"Mit einem Fallschirm? Weshalb?" Hotch verstand nicht ganz, warum jemand freiwillig sein Leben auf´s Spiel setzen wollte und aus einem Flugzeug sprang.
"Weil ich es gerne tun will. Machst Du nie etwas Verrücktes?" Sie warf einen kurzen Blick auf den perfekten Windsorknoten seiner Krawatte. "Wahrscheinlich eher nicht." beantwortete Callie ihre Frage gleich selbst. "Ich müsste noch Duschen und mir was anderes anziehen, wenn Du so lange Zeit hast?"
Hotch nickte spontan, "ich muss nur im Büro bescheid sagen, daß ich etwas Verrücktes mache, Überstunden abfeiern."
Callie musste lachen, "machs Dir hier bequem, ich werde mich beeilen. Oh, der Ordnung halber, ich bin Kayleigh 'Callie' Aimes."
"Aaron Hotchner, Hotch für meine Freunde."
Hotch nahm sich noch einen Kaffee und sah sich ein wenig im Wohnzimmer um, als Callie im Bad war. Sie war gemütlich eingerichtet, mit einem riesigen, knautschigen Sofa, Massivholzmöbeln und viel Grün. Aquarellbilder zierten die Wände, die Signatur lautete K.A. Kayleigh Aimes, sie war also Künstlerin. Hotch verstand nicht allzuviel von Malerei, aber sie erschien ihm sehr talentiert. Auf einem großen Schreibtisch lagen eine Menge Skizzen, von Kaninchen? Das Kaninchen mit dem purpurnem Ohr, dachte Hotch plötzlich, Jack liebte diese Geschichten. Der Autor hies , Hotch hatte sich nie dafür interessiert, was sich hinter dem K versteckte.
"Du bist Kinderbuchautorin?" fragte er, als sie wieder aus dem Badezimmer kam.
"Autorin, Illustratorin, Barsängerin...je nach Bedarf, Hotch. Du kennst Ferdinand?"
"Mein Junge ist verrückt nach ihm, er ist sechs."
Kayleigh lächelte, "dann bin ich froh, daß meine Zielgruppe zufrieden ist. Wie heisst er?"
"Jack", antwortete Hotch.
Callie ging zu dem Regal neben dem Schreibtisch, griff nach einem Buch und lies es fallen. Sie fluchte leise. Hotch war schneller als sie und hob es auf. "Danke", sagte Callie leise und rieb ihre kraftlose linke Hand.
Hotch beobachtete sie aufmerksam und sah ihr in die Augen, "Ist alles in Ordnung? Du kannst nicht springen, wenn Du nicht fit bist." Hotch war sich nicht sicher, hatte sie irgendetwas genommen? Er meinte, eine Veränderung in ihren Pupillen wahrgenommen zu haben.
"Das ist nicht Deine Entscheidung, Hotch. Wenn ich heute aus einem Flugzeug springen will, dann werde ich das tun." Callie klang jetzt sehr schroff. "Ich kann mir ein Taxi zum Club nehmen. Vielleicht gehst Du besser. Es war schön, heute Nacht. Wir sollten das nicht verderben, bitte Aaron."
Hotch nickte, ihm wurde klar, daß er eine Grenze überschritten hatte. "Ich wollte Dir nicht zu Nahe treten, Kayleigh. Ich möchte nicht, daß Dir etwas passiert, das ist alles. Aber ich gehe natürlich, wenn Du das möchtest." Hotch zog sich seine Jacke an. "Ich fand es auch schön, Callie", sagte er im Gehen.
Callie wischte sich die Tränen weg, musste er so nett und fürsorglich sein? Sie fing an, hysterisch zu Lachen, konnte man den Richtigen treffen, wenn man so gut wie tot war?
Hotch fuhr sehr nachdenklich nach Quantico. Es war verrückt, aber irgendwie fühlte er sich verantwortlich für Callie. Sie hatte irgendetwas an sich, was tief in ihm drin etwas auslöste, an der eisernen Klammer rüttelte, die sein Herz umgab. Und es ging ihr nicht gut, auch wenn sie das gut versteckte. Er hatte das schon gestern Abend bemerkt, an der Art und Weise, wie sie gesungen hatte. Genau so schwermütig, wie er sich fühlte.
Hotch ging kommentarlos in sein Büro und machte die Tür hinter sich zu.
"Er ist ja doch noch gekommen, hat Rossi nicht gesagt, Hotch hat eine sms geschickt?" fragte Derek in die Runde.
Reid zuckte mit den Schultern, "vielleicht hat Rossi was missverstanden. Hotch bleibt nicht so einfach zu Hause."
"Ich rede auch nicht über 'so einfach' pretty Boy. Gestern war Haley´s Todestag. Er nimmt sich das Ganze immer noch sehr zu Herzen. Es ist nicht seine Schuld gewesen."
"Vielleicht solltest Du rauf gehen und ihm das sagen." Emily knallte ein paar Akten auf ihren Schreibtisch, "ich bin sicher, das hilft ihm." Emily war genervt. Jeder redete nur, aber reden half Hotch nicht. Er brauchte eine Auszeit, um sich zu sortieren und wieder einen neuen Anfang zu finden. Derek zog es vor, Emily´s Ausbruch einfach zu ignorieren. Der Tag verging nur langsam. Mit einer Nachbesprechung des letzten Falles, die Hotch einberufen hatte, weil sowieso alle im Büro waren, anstatt zu Hause. Jeder wollte die Akten so schnell wie möglich vom Tisch haben, fünf tote Kinder hinterliessen bei jedem einen faden Nachgeschmack.
Callie betrat das Großraumbüro. Der Agent am Counter hatte ihr zwar gesagt, wo genau sie hin musste, aber Callie hatte das schon wieder vergessen. Wie so vieles, in letzter Zeit. Rossi fiel die Frau mit dem Besucherausweis zuerst auf.
"Kann ich Ihnen helfen, Miss?"
"Ja, ich suche Aaron Hotchner. Der Agent am Empfang hat mich hierher geschickt."
"Hotch´s Büro ist die Treppe rauf, aber ich glaube, er holt sich gerade einen Kaffee." Rossi drehte sich in Richtung Kitchenette, "Hotch? Besuch für Dich."
"Callie", sagte er überrascht, "ich hab Dich nicht erwartet."
"Ich weiß. Ich wollte mich entschuldigen und ich wollte Dir doch vorhin etwas für Jack mitgeben." sagte Kayleigh unsicher, vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hier her zu kommen. Hotch war sich bewusst, daß er gerade die Attraktion des Tages war.
"Gehen wir doch in mein Büro. Möchtest Du Kaffee?"
Callie schüttelte den Kopf, "ich hab nicht so viel Zeit." Callie hätte am Liebsten gelacht, angesichts der Ironie der Situation.
"Callie? Ist mir da was entgangen?" Derek beobachtete, genau wie alle anderen, wie Hotch mit Callie in seinem Büro verschwand. "Blond und zierlich, genau sein Typ. Eventuell machen wir uns ja völlig unnötig Sorgen?"
"Glaube ich nicht. Hotch war noch nicht einmal rasiert, als er vorhin gekommen ist, und seine Stimmung ist schlecht wie immer. Aber eigentlich geht uns das alles gar nichts an", sagte Reid entschieden und setzte sich wieder hin.
"Setz Dich doch bitte. Woher weißt Du wo ich arbeite?"
"Ich hab Dich gegoogelt, Mr. FBI. Du bist ja ein richtiger Held."
"Ich bin alles andere als das, Callie." antwortete Hotch ernst."Wir haben in Maine fünf Kinder verloren."
"Deswegen warst Du im 'Blue Note'?" fragte sie vorsichtig.
"Nicht nur. Es ist einfach eine Menge zusammen gekommen."
"Das verstehe ich. Und ich bin nicht gesprungen, vorhin. Ich wollte, daß Du das weißt, ich hab überreagiert. Du hast es nur gut gemeint. Ich hab Dich hier hoffentlich nicht in Verlegenheit gebracht, Deine Kollegen schienen recht interessiert."
"Oh ja, das sind sie." Hotch huschte ein kurzes Lächeln übers Gesicht.
"Wo?! Wo ist sie, Schokomuffin?" Garcia stürzte an Derek´s Schreibtisch, "ich hab´s gerade gehört, ist sie hübsch? Wie alt? Woher kennt Hotch sie?"
"Das sind ne Menge Fragen, mein Mädchen. Wir haben keine Ahnung, Du wirst warten müssen, wie wir alle."
"Sieh mich nicht so an, Garcia. Ich weiß nichts." Rossi hob abwehrend die Hände.
"Ich will Dich nicht aufhalten, Hotch. Bestimmt hast Du viel tun."
"Eigentlich wollte ich mir heute morgen sogar frei nehmen, so viel ist es also nicht. Ich kann Dich ein bisschen herumführen, wenn Du möchtest. Völlig ohne Hintergedanken, Callie."
Kayleigh schmunzelte, "Du willst mit mir angeben, gib es zu."
"Vielleicht ein ganz kleines bisschen", gestand Hotch und griff spontan nach ihrer Hand. "Ich würde es wirklich sehr gerne tun, Callie."
"Ich kann nicht, Aaron. Es tut mir leid, wirklich. Und, es liegt nicht an Dir. Ich glaube, Du bist ein guter Mann. Aber ich würde mich vielleicht in Dich verlieben und das wäre nicht gut. Für uns beide nicht. Ich hab was mitgebracht, für Jack", Callie kramte in ihrer Tasche, "ein Vorabdruck von Band vier. Er erscheint erst in drei Monaten, aber ich denke, Jack hätte jetzt schon Freude dran."
Hotch klappte das Buch vorsichtig auf, "Du hast eine Widmung reingeschrieben," sagte er überrascht.
"Natürlich, schliesslich sollte es ein besonderes Geschenk sein." Callie stand auf, "ich muss jetzt los. Ich wollte Dich wirklich nicht stören."
"Du hast mich nicht gestört, Callie. Im Gegenteil. Und Du musst auch nicht so Hals über Kopf verschwinden, Du bist eine angenehme Gesellschafterin."
Callie war schon fast an der Tür, "sag so was nicht, Aaron, ich bin keine angenehme Gesellschafterin, für niemanden." Kayleigh´s Stimme wurde brüchig. "Leb wohl, Aaron", ehe Hotch die Chance hatte, darauf etwas zu erwidern, war sie bereits aus der Tür und die Treppe hinunter. Dieses 'Leb wohl' traf ihn mitten ins Herz.
"Sieht so aus, als hätte Hotch seinen Besuch in die Flucht geschlagen", sagte Garcia, als Callie die Treppe geradezu herunterstürmte.
"Ich glaube, sie weint", fügte Prentiss hinzu und ging Callie spontan hinterher. "Er kommt deswegen nicht schneller, wissen Sie?" Kayleigh stand am Aufzug und drückte dauernd auf den Rufknopf. "Ich bin Emily Prentiss, ich arbeite mit Hotch."
Em streckte die Hand aus. "Kayleigh Aimes" antwortete Callie und schüttelte die Angebotene.
"Hotch ist manchmal ein bisschen schwierig, sie sollten sich das nicht so zu Herzen nehmen."
Callie wischte sich die Tränen weg, "Hotch ist nicht nicht schwierig, ganz und gar nicht. Entschuldigen Sie mich bitte, Miss Prentiss." Callie stieg schnell in den Aufzug, der sich schliesslich doch entschieden hatte, zu kommen.
"Und?" fragte Garcia als Emily wiederkam, "Ihr Name ist Kayleigh Aimes und sie findet Hotch nicht schwierig."
"Dann muss sie ihn mögen", schloss Garcia messerscharf.
