Orophers Gesetz

Thranduil wischte sich mit dem Daumen Blut aus dem Augenwinkel. Die Tawarwaith(1) waren an der Flanke und sie hielten diese. Thranduil, ungekrönter König des Taur-e-Ndaedelos(2), sah zum Zentrum der Schlacht. Dort war Sauron erschienen und der junge König wusste, bald wäre ihr Schicksal entschieden, denn Sauron Waffe fuhr wie eine Sense durch die Reihen der Kämpfer.

Ein Aufschrei lenkte Thranduils Aufmerksamkeit wieder auf die Schlacht vor sich und er hob erneut sein Schwert, gab Befehle und sie hielten weiter stand.

Eine brüllende Woge schob sich über sie hinweg. Thranduil leckte die trockenen Lippen und sah auf. Dort wo Sauron gestanden hatte, breitete sich Panik aus unter den Feinden. Sollte es sein? War Sauron besiegt? Wer? Er schob sich in Richtung Zentrum, umgeben von seinen Kriegern, der klägliche Rest, denn die Waldelben hatten bitter für Orophers Stolz bezahlt.

Endlich konnte Thranduil Elrond, Círdan und Isildur entdecken, welche den Weg den Orodruin(3) hinauf suchten. Er atmete auf. Es gab nur eine logische Erklärung für ihren Ritt: sie würden den Ring vernichten in den Feuern des Berges.

Die Waldelben sammelten sich, Kranke wurden versorgt, die Toten geehrt. Sie taten es allein, denn von den übrigen Elben kam keine Hilfe trotzdem die in viel größerer Zahl waren. Nicht nur, dass sie die ihrigen Toten betrauerten, seit Orophers Weigerung sich Gil-Galad unterzuordnen, wurden die Waldelben geduldet, jedoch nicht als Gefährten angesehen. Thranduil wollte darum die Überlebenden seines Volkes so schnell es ging zurück in den Taur-e-Ndaedelos führen.

Er gestattete sich kurz ein Lächeln. Sauron war vernichtet, die dunklen Wesen Saurons würden nun überwältigt werden können und aus dem Taur-e-Ndaedelos würde wieder Eryn Galen(4) werden. Er konnte seinem Vater endlich ein würdiges Grab widmen und ihn ehren. Seine Krönung würde vollzogen und an seiner Seite seine wunderschöne Frau und sein Sohn, Míriel und Legolas.

*Thranduil.* Der Angesprochene blinzelte ob der rüden Anrede und erkannte einen der Noldo aus Imladris. Er sah sich um. Es war ungewöhnlich ruhig im Lager geworden und eine dunkle Ahnung beschlich ihn, dass die Träume, welche er gerade vor sich gesehen hatte, genau das bleiben würden: Träume.

*Unser höchster Lord Elrond will dich sehen.* Damit drehte sich der Elb um und ging ohne eine Antwort zu ermöglichen.

Thranduil wurde von zwei seiner Elben begleitet, Nuen und Ilveren. Ilveren blickte dabei wütend vor sich hin. Thranduil ignorierte dessen Blick. Er wollte zuerst wissen, was geschehen war um seine Anwesenheit vor Elrond zu befehlen. Nuen blieb plötzlich stehen und deutete in die Ferne auf Truppen und Reiter. Die Menschen zogen sich zurück. Nach Jahren gemeinsamen Kampfes verschwanden sie einfach.

Elrond war sauber gekleidet und stand … erhaben wartend. Sein Blick eher uninteressiert auf seinen derzeitigen Gesprächspartner gerichtet. Thranduil sah sich langsam um. Was stimmte hier nicht? Endlich nach einer enervierenden Dauer, richtete Elrond seine Aufmerksamkeit auf Thranduil. Der hatte seinen Blick in die Runde fast beendet als sein Blick in Richtung Mordor fiel, in Richtung Orodruin und weiter glitt sein Blick auf den Barad-dûr. Der noch immer dort stehende Barad-dûr. Ein kaltes Kribbeln lief seine Wirbelsäule hinab.

*Thranduil. Bevor du und deine Elben abziehen, erwarte ich deinen Eid auf mich als oberster Anführer aller Elben.*

Thranduil tat einen Schritt zurück und stand aufrecht vor den Noldor, allein zwei seines Volkes an seiner Seite. Von beiden war ein empörter Laut zu hören.

Elrond streckte die Hand vor und Thranduil wurde bleich. Dort am Finger Elronds war der Ring. Thranduil sah sich suchend um. Wo waren Isildur und Círdan? Er fühlte die Feindseligkeit der ihn umgebenden Elben und entgegen seinem Wunsch Elrond einiges ins Gesicht zu schleudern aber sicher keinen Eid, gedachte er seiner Tutoren und gab sich friedlich. Was ihn eine Menge Kraft kostete.

*Ich entspreche natürlich dem Wunsch, höchster Lord.* Thranduil erinnerte sich wie der Bote Elrond bezeichnet hatte. Er schluckte Galle bei diesem Schauspiel welches er gezwungen war zu liefern. In seinen Ohren rauschte sein Blut. *Ich würde dieser Zeremonie jedoch gerne ein wenig mehr … Glanz verleihen.* Er lächelte. Bei den Valar, er schaffte tatsächlich ein Lächeln. Neben sich war atemloses Schweigen, Nuen und Ilveren hatte es die Sprache verschlagen. Die beiden hatten sich eher in einem Gemenge mit den anwesenden Noldor gesehen.

Elrond lächelte nicht. Er runzelte die Stirn.

Endlich nickte er.

*Gut, ich werde Anweisungen für eine ordentliche Zeremonie geben. Morgen, wenn Anor aufgegangen ist, wird dein Eid vor den Augen und Ohren aller anwesenden Elben bindend.*

Thranduils Herz schlug nicht, es hämmerte. Es hatte funktioniert. Er verabschiedete sich mit einer tiefen Geste und zerschlug wenig später das Inventar seines provisorischen Zeltes.

Da Schreien zu auffällig für die näheren Noldor gewesen wäre, liefen ihm Tränen der Wut herab. Alles vergebens. Die Jahre in diesen von Sauron erschaffenen Einöden. Der Tod seines Vaters und vieler anderer Elben.

Und wofür? Sauron war noch immer in Mordor und würde weiter lauern.

Elrond war dem Ring verfallen.

In der Dunkelheit zeigten die Tawarwaith ihr Können und verschwanden.

Thranduil führte sie zurück in ihre Heimat und schwor keinen Eid.

Aber das Funkeln in Nuens Augen, als der den Ring an Elronds Hand sah, hatte er nicht gesehen.

Der Saal, in welchem Gericht gehalten wurde, war schön. Legolas hatte hier als junger Elb oft heimliche Stunden verbracht, dabei war der wie viele andere im Palast: Säulen, Wände, Gewölbe und sogar der Boden waren dem Wald nachempfunden. Der Wald, den die Tawarwaith verloren hatten als Heim.

Es war ein steinerner Wald. Fast meinte man, er würde jeden Augenblick als Kopie der Welt dort draußen erwachen: die Blätter würden im Wind tanzen und zwischen den Ästen sähen neugierige Augen hervor.

Doch das konnte nicht geschehen, denn nicht einmal der wahre Wald hatte solch einen Frieden in sich. Zu viel Übles schlich durch die Schatten.

Nie hätte Legolas damals im Spiel als junger Elb gedacht, einmal diesen Saal unter Anklage betreten zu müssen. Nicht weil er ein Prinz war, denn unter dem Gesetz seines Großvaters gab es keine Unterschiede zwischen einem Handwerker, Tutor oder eben einem Prinzen.

Er hatte mal in seinen Studien menschlicher Geschichte auch einen Band mit Märchen in den Händen gehalten. Geschichten welche anscheinend Kindern erzählt wurden. Wenn Menschen auch nur einen Bruchteil dessen glaubten, was darin über sein Volk oder Prinzen und Könige stand, dann würde ihn nichts überraschen, sollte er einem von ihnen über den Weg laufen.

Doch das war noch nicht geschehen. Menschen betraten Taur-e-Ndaedelos nicht und er verließ ihn nicht.

Bis jetzt.

Legolas bewegte seine Handgelenke. Er versuchte es.

*Halt still*, knurrte seine Wache zur Rechten. Legolas starrte weiter geradeaus. Er hielt jetzt still, denn er hatte erreicht was er wollte: Schmerz. Ein Gefühl das ihn ablenkte, seine Gedanken zwang nicht an das Kommende zu denken. Das Kommende … und das Vergangene.

Die Elbenseile waren fest gezurrt und schnitten in die Haut. Sie erfüllten seinen Wunsch.

Er war als erster in den Saal gebracht worden. Er war das Niedrigste und wurde vorgeführt, jeder der eintrat, konnte den Angeklagten lange begaffen.

Betroffene traten ein. Nicht mehr Familie, erinnerte sich Legolas, sie waren jetzt Fremde. Nein, er korrigierte sich, er war von jetzt an der Fremde. Der, welcher vom heutigen Tag an aus den Analen gestrichen wurde. Er hörte auf zu existieren.

Seine Richter traten ein, drei in der Zahl: einer des Kronrates, ein Krieger und ein Elb aus dem Volk. Zuletzt der König. Legolas hob sein Kinn und versuchte Blickkontakt zu nehmen. Bitte glaube mir, flehten seine Augen. Doch Thranduil sah durch ihn hindurch. Legolas sackte zusammen, er hatte so auf diese letzte Chance gehofft, denn seit der Anklage war kein Wort mehr zwischen ihnen gefallen. Legolas hatte seinen Vater ab dem Tag seiner Verhaftung nicht mehr gesehen.

*Elb, du hast gegen das Gesetz der Unzucht verstoßen. Dein Urteil wird heute vollzogen.*

Legolas sah den Richter, Ilveren, an. Er hatte in den vergangenen Wochen genug Zeit gefunden um sich vorzubereiten und er würde seinem Onkel, seinem Halbbruder und seiner Stiefmutter keinen Zoll Boden mehr überlassen als er gezwungen war.

*Nimmst du das Urteil an?*

Legolas Mundwinkel zuckten. Es wäre interessant Nein zu sagen. *Ja*, kam es stattdessen klar aus ihm heraus. Aus dem Augenwinkel erkannte er Enttäuschung in den Gesichtern seiner ehemaligen Familie. Sie hätten ihn gern am Boden gesehen. Wie gut, dass sie nicht wussten welche Kraft es ihn kostete hier aufrecht zu stehen, im Angesicht dieses Urteils.

Seines Vaters Gesicht blieb ausdruckslos … oder doch nicht? War dort ein kurzes, stolzes Aufblitzen in den Augen. Legolas blinzelte.

*Bereitet ihn vor.* Ilveren gab den Befehl an zwei Elben. Legolas erkannte mit galligem Beigeschmack in ihnen zwei Freunde seines Bruders. Natürlich würden sie keine grobe Hand an ihn legen können vor den Augen des Gerichts. Doch viel Rücksicht konnte Legolas auch nicht erwarten. Seine Anklage war für die Elben Taur-e-Ndaedelos zu abstoßend.

Seine Fesseln wurden durchtrennt und einer der Elben hielt deutlich Kleidung von sich gestreckt. *Nicht so schüchtern, du Schwein*, flüsterte der eine. Verbissen starrte Legolas ihn an, während er begann sich auszuziehen. Nichts Elbisches durfte er mitnehmen in die Verbannung. Er würde von nun an weder Namen noch Herkunft tragen.

Verbannung.

Nichts.

Krampfhaft klammerte sich Legolas an das, was er tat. Er kleidete sich an. Grobe Hose, schlichtes Hemd. Menschenhand hatte dies geschaffen. Schlechte Stiefel vollendeten, was er bei sich tragen durfte wenn er das Königreich verlassen musste.

Der zweite Elb beugte sich leicht vor. *Brauchst in Zukunft nicht mehr so viel auszuziehen, wenn du deinen Hintern dem nächsten Schwanz hin hältst.* Er grinste.

Legolas wandte den Kopf ab.

Sie befahlen ihn auf die Knie und die beiden Elben begannen sehr langsam Legolas zu scheren. Deutlich ließen sie die Haare vor ihm fallen. So sehr Legolas auch kämpfte, er konnte eine Träne nicht verhindern, dabei hatte er darum gerungen.

Endlich war es vollbracht.

*Wer wird den Ausgestoßenen an die Grenze geleiten und seine Verbannung bezeugen?*

Unruhiges Getuschel entstand. Die Elben hatten es bis jetzt kaum für möglich gehalten, dass ihr Kronprinz tatsächlich das Urteil ertragen müsse.

Ein Räuspern.

Legolas schloss die Augen. *Bitte nicht*, wisperte er.

*Ich werde es tun. Ich bin es meiner Schwester und meinem Schwager schuldig.* Legolas hob den Kopf und starrte seinen Onkel an. Fassungslos über dessen Kaltblütigkeit diese Farce bis zum Ende zu bringen.

Die Hände wieder gebunden, wurde Legolas aus dem Saal in den Vorhof gebracht. Sein Onkel würde dort sein Pferd in Empfang nehmen, ihm selbst wurde für den Weg bis zur Grenze ebenfalls eines zugebilligt.

Er versuchte die Blicke der Elben zu ignorieren. Erst als er ein bekanntes Gesicht aufblitzen sah, schaute er auf. Ein Lächeln. Bei den Valar, wann hatte ihn das letzte Mal jemand angelächelt? Ein ehrliches, aufrichtiges Lächeln? Túvo, treuer Túvo. Legolas erwiderte nur mit seinen Augen das Lächeln. Er holte Luft. Es tat gut, oh so gut.

Sein Team, das Team mit dem er jahrelang im Taur-e-Ndaedelos patrouilliert und gekämpft hatte, sie glaubten der Anklage nicht. Wie auch! Sie waren Jahrhunderte an seiner Seite gewesen und hätte er solche sexuellen Gelüste, so wären sie die ersten, die es hätten merken müssen.

Die Zügel wurden Legolas nicht gegeben. Gelmir, der ewig um seinen Onkel scharwenzelnde Sekretär, hielt sie grinsend und überreichte sie dann Legolas` Onkel. Nur stumm blickten wenige Elben ihrem ehemaligen Kronprinzen nach. Das Gesetz hatte ihn schuldig gesprochen, das Gesetz hatte ihn verbannt.

Legolas erkannte einen der einsamsten Wege zur Grenze und ihm wurde schlecht. Sein Onkel würde die Lage ausnutzen, wahrscheinlich hatte er es bis zur letzten Minute geplant und die Patrouillen so gelegt, dass sie niemandem begegnen würden.

Die erste Nacht verlief ruhig. Nuen sah seinem Neffen lächelnd beim Essen zu. Er hatte ihm die Fesseln nicht abgenommen. Er sah die aufgerissene Haut darunter und wie sich die Fesseln bei jeder Bewegung immer tiefer in das Fleisch gruben.

*Du bringst mich in den Norden.*

Nuen nickte bei Legolas Feststellung. *Schöne Gegend.*

*Und voller Noldor.*

*Denen solltest du aus dem Weg gehen, liebster Neffe.*

Legolas hatte sein Lemba aufgegessen. Sein Onkel hatte es ihm mit einer wahrhaft gönnerhaften Geste überreicht. *Die Gegend hier ist weiträumig gesäubert. Du kannst also beruhigt schlafen.* Legolas starrte Nuen an, doch als nichts weiter geschah, drehte er sich zur Seite und glitt in den Schlaf. Nuen beobachtete Legolas noch einen Augenblick. Er schloss in genießerischer Vorfreude die Augen halb. Dann gönnte auch er sich Ruhe.

TBC

(1)Tawarwaith – Waldelben

(2)Taur-e-Ndaedelos – Düsterwald (exakt: Wald der großen Furcht)

(3)Orodruin – Schicksalsberg

(4)Eryn Galen – Grünwald