Kapitel 2 - Doppelleben
Elizabeth freute sich auf ihren Besuch zu Hause, endlich würde sie ihre Schwester Jane wieder sehen und auch endlich mal deren Verlobten kennen lernen. Jane hatte das letzte Jahr in Großbritannien verbracht und dort anscheinend den Mann ihrer Träume getroffen, den wollte sie nun ihrer Familie vorstellen.
Während Elizabeth im Zug saß, überlegte sie, was sie erzählen durfte. Über ihren Job bei der CIA wusste niemand Bescheid, es war von der Agency verboten worden, Familienmitglieder einzuweihen, offiziell arbeitet sie für eine Deckfirma, eine Bank. Es fiel Elizabeth schwer, die Wahrheit zu verschleiern, aber es war einfach zu gefährlich. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb sie sich in den letzten Jahren von ihrer Familie entfernt hatte. Sie lebte und arbeitete in LA, ihre Familie wohnte fast 2 Stunden entfernt auf dem Land. Nur noch ihrem Vater und ihrer älteren Schwester Jane fühlte sie sich richtig verbunden, denn irgendetwas war auch auseinander gebrochen, nachdem ihre jüngste Schwester Lydia weggelaufen war. Ihre Mutter ging ihr unheimlich auf die Nerven, die erste Feststellung, die sie immer machte, wenn sie nach Hause kam, war, dass Elizabeth noch immer keinen Freund hatte. Im letzten Jahr, als Jane in Großbritannien gewesen war, war sie kaum zu Hause gewesen. Jetzt aber freute sie sich.
Am Bahnhof wurde sie von ihrem Vater abgeholt. Er trug ihren Koffer und lächelte sie an. „Und, wie geht es dir?" fragte er sie.
„Gut."
„Was macht die Arbeit?"
„Ganz normal, das Übliche, ein bisschen stressig war es, aber jetzt geht es. Und wie läuft es zu Hause?"
„Na ja, ich bin mal ganz froh, weg zu kommen. Seitdem Jane angekündigt hat, dass sie ihren Verlobten mitbringen wird, hat deine Mutter das ganze Haus in Aufruhr versetzt. Mary und Kitty sind auch schon ganz aufgekratzt mittlerweile. Ich war echt froh, dass ich dich vom Bahnhof abholen musste, du kannst es dir gar nicht vorstellen."
„Ich glaube doch, dass ich das kann", sagte Lizzy. „Ist Jane denn schon angekommen?"
„Ja, und ihr Charles hat auch noch einen Freund mitgebracht. Deine Mutter ist angesichts der Tatsache, dass er ein reicher, lediger Brite ist, fast in Ohnmacht gefallen. Wahrscheinlich wird sie eine weitere Tochter mit ihm verkuppeln wollen."
„Hoffentlich bin ich nicht das Opfer. Ich bin doch glücklicher Single. Ich weiß nicht, warum Mama denkt, dass es das Lebensziel einer Frau sein sollte, zu heiraten. Wir befinden uns doch nicht mehr im 19. Jahrhundert."
„So ist sie eben."
Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend. Als Lizzy schließlich in Longbourn, dem Haus ihrer Eltern ankam, wurde sie schon sehnlichst erwartet.
„Oh Lizzy!!!" Jane umarmte sie so heftig, dass ihr beinahe die Luft weg blieb. „Wie froh ich bin, dich endlich, endlich, endlich wieder zu sehen! Du hast mir so gefehlt."
„Du mir auch. Es war ein langes Jahr. E-Mail und Telefon können eine Person aus Fleisch und Blut einfach nicht ersetzen."
„Wohl wahr, wie viel ich dir noch zu erzählen habe! Komm rein, ich will dir Charles vorstellen."
Charles war genau so, wie Lizzy ihn sich nach Janes Beschreibungen vorgestellt hatte: nett, höflich, gut aussehend, freundlich und absolut verliebt in ihre Schwester. Sie gönnte Jane ihr Glück von Herzen. Charles war der Geschäftsführer von Bingley Logistics, einem Logistikunternehmen, das sein Vater aufgebaut hatte und, wie ihre Mutter ihr erzählt hatte, millionenschwer. Aber das änderte nichts an seinem Charakter, im Gegensatz zu anderen reichen Briten, die Lizzy in der vergangenen Woche kennen gelernt hatte, war dieser natürlich und am Boden geblieben.
„Nett, dich kennen zu lernen, Elizabeth", sagte er freundlich. „Meine liebe Jane hat mir schon so viel von dir erzählt."
„Meine Freunde nennen mich Lizzy", sagte diese gut gelaunt und schüttelte seine Hand. „Und schließlich sind wir ja bald verwandt."
„Wo ist denn Will?" fragte Jane. „Charles' bester Freund, den musst du kennen lernen."
„Ich weiß es nicht, ich werde ihn suchen gehen." Charles verschwand im Wohnzimmer.
„Wieso bringt Charles denn seinen besten Freund mit? Braucht er denn Einverständnis?" witzelte Lizzy.
„Ach, es hat sich so ergeben, weißt du, Will war zufällig geschäftlich in LA und da hat Charles ihn dann einfach mitgenommen. Er ist echt nett, ich habe ihn schon in England kennen gelernt."
„Na, das hoffe ich doch, mein Bedarf an unfreundlichen Briten ist für diese Woche schon gedeckt. Ich musste leider mit einem zusammenarbeiten." Lizzy zog eine Grimasse.
„Lizzy, darf ich dir meinen besten Freund vorstellen", hörte sie Charles' Stimme hinter sich.
Als diese sich umdrehte, wäre ihr beinahe die Luft weggeblieben. Vor ihr stand jener „unfreundliche Brite", von dem sie gerade eben noch gesprochen hatte.
Nur ihr langjähriges Agententraining bewahrte beide davor, sich anzustarren. Sie konnten ihre Überraschung sehr gut nach außen hin verbergen.
„Das ist William Darcy, Will, das ist Elizabeth Bennet."
„Nett, Sie kennen zu lernen", sagten beide höflich aber kühl und gaben sich die Hand.
Wäre die Situation nicht so unangenehm gewesen, dann hätte Elizabeth wohl lauf aufgelacht. Das war doch unglaublich, vor ihr stand Agent Darcy, den sie nie wieder sehen wollte, und war der beste Freund des Verlobten ihrer Schwester! Das war ein nahezu unmöglicher Zufall. Jetzt würde sie noch mehr Zeit mit ihm verbringen müssen, sie würde ihn doch noch treffen, außerhalb der Arbeit, wenn sie vielleicht schon gar nicht mehr mit ihm zusammenarbeitete. Das verdarb ihr echt die Laune.
Es entstand eine unangenehme Stille, Darcy und Elizabeth musterten sich schweigend, Jane und Charles suchten nach einem Gesprächsthema.
„Wo ihr zwei schon mal da seid", sagte Charles schließlich, „wir wollten fragen, ob ihr unsere Trauzeugen sein wollt."
Von den beiden Angesprochenen kam ein ehrlich erfreutes: „Gern!"
„Habt ihr schon ein Datum festgelegt?" fragte Lizzy.
„Noch nicht."
In diesem Moment rief Mrs. Bennet zum Essen. Ob es nun der Zufall oder die Verkuppelungsversuche ihrer Mutter waren, am Tische saß Lizzy neben Darcy. Ihre Laune erreichte einen Tiefpunkt. Sie hätte sich viel lieber mit Jane unterhalten, aber diese wurde ganz von Charles in Beschlag genommen. So verbrachte sie jetzt den größten Teil des Essens schweigend. Schließlich wurde es ihr dann doch zu bunt.
„Wissen Sie, Darcy, wir sollten vielleicht ein Mindestmaß an Unterhaltung führen, damit es nicht ganz so unangenehm ist", flüsterte sie ihrem Sitznachbarn zu.
„Gerne, suchen Sie sich ein Thema aus", antwortete dieser.
Lauter sagte sie daraufhin: „Also, Mr. Darcy, was führt Sie nach LA?" Sie hatte seine Bemerkung von vor vier Tagen noch nicht vergessen.
„Die Arbeit, ich bin geschäftlich hier."
„Was machen Sie denn beruflich?" Sie war ja mal gespannt, was für eine Deckgeschichte er hatte.
„Wie Sie vielleicht wissen, gehört meiner Familie das Technologie-Unternehmen Darcy Ltd."
„Und welche Position nehmen Sie innerhalb des Unternehmens ein?"
„Ich bin einer der Geschäftsführer, die komplette Unternehmensführung obliegt aber meiner Schwester."
„Das stelle ich mir schwierig vor. Da muss man ja schon mal mit außergewöhnlichen Situationen fertig werden, nicht wahr? Und mit Leuten, denen man eine Aufgabe nicht zutraut."
„In der Tat, aber es gibt unter Umständen dann auch positive Überraschungen." Er starrte sie an, nahm sie ihm seine Aussage wirklich so übel? Sie hatte ihm doch bewiesen, dass sie etwas konnte.
„Tatsächlich?" fragte Lizzy.
„Ja, es ist zwar so, dass ich zwar hohe Ansprüche stelle, aber diese kann man erfüllen. Ich möchte halt immer das bestmögliche Ergebnis und da arbeitet man schon mal über ein Jahr an einer Sache, bis man sie zufrieden stellend zu Ende bringen kann."
„Ja, das kommt mir bekannt vor."
„Wirklich? Ich hörte, Sie arbeiten im Bankbereich. Was sind denn da so Ihre Aufgaben?" Was sie konnte, das konnte er schon lange.
„Ich bin für die Auslandsbeziehungen meiner Bank verantwortlich." Sie warf ihm einen wütenden Blick zu.
„Und was macht man da so? Ich kenne Banken eigentlich nur als nationale Unternehmen."
„Ich kümmere mich um Kunden aus Übersee, Briten wie Sie, die etwas von uns wollen. Erst letzte Woche konnte ich nach einigen unerwarteten Schwierigkeiten – unter anderem waren meine Fähigkeiten angezweifelt worden – einen Auftrag dann doch noch zu einem zufrieden stellenden Ergebnis bringen. Das war ein sehr erhebendes Gefühl, aber ich muss sagen, dass ich mit betreffendem Kunden nicht wirklich gerne zusammengearbeitet habe."
Mittlerweile war auch Jane und Charles das Gespräch der beiden aufgefallen. Lizzy und Darcy schienen scheinbar über ein ungefährliches Thema zu reden, aber irgendwie starrten sich die beiden an, als würden sie sich gleich an die Kehle springen. Gab es da etwas zwischen den Zeilen, das ihnen entgangen war? Sie taten doch oberflächlich so höflich. War jetzt etwas vorgefallen, von dem sie jetzt nichts mitbekommen hatten? Normalerweise verhielt sich keiner der zwei so.
„Oh, das tut mir Leid, solche Situationen sind immer unangenehm, ich kenne das. Aber ich denke, betreffendem Kunden muss es dann ähnlich gegangen sein, oder?"
„Ich denke ja. Ich hatte-", fing Lizzy an, als plötzlich zeitgleich bei ihr und Darcy die Handys klingelten.
Eine peinliche Stille entstand, Mrs. Bennet hasste Handys und warf ihrer zweitältesten Tochter einen wütenden Blick zu, leider ging es bei dieser aber nicht ohne.
Bei beiden fand sich eine SMS mit der gleichen Botschaft: „Rückruf sofort erbeten."
„Entschuldigen Sie mich, das ist leider wichtig", sagte Darcy und stand vom Tisch auf.
Jetzt auch aufzustehen, das wäre einfach zu auffällig gewesen, aber sie musste wirklich dringend zurückrufen, es schien wichtig zu sein, sie war nämlich eigentlich gar nicht auf Bereitschaft…
Sie schniefte heftig. „Hat jemand ein Taschentuch?" fragte sie schließlich laut in die Runde. Diese Frage wurde Gott sei Dank von allen Anwesenden verneint.
„Ich werde eben nach oben gehen und mir eins holen", sagte sie und verließ das Zimmer.
In der Halle wählte sie die Nummer der Agency, sie nannte ihren Namen, ihre Identifikationsnummer und die Fallnummer, die ebenfalls in der SMS gestanden hatte. Sie wurde zu Agent Gardiner durchgestellt.
„Hallo Elizabeth", sagte dieser. „Es tut mir leid, dass ich dich stören muss, aber du musst sofort zurück nach LA kommen. Es gibt ganz interessante Entwicklungen im Fall Crawford, deine Anwesenheit ist notwendig."
Lizzy seufzte, sie hatte sich so sehr auf das Familienwochenende gefreut. „Okay, ich komme so schnell ich kann, ich bin bei meiner Familie, es kann also etwas dauern."
„Gut." Sie beendeten das Gespräch.
Sie hatte nicht gemerkt, dass Darcy hinter sie getreten war. „Die Firma?" fragte er sie.
Sie ließ sich nicht anmerken, dass er sie erschreckt hatte. „Ja, leider, der Fall Crawford", sagte sie.
„Bei mir auch… Also, wer soll als erster wieder reingehen und sagen, dass er leider gehen muss?"
„Sie, bei mir weiß ja noch gar keiner, dass sich jemand von der Arbeit gemeldet hat. Außerdem habe ich noch Zeit, der nächste Zug fährt erst in 1 ½ Stunden."
„Unsinn, ich werde Sie natürlich im Auto mitnehmen", sagte Darcy und ließ sie, bevor sie das Angebot ablehnen konnte, in der Halle stehen.
Als sie schließlich auch wieder das Esszimmer betrat, verabschiedete Darcy sich gerade von ihren Eltern.
„Will hat gerade eine Nachricht von seiner Schwester bekommen", klärte Jane die scheinbar ahnungslos Elizabeth auf. „Es gibt irgendein Problem mit einer Fabrik im Silicon Valley, er muss heute noch zurück nach LA."
„Oh, das ist blöd… das ist ja echt ein Zufall. Ich muss auch zurück." Elizabeth holte tief Luft, laut sagte sie: „Mum, Dad, es tut mir leid, aber ich muss gehen. Ich habe gerade einen Anruf von der Bank bekommen, ein Kunde, mit dem ich mich im letzten Jahr exklusiv beschäftigt habe, macht Probleme. Meine Anwesenheit ist leider nötig."
Die Nachricht wurde mit langen Gesichtern aufgenommen. „Ich hatte ja Gott sei Dank noch nicht ausgepackt. Kann mich gleich jemand zum Bahnhof bringen? Der Zug fährt in 1 ½ Stunden."
„Müssen Sie nach LA, Miss Bennet?" mischte Darcy sich ein.
„Ja."
„Ich kann Sie mitnehmen, ich bin ohnehin auf dem Weg dorthin, auch der Arbeit wegen."
„Ich will Ihnen keine Umstände machen, ich kann auch mit dem Zug fahren."
„Unsinn, es macht mir nichts aus, wenn ich ohnehin dahin muss, dann kann ich Sie auch mitnehmen. Es ist ja kein Umweg oder so."
Schließlich nahm Lizzy das Angebot an, innerhalb von einer Viertelstunde waren die beiden aufbruchbereit.
„Es tut mir wirklich sehr Leid", sagte Darcy noch, „aber die Pflicht ruft, leider."
Während der ersten Minuten im Auto sagte keiner der beiden etwas, nur das Radio lief. Lizzy starrte stumm aus dem Fenster, während Darcy sich auf die Straße konzentrierte. Schließlich brach er das Schweigen: „Ich denke, ich sollte mich entschuldigen", begann er. „Agent Bennet, meine Kommentare vor ein paar Tagen waren vollkommen unbegründet und unhöflich, es tut mir leid. Ich war halt einfach ausgespannt, weil der Fall, an dem ich seit über einem Jahr gearbeitet habe, kurz vor dem Abschluss stand und da wollte ich, dass nichts schief geht. Das ist es dann ja doch noch, und deshalb möchte ich mich auch noch bedanken, denn ohne Ihren tatkräftigen Einsatz hätten wir Crawford nicht gekriegt."
„Entschuldigung akzeptiert", sagte Elizabeth nur.
„Gut."
Sie schwiegen erneut.
„Agent Darcy", sagte Lizzy dann, „ich werde jetzt ehrlich sein, ich habe Ihre Entschuldigung zwar akzeptiert und es ehrt Sie, dass Sie das gemacht haben, aber das ändert nichts an meiner Meinung über Sie. Ich mag Sie nicht, aber es sieht so aus, als werden wir in Zukunft häufiger miteinander arbeiten und da sind persönliche Empathien fehl am Platz. Zudem werden Ihr Freund und meine Schwester heiraten, das heißt, dass wir auch privat das Vergnügen miteinander haben werden. Deshalb schlage ich vor, dass wir uns wie gleichgültige Bekannte behandeln sollten. Wir sollten dafür sorgen, dass weder die Arbeit, noch das Privatleben darunter zu leiden haben. Ist das in Ordnung?"
„Meinetwegen, an mir soll es nicht liegen."
„Dann hätten wir das ja geklärt."
