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Als er nachmittags aus der Schule kam, war Lincoln noch nicht wieder da. Michael erledigte seine Hausaufgaben, nahm dann das Peter Pan Buch und las ein wenig. Zum Abendessen würde Linc sicherlich zuhause sein. Er kam immer wieder. Nun… Meistens jedenfalls. Auch wenn er diesmal keinen Origami Schwan zurück gelassen hatte, er würde wiederkommen. Michael glaubte fest daran. Um sieben Uhr abends begann er Spaghetti zu kochen. Das war sein Lieblingsessen, und er hatte Linc schon oft beim Zubereiten geholfen.
Die Nudeln kochten eine Viertelstunde, doch Linc kam nicht. Sie kochten eine halbe Stunde, immer noch kein Linc. Nach einer Stunde zog sich Michael einen Stuhl an den Herd, nahm den Deckel vom Topf und sah dem Wasser beim Verdampfen zu. Zuerst kamen kleine Wölkchen, die schnell aufstiegen, unter der Decke auseinander stoben und sich in Nichts auflösten. Bald darauf kondensierte der Dampf am Küchenfenster, und die Wolken wurden größer und größer. Michael beobachtete sie fasziniert. Glaubte fast, die einzelnen Wassermoleküle erkennen zu können, wenn er die Augen zusammenkniff.
Plötzlich veränderte sich etwas. Die winzigen und sauberen Winkelmoleküle wurden auf einmal ganz schmutzig. Er sah in den Topf. Das Wasser war verschwunden. Die Nudeln begannen anzubrennen. Daher also der schwarze Rauch. Michael sah den Nudeln noch eine Weile zu, wie sie schwarz und schwärzer wurden. Irgendwann tat ihm der Qualm in den Augen weh. Er hustete. Merkte, was er getan hatte. Das hätte seiner Mom bestimmt nicht gefallen. Und es würde Linc nicht gefallen.
Er reinigte den Topf, so gut er konnte. Anschließend holte er sein Schatzkästchen aus dem Versteck und setzte sich im Schneidersitz auf sein Bett. Die Kiste enthielt Dinge, die er wie seine Augäpfel hütete. Ein paar Fotos, Bücher, Spielzeug und… ein Rasiermesser.
Niemandem hatte er das Schatzkästchen bisher gezeigt, nicht einmal Lincoln. Eine längliche Holzkiste, die irgendwann einmal die Verpackung für zwei Weinflaschen gewesen war. Blass gemasertes Sperrholz mit einem Schiebedeckel. Der wie eingebrannt aussehende Aufdruck war an den meisten Stellen längst abgescheuert, aber die Worte ‚Napa County' und ‚California Wine', umgeben von Trauben und Ranken, waren noch gut zu erkennen.
Jetzt bewahrte Michael seine wenigen Schätze darin auf. Zuoberst ein Foto seiner Mutter. Glücklich und jung sah sie aus, und wunderschön. Sie hielt ihn im Arm. Ein rotgesichtiges Baby, dessen winziges Händchen ihren Zeigefinger umklammerte. Der fünfjährige Lincoln neben ihr fühlte sich sichtlich unwohl in Anzug, Hemd und Krawatte. Mürrisch blickte er in die Kamera.
Michael legte das Foto zur Seite und nahm das Holzpuzzle in die Hand. Es bestand aus unterschiedlich geformten Dreiecken, Rechtecken und Rauten, die man zu geometrischen Figuren zusammenlegen konnte. Ein paar Bücher waren in der Kiste, und ganz unten, eingewickelt in ein Baumwolltaschentuch, Michaels wertvollster Schatz. Das Rasiermesser seines Großvaters. Er war lange vor seiner Geburt gestorben, aber seine Mutter hatte es in einem alten Karton mit Küchenartikeln aufbewahrt. Wohl eher zufällig. Eines Tages hatte der pubertierende Lincoln es gefunden. Obwohl zu der Zeit schon von ihrer Krankheit geschwächt, war sie ziemlich ausgeflippt, als sie ihn damit erwischte. Lincoln hatte Stubenarrest bekommen, das Messer landete in der Mülltonne. Michael hatte die Szene von seinem Versteck hinter der Couch beobachtet. Später war er heimlich nach draußen geschlichen und hatte das Messer aus dem Müll geholt. Es war eine altmodische Rasierklinge, die man ausklappen musste. Michael hatte sie sorgfältig gereinigt und unter seiner Matratze versteckt. Er holte sie nur selten hervor, aber dann konnte er Stunden damit zubringen, die Spiele des Lichts auf dem blanken Stahl zu betrachten. Er hielt es in die Höhe, verfolgte die Reflexionen des Sonnenlichts oder einer Lampe in der aufgeklappten Klinge. So lernte er, lange bevor es im Unterricht auf dem Lehrplan stand, etwas über Einfalls- und Ausfallswinkel.
Jetzt klappte er langsam die Klinge auf, die sauber und glänzend war wie eh und je. Die Sonne war längst untergegangen. Michael hielt das Rasiermesser mit beiden Händen, drehte es sacht hin und her und beobachtete die Spiegelung seiner Nachttischlampe auf dem Metall. Ein schmaler Streifen gelblichen Lichts flackerte immer wieder über seine Augen, bis Michael sich wie hypnotisiert fühlte. Er wurde müde. Seine Lider wurden immer schwerer und bald blieben sie ganz zu.
Aber nur einen Moment, denn plötzlich wurde die Stille draußen von heulenden Sirenen zerrissen, und er war schlagartig wieder hellwach. Damit waren auch die Gedanken zurück. Wo war Linc? Warum kam er nicht wieder? Was wenn er nie wieder käme?
tbc.
