Kapitel 1: Die Probe des Meisters
Kaum, dass die ersten Sonnenstrahlen die Erde berührten wurde Salazar von Wolfgar sanft aus dem Schlaf gerüttelt.
„Rasch, zieh dir etwas an. Wir müssen aufbrechen."
„Warum?", fragte der Junge müde.
„Ich erkläre es dir später.", sagte Wolfgar.
Salazar sprang aus dem Bett und zog die Kleidung an, die man ihm in gestern Abend gebracht hatte; einfache Sachen aus Wolle, eine Hose, ein Lederwams und ein Umhang.
Ohne einen Bissen oder etwas zu Trinken brachen die Beiden auf. Wolfgar begleitete ihn durch die tristen und düsteren Gänge der Burg bis sie schließlich auf den Hof heraus traten. Sein Begleiter führte ihn in die Ställe und setzte ihn auf sein Pferd; einen großen, schwarzen Hengst. Wolfgar stieg ebenfalls auf und hielt den Jungen fest, als sie los ritten.
Salazar hatte immer noch nicht die leiseste Ahnung wo sie sich befanden. Die Burg stand mitten im Wald und schien mehr eine Ruine zu sein, als alles andere.
Sie ritten auf einem schmalen Trampelpfad einen Hügel hinauf.
„Wohin gehen wir?", fragte Salazar.
„Zu unserem Obersten, dem Meister. Wenn wir zu ihm stoßen möchte ich, dass du ihn mit dem größten Respekt behandelst. Er wird dich testen.", erklärte Wolfgar.
„Testen?" Es beunruhigte ihn zutiefst, was er da hörte.
„Das wird er dir selbst erklären."
Auf dem Hügel angekommen stiegen sie beide ab und Wolfgar band sein Pferd an einen Baum.
„Wo ist er?", fragte der Junge neugierig, doch sein Begleiter ließ ihn mit einer harschen Handbewegung verstummen, als ein in eine Kutte gekleideter Mann vor sie trat. Salazar hatte ihn nicht kommen sehen. Er schien einfach hinter einem Baum aufgetaucht zu sein.
Unter der Kapuze konnte er die das Gesicht des Mannes nur schemenhaft erkennen.
Wolfgar verbeugte sich vor ihm und Salazar tat es ihm zögernd nach.
„Ich vermute mein Vasall hat dir gesagt wer ich bin?", fragte der Mann.
Der Junge nickte schüchtern.
„Ich werde dir nun einige Fragen stellen und ich erwarte, dass du sie wahrheitsgetreu beantwortest. Sei dir sicher, dass ich es bemerken werde, wenn du mich anlügst.
Wie ist dein Name?"
„Salazar."
„Aus welcher Familie stammst du?"
„Mein Vater ist Rudolf, Sohn Berens, und meine Mutter Katja … war die Tochter Slüthers vom Brockenberg."
„Was ist mit ihr geschehen?", fragte der Mann.
„Der Gevatter hat sie geholt!", sagte Salazar ungewollt laut. Dass dieser Mann ihn nun so deutlich an seinen Schmerz erinnerte machte ihn zornig.
„Welches Schicksal hat dich hierher verschlagen?"
„Ich habe mich verlaufen.", sagte Salazar.
Der Mann kam nun näher und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Er spürte wie Wolfgar ihn festhielt damit er nicht weglaufen konnte.
„Lüge. Warum bist du hier?"
„I-ich habe mich verlaufen.", wiederholte der Junge und erneut traf ihn die Handfläche des Meisters im Gesicht.
„Lüge.", sagte dieser erneut. Salazars Wangen brannten und es trieb ihm die Tränen ins Gesicht.
„Warum bist du hier?"
„I-ich habe mich v-verlaufen."
Wieder schlug der Mann ihn, doch dieses mal wesentlich härter.
„Lüge."
Salazar begann leise zu wimmern und wandte sein Gesicht ab, da er fürchtete für seine Schwäche erneut geschlagen zu werden.
„Du hast dich nicht verlaufen.", sagte der Mann leise. „Erinnere dich an den Grund deiner Reise, Bursche."
„I-ich …" Salazar brach in Tränen aus. Dieser Mann zwang ihn an seinen Schmerz zu denken, ihn zuzulassen und dafür hasste er ihn zutiefst.
„M-mei-ne M-mutter i-ist tot! D-die Pest!", rief er. „I-ich … i-ich wollte nicht … Ich wollte nicht bei meinem Vater bleiben!" Und plötzlich, wie als hätte jemand die Macht über die Natur selbst erlangt, bebten die Bäume. Äste knarrten und krachten, brachen ab und schlugen unweit von ihnen auf den Boden. Wolfgars Hengst wieherte panisch und stellte sich auf die Hinterbeine. Die beiden Männer jedoch schienen all das nicht zu bemerken, sondern waren vollkommen auf den jungen vor ihnen fixiert.
„Es ist gut, mein Junge.", sagte der Meister plötzlich mit sanfter Stimme und klopfte ihm auf die Schulter. „Wolfgar, bring ihn zurück in die Burg."
Dieser nickte und ließ Salazar los. Er brach auf der Stelle weinend zusammen. Warum hatten sie ihn gezwungen seinen Schmerz erneut in sein Bewusstsein eindringen zu lassen? Und was war danach geschehen? War der Wald lebendig geworden und hatte auf seine Klagen geantwortet?
Wolfgar machte sein Pferd los und nahm den Jungen in die Arme. Er weinte bitterlich.
„Du hast es überstanden.", sagte der Ritter und hievte ihn auf seinen Hengst. Sie ritten zurück zur Burg und er trug ihn zurück in seine Kammer. Salazar weinte nur und war zu keiner Reaktion mehr fähig. Der Schmerz hatte ihn auf dem Hügel überwältigt.
Die Entscheidung des Meisters über das Schicksal des Jungen würde in den nächsten Stunden gefällt werden. Bis dahin würde Wolfgar ihn so gut es ging beruhigen – auch um sich selbst zur Ruhe zu bringen.
In der Kammer angekommen legte er ihn in das Bett, deckte ihn zu und strich ihn väterlich durch das schwarze, volle Haar.
„Alles wird gut.", sagte Wolfgar und hoffte, dass es stimmte.
Es verging eine lange Zeit bis Salazar aufhörte zu weinen und einschlief. Wolfgar wachte währenddessen an seinem Bett. Nicht aus reiner Fürsorge, sondern, weil der Meister ihm die Verantwortung für den Jungen übertragen hatte. Und er wusste, dass er ihn nicht bedauern durfte, denn der Meister hatte noch nicht entschieden. Würde er sich gegen den Jungen entscheiden so lag es in Wolfgars Hand ihn zu richten. So war es Gesetz.
Es klopfte an der Tür. Wolfgar wurde aus seinen Gedanken gerissen und erhob sich. Er öffnete und vor ihm stand einer seiner Schwertbrüder: Markus, der Schmied des Ordens. Er war groß und hatte blondes, verfilztes Haar, dass er sich zu zwei Zöpfen zusammengebunden hatte. Auf seinem Kopf saß eine zerschlissene Lederkappe und sein freundliches Gesicht war mit Ruß bedeckt. Markus trug nur einen einfachen Lederwams sowie Hosen.
„Wolfgar, der Meister schickt nach dir.", sagte er. „Er erwartet dich in seinem Studierzimmer."
Wolfagr nickte verstehend.
„Bist du meine Ablösung?"
„Ja. Ich werde auf den Kleinen aufpassen. Und nun geh, bevor der Meister ungeduldig wird.", sagte Markus. Wolfgar machte sich sofort auf den Weg zum großen Studierzimmer. Dieses befand sich im Ostflügel der Burg. Es lag hinter einer Tür aus Eichenholz in die das Emblem des Schwarzen Ordens oder, wie sie sich auch selbst nannten; der Walpurgisritter eingeschnitzt war. Es zeigte den Gevatter Tod, mit Sense und Schwert bewehrt, wie er auf dem Rücken eines Raben in die letzte Schlacht zog.
Wolfgar klopfte an und wartete bis sich die Tür wie von Geisterhand öffnete und trat ein. Das Studierzimmer des Meisters war eine merkwürdige Mischung aus Alchimistenlabor und Bibliothek. Überall lagen Pergamentrollen und alte Folianten herum. Die Regale quollen förmlich über und in einer Ecke des Raums stapelten sich die uralten Bücher bis unter die Decke. Der laborartige Teil des Zimmers war hingegen voll gestopft mit sonderbaren, alchemistischen Gerätschaften, die fröhlich vor sich hin blubberten und dampften.
Allein der Meister und vielleicht der alte Ordensalchimist Vengario wussten wozu sie dienten.
Wolfgars Blick schweifte durch die Räumlichkeit. Sein Herr war nirgends zu sehen, doch das bedeutete nichts.
„Ihr habt nach mir schicken lassen?", sagte er, als stände der Meister direkt vor ihm.
„Ja.", hallte die Stimme des Obersten für einen Moment durch den Raum und er trat aus der Dunkelheit. Fast so, als sei er mit den Schatten dieses Ortes verschmolzen gewesen und für das normale, menschliche Auge unauffindbar.
Wolfgar verbeugte sich untertänig vor dem Meister.
„Ich habe über das Schicksal des Jungen entschieden.", sagte dieser ruhig. „Er kann die Lehre bei uns antreten, doch birgt das auch große Sorgen."
„Welche, Gebieter?", fragte Wolfgar.
„Seine Herkunft. Oder schlichter ausgedrückt; die seiner Mutter."
„Die Slütheren vom Brockenberg.", sagte Wolfgar und der Meister nickte ihm zu.
„Dir ist es auch aufgefallen?"
„Ja, Herr. Seine Mutter könnte eine verbannte Brockenhexe gewesen sein."
„In der Tat. Die Linie der Slüthers ist hochgradig magisch. Sie sind Nachkommen der ersten großen Magierfamilie in diesen Landen; der Familie Slytherix aus denen Ende der Antike das Volk der Slytherinen hervorging. Ein alter, längst vergessener Zweig der magischen Blutlinien." Der Meister begann nun nachdenklich auf und ab zu schreiten. „Er ist stark, Wolfgar. Ich habe während seiner Probe nur einen kleinen Teil seiner Macht entfesseln können. Sein Schmerz und seine Magie scheinen eins zu sein. Ich frage mich, ob er sich überhaupt bewusst ist, was er ist."
„Das glaube ich kaum.", sagte Wolfgar. „Er scheint wohl nur wenig oder gar kein Bewusstsein für seine Fähigkeiten zu besitzen. Sie in ihm freizulegen wird harte Arbeit."
„Da gebe ich dir Recht, Freund. Es liegt viel in ihm verborgen."
„Herr, was ist, wenn die Brockenhexen von seiner Existenz erfahren? Sie könnten ihn als Mitglied ihrer Sippenschaft einfordern."
„Dazu werden wir es nicht kommen lassen.", sagte der Meister schlicht. „Wenn seine Mutter eine Verbannte war, dann werden sie ihrem Zögling womöglich nicht beachten oder hätten ihn als Blutschande angesehen und bereits getötet. Die Hexen sind zwar ohne jede Moral oder Reue, doch haben sie ein einziges unumstößliches Gesetz."
„Kein Kontakt mit Menschen.", sagte Wolfgar.
„Genau. Vielleicht floh seine Mutter vor ihnen aus Angst sie könnten herausfinden, dass sie einem normalen Menschen nachstellte. Vielleicht fanden es die Hexen heraus und verbannten sie vom Berg. Sicher können wir uns natürlich nicht sein, deshalb, Wolfgar, wirst du auch sein Lehrmeister sein. Ich vertraue den anderen nicht, wenn es um derartige Geheimnisse geht. Versteh mich Recht, sie sind allesamt fähige Ritter unseres Ordens, doch zu stark ist ihr Verlangen nach weltlichen Vergnügen. Von dir kann ich erwarten, dass du es in jeder Lage für dich behältst."
„Gewiss, Meister.", sagte Wolfgar. „Gewiss. Ich werde die Herkunft des Jungen nicht preisgeben. Und sollte ich unter Folter stehen; ich werde das Geheimnis nicht preisgeben."
„Ist das ein Schwur?", fragte der Meister.
„Ja.", sagte Wolfgar.
„So soll es sein!" Der Meister streckte den Arm aus. „Würdest du dein Leben für dieses Geheimnis geben?"
„Ja, Herr." Wolfgar nahm die Hand seines Obersten und drückte sie fest. Sie spürten wie eine urgewaltige Macht von ihnen Besitzt ergriff und ihren Händedruck zu einer unbrechbaren Abmachung wandelte.
Ein Schwur oder ein Geschäft unter Hexern blieb nie bloßes Geschwätz. Die Magie in ihnen würde sie daran erinnern und keiner von ihnen würde das Geheimnis ungestraft aussprechen können. Wolfgar nicht und der Meister ebenfalls nicht.
Ein unbrechbarer Schwur. Eine schwarzmagische Abmachung. Gebunden an ihrer beider Leben – solange bis das Geschäft von ihnen wieder aufgelöst wurde, doch dies sollte für die nächsten Jahre nicht der Fall sein.
