2. Das Geschenk des Ex'
Die Sonne ging auf und färbte die Wolken am winterlich, eisblauen Himmel in ein grelles pink, dass durch die Fenster des Gryffindorturmes auf die schweren Vorhänge der Betten schien. Ein Mädchen saß bereits im Schneidersitz auf dem Boden, umringt von zerknicktem Geschenkpapier.
Den Bogen, den sie vom letzten Paket gerissen hatte, knüllte sie zusammen und schleuderte es gegen den Vorhang am Bett neben ihr. Dieser bewegte sich allerdings kaum. Das braunhaarige Mädchen streckte sich nach ihrem Zauberstab und ließ ein paar rote Funkten gegen den Vorhang sause, der sich heftig aufbauschte. „Aufstehen jetzt!", kommandierte sie lachend.
Der Stoff wurde zur Seite gezogen und ein zerzauster roter Haarschopf tauchte dahinter auf. Das Mädchen rieb sich verschlafen die Augen. „Jaahaa, ist ja gut." Gähnend richtete sie sich auf und rutschte aus dem Bett.
„Ich will doch sehen, was dir dein Ex geschenkt hat", säuselte die junge Hexe zwischen dem Geschenkpapier. „Witzig!", giftete die Rothaarige und ließ sich ebenfalls neben ihrem Geschenkstapel nieder.
„Was ist das denn hier?" Die Braunhaarige ließ sich nicht beirren, stemmte sich auf die Knie und angelte das glänzende schwarze Paket.
Sie ließ sich zurück auf die Knie sinken und begutachtete ihre Eroberung interessiert. Ein leises Scheppern ging davon aus, als sie es sachte schüttelte.
„Man Fedora, lass das sein!", zischte ihre Freundin und grapschte entschlossen nach deren Hand. „Ist ja gut!", Fedora hob beschwichtigend die Hände und hielt der anderen das Paket hin, die es sofort an sich riss. Schnell richtete sie sich auf und verstaute die kleine Schachtel hektisch aber behutsam, fast liebevoll unter ihrem Kopfkissen.
„Und nenn mich nicht Fedora, Lillian.", maulte das Mädchen am Boden und kramte gelangweilt in ihren Geschenken. „Aber du heißt doch nun mal so", erwiderte die andere keck. „Mein Name, ist aber nicht Lillian, liebe Fedora!"
Die Braunhaarige schnaufte. „Ist ja gut. Frieden bitte! Heut ist Weihnachten!" Mit diesen Worten sprang sie auf und umarmte ihr Freundin. „Fröhliche Weihnachten, Lily!", trällerte sie ihr ins Ohr.
Nach dieser Versöhnung machten sie sich zusammen über Lillys Geschenke her. Als alles ausgepackt war und sie die Berge an Weihnachtspapier zusammenschoben entdeckten sie noch ein zerknittertes rotgoldenes Geschenk. „Haahaa!", rief die braunhaarige Hexe triumphierend. „Der Ex!" Dabei sprang sie auf ihr Bett und wedelte mit dem Paket, als hätte sie den Snitch gefangen. „Ich wusste, dass die Brillenschlange sich nicht so leicht geschlagen gibt."
Lily zeigte dagegen kaum halb so viel Begeisterung wie ihre Freundin. „Super...", kommentierte sie gelangweilt, während sie ihre Bettdecke zurechtklopfte. „Willst dus gar nicht aufmachen?", entfuhr es der anderen entgeistert. „Fedi! Guck dir das doch mal an." Sie deutete auf das in Papier entgewickelte etwas. „Nicht mal Mühe beim Einpacken hat er sich gegeben. Da kann ich echt drauf verzichten.", erklärte sie entschlossen und hob ihr Kissen hoch, um das noch ungeöffnete Geschenk nochmals zu begutachten. Sachte ließ sie das Kissen wieder darauf nieder. „Aber gib's eben her, du platzt ja sonst noch!" Sie wandelte seelenruhig um die Betten herum und nahm Fedi das Objekt aus der Hand. Mit einem Ruck hatte sie das Papier entfernt und hielt nun eine runde Glaskugel in der Hand. Darin befanden sich zwei kleine Figuren die wie in Zeitlupe mit wehenden Umhängen aufeinander zu liefen und sich dann in einer innigen Umarmung auflösten, um einen Moment später den Ablauf zu wiederholen.
Beide starrten die Kugel an. Lily konnte sich als erstes abwenden und warf ihrem Gegenüber einen äußerst skeptischen Blick zu. „Gut, gehen wir frühstücken.", schloss diese nahtlos an, als hätte sie die Gedanken erahnt.
„Nicht mal ne Karte, das gibt's echt nicht!", hörte man sie noch tuscheln, als sie die Stufen des Turmes hinunter in den Gryffindorgemeinschaftsraum gingen.
