Kapitel 1

Harry setzte sich im Bett auf, schlug vorsichtig die Bettdecke zurück, die er derzeit angesichts der frühsommerlichen Wärme ohnehin nicht brauchte, und griff nach seiner Brille. Nach einer kurzen Vergewisserung, dass Ron fest schlief, stand er auf und schlich sich so wie er war – in Shorts und T-Shirt – aus dem Zimmer. Behutsam, um ja niemanden durch lautes Knarzen der Treppe aufzuwecken, vor allem nicht Ginny, stieg er die Treppen hinab bis ins Erdgeschoss und verschwand aus dem Fuchsbau.

Die Luft war frisch, sauber und fühlte sich gut an in seinen Lungen, war aber zugleich noch immer so warm, dass er nicht fröstelte. Die Nacht war schon vor einigen Stunden herangebrochen – Harry schätzte, dass es weit nach Mitternacht war - und nur erleuchtet von einer schmalen Mondsichel, die den Garten in ihr kümmerliches Licht tauchte. Für Harry waren es optimale Bedingungen. Er wollte nicht weit wandern, sondern einfach nur raus aus der teilweise bedrückenden Enge des Fuchsbaus, die gerade in den letzten Tagen keine besonderes angenehme war. Die Ereignisse vom 2. Mai lagen immer noch zu sehr auf dem Haus und seinen Bewohnern, schwer, bleiern und bedrückend. Harry setzte sich neben einem mächtigen Kirschbaum auf den Boden, lehnte sich an seinen Stamm und sah in die sternenklare Nacht.

Es waren nun zwei Wochen vergangen. Zwei Wochen der Trauer, der Erinnerung, der Beerdigungen, des Abschiedes. Zwei Wochen um die Gedanken zu ordnen. Zwei Wochen um sich der Gefühle klar zu werden, die auf auf ihn und alle anderen einprasselten. Zwei Wochen, in denen er tagsüber zu viele Verpflichtungen hatte, und nachts zu viel Zeit zum Nachdenken. Zwei anstrengende Wochen.

Harry sog die wohltuend kühle Nachtluft ein und atmete tief durch, während er versuchte, die konfusen Gedanken in seinem Hirn sowie die nicht weniger chaotischen Gefühlen in seinem Herzen zu ordnen. Wo stand er nun, da Voldemort tot war? Was tat er nun? Wie sollte es weiter gehen? Und mit wem? Harry wusste, dass er nichts wusste. Bis zum schicksalhaften Kampf um Hogwarts hatte er nie wirklich ernsthaft über seine Zukunft nach dem Krieg nachgedacht. Klar, da waren einzelne Wünsche, wie dass er einmal Auror werden wollte, und Hoffnungen, wie dass er seine Beziehung mit Ginny fortsetzen könnte. Doch das waren nur kurze Gedankenblitze, keine kohärenten Zukunftsplanungen.

Wenn Harry ehrlich zu sich war, dann musste er zugeben, dass er keine Ahnung hatte, was er nun weiter tun sollte. Oder wollte. Oder konnte. Er war an einer Weggabelung angekommen, die er sich bestenfalls in seinen kühnsten Träumen hatte vorstellen können, die ihm aber die ganzen letzten Jahre über bestenfalls surreal vorkam. Nun war sie Realität. Und viele Wege, die nun vor seinem inneren Auge erschienen, waren bei weitem nicht so deutlich sichtbar, wie er es erhofft hatte, sondern merkwürdig schemenhaft. Andere wiederum lagen klar sichtbar vor ihm, sahen aber ganz anders aus, als er es sich erträumt hatte.

Hogwarts war so ein Beispiel. Eigentlich war er sich sicher, dass er zusammen mit Hermine, Ron und Ginny sein siebtes Jahr in Hogwarts antreten wollte. Doch nun, mit den weitreichenden Zerstörungen im Schloss, den vielen Freunden, die dort ihr Leben verloren hatten, und der bestenfalls unsicheren Lage im Ministerium war nicht so klar, ob die Schule in wenigen Monaten wieder ihre Tore öffnen würde. Und falls ja, ob Harry sie wieder besuchen wollte. Auf eine Art war Hogwarts für Harry die Heimat, die er in seiner gesamten Kindheit erfolgslos gesucht hatte, der Ort, an dem er sich am wohlsten fühlte. Und dennoch. Die Schrecken der Schlacht lagen wie ein dunkler, angsteinflößender Schatten auf dem Ort, von dem er nicht wusste, ob er ihn verdrängen oder ertragen konnte.

Auch die Wiederaufnahme der Beziehung mit Ginny verlief längst nicht so gut, wie er es sich erhofft hatte. Genaugenommen lief sie überhaupt nicht. Die Schlacht hatte merklich Wirkung hinterlassen. Nicht nur bei Harry, sondern gerade auch bei Ginny. Der Verlust von Fred hatte sie alle schwer getroffen, Harry, Hermine, natürlich alle Weasleys, sogar seine ehemaligen Lehrer, die er zusammen mit George mit seinen permanenten Streichen geplagt hatte wie kaum ein anderer Schüler. Besonders schwer hatte es aber neben George Ginny erwischt, die seit dem Ende der Schlacht wie verändert war und einen Großteil ihr üblichen Fröhlichkeit verloren hatte. Harry hatte den Eindruck, dass er sie einfach nicht mehr erreichte, was er auch versuchte.

Im Gegenteil, je mehr er sich bemühte, desto mehr blockte Ginny ab. Wenn Harry dann trotzdem versuchte, ihr nahezukommen, kam es zu Streit, Tränen und wutentbrannten Wortgefechten, gefolgt von eisigem Schweigen. Harry wusste nicht, was er noch tun sollte. Es war schon schwer genug, sein eigenes Leben nach der Schlacht zu leben und die Geschehnisse zu verarbeiten, auch ohne Streit mit Ginny. Das Schlimmste war, dass nicht mal Hermine Rat wusste. Mangels eigenem Zuhause – ihre Eltern waren noch in Australien und Hermine wollte sie erst zurückholen, wenn auch die letzten Todesser verhaftet und in Askaban waren – wohnte sie wie Harry ebenfalls bei den Weasleys und war als Zimmergenossin Ginnys ihren Stimmungen ebenfalls voll ausgesetzt.

Harry seufzte. Wieso war es so, dass dieser Sieg, dieser großartige, unerwartete, glückliche Triumph über Voldemort sich so gar nicht wie die grandiose Errungenschaft anfühlte, die sie tatsächlich war? Es war doch paradox: Sie hatten mit viel Mut, etwas Verstand und viel zu viel Glück den größten schwarzen Magier aller Zeiten ein für alle Mal besiegt, die Zauberergesellschaft vor einer rassistisch-totalitären Diktatur befreit, dabei wider Erwarten ihre eigene Haut gerettet und standen nun vor bei weitem besseren Zeiten. Wieso also fühlte sich Harry dann so schlecht?

Natürlich, es hatte viele Opfer gegeben. Fred, Sirius, Tonks, Remus, Madeye, Dumbledore und seine beiden immer treuen Begleiter Dobby und Hedwig, dazu zig andere unschuldige Opfer. Sie alle waren beim Kampf für die gute Sache umgekommen und hinterließen klaffende Lücken in Harrys blutendem Herzen. Doch sie hatten gesiegt, sie hatten gewonnen, und die Niederschlagung des schrecklichen Voldemort-Regimes war diese Opfer wert.

Oder? Harry war sich sicher, dass alle der genannten Opfer es so gesehen hätten. Sie alle hätten ihm versichert, dass ihr Tod ein geringer Preis für die Wiederherstellung der Zaubererdemokratie sei, für die Abschaffung des rassistischen Blutdenkens, der Verfolgungen von Muggeln und Muggelstämmigen und all der Morde und Folterungen im Namen eine so widerwärtigen wie wahnhaften Herrschaftsideologie selbernannter Reinblütler. Und dennoch: Harry fühlte sich einfach nicht als Sieger. Er fühlte sich schlecht, war bedrückt, angegriffen und nervös, und nachts wurde er weiter von Albträumen geplagt. Diese hatten sich zwar qualitativ verändert – Harry träumte nun vor allem von der Schlacht sowie den Ereignissen aus dem Krieg, wie z.B. der Gefangenschaft auf Malfoy Manor – doch er hatte weiter Albträume. Zumindest das hatte sich also nicht verändert...

„Harry."

Eine vertraute Stimme näherte sich mit leisen Schritten. Harry drehte seinen Kopf und blickte in Richtung der schemenhaften Figur, die sich in seine Richtung bewegte. Harry hatte damit gerechnet, dass ihn Hermine früher oder später bei seinen nächtlichen Ausflügen in den Garten erwischen würde. Sie hatte einfach ein Gespür dafür. Doch es war Ron, der ihm gefolgt war.

„Was tust du hier draußen? Es ist kalt", fragte Ron verwundert, aber in gedämpfter Lautstärke, um niemandem im Haus zu wecken.

„Nachdenken. Kopf klar bekommen. Sinn finden." Harry verzog die Miene. „Naja, ich versuche es zumindest."

„Mitten in der Nacht? Es ist spät, drei Uhr? So etwa zumindest."

„Ich konnte nicht schlafen. Bin ständig aufgewacht. Also bin ich hier raus, um dich nicht zu wecken."

„Um mich nicht zu wecken? Das war der Grund?"

„Ja", log Harry.

Ron setzte sich neben ihn, das Gesicht zu einem Grinsen verzogen.

„Glaub ich dir sofort", schmunzelte er, während sich Harrys Mundwinkel nach oben zogen und er ebenfalls zu lachen begann.

„Was treibt dich hierher?"

„Ich wurde wach, weil ich Hunger hatte. Dann habe ich gesehen, dass dein Bett leer war und habe dich gesucht."

„Du bist aufgewacht, weil du Hunger hattest?", fragte Harry entgeistert. Du hattest gestern Abend drei Stücke Siruptorte als Nachtisch! Plus Hauptgang und Salat!"

„Du weißt, dass ich von Salat nie satt werde..."

„...so wie von allem anderen auch nicht..." murmelte Harry und rollte die Augen mit einem Lachen im Gesicht.

Harry und Ron saßen eine Weile schweigen nebeneinander im Gras und beobachteten die Sterne, die mit unterschiedlicher Helligkeit am Himmel funkelten.

„Meinst du, Hermine..."/Glaubst du, Ginny...", platze es dann simultan aus ihnen heraus.

Harry und Ron sahen sich verdattert an.

„Du zuerst", sagte Harry, der als erster reagieren konnte.

„Okay", sagte Ron. Dann begann er erneut. „Meinst du, Hermine ist sauer auf mich?"

Harry wusste nicht, auf was Ron genau anspielte.

„Hermine ist immer sauer auf dich, Ron! Solltest du das nicht langsam mal kapiert haben. Sie erwähnt es sogar selbst immer mal wieder."

„Naja, mehr als sonst."

„Wieso denkst du?", wollte Harry wissen.

Ron fiel es schwer, seine Empfindungen in Wort zu fassen.

„Ich kann es nicht beschreiben, aber es fühlt sich so an."

„Hermine ist derzeit recht angeschlagen", sagte Harry nach einiger Zeit. „Die Schlacht nimmt sie mehr mit, als sie zugeben will. Dazu kommt die Sorge um ihre Eltern. Und sie weiß nicht, wie sie mit dir umgehen soll nach, naja, du weißt schon."

Rons Gesicht wurde pink. Er nickte.

„Das weiß ich auch nicht."

Harry starrte in die Weite.

„Habt ihr noch einmal, seit der Schlacht?"

Ron sah in an.

„Geknutscht? Nein. Nein, haben wir nicht."

„Habt ihr darüber geredet?"

Ron schüttelte den Kopf.

„Ich wollte. Aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Solche Gespräche sind nichts für mich, Harry. Ich habe gehofft, Hermine macht den Anfang. Antworten kann ich. Aber das hat sie nicht."

Harry schmunzelte innerlich. Er wusste, dass Ron die Wahrheit sagte. Er konnte solche Gespräche wirklich nicht führen. Im Reden über Gefühle war Ron wahrlich kein Genie. Nicht dass er selbst besser darin gewesen wäre...

„Willst du denn mit ihr zusammen kommen?"

So unverblümt hatte Harry dies noch nie gefragt. Die letzten Monate hatte er einfach andere Dinge im Kopf gehabt. Nun, da diese in den Hintergrund getreten waren, konnte er sich auch mit solchen Themen befassen.

„Ja..., ja, ich denke schon", antwortete Ron. „Ich meine, ich bin eifersüchtig auf jeden, der ihr zu nahe kommt. Wie Krum. Oder McCormack. Das ist doch ein eindeutiges Zeichen, oder?"

„Glaube schon", sagte Harry, unsicher, ob Eifersucht wirklich das beste Merkmal für Zuneigung war.

„Sie ist auch klug und hübsch..., hat eine schöne Haut..."

Harry nickte. Diese Aussage war vor mehr als einem Jahr schon einmal gefallen. Und das Gespräch damals war ähnlich krampfig gelaufen, vermutlich noch krampfiger.

„Was ist mit dir und Ginny?", fragte Ron schließlich, als er nicht mehr weiter wusste.

„Da sieht es ähnlich aus", sagte Harry. „Ich weiß nicht, woran in bin. Wir haben wenig geredet die letzten Tage. Und wenn doch, dann lief es oft nicht gut. Ich verstehe sie derzeit einfach nicht."

„Frauen…", schnaubte Ron. „Man blickt bei ihnen echt nicht durch, aber ohne sie leben wäre auch irgendwie blöd…"

Harry lachte über diesen mal wieder typischen Ron-Satz.

„Stimmt. Und egal wie viele Ratgeber man liest, man kommt nicht recht voran."

„Mir hat dieser eine Ratgeber schon etwas geholfen", erklärte Ron mit Nachdruck in der Stimme.

„Wirklich? Ich fand, da standen vor allem Plattitüden und Selbstverständlichkeiten drin. Bei was denn genau?"

Ron setze an und brach dann wieder ab.

„Naja, auch das ist doch schon mal was", schob er dann doch noch hinterher. „Man müsste einen Frauenversteh-Zauber erfinden. Damit könnte man echt eine Schatzkammer voller Galeonen füllen…"

Harry lachte. „Erwartest du jetzt nicht etwas arg viel von der Magie?"

„Naja, Liebeszauber gibt es doch auch. Warum soll es nicht auch Zauber geben, mit denen man Frauen verstehen kann?"

„Ich weiß nicht. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Aber du kannst ja gerne Hermine fragen, ob sie einen kennt."

Ron warf ihm einen bösen Blick zu.

„Damit sie mich dann nach Irland und zurück hext? Nein danke, Harry…"

„Könnte passieren…"

„Würde sicher passieren!"

„Naja, nicht wenn du schnell genug wegkommst…"

Ron verzog das Gesicht.

„Aber irgendwie muss es doch ein Mittel geben, mit denen man sich in sie hineinversetzen kann. Um sie zu verstehen."

„Also wenn es nur ums Hineinversetzen geht, dann gäbe es tatsächlich ein Mittelchen", grinste Harry.

Ron sah ihn irritiert an.

„Vielsafttrank, Ron. Damit kannst du dich in sie hineinversetzen. Zumindest körperlich."

„Das meinte ich aber nicht. Wobei…"

„Wobei was?"

Jetzt war Harry irritiert.

„Naja, Harry, wäre das nicht mal eine interessante Erfahrung? Man könnte so vieles ausprobieren."

„Was meinst du nun genau?"

„Naja, alles. Mit Vielsafttrank verwandelt sich der Körper in eine exakte Kopie, oder? Mit allem drum und dran."

„Ich verstehe es immer noch nicht, Ron."

Ron druckste herum.

„Man könnte z.B. testen, wie sich alles anfühlt", sagte er schließlich und malte mit seinen Händen zwei kreisrunde Objekte in die Luft.

Harry prustete. „Nein Ron, darüber habe ich wirklich noch nicht nachgedacht. Aber du kannst ja mal Goyle fragen, wie es sich so anfühlt, als junges Mädchen herumzulaufen. Vielleicht schildert er dir seine Erfahrungen. Wir haben ihm schließlich das Leben gerettet. Er schuldet uns was."

„Erzähl das bloß niemandem, Harry! Wenn Hermine das erfährt, dann hält sie mich notgeil, bescheuert und irre!"

„Du glaubst echt, dass sie das jetzt noch nicht tut?", frotzelte Harry. Ron rollte mit den Augen und schnaubte, bevor er anfing zu grinsen.

„Was ist nun eigentlich mit Goyle?", fragte Harry etwas später mit gesenkter Stimme. „Hast du irgendwas gehört?"

„Nur dass er nicht geflohen ist und verhaftet wurde. Stand im Tagespropheten. Dad meinte aber, es wird noch eine Weile dauern, bis die Prozesse beginnen. Noch ist das Ministerium mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Außerdem laufen noch viele Todesser frei herum."

„Leider", ergänzte Harry. „Meinst du, er kommt nach Askaban?"

„Schon möglich. Sein Dad wird sicher dort landen, wenn er gefangen ist. Aber er? Keine Ahnung. Verdient hätte er es. Zumindest ein paar Jahre. Ich meine, er war ja schließlich Todesser, oder? Das reicht doch für Askaban."

„Ja", sagte Harry. „Denke schon."

Sie saßen im Gras und schwiegen. Harry dachte an die viel zu vielen Todesser, die noch frei herumliefen, die Anhänger zweiter Klasse und die vielen Mitläufer, die nun wie schon im ersten Krieg behaupten würden, dass sie unter dem Imperius-Flucht gestanden hatten, und die Slytherin-Schüler, die teils ihre Eltern und Verwandten verloren hatten und nun wohl kaum besser auf Harry zu sprechen waren als all die Jahre zuvor. Wie sollte es nun weitergehen? Wie würde es nun weitergehen? Was würde mit Hogwarts geschehen? Würden die vier Häuser bestehen bleiben, nach all dem Leid, das die Slytherins über die Schule und das Land gebracht hatten? Oder würde es erhebliche Umstrukturierungen geben? Salazar Slytherin war schließlich einer der vier Gründer von Hogwarts. Konnte man ihn einfach so entfernen, weil seine Jünger immer wieder in seinem Namen Furcht und Terror über die Zaubererwerlt brachten? Und wenn ja, wo würden dann die jeweiligen Schüler eingeordnet? Oder würden sie gar von Hogwarts verwiesen? Es gab ja schließlich auch andere Zauberschulen, manche von ihnen mit einem viel zu großen Zuspruch für die dunkle Seite der Magie. Würden diese englische Schüler aus dem Hause Slytherin aufnehmen?

Ein Rascheln im Gras hinter ihm ließ Harry sich ruckartig umblicken. Noch immer hatte er den Drang, bei jedem unbekannten oder potentiell verdächtigen Geräuch blitzschnell nach seinem Zauberstaub zu greifen und sich in Deckung zu werfen. Ron neben ihm zuckte ebenfalls zusammen. Der Krieg hatte offensichtlich massive Spuren hinterlassen, die so schnell nicht wieder rückgängig zu machen waren. Doch die Gestalt hinter ihnen war harmlos.

„Was tut ihr hier draußen, mitten in der Nacht? Ehrlich, ihr solltet jetzt nicht hier sitzen, sondern in eurem Bett liegen. Ihr erkältet euch noch!"

Harry entspannte sich wieder, als Hermine zu ihnen aufschloss. Sie trug nur ihr Nachthemd und lose Shorts, dazu ein paar Muggel-Hausschuhe. Ihre Haaren waren wild und ungezähmt und vom Schlafen noch buschiger als sonst ohnehin schon. Ihre Gesichtszüge hingegen waren sanft, auch wenn ein kleiner Anflug von Sorge in ihnen zu finden war, der aber verglichen mit den letzten Monaten klein war.

„Wir konnten nicht schlafen", antwortete Harry ehrlich. „Was tust du hier?"

Hermines Sorgenfalten nahmen schlagartig zu.

„Hattest du wieder Alpträume?" fragte sie. „Und du, Ron? Du auch?"

Harry schüttelte den Kopf.

„Heute Nacht nicht, Hermine. Aber ich bin ständig aufgewacht. Also bin ich raus, um frische Luft zu schnuppern."

„Und ich, weil Harrys Bett leer war", ergänzte Ron.

„Und warum bist du hier", fragte Harry erneut.

Hermine kaute auf ihrer Unterlippe, was Harry als klares Zeichen dafür deutete, dass Hermine etwas wusste, von dem sie sich nicht sicher war, ob sie es erzählen sollte.

„Ich war schon eine Weile wach. Dann habe ich Schritte gehört und bin euch gefolgt. Ich dachte erst, Ron wollte in die Küche um sich etwas zu essen zu holen, aber nachdem er nicht zurückkam und euer Zimmer leer war, bin ich euch gefolgt."

„Du warst in meinem Zimmer?", fragte Ron.

Hermine errötete etwas.

„Nur um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist."

„Es ist alles in Ordnung, Hermine", bestätigte Harry. „Wirklich. Aber warum warst du wach?"

Hermine wanderte wenige Schritte auf und ab, bevor sie antwortete.

„Ginny hat mich geweckt. Sie hat wieder geweint. Als sie gemerkt hat, dass ich davon wach wurde, hat sie so getan, als würde sie schlafen. Hat sie aber nicht. Später schlief sie wieder ein, aber ich blieb wach. Und dann habe ich eure Schritte auf der Treppe gehört. Erst vorsichtige, leise Schritte, dann Rons. Und nun bin ich hier."

„Ginny hat wieder geweint?", fragte Harry bekümmert.

„Sie weint praktisch jede Nacht, Harry. Manchmal mehrfach. Und auch tagsüber immer wieder, gerade wenn du nicht in der Nähe bist."

„Wenn ich nicht in der Nähe bin?"

„Ich meine schon, ja", sagte Hermine nachdenklich. „Vielleicht will sie dich schützen. Damit du nicht alles mitbekommst. Sie weint sehr viel in letzter Zeit..."

„George auch", warf Ron ein. „Er verlässt kaum sein Zimmer und isst manchmal tagelang nichts. Könnte ich nicht. Nicht mal jetzt. Mom hat ihm gestern das Mittagessen fast zwangseingeführt."

Harry nickte, als er sich an den Wutausbruch von Mrs. Weasley erinnerte. Dann schwenkten seine Gedanken wieder zu Ginny.

„Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, Hermine. Wegen Ginny. Sie ignoriert mich fast komplett, und blockt jeden Kontakt ab. Ich will ihr helfen, aber ich weiß nicht wie."

Hermine strich eine Strähne ihrer Haare zurück.

„Sei für sie da, wenn sie sich dir öffnet. Aber du solltest sie auch nicht überfordern. Wenn sie reden will, dann wird sie es tun. Es hat aber keinen Sinn, ein solches Gespräch zu forcieren" ermahnte sie ihn. „Mir gegenüber verschließt sie sich derzeit auch, ich weiß also kaum mehr als du. Mache es einfach so wie Neville vorgestern. Warte, dass sie einen Schritt auf dich zu macht."

„Neville?", fragte Ron.

Harry erinnerte sich. An dem Tag war er stundenlang mit Ron im Garten unterwegs gewesen und hatte Gartengnome bekämpft. Es war eine stupide, langweilige und letztendlich schweißtreibende Arbeit gewesen, aber sie hatte abgelenkt vom Krieg und all seinen schrecklichen Folgen und ihnen trotz des ein oder anderen schmerzhaften Gnombisses besser getan, als sie beide zugeben würden. Außerdem hatte es der Garten dringend nötig gehabt, wie selbst Ron nach einer Weile zugeben musste. Die letzte Entgnomung lag bereits mehrere Jahre zurück – seit Voldemorts Rückkehr hatte es wirklich dringendere Aufgaben gegeben – nun aber war der Garten wieder in ziemlich passablen Zustand. Als er zum Haus zurückgekehrt waren – Ron hatte noch die Hühner gefüttert - war Neville gerade dabei gewesen, das Grundstück zu verlassen zu seiner Grandma zurückzuapparieren, was er nach einem kurzen Plausch mit Harry auch getan hatte.

„Wie lange war Neville denn hier?", wollte Harry wissen.

„Bestimmt eine Stunde", antwortete Hermine. „Eventuell auch zwei. Ich weiß nicht, wann er gekommen ist und habe mich nur kurz mit ihm unterhalten. Aber er war lange mit Ginny in ihrem Zimmer und sie haben geredet. Ich hatte danach den Eindruck, dass es ihr gut getan hat."

Harry fühlte ein nagendes Gefühl in sich aufkommen. Es war nicht direkt Wut auf Neville, aber es fühlte sich auch nicht sonderlich gut an. Wieso erreichte Neville Ginny, obwohl er sie in den letzten beiden Wochen kaum gesehen hatte, während er als ihr Freund – das war er doch, oder? - nicht zu Ginny durchkam?

Hermine schien Harrys Gedanken zu ahnen.

„Mach dir deswegen keine Sorgen, Harry", sagte sie beschwichtigend. „Ich bin mir sicher, dass demnächst alles wieder in Ordnung ist zwischen dir und Ginny. Ihr braucht einfach etwas Zeit. Ihr habt euch nun ein dreiviertel Jahr lang nicht gesehen, während Ginny und Neville fast die ganze Zeit gemeinsam in Hogwarts waren. Für sie war das sicher kein einfaches Jahr, unter Snape und den Carrows. Neville hat ja schon ein paar Geschichten erzählt, wie es war, und ich bin mir sicher, das war nur die Spitze des Eisbergs. Es ist nur natürlich, dass sie das etwas enger zusammengeschweißt hat. Genau wie das letzte Jahr uns drei noch enger zusammengeschweißt hat. Vielleicht hat Neville einfach deshalb den richtigen Ton getroffen. Es wird schon alles gut werden."

arry nickte:

„Vermutlich hast du Recht, Hermine."

Harry dachte nach, wie es in Hogwarts gewesen sein musste. Er hatte zwar immer wieder auf der Karte der Rumtreiber Ginnys Spuren verfolgt, aber Hermine hatte es richtig erkannt. Er wusste nicht, was alles vorgefallen war in der Zeit. Er hatte nur eine leise Ahnung, wusste, dass es eine schlimme Zeit gewesen sein musste. Hart, entbehrungsreich, voller Angst vor Snape und den drakonischen Strafen, die unter dem Regime der Todesser in Hogwarts geherrscht haben mussten und die Harry nur im Ansatz kannte. Neville und Ginny waren Teil einer nicht ganz so passiven Widerstandbewegung gewesen. Oder besser, ihre Anführer. Sie waren es gewesen, die den anderen Gryffindors, Ravenclaws und Hufflepuffs Hoffnung gegeben hatten, die den Carrows die Stirn geboten hatten, sich nicht von den Todessern einschüchtern ließen, egal, welche Bestrafungen sie sich auch ausdachten. Nevilles Gesicht zeigte es ja sehr gut, die Striemen und Narben von den Schlägen waren trotz magischer Behandlung immer noch nicht ganz verschwunden. Sie hatten genauso gekämpft wie Harry, Hermine und Ron. Nur eben an anderer Stelle, mit anderen Methoden und gegen andere Gegner. Aber sie hatten sich genauso bemüht und genauso unter diesem Kampf gelitten. Es war daher wohl nur natürlich, dass Ginny tiefe emotionale Wunden erlitten hatte, und Neville als ihr Begleiter in schweren Stunden wusste, wie er ihr Trost spenden konnte. Eigentlich hatte er Neville dankbar zu sein, dachte Harry. Und dennoch. Irgendwie fühlte er sich hintergangen. Und eifersüchtig.

„Gib ihr die Zeit, Harry", sagte Hermine erneut. „Jeder von uns braucht Ruhe, um zu heilen und die Geschehnisse hinter sich zu lassen." Hermine blickte in Richtung der Mondsichel, die schon langsam wieder am Untergehen war. Bald würde ein neuer Morgen beginnen, und mit ihm ein neuer Tag anbrechen. „So, ich gehe ins Bett. Und ihr? Kommt schon. Lasst uns wieder mit ins Haus gehen, bevor sich noch jemand Sorgen um uns macht!"

Harry und Ron überlegten einen Moment, ob sie der recht klaren Aufforderung Folge leisten sollten oder nicht.

„Ok, lass uns gehen, Kumpel", sagte Ron schließlich, stand auf und reichte Harry eine Hand. Harry ließ sich hochziehen.

Wortlos liefen sie wieder zum Fuchbau. Ein paar Meter vor der Tür blieb Hermine stehen und drehte sich zu ihren beiden Freunden um.

„Was ich fast vergessen hätte", flüsterte Hermine mit zusammengekniffenen, böse blickenden Augen, aber verräterisch zuckenden Mundwinkeln: „Sollte ich euch jemals dabei erwischen, wie ihr eines meiner Haare klaut, um damit Vielsafttrank herzustellen, hexe ich euch nicht nur bis Irland, sondern bis in die Antarkis!"

Harry und Ron sahen sich erschrocken an.

„Wie viel hast du gehört?", fragte Ron halb entgeistert, halb ängstlich.

„Mehr als genug", sagte Hermine knapp. „Und viel mehr als ich wissen wollte."

„Ihr seid schon ein interessantes Paar Spinner...", grinste sie schließlich.

Harry fiel ein Stein vom Herzen. Hermine nahm ihnen dieses „Männer"-Gespräch offensichtlich nicht übel.

„Das weißt du jetzt aber nicht erst seit heute Nacht, oder?", fragte Harry, nun ebenfalls ziemlich relaxed.

„Nein, das weiß ich seit sieben Jahren. Und bin immer noch hier mit euch."

„Was wir sehr schätzen", ergänzte Ron hastig.

„Danke, Ron." Hermines Augen blitzten auf. „Ach, und nur fürs Protokoll: es ist wirklich eine sehr interessante Erfahrung, mit Vielsafttrank in einen Körper des anderen Geschlechts zu schlüpfen. Selbst dann, wenn derjenige fast blind ist..."

Hermine zwinkerte Harry kurz zu, drehte sich dann auf der Stelle um und verschwand im Fuchsbau, noch bevor Harry und Ron etwas auf diesen Satz entgegnen konnten. Harry fühlte sich ein kleines bisschen peinlich berührt. Nach einer Weile begann er aber ebenfalls kopfschüttelnd zu grinsen. Plötzlich war es ihm sehr recht, dass Hermine bei der Flucht vom Ligusterweg auf einem bequemen Thestral geflogen war und nicht auf einem in der Leistengegend recht unbequemen Besen...