Sookie ist wieder Zuhause und will nichts mehr mit irgendeiner Art von Übernatürlichem zu tun haben. Aber… Wie wahrscheinlich ist das bei einer Fee schon?

Kapitel 2

Sookie fühlte sich so verdammt einsam.

Frustriert schnappte sie sich einen Eimer, den sie mit Spülmittel und heißem Wasser füllte und machte sich mit einem Lappen und Bürste daran den restlichen Dreck von Boden und Wänden zu putzen. Außerdem entfernte sie dass, was Pam vor Monaten so nett als ‚Dekoration' bezeichnet hatte.

Nicht an Pam denken, nicht an Pam denken. Sookie suchte sich einen besonders hartnäckigen Fleck und konzentrierte sich auf ihn, bis sich alle ihre Gedanken wieder nur darum drehten.

Stunden später erwischte sie sich dabei, wie sie zum x-ten Mal über dieselbe Stelle scheuerte und dort bereits den Bodenbelag abschmirgelte. Mit einem Seufzen warf sie den Lappen zurück in den Eimer, das Wasser war inzwischen eiskalt. Sookie gähnte und renkte sich dabei fast den Kiefer aus. Wenigstens würde sie diese Nacht tief schlafen.

Tatsächlich überstand sie die Nacht ohne weitere Träume. Unter der Dusche versuche sie auch das hintergründige Gefühl von Enttäuschung wegzuspülen, war sie denn schon so einsam und ausgehungert, dass sie sich nach Zärtlichkeit in ihren Träumen sehnte?

Sookie aß ein einsames Frühstück auf der Veranda, hörte den Vögeln zu und beobachtete wie die Sonne höher stieg. Danach machte sie sich wieder an die Hausarbeit, wusch Geschirr, schmiss die Waschmaschine an, schrubbte die Wände…

Irgendwann stand sie plötzlich in Taras Zimmer. Sie brach in Tränen aus. Wie hatte es mit ihnen beiden nur so weit kommen können? Wie hatte sie selbst Tara so alleine lassen können? Wie war es gekommen, dass ihre Schwester im Geiste ihr nichts von ihren Plänen erzählt hatte? Wie war sie überhaupt darauf gekommen weg zu laufen?

Das waren ziemlich viele Wie's, Sookie legte sich aufs Bett und weinte, bis ihre Augen brannten. Danach fühlte sie sich etwas besser. Sie ließ ihren Blick über die Sachen gleiten, die Tara da gelassen hatte. Viel war es nicht, wichtige Sachen waren nicht dabei, aber sie konnte und wollte nicht glauben, dass Tara nie wieder zurück kommen würde… Also schloss sie die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel herum.

Sookie stürzte sich wieder in die Hausarbeit. Sie hatte endlich das Treppenhaus soweit, dass es wieder aussah wie früher, als sie vor dem Haus ein Auto hörte das klang wie ein schwerer Pickup. „Jason…" murmelte sie und rannte nach draußen Er war es wirklich.

Doch Sookie erschrak, als er ausstieg. Ihr Bruder war dünn geworden, sein früher so durchtrainierter Körper war nur noch ein Schatten seiner Selbst. Dunkle Ringe unter den Augen zeugten von Stress und Schlafmangel.

Trotzdem freute er sich offensichtlich unheimlich seine kleine Schwester wiederzusehen und umarmte sie heftig. „Sookie, ich bin so froh, dass es dir gut geht!" flüsterte er und ihr schossen die Tränen in die Augen. „Es tut mir so leid, dass ich deine Nachricht erst so spät gefunden habe! Wo warst du? Was hast du gemacht?" sprudelte er sofort weiter. „War es dieser Vampir? Warte, den bringe ich um! Also… ich bring ihn ganz um!"

Sookie grinste schief. „Nein, Jason, er hat nichts damit zu tun! Komm erst mal rein und setz dich hin, du kippst ja bald aus den Latschen!" Das befürchtete sie wirklich. Und es hielt sie davon ab darüber nachzudenken, welchen Vampir genau er meinte…

„Hast du heute überhaupt schon etwas gegessen?" Als er sie nachdenkend ansah winkte sie ab und stellte ihm kommentarlos ein halbes Frühstücksbüffet auf den Tisch. „Los, lang zu!"

„Erst will ich wissen wo du warst! Was war los?" Er schob seinen leeren Teller weg und sah sie herausfordernd an. Sookie seufzte. „Ich sag's dir, wenn du etwas isst, ok?"

Jason sagte nichts, nickte nur und langte dann so zu, wie Sookie es schon lange nicht mehr gesehen hatte. Er schien wirklich halb verhungert zu sein… Dann erzählte sie ihm genau die Geschichte, die jeder Andere auch von ihr zu hören bekommen würde:

Nach der Sache in Texas war sie impulsiv für einige Tage in ein Hotel in New Orleans geflüchtet, um endlich wieder runter zu kommen und etwas Abstand zu kriegen. Dort hatte sie ein paar nette Kanadierinnen kennengelernt. Spontan war sie mit ihnen weitergereist und hatte die letzten drei Monate auf Achse zwischen den amerikanischen und kanadischen Nationalparks verbracht. Ihr Handy hatte sie leider zu Hause vergessen, so war sie nicht erreichbar gewesen und hatte sich auch selbst nicht melden können.

„Und der Vampir hatte wirklich nichts damit zu tun?" Langsam lief Jason wieder zu seiner alten Form auf, er sah sie mit seinem misstrauischen *Ein Wort und ich ramm' dem Typen einen Pflock ins Herz*-Blick an. Seine Schwester schüttelte den Kopf. „Nein, Jason, er hat wirklich nichts damit zu schaffen! Keiner von beiden hat das!"

„Gut." Meinte er dann mit vollem Mund und grinste sie an. „Gut, das du wieder da bist!" Sookie zog eine Grimasse. „Jason, bitte schluck erst runter!" Dann wurde sie ernst. „Und was ist bei dir so los? Lafayette hat erzählt, das du hauptsächlich in Hot Shots bist. Jason, hast du Drogenprobleme?"

Jetzt schnitt er eine Grimasse. „Nein, so kann man das nicht nennen…"

„Wie denn bitte dann?" rief Sookie alarmiert. „Ich… Ich hab jemandem was versprochen… und das löse ich jetzt ein."

Was, Jason? Los, sag es mir!" Es war nicht das erste Mal in diesen Tagen, dass Sookie ihren Eid verfluchte, nur noch mit Einverständnis oder mit einem außergewöhnlich guten Grund, aber nie wieder aus purer Neugier anderer Leute Gedanken zu lesen. Jason erzählte ihr von Chrystal und dem Versprechen, das er ihr gegeben hatte.

„Und jetzt?" fragte sie besorgt. „Komm schon, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!" Jason schob sich einen großen Bissen in den Mund und verschaffte sich so noch etwas Zeit, sie konnte es hinter seiner Stirn arbeiten sehen. Schließlich atmete er tief durch.

„Ok. Ich versuch's. Die Leute aus Hot Shots brauchen einen Anführer, jemanden, der ihnen sagt was sie tun sollen. Glaub mir, das ist kein einfacher Job, sie kennen nichts anderes als Drogen herstellen… Ich versuche ihnen etwas beizubringen, das ist ein echter Knochenjob. Und dann sind die ganzen Kinder gerade in einer besonders wilden Phase…" Jason zog ein Hosenbein hoch und zeigte Sookie einige langen Kratzer und Schnitte, bei denen er die schlimmsten Stellen mit Pflastern abgedeckt hatte. Sie schrie auf. „Jason! Das ist gefährlich! Sowas kann sich entzünden!"

Sie holte ihren Verbandskasten, der zwar auch unter Maryann gelitten hatte, aber etwas Desinfektionsmittel und zwei Mullbinden hatten überlebt. Vorsichtig machte sie die Pflaster ab und säuberte die Wunden. Jason biss die Zähne zusammen. Als sie den Verband umwickelte begann er zu zappeln. „Das kitzelt!"

Typisch Jason, Sookie fixierte die Binden und kniff ihm in die Seite. Es war eigentlich liebevoll gemeint, doch er heulte auf. Sofort schob sie das Hemd hoch und erstarrte, als sie die blauen Flecken sah. „Das ist doch nicht dein Ernst?"

Er wischte ihre Einwände mit einer Handbewegung weg. „Ich hab dir doch gesagt, dass die Kleinen gerade ihre wilde Phase haben! Und wenn die alle zusammen auf mich los gehen, dann passiert halt ab und zu mal ein kleines Missgeschick…" Sookie war verwirrt. „Da steig ich nicht durch! Wieso greifen die Kinder dich an?" „Das ist ihr Jagdtrieb!"

Was für ein Jagdtrieb?"

Ihr Bruder zuckte zusammen. „Oh, das hab ich dir nicht erzählt, oder?" „Nein, hast du nicht!"

„Ähm… Die Leute aus Hot Shots sind Werpanther."

Sookie wäre am liebsten weggerannt. Sie wollte nichts mehr mit irgendetwas Übernatürlichem zu tun haben. Ihre eigenen Fähigkeiten waren ihr genug für ihr restliches Leben… Aber Jasons leidender Blick hielt sie zurück. Ihr großer Bruder brauchte ihre Hilfe.

„Werpanther. Ok. Weiter."

„Die Kleinen lernen langsam wie das mit dem Verwandeln geht und wie sie ihre Fertigkeiten einsetzen können… Und ich bin eben ihr liebstes Opfer." Er tat es mit einem Schulterzucken ab. „Wenigstens habe ich inzwischen durchgesetzt, dass sie einen gescheiten Privatlehrer bekommen. In die Schule dürfen sie bisher ja noch nicht."

„Warum dürfen sie nicht in die Schule?"

„Ach, ich weiß nicht genau, ich glaube, damit sie nicht andere Menschen kennenlernen... Hab ich dir erzählt, das Chrystal ihren Halbbruder UND Cousin heiraten sollte? Also, in einer Person!" Sookie fiel alles aus dem Gesicht. „Was für Leute sind das?" Er zuckte wieder mit den Schultern. „Sie wollen dieses Werpanther-Ding in der Familie halten… Ein bisschen haben sie sich schon geöffnet."

Jason trank die letzten Schlucke aus seiner Kaffeetasse und machte Anstalten aufzustehen.

„Tut mir leid, Sook, ich muss wieder weiter, das war das erste bisschen Freizeit, die ich in den letzten Wochen hatte…" er sah so traurig aus, das Sookie ihn fest umarmte. „Komm einfach bald wieder her, ja? Ich arbeite jetzt in dieser Tankstelle Richtung Shreveport, also komm lieber morgens…"

Jason legte die Arme um sie und drückte sie an sich. Einige Minuten lang standen sie so da und Sookie wurde zum ersten Mal klar, wie sehr sie ihren Bruder eigentlich vermisst hatte. „Wir haben doch nur noch uns…" flüsterte sie.

Er drehte sich abrupt weg und wischte sich über das Gesicht, Sookie lächelte und wendete sich ab, damit seine Tränen ihm nicht peinlich sein mussten. Jason murmelte ein letztes „Bis bald!" und ging nach draußen.

Zwar war Sookie jetzt wieder alleine, aber sie fühlte sich nicht mehr so einsam. Vielleicht würde ihr Leben jetzt wieder mehr in Richtung Normalität gehen? Von der Werpanthersache mal abgesehen…