Friend – Teil I

6 Monate zuvor


Ein Mensch hätte an seiner Stelle sicherlich einen Moment der Aufregung verspürt, als sich die Türen des Turbolifts öffneten und er die Brücke der Enterprise betrat.

Er allerdings konnte seine Emotionen beherrschen und so wusste er, dass er äußerlich ebenso ruhig wirkte, wie er sich fühlte, als er die Brücke betrat und förmlich, so wie es das Sternenflottenprotokoll vorsah, den Captain der Enterprise um Erlaubnis bat, an Bord kommen zu dürfen.

„Bitte an Bord kommen zu dürfen, Captain."

Er sah James T. Kirk in seinem Kapitänssessel sitzen und den Kopf in seine Richtung wenden. Und an der sich augenblicklich verändernden Körpersprache des Captains meinte er erkennen zu können, dass diesem sein Erscheinen auf der Brücke willkommen war. Eine Annahme, die auch dadurch gerechtfertigt war, dass es der Captain selbst gewesen war, der ihn in den letzten Tagen immer wieder als Ersten Offizier bei der Sternenflotte angefordert hatte. Außerdem hatte der Captain mehr als einmal versucht, ihn direkt zu erreichen und zur Akzeptierung dieses Postens zu überreden. Und so entsprach die Antwort des Captains seinen Vermutungen.

„Erlaubnis erteilt."

Er schritt weiter auf den Captain zu, der sich ebenfalls aus seinem Sessel erhob, bis sie sich in einer Distanz von 0,67 Metern gegenüberstanden.

„Da Sie noch keinen Ersten Offizier ernannt haben, möchte ich hiermit dafür meine Bewerbung einreichen. Falls gewünscht könnte ich auch Zeugnisse über meinen Charakter vorlegen."

Und auch, wenn er selbst geübt darin war, seine Gefühle zu beherrschen, war er doch auch nicht gänzlich unvertraut mit den menschlichen Emotionen und der Art und Weise, wie diese sich äußerten. Und so war er sich hinreichend sicher, in den blauen Augen des Captains Erleichterung und echte Freude erkennen zu können, als er seine Bewerbung an diesen herantrug.

„Es wäre mir eine Ehre, Commander."

Er interpretierte die Antwort des Captains als Annahme seiner Bewerbung und quittierte diese mit einer leichten Neigung seines Kopfes nach rechts, nur um ohne weiteres Zögern den Weg zu seiner Station einzuschlagen. Ein kurzer Blick in die Runde zeigte ihm die lächelnden Gesichter der Offiziere Sulu und Chekov. Nyotas Lächelns folgte ihm bis zu seiner Station.

Lediglich das Gesicht Dr. McCoys blieb unbewegt. Er vermutete, dass ihm der frisch ernannte CMO der Enterprise noch immer nicht verziehen hatte, dass er den Captain während der Narada-Mission auf Delta Vega ausgesetzt hatte. Die Menschen bezeichneten ein solches Verhalten wohl als ‚nachtragend'. Unlogisch, da seine damalige Entscheidung den Captain und nicht den CMO betroffen hatte und dieser nun nachtragender wirkte als der Captain selbst. Trotzdem überraschte ihn die offensichtliche Ablehnung Dr. McCoys, dessen Verhalten er selbst für menschliche Verhältnisse in den meisten Fällen als höchst unlogisch einstufte, keineswegs. Er würde nur darauf achten müssen, dass die Ablehnung des CMO nicht dessen Entscheidungen beeinflusste, sollte er einmal auf dessen ärztliches Können angewiesen sein, wofür eine Wahrscheinlichkeit von 99,98% sprach. Allerdings hielt er den CMO in dieser Hinsicht für integer genug, seinen ärztlichen Eid vor unlogisch-menschliche Animositäten zu stellen.

„Manövriertriebwerke, Mr. Sulu."

Die Stimme des Captains füllte die Brücke, wie sie es bereits während des Narada-Zwischenfalls getan hatte und einen kurzen Moment lang verspürte er einen irrationalen Anflug von Zufriedenheit, bevor er diese Emotion unterdrückte.

„Die Triebwerke sind bereit."

„Bringen Sie uns raus."

„Aye, aye, Captain!"

Er vernahm, wie Sulu den Antrieb der Enterprise aktivierte, spürte den kaum merklichen Ruck, der dabei durch das Schiff ging. Nur 12,68 Sekunden später hatte das Flagschiff der Sternenflotte auf dem Weg zu seiner nächsten Mission den Raumhafen und nur weitere 9,43 Sekunden später den Orbit der Erde verlassen.

„Maximum Warp, Mr. Sulu."

„Aye, Captain."

Er konnte spüren, wie das Schiff beschleunigte. Ein Blick über seine Schulter auf den großen Schirm bestätigte ihm diesen Eindruck auch visuell. Sein Blick glitt kurz weiter zum Kapitänssessel, auf dem der Captain inzwischen wieder Platz genommen hatte und mit vor Zufriedenheit blitzenden Augen und einem breiten Lächeln ebenfalls auf den großen Schirm starrte. Kurz erinnerte er sich an das Gespräch mit seinem älteren Ich im Hangar des Sternenflottenstützpunktes und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass der andere Spock womöglich recht gehabt hatte, als er meinte, dass sein Platz hier auf der Enterprise sei und er die Möglichkeiten, die sich ihm hier eröffnen würden, nutzen sollte.

Einen winzigen Moment länger noch verweilte er bei dem Anblick des strahlenden Captain Kirk.

Dann aber wandte er sich wieder um und richtete für die nächsten 7,89 Stunden seine ganze Aufmerksamkeit auf seine wissenschaftlichen Instrumente.


Eine Mischung aus Ungläubigkeit, Staunen, Euphorie und Stolz gab ihm beinahe das Gefühl zu fliegen, als er die Gänge der Enterprise entlang ging.

Sein Schiff.

Ein Adrenalinkick, der besser war als Motorradfahren, besser, als sich eine Klippe hinunter zu stürzen, sogar besser als Sex.

Immer wieder begegnete er Mitgliedern seiner neuen Crew, die ihn respektvoll grüßten und die er mit einem Lächeln und einer nachlässigen Geste zurückgrüßte.

Er hatte das Gefühl, vor Zufriedenheit und Selbstvertrauen platzen zu können.

James Tiberius Kirk.

Der jüngste Sternenflotten-Kapitän aller Zeiten.

Captain des Sternenflotten-Flagschiffs.

Vier Jahre? Ich schaffe es in drei.'

Seine eigenen Worte an Admiral Pike waren ihm noch genauso präsent, als wäre keine Zeit seit damals vergangen. Und hatte er seine eigene Vorhersage nicht sogar noch übertroffen? Sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, darin, im richtigen Moment genau die richtigen Entscheidungen treffen zu können und im richtigen Moment zu wissen, auf wen er sich verlassen konnte in Verbindung mit der richtigen Gelegenheit, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, hatten ihn soweit gebracht.

Und jetzt war er hier – auf der Enterprise.

Als Captain.

Und sicherlich mit der besten Crew, die sich ein Captain nur wünschen konnte.

Jedes einzelne Mitglied seiner Crew war auf seinem Gebiet außergewöhnlich. Uhura, Sulu, Chekov, Scotty – die brillantesten Köpfe der Akademie und darüber hinaus seit ihrer gemeinsamen Mission gegen Nero seine Freunde, denen er jederzeit sein Leben anvertrauen würde. Und natürlich Pille, sein bester Freund, der ihn – auch wenn er ihn und seine Hyposprays mehr als einmal bereits verflucht hatte – besser als jeder andere kannte und in dessen medizinischen Fähigkeiten er vollstes Vertrauen hatte. Und er kannte sich gut genug, um realistisch einschätzen zu können, dass er diese Fähigkeiten in den nächsten Jahren mehr als einmal brauchen würde.

Aber der beste Moment des Tages war tatsächlich der gewesen, als sich kurz vor ihrem Start der Turbolift geöffnet und Spock die Brücke betreten hatte. Er war sich nicht sicher gewesen, dass Spock kommen würde. Auch, wenn er ihn immer und immer wieder bei Admiral Pike angefordert hatte, nachdem ihm bekannt gegeben worden war, dass er die Enterprise befehligen würde. Aber Pike hatte ihm jedesmal gesagt, dass er die Entscheidung, ob Spock als Erster Offizier und Wissenschaftsoffizier unter seinem Kommando auf der Enterprise würde dienen wollen oder angesichts der Zerstörung Vulkans lieber beim Aufbau einer neuen vulkanischen Kolonie helfen wollte, Spock selbst überlassen würde. Also hatte er angefangen, Spock direkt mit Nachrichten zu bombardieren, hatte höflich gebeten, versucht seinen Charme spielen zu lassen, befohlen und am Ende sogar ein wenig gebettelt – und hatte nie eine Antwort des Halbvulkaniers erhalten. Eine Tatsache, die Pille jedesmal auf die Palme gebracht hatte. ‚Grünblütiger Bastard' und ‚spitzohriger Kobold' war da noch das Netteste gewesen, was Pille zu Spock eingefallen war. Und mehr als einmal hatte Pille ihn dazu überreden wollen, einen anderen Ersten Offizier zu ernennen, anstatt auf Spock zu warten. Aber er war stur geblieben und hatte die Stelle seines Ersten Offiziers bis zur letzten Sekunde unbesetzt gehalten.

Und dann – hatten sich die Türen des Turbolifts buchstäblich im letzten Moment doch noch geöffnet und Spock – war einfach da gewesen. Und er hatte kein Problem damit sich selbst gegenüber zuzugeben, dass er erleichtert darüber gewesen war. Denn im Grunde – hätte er in dieser Sache keinen Plan B gehabt.

Da Sie noch keinen Ersten Offizier ernannt haben, möchte ich hiermit dafür meine Bewerbung einreichen. Falls gewünscht könnte ich auch Zeugnisse über meinen Charakter vorlegen.'

Konnte man da nicht sogar einen Hauch Humor heraushören? Er war sich noch nicht sicher, hatte sich aber fest vorgenommen herauszufinden, ob Spock tatsächlich so etwas besaß – Humor. Immerhin hatten sie ja nun Zeit, sich besser kennen zu lernen – da würde sich sicherlich die Gelegenheit ergeben, genau das herauszufinden.

Zugegeben, er und Spock hatten nicht gerade einen Traumstart miteinander gehabt.

Erst der Kobayashi Maru-Zwischenfall.

Dann der Delta Vega-Zwischenfall.

Und dann der Zwischenfall auf der Brücke, als Spock ihn beinahe zu Tode gewürgt hatte.

Er hatte noch immer ein schlechtes Gewissen wenn er daran dachte, was er Spock in diesem Moment alles an den Kopf geworfen hatte und hatte fest vor, sich bei nächster Gelegenheit zu entschuldigen. Auch wenn es notwendig gewesen war und er schon immer gut darin gewesen war, das Notwendige zu tun. Aber auch, wenn er die Notwendigkeit hatte einsehen können – es war nicht fair gewesen auf jemanden verbal einzuprügeln, der gerade seinen Heimatplaneten, den Großteil seines Volkes und seine Mutter verloren hatte, um diesem eine emotionale Reaktion zu entlocken.

Aber wie hieß es so schön – der Zweck heiligt die Mittel?

Wahrscheinlich konnte er von Glück reden, dass Spock zu Hälfte Vulkanier war und genau das mit seinem logischen Verstand eingesehen zu haben schien. Denn Spock schien offensichtlich nicht nachtragend zu sein.

Was auch gut so war – denn sonst hätte die Erde am Ende vielleicht Vulkans Schicksal doch noch geteilt.

Auch wenn es ihm ab und an Spaß machte, so zu tun – er war kein Idiot. Er wusste ganz genau, dass er es ohne Spock nicht geschafft hätte, Nero aufzuhalten. Er hätte es ohne Spock auch nicht geschafft Pike zu befreien. Und er hätte es auch nicht geschafft, die Narada zu zerstören. Und was ihn immer noch ungläubig aber nichts desto trotz mit einem breiten Grinsen den Kopf schütteln ließ, war die Art und Weise, wie diese Zusammenarbeit schließlich doch noch funktioniert hatte, nachdem sie beschlossen hatten, gemeinsam am selben Strang zu ziehen. Dass er vom ersten Moment an gewusst hatte – trotz ihres schlechten Starts – dass er sich zu 1000% auf Spock verlassen konnte. Dass er ihm vertrauen konnte. Sie hatten reibungslos zusammen funktioniert wie ein von Scotty gebauter Warpantrieb.

Auf der Narada.

Während des nachfolgenden Gefechts.

Und er hätte es niemandem gegenüber jemals zugegeben – aber Spocks Nicken, Spocks Zustimmung im Moment ihres Sieges hatte ihm mehr bedeutet als der Orden, der ihm ein paar Tage später verliehen worden war.

Er wusste einfach, dass das hier mit ihm und Spock tatsächlich etwas Großes, Einzigartiges werden konnte. Dass sie ein perfektes Team werden konnten. Und dass sie beide zusammen Dinge würden vollbringen können, an denen andere scheiterten. Er hatte dieses Bauchgefühl. Und er hatte gelernt, diesem Bauchgefühl zu vertrauen.

Und trotzdem war da noch etwas anderes.

Seit seiner Begegnung mit Spocks älterem Ich auf Delta Vega und der Gedankenverschmelzung, die der ältere Spock mit ihm initiiert hatte, konnte er den Gedanken an die Freundschaft, die der ältere Spock mit dem anderen Jim Kirk erlebt hatte, nicht mehr vollständig abschütteln. Die Erinnerungen an diese Freundschaft hatten sich lebhaft in seine Erinnerung gebrannt, obwohl es nicht seine waren.

Und er hatte es durch diese Verbindung gespürt.

Die Zuneigung des älteren Spock gegenüber dem anderen James Kirk.

Den Respekt.

Dieses aufrichtige Vertrauen und das Wissen, sich in jeder Situation blind auf den anderen verlassen zu können.

Ein ganzes Leben, das durch diese Freundschaft geprägt worden war wie durch keine andere Erfahrung.

Und genau das – wollte er für sich und ‚seinen' Spock auch.

Und der gemeinsame Kampf gegen Nero hatte ihm gezeigt, dass es möglich war.

Und wieder war es sein Bauchgefühl, das ihm jenseits jeden Zweifels die Sicherheit gab, dass es den Versuch und die Anstrengung wert sein würde – diese Freundschaft mit ‚seinem' Spock zu suchen, die der ältere Spock mit dem anderen Jim Kirk erlebt hatte.

Seine Schritte hatten ihn, ohne dass er das bewusst gesteuert hätte, direkt zu den Offiziersquartieren geführt. Und direkt vor Spocks Quartier, das direkt neben seinem eigenen lag, hielt er schließlich an.

Einen kurzen Moment lang zögerte er.

Doch dann zuckte er mit den Schultern.

Denn wenn er schon einmal hier war, konnte er die Gelegenheit auch gleich nutzen, um seinen Plan ‚Freunde-dich-mit-Spock-an' gleich einmal in die Tat umzusetzen. Und so betätigte er mit der rechten Hand den Türbuzzer. Und musste nicht lange warten, bis sich die Tür öffnete, um ihm Zutritt zu gewähren.

Sofort sah er Spock in der Mitte des Raumes stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, während er einen Schritt nach vorne in den Raum hinein machte. Nur einen Moment später schloss sich in seinem Rücken die Tür.

Wenn Spock überrascht war ihn zu sehen, ließ er es sich zumindest – ganz Halbvulkanier, der er war – nicht anmerken.

„Guten Abend, Captain."

Unwillkürlich schüttelte er den Kopf.

„Jim."

Eine erhobene Augenbraue war Spocks einzige Antwort und innerlich seufzte er auf.

„Kommen Sie schon, Spock. Wir sind nicht im Dienst. Diese Förmlichkeiten sind wirklich nicht nötig."

„Sir, die ‚Förmlichkeiten', wie Sie sie zu nennen belieben, dienen der Aufrechterhaltung der Distanz und damit des Respekts in einer hierarchisch aufgebauten Befehlskette und…"

„Auf der Narada waren Sie auch nicht so förmlich."

Wenn es Spock gestört hatte, dass er ihn unterbrochen hatte, konnte er auch dies perfekt verbergen. Stattdessen schien sich Spock noch ein wenig gerader zu halten, falls dies überhaupt noch möglich war.

„Mein damaliger Bruch mit den Regularien erfolgte in einer Situation, in der ich emotional kompromittiert war. Seien Sie versichert, dass dies nicht länger der Fall ist. Sie sind Captain dieses Schiffes und verdienen jeden Ihnen gebührenden Respekt."

Dieses Mal drang das Seufzen nach außen. War es tatsächlich erst knapp zwei Wochen her, dass er mit Spock an seiner Seite die Erde gerettet hatte? Und hatte er nicht gemeint, da bereits den Beginn einer gewissen Vertrautheit gespürt zu haben? Hatte er sich so sehr geirrt?

„Spock – was ist Ihre Aufgabe als Erster Offizier?"

Einen winzigen Moment lang zögerte Spock mit der Antwort und hätte er es nicht besser gewusst, hätte er vermutet, dass Spock durch seine Frage überrascht war. Aber dann antwortete Spock wie er es vermutet hatte – umfänglich und mit diesem lehrerhaften Unterton, mit dem er das erste Mal während seiner Anhörung wegen des Kobayashi Maru Programms konfrontiert worden war.

„Die Aufgabe eines Ersten Offiziers ist es, den Kapitän eines Sternenflottenschiffs in jeder erdenklichen Weise zu unterstützen. Er hat ihm mit Rat zur Seite zu stehen, sollte der Kapitän dies wünschen und diesen ebenso auf mögliche Fehler aufmerksam machen. Der Erste Offizier ist für das Wohlergehen des Kapitäns verantwortlich und hat diesen vor Gefahren jeglicher Art zu schützen. Auf gefährlichen Missionen …"

„Das reicht bereits, danke, Spock."

Dieses Mal war er sich fast sicher, dass Spock zumindest einen Hauch von Irritation zeigte, als er ihn zum zweiten Mal unterbrach, auch wenn er nicht wusste, woher er diese Sicherheit nahm, denn dem stoischen Gesicht des Halbvulkaniers war nichts anzumerken. Vermutlich war es der Ausdruck in Spocks Augen.

„Sie sagen also, der Erste Offizier ist für das Wohlergehen des Captains verantwortlich."

„Das ist korrekt, Sir."

Er trat einen Schritt näher auf den Halbvulkanier zu.

„Dann hören Sie mir jetzt gut zu, Spock. Denn ich fühle mich ganz und gar nicht wohl dabei, wenn Sie mich außerhalb der Dienstzeiten ‚Captain' oder ‚Sir' nennen. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich dabei sogar äußerst unwohl. Also kommen Sie Ihren Pflichten als Erster Offizier nach und sorgen Sie dafür, dass ich mich wohl fühle, indem Sie mich Jim nennen."

„Captain, ich glaube nicht, dass Ihre Interpretation…"

„Verdammt Spock – haben Sie vergessen, was wir in den letzten zwei Wochen miteinander erlebt und durchgemacht haben? Trotz unserer Startschwierigkeiten miteinander haben wir uns zusammengerauft, Nero besiegt und die Erde gerettet. Ich hatte den Eindruck, dass uns das irgendwie verbinden sollte. Also kommen Sie mir hier nicht mit irgendwelchen Interpretationen von Sternenflottenvorschriften."

Er ignorierte die Tatsache, dass er diese Vorschriften selbst zur Sprache gebracht hatte, ebenso wie Spocks Versuch, ihm sicherlich genau dies entgegen zu halten und fuhr stattdessen fort, indem er eine Hand hob und den Halbvulkanier vor ihm auf diese Weise zum Schweigen brachte.

„Alles, worum ich Sie bitte ist, dass Sie mich Jim nennen – zumindest in der Zeit, in der wir nicht im Dienst sind. Und es ist eine Bitte, Spock, kein Befehl. Aber ... es würde mir viel bedeuten."

Er konnte nur hoffen, dass Spock die Unsicherheit in seiner Stimme am Ende seiner kleinen Rede entgangen war. Immerhin war er James T. Kirk. Und James T. Kirk war nicht unsicher oder nervös. Nie und unter keinen Umständen. Und doch schaffte es dieser verdammte Halbvulkanier, ihn auf eine Art und Weise zu verunsichern, wie es bisher noch niemand geschafft hatte. Und er verstand nicht wieso.

Unwillkürlich streckte er seinen Rücken ein wenig gerader durch, während sein Blick auf der hochgewachsenen, schlanken Gestalt seines dunkelhaarigen Ersten Offiziers ruhte, die nur eine kurze Distanz von ihm entfernt stand, noch immer gerade aufgerichtet, noch immer die Hände auf dem Rücken verschränkt – und schwieg.

Und es war dieses Schweigen, das ihn nervös machte.

Dieses Warten auf eine Antwort, auf eine Reaktion.

Und dieser dumpfe Gedanke, dass es ihm nicht egal war, wie diese Reaktion ausfallen würde.

Unwillkürlich sah er sich an eine andere Situation erinnert – an Spock, dessen Blick er nach der Zerstörung der Narada und der Rettung der Enterprise gesucht und der ihm kurz anerkennend zugenickt hatte. Er erinnerte sich an das Gefühl des Triumphes, das dieses Nicken in ihm ausgelöst hatte und das anders war als die Erleichterung nur wenige Momente zuvor, als er begriffen hatte, dass es vorbei war – und sie gewonnen hatten. Diese anerkennende Geste Spocks war ihm wichtig gewesen. Genauso, wie es ihm jetzt wichtig war, dass Spock ihn beim Vornamen nannte. Weil Spocks Meinung für ihn zählte. Und diese Erkenntnis – traf ihn ein wenig überraschend. Denn bisher hatte er immer viel auf seine Unabhängigkeit gegeben. Er hatte stets das getan, was er für richtig gehalten hatte, meist ohne sich um die Konsequenzen zu scheren und stets ohne auch nur einen Penny dafür zu geben, was andere dachten. Nicht einmal Pille hatte es in den letzten drei Jahren geschafft, einen ausreichend großen Einfluss auf ihn auszuüben, um an dieser Einstellung viel zu ändern. Er wusste, dass Pille zu ihm stehen würde, egal was er tat. Wie Spock es innerhalb weniger Tage geschafft hatte, dieses Selbstverständnis auf den Kopf zu stellen, wusste er nicht. Und trotzdem wusste er jenseits jeden Zweifels, dass es so war – Spocks Meinung zählte.

Und deshalb stand er jetzt hier, die Augen immer noch auf Spocks dunkelbraune Gegenstücke fixiert, und wartete. Wartete darauf, dass Spock auf seine Bitte, ihn beim Vornamen zu nennen, reagierte. Und schließlich – neigte Spock den Kopf in einer kaum merklichen Geste leicht nach rechts.

„Wie Sie wünschen – Jim."

Er spürte, wie er ein wenig zusammensackte, als die Spannung, die er unbewusst aufgebaut haben musste, seinen Körper verließ.

Und dann – konnte er nicht anders als vor Erleichterung und Freude breit zu grinsen. Und aus dieser fröhlich-erleichterten Laune heraus überbrückte er die letzte Distanz zu Spock und schlug diesem freundschaftlich gegen den Oberarm, wie er es bereits getan hatte, als Spock ihm seine Zusammenarbeit gegen Nero angeboten hatte.

Und ohne weiter auf Spocks Reaktion zu achten, nutzte er diesen Moment, sich das erste Mal in Spocks Quartier umzusehen. Und das erste Mal nahm er auch wirklich bewusst die Temperatur wahr, die deutlich über dem schiffsüblichen Durchschnitt liegen musste. Weniger überraschend war, dass Spocks Quartier nur wenig persönliche Dinge zu enthalten schien. In einer Ecke sah er einige Kerzen stehen und vermutete, dass Spock diese zur Meditation benötigte. Neben diesen Kerzen konnte er nur die Fotografie einer – definitiv menschlichen – Frau mit dunklen, warmen Augen und braunem Haar als einzige persönliche Note seines Ersten Offiziers entdecken. Er vermutete, dass die Frau auf dem Foto Spocks Mutter war, schluckte die entsprechende Frage aber hinunter. Möglicherweise war er nicht der Meister des Taktgefühls – aber in diesem Fall sah selbst er ein, dass seine Neugier hier fehl am Platz war.

Stattdessen versuchte er das Gespräch, das während seiner Inspektion von Spocks Quartier verstummt war, in eine andere Richtung zu lenken.

„Warum haben Sie kein Quartier zusammen mit Lieutenant Uhura bezogen, Spock?"

Er hatte sich während seiner Frage wieder zu Spock ungewandt, der, wie er leicht amüsiert feststellte, noch immer an exakt derselben Stelle stand wie zuvor und ihn zu beobachten schien. In der exakt selben Haltung – gerade aufgerichtet, Hände auf dem Rücken verschränkt. Erst auf seine Frage hin kam ein wenig Leben in den Halbvulkanier. Dass Spocks rechte Augenbraue bei seiner – ebenfalls nicht unbedingt taktvollen Frage – wieder die Flucht nach oben angetreten hatte, überraschte ihn schon gar nicht mehr.

„Ich bevorzuge meine Privatsphäre."

Einen Moment lang starrte er Spock an. Dann schüttelte er ungläubig den Kopf und lehnte sich ein wenig nach vorne, die Augen unverwandt auf den Halbvulkanier gerichtet.

„Warten Sie, Spock. Sie sind mit der attraktivsten Frau der gesamten Sternenflotte zusammen – eine Tatsache, um die sie so ziemlich jeder Mann hier auf dem Schiff beneidet – und Sie teilen sich kein Quartier mit ihr, weil Sie Ihre Privatsphäre brauchen? Wo steckt da die Logik?"

Spocks Gesicht war nicht die geringste Regung anzusehen, als er erwiderte:

„Ich würde es bevorzugen, Jim, meine Beziehung zu Lieutenant Uhura nicht mit Ihnen zu diskutieren."

Innerlich verfluchte er sich nicht zum ersten Mal in seinem Leben für seine große, vorschnelle Klappe. Immerhin wusste er doch, dass Vulkanier im Allgemeinen nicht sehr mitteilungsbedürftig waren, was ihr Privatleben anging. Und dass Spock darin keine Ausnahme darstellte, insbesondere wenn es um Uhura ging, hatte ihm Spock doch bereits schon einmal deutlich gemacht – kurz bevor sie auf die Narada gebeamt waren. Und so hob er abwehrend beide Hände.

„Schon gut, Spock, ich habe verstanden. Tut mir leid, wenn ich Sie gekränkt habe."

„Gekränkt zu sein ist eine menschliche Emotion. Seien Sie versichert, dass ich nicht gekränkt bin."

Er konnte nicht anders als Spock anzugrinsen und nahm die Hände wieder nach unten.

„Dann ist es ja gut."

Einen winzigen Moment lang war es still, bis es diesmal Spock war, der diese Stille unterbrach.

„Gibt es einen bestimmten Grund, warum Sie mich in meinem Quartier aufgesucht haben, Jim?"

Er konnte nicht verhindern, dass seine Laune jedesmal, wenn Spock ihn tatsächlich bei seinem Vornamen nannte, noch ein wenig mehr Auftrieb bekam. Und so erlaubte er seinem Grinsen ein wenig ins Kumpelhafte abzudriften, als er erwiderte:

„Eigentlich bin ich nur so durch die Gänge gewandert und habe mich plötzlich vor Ihrer Tür wiedergefunden. Und da dachte ich – hey, wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch kurz vorbeischauen und meinen frisch gebackenen Ersten Offizier willkommen heißen. Und vielleicht ergibt sich sogar eine Möglichkeit ihm zu sagen, dass ich wirklich froh bin, dass er sich dazu entschlossen hat, sich meiner Crew anzuschließen."

Wieder die erhobene Augenbraue.

„Ich verstehe."

„Und jetzt, wo ich hier war und alles gesagt habe, was ich sagen wollte – werde ich Sie wohl besser wieder alleine lassen. Sicher müssen Sie noch … meditieren oder was auch immer."

Die Augenbraue hob sich noch ein wenig höher, doch ansonsten blieb der Halbvulkanier diesmal stumm.

Sein Grinsen vertiefte sich und zufrieden mit sich und dem Gang der letzten Minuten ging er zu der Tür, um Spocks Quartier wieder zu verlassen. Doch bevor er den Türöffner betätigte, drehte er sich doch noch einmal um, das Lächeln beinahe vollständig einem ernsteren Gesichtsausdruck gewichen.

„Ich bin wirklich froh, dass Sie hier sind, Spock. Und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen."

Und wieder hatte er den Eindruck, als hätten seine Worte Spock überrascht. Doch bevor er diesem Gedanken weiter hätte nachhängen können, sah er, wie Spocks Augenbraue zurück an ihren Platz rutschte und dieser stattdessen den Kopf in einer zustimmenden Geste neigte, die ihm erneut ein Gefühl des Triumphes durch die Adern jagte.

„Auch ich muss zugeben, dass es keine schwierige Entscheidung war, den Posten als Erster Offizier am Bord der Enterprise anzunehmen."

Und ihm – klappte buchstäblich der Unterkiefer nach unten, bevor er seine Sprache wieder fand.

„Dafür haben Sie aber verdammt lange gezögert, mir Ihre Entscheidung mitzuteilen."

Und in diesem Moment – hätte er schwören können, dass er zumindest für den Bruchteil einer Sekunde ein amüsiertes Glitzern in den dunklen Augen des Halbvulkaniers wahrgenommen hatte.

„Ich dachte, es wäre sicherlich eine lohnende Erfahrung für Sie, sich ein wenig in Geduld üben zu müssen."

Er konnte nicht anders als Spock anzustarren.

Und dann – musste er lachen.

„Ich muss schon sagen, Spock – für einen ach so beherrschten Vulkanier haben Sie es ganz schön faustdick hinter den Ohren. Ich werde mich vor Ihnen in acht nehmen müssen."

Und mit diesen Worten drehte er sich gutgelaunt endgültig zur Tür um und betätigte den Türöffner, nur um wenige Augenblicke später durch die geöffnete Tür auf den Gang hinaus zu treten. Noch immer leise lachend und ungläubig den Kopf schüttelnd hörte er, wie die Tür sich hinter ihm wieder schloss.

Doch als er sich gerade auf den Weg zu seinem eigenen Quartier machen wollte, kam ihm plötzlich noch eine Idee, die ihn mitten in der Bewegung wieder innehalten ließ. Schnell drehte er sich noch einmal um und betätigte, ohne weiter darüber nachzudenken, erneut den Türbuzzer.

Nur wenige Momente später öffnete sich die Tür von Neuem.

„Haben Sie etwas vergessen, Jim?"

Mit verschränkten Armen lehnte er sich, noch immer leicht grinsend, in den Türrahmen.

„Im Gegenteil, Spock. Ich hatte eine Idee."

Wieder die Augenbraue. Aber dieses Mal bildete er sich ein, ein wenig Neugier hinter der Bewegung erkennen zu können.

„Da Sie erneut den Weg in mein Quartier gefunden haben, gehe ich davon aus, dass Sie mich über diese Idee in Kenntnis setzen möchten. Ist diese Annahme korrekt?"

Wieder konnte er nicht verhindern, dass sich sein Grinsen vertiefte.

„Diese Annahme ist korrekt, Spock."

Der Halbvulkanier blieb stumm, wartete offensichtlich darauf, dass er fortfuhr.

„Naja, ich dachte mir, dass man als Captain und Erster Offizier sicherlich jede Menge zu besprechen hat. Sie wissen schon – das ganze offizielle Zeug und so. Probleme an Bord, Planungen von Missionen, organisatorische Fragen, das ganze trockene Blabla eben."

Wieder die erhobene Augenbraue. Und wieder meinte er, eine leicht amüsierte Note in der Bewegung ausmachen zu können.

„Ich vermute, Sie liegen richtig mit dem, wie Sie es auszudrücken belieben, ‚ganzen trockenen Blabla'."

Er ließ sich von Spocks Einwurf nicht beirren.

„Eben. Und da dachte ich – warum dieses trockene Blabla nicht so angenehm wie möglich gestalten? Wir könnten uns abends nach Schichtende in meinem Quartier oder Ihrem Quartier oder von mir aus auch in der Offiziersmesse zusammen setzen, einen – was trinken Vulkanier eigentlich? – Tee? – also einen Tee trinken und das ganze in entspannter Atmosphäre diskutieren und besprechen. Was halten Sie davon?"

Einen Augenblick blieb es still, während Spock sich seinen Vorschlag offensichtlich durch den Kopf gehen ließ. Und wieder stellte er irritiert einen Hauch derselben Anspannung bei sich fest wie zuvor, als er auf Spocks Reaktion auf seine Bitte, ihn beim Vornamen zu nennen, gewartet hatte. Er musste unbedingt dahinter kommen, warum dieser Halbvulkanier es schaffte, ihn so nervös zu machen.

„Ich denke Ihr Vorschlag ist … akzeptabel, Jim."

Und wieder – atmete er buchstäblich ein wenig auf. Denn mit ‚akzeptabel' konnte er leben.

„Gut, dann sind wir uns ja einig."

Dieses Mal verzichtete er darauf, Spock wieder freundschaftlich gegen den Oberarm zu schlagen, insbesondere weil er dafür erneut in dessen Quartier hätte hineingehen müssen, was ihm zum jetzigen Zeitpunkt etwas übertrieben vorgekommen wäre. Und so grinste er Spock lediglich noch einmal an.

„Gute Nacht, Spock."

Wieder das leichte Neigen des Kopfes.

„Gute Nacht, Jim."

Und dann – trat er wieder einen Schritt zurück, hinaus auf den Gang. Nur einen Moment später hatte sich die Tür endgültig erneut zwischen ihn und Spock geschoben. Einen winzigen Moment lang betrachtete er noch die verschlossene Tür, dann drehte er sich schwungvoll um und ging, zufrieden mit sich und dem Rest der Welt, die wenigen Meter zu seinem eigenen Quartier.

Und erst, als er den Eingangscode für sein Quartier eingab merkte er, dass er irgendwann angefangen haben musste, Row row row your boat zu pfeifen.