"Und ich habe mich so gefreut! sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast dich gefreut - ist das nichts?"

(Marie von Ebner-Eschenbach)


Zu sagen, daß Hermine Granger müde war, war als ob man ernsthaft bestätigte, das Seidenschnabel nur ein Vogel war. Die wirkliche Bedeutung des Wortes Müdigkeit erschließt sich einem erst dann, wenn man ein Kind hat, welches einen zu allen Nachtzeiten immer und immer wieder schreiend aus dem Schlaf reißt. Eine durchwachte Nacht in der Bibliothek war wirklich das letzte, was Hermine jetzt gebraucht hätte.

In den letzten Monaten hatte sie Bücher in den Kühlschrank gesteckt, Schlüssel in den Mülleimer, verschmutzte Windeln in ihren Nachttisch. Hatte den Telefonhörer abgenommen und für einen Moment vergessen, wer sie eigentlich war, hatte sich Haarspray unter die Achseln gesprüht, hatte im Obstladen gestanden und nach 'den gelben, sauren runden Dingern' gefragt, weil ihr das Wort für 'Zitrone' entfallen war, nur um dann festzustellen, daß sie ihr Geld zu Hause gelassen hatte. Sie hatte zu ihrer U.T.Z-Prüfung im Ministerium ihren Pullover links herum angezogen, trotzdem mit Bravour bestanden. Glücklicherweise hatte man ihr erlaubt, sich den Stoff selbst zu Hause zu erarbeiten und dann die Prüfung abzulegen.

Doch die zunehmende Erschöpfung nahm ihr die Fähigkeit, ihre Mißgeschicke lustig zu finden oder auf ihre Erfolge stolz zu sein. Hermine Granger war ein Mensch, der permanent Anforderungen an sich selbst stellte, ihre Ziele immer etwas zu hoch steckte und verbissen auf sie zuarbeitete, nur um dann immer wieder von sich selbst enttäuscht zu sein. Die Tatsache, daß sie keine perfekte Mutter war, die fröhlich summend den ganzen Tag mit Baby auf der Hüfte das Haus in Ordnung brachte, schmerzte sie sehr, denn sie wollte diese Person sein.

Perfektionismus war auch immer das Ziel ihrer Eltern gewesen. 'Ich habe eine eins geschrieben,' war der Satz, der bei ihnen höchste Begeisterung hervorrief, ihr garantiert Aufmerksamkeit erzielte.

Daß das nicht ganz richtig war, kam ihr überhaupt nicht in den Sinn.

Hermine sah an sich hinunter und mußte feststellen, daß ein übergroßer, grauer Pullover mit sauren Milchflecken auf der Schulter und verblichene Jeans wahrscheinlich nicht die passende Kleidung waren, um bei einer Sorgerechtsangelegenheit Punkte zu zielen. Auch die abgetragenen Turnschuhe machten nichts wett.

Es war schon nach sieben.

Glücklicherweise trug sie Muggelsachen, diese ließen sich zumindest verwandeln. Nach mehreren Reinigungs- und Duftzaubern verwandelte sie ihre unsägliche Aufmachung in einen Nadelstreifenanzug. Nach einigem Zögern vertiefte sie den Ausschnitt etwas, wer weiß, mit welchen Mitteln sie kämpfen mußte.

Mit festen Schritten und Selbstbewußtsein, daß sie nicht fühlte, verließ sie die Bibliothek, in der Arthur noch schlief. Sie bewegte sich auf den Fahrstuhl zu, der sie direkt in den elften Stock befördern würde. Sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit, aber der Ministeriumsfahrstuhl konnte sich manchmal wirklich Zeit lassen.

Eine kleine, runzlige Hexe, deren Haar so lang war, daß sie es mit den Händen in den Fahrstuhl ziehen mußte, wenn sie nicht einen furchtbaren Tod sterben wollte, stellte sich neben sie. Sie roch unangenehm, nach saurer Kartoffelsuppe, Schimmel und anderen eher undefinierbaren Substanzen. Und sie kratzte sich unentwegt am Arm. Hermine nahm etwas Abstand, als sie die roten Punkte auf der Haut der Frau sah, die sie sofort als Koboldkrätze identifizierte. Hochansteckend. In der Hand der Hexe befand sich ein Antrag auf Frührente.

Die Luft im Fahrstuhl wurde dicker und langsam wurde Hermine übel. Ganz wichtig aussehende Männer mit platten Gesäßen und gegelten Haaren stiegen ein und aus. Der saure Geruch klebte nun auch an ihr, aber sie hatte keine Zeit mehr, das zu ändern. In dem Moment, als sie ausstieg, wurde sie zur Zauberstababgabe aufgefordert und sie bekam eine Nummer. Die Sekretärin, eine ältere Frau mit Lesebrille und wurzelverzogenem Nasenlächeln schien sehr erschüttert über die Tatsache, daß die alte Hexe, die mit ihr im Fahrstuhl war, ihren Zauberstab verkauft hatte.

'Nehmen Sie bitte im Wartezimmer platz.' Es war zehn vor acht.

Die alte Hexe kannte sich hier wohl aus und Hermine folgte ihr ins Wartezimmer. Der elfte Stock war ein trostloser Ort. Die Decken war niedrig, die Wände grau gestrichen und die Bewohner der Portraits die dort hingen, sahen aus, als wollten sie sich für Platz Eins im Wettbewerb für den ödesten Charakter in der Zaubererwelt bewerben. Die offensichtliche Heldin des Flures war Basilia Bore, die es doch tatsächlich geschafft hatte, den Zauberer zu überführen, der tausende von Muggeln mit dem sogenannten Hexenschuß verflucht hatte.

Hermine nahm im Wartezimmer auf dem letzten freien Stuhl platz. In dem Moment fiel ihr auf, daß sie immer noch die abgetragenen Turnschuhe trug. Von draußen hörte sie Minister Shacklebolts tiefe Stimme.

'Kommst du nachher Mittagessen, Henry?' Der Minister, in den Hermine einiges Vertrauen setzte, sprach wahrscheinlich zu Henry Hengst, ihrem Bearbeiter und Hermine horchte auf.

'Nur, wenn du deinen Ohrring trägst, Kinglsey,' flirtete Herr Hengst.

'Deal.'

Oh, bei Merlin, wieviel Pech konnte man haben? Hermine sah in ihren tiefen Ausschnitt, auf ihre schmutzigen Schuhe und wußte schon, daß sie verloren hatte. Ohne aufblicken zu müssen spürte sie, daß Snape im Türrahmen stand. Bis auf die kleinen Kinderstühle war hier kein Platz mehr, und nur die Vorstellung, daß Snape sich auf einer dieser Sitzgelegenheiten niederließ verhinderte eine Panikattacke.

Hermine zwang sich aufzublicken und ihm den finstersten Blick zuzuwerfen, zu dem sie fähig war. Snapes Gesicht war kalt und in Stein gemeißelt. Er blieb einfach dort stehen wo er war, verschränkte die Arme und fixierte irgend einen Punkt im Raum.

'Miss Granger, Mister Snape.' Die beiden Namen in einem Atemzug zu hören, lösten in Hermine Ekel aus. Sie schluckte heftig und erhob sich.

Das Büro von Henry Hengst war fast dreieckig, der Schreibtisch war es auch. Jeder der Anwesenden setzte sich an eine Ecke des Tisches. Hengst, ein blonder, breitschultriger Mann mit verschmitztem Jungengesicht lehnte sich zurück, schlürfte an seinem Tee und betrachtete beide eingehend.

'Mir ist bewußt, daß sie sich beide in einer sehr unangenehmen Situation befinden,' stellte er in den Raum. Beide? dachte Hermine. Es gab kein beide.

Der Bürokrat wühlte in seinen Unterlagen. 'Nun, die Gesetzeslage ist eindeutig. Zum Wohle des Kindes ist das Sorgerecht zu teilen, der Kindesvater darf das Kind vier Tage im Monat pflegen. Die Eingewöhnungsphase wird einen Monat dauern, wird in Anwesenheit beider Eltern stattfinden und dies jeweils mindestens zwei Stunden pro Woche im Haus des Kindesvaters.'

Hermines Zunge schien an ihrem Gaumen festgeklebt zu sein. Gerne hätte sie jetzt protestiert und den Männern gesagt, daß sie das nicht könne, daß sie niemals Fuß in das Haus von Severus Snape setzen wollte, daß seine bloße Anwesenheit sie zu den dunkelsten Gedanken zu denen sie fähig war, verleitete. Aber sie sagte gar nichts.

Hengst wandte sich an Snape.

'Es gibt die Möglichkeit, einen Antrag auf das Ruhen der elterlichen Sorge zu stellen und sich von allen elterlichen Pflichten entbinden zu lassen. Wollen Sie das tun, Mr Snape?'

'Nein.'

Hermine krallte sich an ihrer Hose fest. Snapes sonore Stimme machte seine Anwesenheit noch wirklicher für sie, verstärkte die Angst, unter der sie sowieso schon litt. Warum konnte er sich nicht für die für sie einzig erträgliche Variante entscheiden?

Nimm dir das Schlammblut Severus, kreischte Bellatrix in ihrem Kopf. Und wenn sie dann nicht redet, wird sie vielleicht bei Fenrir weich.

Hermine spürte die Farbe aus ihrem Gesicht weichen. Die Welt wurde für einen Moment unwirklich, verschwommen und irgendwie weißer, bevor sie sich wieder in der Gewalt hatte. Ohne es verhindern zu können, starrte sie in das blasse, versteinerte Gesicht von Snape, in die kalten, dunklen Augen, auf die schwarzen Haare, die in ihrem Gesicht gehangen hatten. Und sie fröstelte.

Ein Vertrag wurde unter ihre Nase geschoben, sie wußte, daß sie keine Wahl hatte, also unterschrieb sie. Sie konnte ihre Hand nicht stillhalten, spürte, daß Snapes Blick auf dem kleinen schwarzen Tintenfleck war, der sich neben ihrer Unterschrift gebildet hatte. Ein imaginärer Psychiater in ihrem Kopf fragte sie nach der Bedeutung dieses Fleckes. Was stellt er für Sie dar, Miss Granger?

Dann erhob sie sich schnell, holte ihren Zauberstab ab und lief zum Fahrstuhl. Sie wartete eine Ewigkeit, warum es in diesem Haus keine Treppen gab, war ihr ein Rätsel. Hinter sich spürte sie Snape und ihre Nackenhaare stellten sich auf.

Wenn er da war, konnte sie das Blut riechen, das sie geblutet hatte, an jenem unheilvollen Tag. Sie konnte die Tränen schmecken, die sie vergossen hatte, das Wimmern, das sich ihrer Kehle entrungen hatte hören, das verzerrte Gesicht sehen, daß ihr viel zu nah gewesen war. Es kostete sie einiges an Überwindung, nicht ihren Stab zu zücken und ihn zu verhexen, ihn zu quälen. Aber sie tat es nicht.

Glücklicherweise mußte sie nicht allein mit ihm Fahrstuhl fahren.

Es gab nur wenige Momente im Leben, in denen man derart dankbar für die Anwesenheit einer stinkenden Hexe mit Koboldkrätze war.

o o o o o O O o o o o o

Hermine trank den Tee, den Mrs Weasley ihr zubereitet hatte. Mrs Weasley kochte Tee, weil ihr nichts besseres mehr einfiel um Hermine zu helfen. Molly hatte Jack auf den Boden gesetzt, umgeben von Kissen und kleinen Spielzeugautos, die um ihn herumflogen. Er schien sich sehr wohl zu fühlen, gluckste und grinste. Hermine fielen die Augen zu.

'Du solltest dich etwas hinlegen,' hörte sie noch. Dann lief Hermine hinauf in Percys Zimmer, welches nun das Gästezimmer war und legte sich auf das Bett. Sie wachte sechzehn Stunden später auf und fühlte um einiges besser. Es war zwei Uhr morgens und das erste Mal seit Monaten hatte sie richtig geschlafen. Das machte so viel aus. Der Schlafmangel hatte ihre Ängste, ihre Zerstreutheit, ihr ständiges Frieren, ihre Antriebslosigkeit und Appetitlosigkeit noch verstärkt. Manchmal, wenn sie mehrere Tage nur Minuten am Stück geschlafen hatte, war sie fast unfähig nur einen einzigen sinnvollen Gedanken zu fassen.

Das Haus war still, doch durch den Türschlitz (der etwas schief war) konnte sie gedämpftes Licht erkennen. Leise und - wie ihr jetzt jetzt auffiel - auf verschiedenfarbigen Socken stieg sie die Treppe herunter. Die Stufen die knarrten ließ sie aus, sie kannte sie sehr gut. Viele Sommer hatte sie hier verbracht, anstatt mit ihren Eltern. Der hatte wohl bemerkt, daß sie ausgeschlafen war und machte keinerlei Bemerkungen.

Vor dem Feuer saß Molly. Sie sah gar nicht schläfrig, sondern eher nachdenklich aus. Jack lag in ihrem Arm, fest in eine Decke gewickelt und an einer Flasche nuckelnd. Seine Augen waren halb geschlossen.

'Nicht einschlafen beim Trinken,' sagte Molly in einem sanften Ton, zog die Flasche aus seinem Mund und gab sie Hermine.

Die Milch war dicker, hatte einen gräulichen Ton und roch seltsam.

'Die ist mit Reisflocken angedickt. Für den Reflux. Und das...,' sie gab ihm einen Tropfen eines Trankes den Hermine nicht erkannte, 'Ist ein Refluxtrank. Basiert auf Ingwer und Kamille. Sehr wirkungsvoll, du wirst sehen.'

Mit ihrem Zauberstab hob sie das Kinderbett am Kopfende etwas an und legte Jack hinein. 'Das ist, damit die Magensäure wieder in den Magen zurückläuft. Dann gehen die Schmerzen weg.' Sie legte ihn auf den Bauch. 'Diese Lage ist für Refluxkinder schonender.' Dann klopfte Molly dem Baby rhythmisch auf den Rücken, nur für ein paar Minuten, und er war eingeschlafen. Hermine hatte bisher nur gesehen, wie er an der Flasche einnickte, dann wieder aufwachte sobald sie ihn ins Bett legte und schrie und schrie.

Sie hatte nichts von alledem gewußt. Die schlaueste Hexe ihres Alters. Pah. Selten hatte sie sich so dumm, so unzulänglich gefühlt. Von Reflux, einer recht häufigen Krankheit bei Babys, bei der die Nahrung in die Speiseröhre zurückfloß und Brennen verursachte, hatte sie überhaupt noch nichts gehört. Sie hatte sich eingebildet daß er aus Langeweile schrie, oder eben um sie absichtlich in den Wahnsinn zu treiben. Und die Worte der Hebamme klingelten immer noch tagtäglich in ihren Ohren. Nervöse Mütter haben nervöse Kinder. So ist das nun einmal. Bestürzt setzte sie sich neben das Gitterbett.

Aus dem friedlichen Gesicht schmatzte es wohlig und die Stupsnase zog sich kraus. Jack machte ein kleines Geräusch, das ihr das Herz zusammenzog und Hermine streckte ihre Hand durch das Gitter um das flaumige dunkle Haar zu berühren. Er lächelte sein 'Tu-mir-nichts' Engelslächeln. Mollys Hand legte sich auf Hermines Schulter.

'Ich mache uns Frühstück.' Sie flüsterte um Jack nicht zu wecken.

Hermine hatte schon lange keinen richtigen Hunger mehr verspürt, aber als Molly Eier und Speck briet, Tee kochte und Toast machte, konnte sie ihren Magen knurren hören. Wenige Minuten später stand ein perfektes English Breakfast vor ihr.

'Keiner sagt, daß es einfach ist,' stellte Molly fest und schnitt ihr Spiegelei in kleine Stücke. 'Du glaubst ja nicht, wie es mir mit Bill ging. Ich war total überfordert und wußte nichts. Und sieh, was aus ihm geworden ist.'

Hermine nickte und biß von ihrem Toast ab.

'Mit Charlie dann, und dann gleich Percy, der war noch in den Windeln als die Zwillinge kamen, war ich nur am Wirbeln. Alles mußte gleichzeitig geschehen, niemand war zufrieden. Ständig mußte ein heulender Rotschopf gefüttert, getröstet, bepflastert, gerettet oder beschäftigt werden. Und ich habe mich so danach gesehnt, daß sie älter und selbständiger werden. Und ich war so laut und... ungeduldig.' Molly schniefte in ihre Teetasse. 'Und jetzt hätte ich die Zeit gern zurück.'

Hermine wußte nichts zu sagen und starrte ihren Teller an. Ihr Respekt vor jeder Mutter und besonders der vor ihr war in den letzten Minuten um ein Vielfaches gewachsen.

'Nimm ein Bad, Hermine. Nutze die paar Stunden. Jack schläft wie ein... ja, wie ein Baby.'

Hermine lächelte etwas, es fühlte sich ungewohnt an auf ihrem Gesicht.