe, ja!"
"Wieso sollte ich?"
"Weil der arme dank euch sowieso schon keine Freunde hat, da brauchst du ihn jetzt nicht auch noch ununterbrochen zu nerven."
"Er hat keine Freunde, weil er sich nie wäscht und daher die Schule mit seiner Anwesenheit vollstinkt."
James, Melissa, Alice und Peter prusteten in ihren Kürbissaft hinein, während auch Remus ein amüsiertes Lächeln von sich gab.
"Und dank dir weiß es jetzt auch absolut jeder, der das nie wissen wollte. Der arme kann einem ja richtig Leid tun. Er sitzt jetzt alleine am Ende des Slytherin-Tisches, weil sich keiner von den anderen mit euch anlegen will."
"Quatsch," verwarf Sirius das sofort.
"Als ob wir jeh Zettel verteilen ließen, wo drauf stand, wer sich mit Snievellus anfreundet, dem hetzten wir nen Fluch auf den Hals."
"Nein, du hast ihm bei der letzten Aktion nur rote Sommersprossen verpaßt, die auf seinem Rücken die Worte: Tritt mich! Ich bin ein selbstverliebtes Schwein mit lauter imaginäre Freunden schrieben!"
Wieder prusteten alle in ihr Glas und selbst Remus begann bei der Erinnerung nun mitzulachen, was sogar Anna ansteckte. Sie konnte einfach nicht mehr Ernst bleiben und lachte ebenfalls los, auch wenn es nicht wirklich lustig war. Das Lachen ihrer Freunde steckte einfach an.
Lilli saß so ziemlich am Ende des Tisches bei den ruhigeren Gryffindors, hatte aber das Lachen in der Mitte des Tisches durchaus mitbekommen und auch wie alle bewundernd zu ihnen hinblickten. Ihr Blick galt besonders James und Anna. James, der Melissa vor Lachen in seinen Armen hielt und schon fast Tränen in den Augen hatte und dann Anna, die mit ihnen glücklich und zufrieden aussah, als ob ihr nichts etwas anhaben könnte. Sie kannte sie alle seit der 1. Klasse und seit dieser Zeit beneidetete sie sie um ihre Freundschaft. Sie beneidete insgeheim Melissa um ihr Leben, das sie führen durfte. Geliebt von der ganzen Schule, eine beste Freundinn, die jederzeit für sie Partei ergriff und einen liebenden Freund, in den sich Lilli verliebt hatte, leider zu spät.
Nach dem Essen verzogen sich alle gut genährt in ihre Gemeinschaftsräume zurück. Als Lilli herein kam, hatten sich die Maurauder bereits an den Kamin gesetzt und wieder Witze gerissen, während Melissa knutschtend an James Hals hing und ihm den nächsten Knutschfleck verpaßte. Offensichtlich etwas, dass der Gryffindor jedoch vollstens genoß. Anna saß mit Alice auf einer Couch schön weit weg von ihnen und lachte offenbar auch über irgendetwas was ihre Freundinn gerade erzählt hatte. Lilli beschloss sich einfach zu ihnen hinzusetzten.
"Hi," grüßte Alice sie lachend und zog Lilli zu sich runter.
"Was ist so witzig?" fragte Lilli neugierig und sah dabei abwechselnd Anna und Alice an.
"Hab Anna nur grad erzählt, dass Frank langsam genau so wie die Maurauder wird!" lachte Alice herzlich.
Sie war wirklich ein netter
Mensch, der niemanden ausschloss und sich mit absolut jedem verstand.
Alice gehörte zu den Mädels, zu dem jeder aufsah, weil man
sie einfach mochte. Nicht wie Melissa, die viele fürchteten und
deswegen vorgaben sie zu mögen, weil sie nicht das nächste
Ziel ihrer Attacken sein wollten.
Lilli hatte sich sofort in der
ersten Klasse mit ihr verstanden und die beiden waren seit dem auch
gute Freundinnen geworden. Aber Alice war auch jemand, die keine
beste Freundinn haben wollte, die lieber für sich war und zu
jedem dazu gehörte.
Sie hatten danach noch viel über die Ferien gesprochen oder meistens hat Alice geredet, denn Anna und Lilli dachten nicht im entferntesten daran, der anderen irgendetwas zu erzählen. Der Gemeinschaftsraum leerte sich mit der Zeit und spät Abends war kaum mehr jemand da außer die Maurauder, Melissa und die 3 Mädels. Nachdem auch Peter ins Bett ging, gesellten sich Remus und Sirius zu den Mädels, da James und Melissa den ganzen Abend nichts anderes gemacht hatten als ihre Lippen aneinander zupreßen und sich gegenseitig liebe Wörter zuzuflüstern. Sie sahen für die ganze Welt wie ein glückliches Paar aus. Lilli wußte es besser...
"Na, ihr lieben," grüßte Sirius sie und setzte sich auf den freien Stuhl. Remus hatte Lilli freundlich angelächelt und sich einen Stuhl herangezogen um sich zwischen ihr und Alice zu platzieren.
"Evans, ich hätt da mal ne Frage, bezüglich Ayenterro!" begann Sirius breit grinsend.
"Padfoot, nein!" fuhr Remus eindringlich dazwischen aber Sirius hatte sich noch nie von irgendjemand etwas sagen lassen.
"Hat sie irgendwie ihre Zunge verschluckt? Hab sie in den ganzen 6 Jahren gerade mal 2 Wörter sagen hören. Ja und Nein!"
"Vielleicht redet sie nur mit dir nicht, Black," fauchte Lilli wütend darüber, dass er sich so über ihre Freundinn auslies.
"Würd ich verstehen, denn ich habe auch nicht das Bedürfnis hier weiter mit einem hirnampotierten Troll zu sprechen."
"Aua!" machte er gespielt entrüstet.
"Was für ne Ausdrucksweise für unsere neue überaus beliebte Schulsprecherin!"
"Padfoot, lass Lilli in Ruhe," verteidigte Remus sie aufs neue.
"Ich geh ins Bett," teilte Lilli ihnen zornig mit und stand vom Platz auf.
"Lilli!" rief Alice ihr nach, doch die Freundinn hatte sich kein einziges Mal umgedreht.
"Das war unnötig, Sirius."
"Sie hat angefangen."
"Ohhhh..." machte Anna gespielt mitleidig.
"Hat sie unserem armen Sirilein weh getan?"
"Jaaaaaah," quengelte er wie ein kleines Kind und wieder begann die ganze Manschaft zu lachen. Lilli hatte davon noch sehr viel mitgekriegt. Sie war ja kaum hinter der Wand verschwunden als sie wieder zurück in ihr Lachen fielen. Sie schüttelte bedrückt den Kopf, dann ging sie weiter in den Mädchenschlafsaal und schloss die Tür hinter sich. Als ob ihre Knie mit einem mal nachgeben würden, sank sie an der Tür hinab und starrte den Boden an. Er war leer und langweilig, so wie sie. All die Jahre hatte sie es vor ihren Augen und nie hatte es ihr Herz wirklich bewegt, bis jetzt... Sie war einsam und sie hatte keine Freunde...
Erst sehr viel später ging die Schlafsaaltür aufs neue auf und auch die restlichen Mädels kamen lachend herein.
"Pschh..." machte Alice.
"Seit leise. Lilli schläft schon."
"Was hat sie überhaupt für ein Problem?" fragte Melissa mit böser Stimme.
"Glaubt sie etwa, nur weil sie jetzt Schulsprecherin ist, muß sie jeder mögen? Wenn sie wüßte, was die gesamte Schülerschaft wirklich über sie denkt. Sie gehört echt nicht hier her. Schon gar nicht in unseren Schlafsaal."
"Klar, kick sie doch raus," lachte Anna amüsiert und Lilli konnte hören wie sie sich auf ihr Bett niederließ.
Sie hatten selbst oben noch lange miteinander gesprochen über alltagsdinge und wie sie dazu standen. Irgendwann waren sie dann auch ins Bett gegangen und eingeschlafen. Lilli fand an diesem Abend kein Schlaf. Zu groß war ihre Sehnsucht nach dem was sie hatten... Melissa, Anna und Alice wurden von allen geachtet und bewundert, jeder suchte ihre Nähe und die drei waren niemals alleine... Etwas, dass sie nie haben würde, ganz gleich wie sehr sie sich anstrengte und was sie tat. Sie haßte die Welt langsam dafür, dass sie anders war, als alle anderen.Sie wollte diejenige sein, die mit James Potter ging, sie wollte diejenige sein, die mit Alice und Anna befreundet war, aber stattdessen war sie Lilli Evans, die von allen gemieden und verachtet wurde, weil sie eine Muggelgeborene Hexe war.Ein Gedanke, der sich wie ein harter Brocken auf ihrem Herzen niederließ.
Der erste Unterricht am Montag Morgen gehörte Zaubertränke bei Professor Ick, den die Gryffindors mit den Slytherins zusammen hatten. Lilli lehnte wie so oft auch alleine an der Wand und wartete darauf, dass der Professor kam um ihnen die Tür aufzusperren. Sie mochte Zaubertränke, Professor Ick war ein netter Mann, der sehr viel Rücksicht nahm, besonders auf die Muggelgeborenen Schüler. Anna stand wie immer mit Melissa und Alice bei den Mauraudern und wie immer schien sie absolut glücklich zu sein, so wie sie lächelte. Das Atmen fiel ihr schwer... sie spürte wie sie einige anblickten, weil sie alleine war und sie wollte sich zu niemanden hingesellen. Vielleicht wollte sie ja alleine sein? Ein einsamer Mensch bleiben.
Professor Ick kam und schloss ihnen mit einer Zauberstabbewegung die Tür auf.
"Immer Herein, junge Wissenshungrige Schüler!"
Sie setzten sich im Klassenzimmer nieder und Lilli bemerkte erleichtert, dass sich Alice wie auch letztes Jahr neben ihr niederließ.
"Na, du!"
"Na."
Wenn sie bei ihr saß, dann war die Welt nicht ganz so einsam, auch wenn sie wußte, dass es in der nächsten Stunde wieder anders aussah.
"Warum bist du gestern einfach abgehauen?"
"War müde."
"Sahst aber nicht danach aus."
"War ich aber."
"Lils, du bist ein lieber Mensch, aber wenn du dich weiterhin so leicht von Sirius ärgern läßt, dann bist du selbst Schuld. Er meints nicht böse, er provoziert nur gern."
"Hört sich für mich aber sehr böse an."
"Gut, meine Lieben," unterbrach der Professor sie.
"Ich hätt euch das vielleicht vorher sagen sollen, aber dieses Jahr werdet ihr nicht wie letztes Jahr zusammen sitzten. Ihr bekommt neue Partner, die ich schon vor dem Unterricht zusammengestellt habe. Der Stärkere hilft jeweils dem Schwächeren, schließlich sollt ihr doch ALLE eure UTZ'e schaffen und ich habe lange mit dem Schulleiter daran gearbeitet, die Partnerverteilung so gut wie möglich hinzubekommen. Also: Anderson Jamie und Lupin Remus, Black Sirius und Stattler Alice, Black Bellatrix und Pettigrew Peter, Dorian Jimmy und McGonagall Parker, Evans Lilli und White Anna, Ekelstone..."
Lilli hatte es nicht unterlassen können einen Blick nach hinten zu werfen, wo Anna neben Melissa saß und sie so gar nicht beachtet hatte. Im Gegenteil,sie kritzelte irgendwas mit der Feder auf ein Pergament herum, als ob sie dem Professor gar nicht zugehört hätte. Lilli hatte zumindest etwas Empörung erwartet, aber von ihr kam absolut keine Reaktion.
"... Kingcade Melissa und Potter James, Lamper Anthony und ..."
Nach der Einteilung mußte sich die gesamte Klasse wieder umsetzten um die Partner zu finden. Anna hatte sich zu Lilli nach vorne gesetzt ohne sie überhaupt angelächelt zu haben, mehr, als ob sie sich zur Pest gesellen müsse.
"Schlagt eure Bücher auf Seite 120 auf: Der Wärmetrank... ersetzt das Kaminfeuer, könnte man sagen! Ihr seht die Zutaten, die man dazu braucht und wie der Trank hergestellt wird. Versucht euch an den Tränken und ich werde mir die Ergebnisse bei Unterrichtsende ansehen. Hierbei wird es von meiner Seite aus keine Hilfestellung geben. Verlaßt euch voll und ganz auf den stärkeren Partner, der es euch erklären wird."
Sirius hatte Alice frech angegrinst.
"So, kleine, dann lass dir mal zeigen wie ein Profi sowas macht."
"DU!" fragte diese provozierend frech.
"Du meinst wohl eher ICH soll DIR zeigen wie das geht."
James und Melissa schüttelten amüsiert die Köpfe. War ja wiedermal typisch Sirius.
Anna nahm indessen einige Zutaten und wollte sie schon hinein geben als Lilli sie davon abhielt.
"Das ist falsch!"
"Was?"
"Du hast hier Krötenaugen, wir brauchen aber Froschaugen."
"Das ist doch dasselbe!"
"Nein, ist es nicht. Krötenaugen sind-"
"Verschon mich mit deinen Erklärungen bevor ich noch einschlafe."
"Krötenaugen, Anna, sind giftig und Froschaugen nicht. Wenn du nicht zufällig an dem Trank sterben möchtest, solltest du auf mich hören."
"Und wenn ich doch sterben möchte?"
"..."
"Dumbledore, Evans, du bist vielleicht krank. Das war'n Witz!"
Sie nahm ein Froschauge und schmiss es zu den anderen Zutaten in den Topf.
"Hast du gewußt, dass es Krötenaugen waren?" fragte Lilli vorsichtig, nachdem Anna den Trank umrührte und kein Wort mehr von sich gab.
"..."
"Du wolltest meine Reaktion testen?"
"..."
"Was dann?"
Anna lächelte schwach.
"Hör mal, Evans, so wie's aussieht sind wir das gesamte 7. Jahr Partner. Wäre also nett wenn du nicht ständig: Wieso-Warum-Weshalb fagst. DAS NERVT!"
Und wieder verfielen die beiden Mädels in einer Funkstille. Ihr Zaubertrank war nichts desto trotz sehr gut geworden und Professor Ick gab ihnen ein: Ohnesgleichen. Kaum hatte er seine Klasse entlassen, war Anna auch schon wieder verschwunden und zu Melissa und den anderen hingegangen, die sich gemeinsam zu Zaubereigeschichte aufmachten. Es war komisch. Lilli hatte Anna auf eine gewisse Weise durch ihr Auftreten immer für eine dumme Zicke wie Melissa gehalten, aber das eben war keine dumme Zicke... es war eine merkwürdige Person. Wollte sie sie nun Testen? Oder gar Vergiften? Oder wußte sie wirklich nicht, dass Krötenaugen giftig waren? Wenn sie ehrlich war, dann war dieses Mädchen ganz anders, als sie außen hin vorgab zu sein... Sehr zu Lilli's Gefallen. Innerlich hatte sie immer gehofft, dass Anna... auf eine gewisse Art und Weise nett war.
Zaubereigeschickte war mit Abstand das langweiligste was ihnen jeh unter die Augen gekommen war. Sobald Professor Binns eine Minute begann zu sprechen, gab es das erste Schnarchen. Lilli war wohl die einzige, die sich mit Müh und Not konzentrieren konnte um mitzuschreiben. Alice hatte sich freiwillig neben sie hingesetzt, war aber auch schon am Schlafen als sie 5 Minuten später neben ihre Freundinn blickte. Sie konnte es sich nicht verkneifen auch mal nach hinten zu schauen, um zu sehen was James machte... Er schlief genau so mit dem Kopf auf den Armen. Seine widerspenstigen Haare streckten sich in alle Richtungen und sahen ziemlich fest aus. Sie fragte sich ob das nicht weh tat, wenn man durch sie hindurchfuhr.
Kalt... es war so eisig kalt. Er hatte kein Gefühl mehr in seinem Körper. Sein Herz schien stehen geblieben zu sein, eine grausame Gänsehaut hatte sich über seinen Rücken gelegt. Jeder Windzug schmerzte und durchfuhr seine Nerven mit Qual. Er spürte etwas auf seiner Haut... eine Hand, die an seinem Arm entlang fuhr und ihn streifte... sie kam höher, an seine Brust, an seinen Hals...
James schreckte aus dem Traum auf. Eilends schnappte er nach Luft und versuchte sein Herz zu beruhigen, dass auf einmal wie verrückt begonnen hatte zu klopfen als ob es noch nie vorher geschlagen hätte. Seine Hände zitterten, seine Beine schienen den Halt verloren zu haben und sein ganzer Körper fühlte sich an wie ein riesiger schwerer Felsen.
'Es war ein Traum... nichts als ein Traum... Nur ein Traum...'
Er wandte sich nach Rechts, wo Sirius saß und vor sich hinschnarchte, dann nach vorne wo Anna mit verschrenkten Armen am Stuhl lehnte und sich nicht rührte. James war sich sicher, dass sie mit geschlossenen Augen da saß. Direkt neben ihr lag auch Melissa auf ihren Armen auf der Tischplatte und ein Blick nach links verriet ihm, dass auch Peter bereits schlief und Remus sich mehr oder weniger auf den Unterricht konzentrierte, während sein Kopf nur noch von seiner linken Hand vor dem freien Fall in den Schlaf gestützt wurde. Keiner von ihnen hatte etwas von seinem Alptraum bemerkt, so wie sonst auch... Er mochte seine Freunde, kein Zweifel, aber keinem schien aufzufallen, wenn es ihm schlecht ging. Wie denn auch, wenn er es immer schaffte, es zu verstecken?
James irrte sich. Lilli hatte gesehen wie er mit völlig verängstigtem Blick aufgeschreckt war und es versetzte ihrem Herz einen kräftigen Dämpfer. Sie sah wie er zu allen Seiten seiner Freunde blickte, vielleicht befürchtend, dass sie etwas gemerkt haben könnten, vielleicht aber auch Hilfesuchend, dass ihm einer von ihnen eine Bestätigung gab, dass er nur geträumt hatte. Sie wollte es tun, wollte ihm zunicken und sagen, dass nichts passiert war, aber er hatte sie keines Blickes gewürdigt. Er hatte seine eigene kleine Welt, mit Melissa als seine Freundinn, mit Sirius, Remus, Peter und Anna als seine Freunde, aber keiner von ihnen schien zu erkennen, dass es ihm schlecht ging.
Nach der Schlafstunde waren alle aufgestanden um zum nächsten Unterricht zu gehen. Sirius, der sich erst mal ausgiebig strecken mußte um wieder wach zu werden, hielt mitten in der Bewegung inne als er seinen besten Freund anmusterte.
"Prongs?"
"Hm?"
"Siehst etwas blass um die Nasenspitze aus? Hast net pennen können? Hat Binns zur Abwechslung mal was für dich interessantes gebracht?"
James lachte gekünselt, ohne das sein bester Freund es mitbekam. Er tat es ja nicht böswillig, sondern nur, um ihm keine Sorgen zu bereiten.
"Lass uns gehen..."
Die Maurauder standen auf und nachdem James seinen Arm um Melissa geschlengelt hatte, verließen sie das Klassenzimmer.
"Was ist?" fragte Alice als sie Lilli's starrenden Blick bemerkte.
"Hm? Ach nichts, lass uns gehen."
"Nichts? Dafür ruhten deine Augen aber ziemlich lange auf deinen Schulsprecherkollegen. Irre ich mich oder ist da was im Busch?"
"Du irrst dich."
"So?"
"James Potter und Ich, das wär ja lächerlich, also wirklich."
"Irgendwie schon," stimmte Alice ihr schließlich zu, warf sich die Schultasche über die Schulter und stand auf.
"Ihr wärt wirklich ein eigenartiges Paar. Wir sehen uns dann in VgddK, Bye Lilli!"
Und mit diesen Worten ging sie hinaus. Lilli stand wenig später ebenfalls auf, schritt vor die Tür und ging ihres Weges zu Heilkunde.
Der erste Schultag verlief somit relativ ereignislos und das einzig wichtige für Lilli war die Tatsache, dass sie am Abend mit James auf Patrolie durch die Gänge wandern würde. Sie hatte ein Bild von ihm, wie er war und sie fragte sich, ob er es ihr heute Abend bestätigen würde, oder auch nicht. Pünktlich um 22.00 Uhr ging sie in den Gemeinschaftsraum runter und sah sich suchend nach ihm um.
'Wahrscheinlich hängt er wieder knutschend bei Kingcade rum,' dachte sie genervt, doch genau das tat er nicht. Melissa saß mit Anna, Alice und den übrigen Mauraudern am Kamin und sprachen über irgendetwas offensichtlich langweiliges. James war nicht bei ihnen und im Grunde genommen hatte sie wenig Lust ausgerechnet diesen Haufen zu fragen, wo er war.
"Evans!" rief Sirius zu ihr rüber, als er sie bemerkte. Genervt wandte sie sich ihm zu und sah ihn gespielt erfreut an.
"Ja?"
"Prongs läßt dir ausrichten, dass er draußen auf dich wartet. Er wollte noch etwas mit dem Besen fliegen. Wenn Madamme also noch weiß wie es dorthin geht, sollte sie kein Problem haben den gändigen Herrn auf dem Quidditchfeld aufzugabeln, oder soll ich als Aufpasser mitgehen?"
"Dich als Aufpasser?" giftete Lilli unüberlegt los.
"Da könnt ich mich auch gleich in die Löwengrube werfen."
Auf dem Absatz drehte sie sich weg und schritt durch das Porträtloch hinaus. Sirius wandte sich der Truppe zu und sah sie kopfschüttelnd an.
"Das tut von mal zu mal härter weh," kommentierte er gespielt wehmütig und erntete ein amüsiertes Lachen von Melissa. Anna hatte dazu nichts gesagt, aber das wollte sie auch nicht. Sirius wußte genau, was sie von seinen Aktionen hielt.
Lilli fragte sich den ganzen
Weg hinab zum Quidditchfeld, warum James bitte so spät noch da
unten herumflog! Es war gefährlich, vor allem in dieser Zeit,
wo Voldemort immer mehr Macht gewann und teilweise unbekannte Wesen
auf seine Seite zog, von denen kaum jemand Bescheid wußte,
außer er selbst. Als sie am Feld ankam, sah sie sich suchend
nach ihm um. Zuerst konnte sie in dieser Dunkelheit, die lediglich
durch das Licht des Mondes ein wenig heller wirkte, niemanden
entdecken. Nur sehr langsam konnte man einen fliegenden Punkt
ausmachen, der ab und zu hinter den Wolken auftauchte. Lilli erschrak
der Gedanke, dass er so hoch oben herumflog. Toll, wie sollte sie ihn
bitte herunterholen? Sie konnte ja schlecht nach ihm rufen, da er es
so hoch oben sowieso nichts hören würde. Nen Stein nach ihm
schmeißen? Konnte sie ja wohl schlecht? Was wenn sie seinen
Schädel traf und ihn runterriss? Dann war sie Schuld, wenn
Hogwarts nen neuen Schulsprecher brauchte. Und wenn sie ihm einfach
ein Zeichen mit dem Zauberstab gab? Etwas vor ihn hinzauberte? Ein
Text? Hallo Potter, guck mal runter! Potter! Sollte sie ihn nicht
besser James nennen! Sie wollte ihn lieber James nennen, aber er
nannte sie auch immer noch Evans.
Was solls, dachte sie sich
schließlich und hielt den Zauberstab in die Höhe.
Um seine Gedanken zu klären flog James immer gern ein paar Runden um das Quidditchfeld. Er war der Sucher der Gryffindor-Manschaft und liebte das Fliegen. Es gab ihm ein Gefühl der unendlichen Freiheit, als ob niemanden einen bezwingen könnte und man vor nichts davon laufen brauchte, denn in der Luft konnte einem niemand etwas anhaben. Absolut niemand. Wenn er hier oben war, dann schienen seine Probleme weit weg von ihm zu sein. Keiner wußte wie er sich wirklich fühlte, keiner sah, was direkt vor ihren Augen ablief, oder sie verschlossen alle mit Absicht die Augen. Anna wußte als einzige von dem Erlebnis vor einigen Jahren und sie war auch die einzige, mit der er reden konnte, aber auch sie wußte nicht, wie es wirklich um ihn stand. Sie wußte nicht das wichtigste, was er allen verschwieg, weil er es nicht wahr haben wollte. Immer wenn er glaubte, wieder daran denken zu müssen, weil seine Vergangenheit ihn einholte, dann flüchtete er. Quidditch war das einzige, was ihn vom denken abhielt. Er handelte einfach aus dem Bauch heraus, ohne groß sein Gehirn benützten zu müssen. Alles war so klar vor ihm, als ob sein Herz schon immer gewußt hat, wie er etwas zu tun hatte. Er hätte die Augen verschließen können und trotzdem durchstreifte er die Luft wie er es beabsichtigt hatte und es am günstigsten für ihn war. Und sobald er die Augen wieder öffnete...
Hey, Schulsprecher
"Wuohhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!"
"Nei-" Plumps! "Ufffff!"
James verzog mißtrauisch die rechte Augenbraue. Es fühlte sich merkwürdig an. Er war eigentlich tief gefallen. Gut er war mit seinem Besen etwas runter gegangen, weil er wußte, dass Lilli Evans jeden Augenblick kommen würde um ihn abzuholen und er sie hören wollte, wenn sie nach ihm rief, aber nun lag er da und fragte sich warum er gefallen war und weich gelandet ist! Er flog... und flog... und dann die Schrift direkt vor seinem Auge...
"Potteeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeer!"
"Evans?" fragte er unfassbar und hatte sich augenblicklich zur Seite gerollt. Lilli drückte sich angeschlagen auf und sah ihn mit giftigem Blick an.
"Hättest du nicht woanders hinfallen können? Nur einen Meter weiter?"
"Warum bist du nicht einen Meter zur Seite gesprungen, wenn du gesehen hast, das ich direkt auf dich rauf falle?"
"Ich war geschockt!"
"Ich auch! Ich nehm an die Schrift war deine geniale Idee?"
"Sie ist auch genial wenn du beim Fliegen dein Hirn angeschaltet hättest."
"Wer rechnet denn mit ner Schrift direkt vor sich? Echt, manchmal frag ich mich ob Mutter Natur bei dir nicht was vergessen hat!"
"Bei mir? Ich bin nicht diejenige, die Snape vor allen anderen die Boxershorts ausgezogen hat."
"Ich hab das nicht getan!"
"Hast du doch! Ich hab alle anderen lachen hören!"
"Ich wollte, aber ich habs nicht getan."
"Hast du doch!"
"Frag Sirius!"
"Dein Spinnerkompane?"
"Dann frag Anna!"
"Sie war nicht dabei! Sie war am See mit Alice bei den anderen!"
"Dann frag Remus! Ihm glaubst du sicherlich,oder?"
"..."
"Ehrlich, Evans. Wie willst du in diesem Jahr bitte mit mir zusammenarbeiten, wenn du ständig nen Grund suchst um auf mir rumzuhacken?"
"Das tu ich doch gar nicht," wehrte sie sich beleidigt. Wie konnte er nur soetwas über sie denken?
"Nein? Bist du dieselbe Evans, die Sirius und mich jedesmal bei McGonagall verpetzt hat, wenn wir Abends draußen unterwegs waren?"
"Du bist jetzt Schulsprecher und wirst dasselbe mit anderen tun müssen! Das gehörte nun mal zu meinen Pflichten!"
"Pflichten! Hast du nie Spaß im Leben?"
"Doch, ständig! Was geht es dich überhaupt an, was ich mit meinem Leben anfange? Du bist doch glücklich mit deinen hirnlosen Rumtreiberkumpels und dieser-"
"Keine Beleidigung, bitte!"
"Was macht sie denn ständig?"
"Du provozierst sie doch!"
"Als ob sie das nicht täte!"
"Lass uns die Rundgänge hinter uns bringen. Einen sturren Gefühlsbrocken von etwas anderem zu überzeugen ist, als ob du versuchst nen Dementor zu töten. Zwecklos!"
Er stand auf und reichte Lilli die Hand. Sie hatte sie natürlich nicht angenommen, sondern richtete sich von selbst wieder schnaubend auf. Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen ging sie vor ins Schloß hinein mit einem genervten James hinter sich her schleichend. Den ganzen Rundgang über sprachen sie kaum ein weiteres Wort miteinander außer am Ende das:
"Fertig?"
"Ja!"
"Gut.!"
"Gut!"
"Dann bis morgen!"
"Ja!"
"Gut."
"Gut."
Und so trennten sich die beiden in die verschiedenen Schlafsääle. Lilli hatte noch Licht durch die Türspalte gesehen und wußte, dass die drei offenbar noch nicht ins Bett gegangen waren.
'Toll, genau was ich nach einem solchen Abend brauche.'
Trotzdem mußte sie hinein gehen, denn drinnen stand leider Merlins auch ihr Bett.
"Hey, Lils," güßte Alice sie, als sie herein kam. Wie erwartet saßen Anna, Melissa und Alice auf Melissa's Bett und waren mal wieder neuesten Tratsch durchgegangen.
"Hi," sagte sie lustlos und ging zu ihrem Bett rüber.
"Gut Nacht."
"Nacht," erwiederte Alice und sah noch wie Lilli die Vorhänge ihres Himmelbettes zuzog und sich dann hinlegte.
Melissa sah die beiden Mädels nur kopfschüttelnd an und nahm das Gespräch wieder auf. Lilli war heilfroh als sie stunden später endlich aufhörten zu labern und endlich auch einschliefen.
'Nur noch dieses Jahr, dann bist du sie los. Ich hoffe das Jahr geht schnell vorbei.'
