Wo Wut Respekt und Achtung frisst

Kíli krallte sich mit klammen Fingern in die raue Rinde einer Eiche. Mühevoll hielt er sich auf den Beinen, als er erneut würgte und sich übergab. Ein Zittern schüttelte seinen Körper und er spürte Fílis mit Genugtuung getränkten Blick auf seinem Rücken lasten.

„Vielleicht solltest du beim nächsten Mal doch besser auf mich hören", vernahm er die Stimme seines Bruders von der Straße her. „Ich mag zwar kein Jahrhundert älter sein und doch weiß ich ab und an das ein oder andere besser, Bruder. Gehorsam ist nicht immer Unterwerfung, bisweilen ist es der Ausdruck reiner Vernunft." Fíli saß auf dem Rücken seines Ponys und beobachtete Kíli von der großen Oststraße aus, die sich im Norden am Alten Wald vorüber schlich und sie bis zu den Grauen Anfurten führen sollte. Sein Blick richtet sich kurz zum Himmel. Es war schon weit nach Mittag, wie Fíli schätzte, wenngleich die dunklen Gewitterwolken den Blick auf die Sonne seit einer ganzen Weile verdeckten. Lange würde das Wetter nicht mehr halten.

„Wir sollten ihnen entgegenreiten", sagte er und wandte sich wieder dem Waldrand zu, wo Kíli sich noch immer mit gebeugtem Kreuz an einen Baum lehnte und sein Innerstes nach außen kehrte. Keiner von ihnen hatte in dieser Nacht tatsächlich Schlaf gefunden und Kíli konnte sich nur schwer entsinnen, wann er sich das letzte Mal so elend gefühlt hatte. Ein unaufhörliches Pochen schlug von innen gegen seinen Schädel und sämtliche Glieder schmerzten. Die Übelkeit tat ihr übriges. Seine Finger bebten, als er sich mit dem Handrücken über die spröden Lippen fuhr und sich aufrichtete. Tief sog er die kalte, nasse Waldluft in seine Lungen. Sein Körper schrie mit jeder Faser nach einem warmen Bett und einer Mütze voll Schlaf, doch beides würde nicht allzu bald auf ihn warten. Er rieb sich mit der Linken den steifen Nacken und hörte den Wind in kräftigen Böen an den Kronen der Bäume zerren. Fíli hatte Recht, es wartete ein Unwetter auf sie, was ihrer Reise kaum zuträglich sein würde. Sie hatten gehofft noch vor Anbruch der Nacht den halben Weg bis Wasserau zurückgelegt zu haben, doch wenn sie nicht bald aufbrachen, würde sie es kaum bis Weißfurchen schaffen. Mit etwas Pech würden sie sich in dieser Nacht auf dem kargen, feuchten Waldboden betten. Keine Aussicht, die Kílis Stimmung sonderlich hob. Er atmete noch einmal tief durch und ging dann auf wankenden Beinen zu seinem Bruder.

„Gut", sagte er und stieg auf sein Pony, „reiten wir ihnen entgegen." Er zog seinen Mantel zurecht und wollte sein Pony wenden, um zu Nori und Ori aufzuschließen. Ihre Gefährten saßen etwas weiter östlich auf ihren Tieren und beobachteten die Straße. Doch Fíli machte keine Anstalten ihm zu folgen.

„Was ist?" fragte Kíli und zügelte sein Pony. Sein Bruder starrte ihn nachdenklich an. „Ich war dir ein schlechter Ratgeber Kíli. Ich hätte deine Angst nicht schüren dürfen, sondern dir die Hoffnung bewahren sollen, dass sich das Blatt des Schicksals für dich zum Guten wenden würde, auch wenn es das für mich nicht getan hat. Es hat noch keinen Zwerg umgebracht zu hoffen, auch wenn er am Ende enttäuscht wurde."

Kíli gab einen zustimmenden Laut von sich und kniff die Augen zusammen. „Es ist nicht deine Schuld", erwiderte er und sah auf seine Handschuhe hinab. Seit ihrem Aufbruch aus den Ered Luin hatte er versucht mit Fíli darüber zu sprechen, doch immer wenn er geglaubt hatte, einem rechten Moment begegnet zu sein, verließ ihn der Mut. Die Worte, die so sehr danach verlangten über seine Lippen zu kommen, zerfielen auf seiner Zunge zu Staub und was ihm eben noch wahr und richtig erschien, schmeckte plötzlich schal und falsch. Ein müdes Grinsen huschte über seine Züge, als er weitersprach: „Kein Mann auf dieser Welt hat die Strafe verdient, die du dein Weib nennst. Glaubst du, ich wüsste nicht, wie schnell eine Ahnung trügen kann? Ich habe versucht mein Herz frei zu halten von den Vorurteilen und Ängsten, die meinen Geist bestürmten, seid Thorin mir seine Entscheidung mitgeteilt hat, doch mein Zorn auf ihn ist so groß, dass ich nichts Gutes hinter diesem Bündnis zu hoffen wage." Seine dunklen Augen glühten vor Zorn und in seiner erregten Stimme schwang leise und doch deutlich der Unterton einer bitteren Enttäuschung mit.

„Nun", begann Fíli, „man sagt, sie sei der schönste Juwel im Schatz Dergerians und-"

„Es ist vollkommen egal, was sie ist und wer sie ist!" Lautstark schnitt Kíli seinem Bruder das Wort ab. „Es schert mich nicht, ob sie die ansehnlichste und zarteste Braut ist, die der Zufall mir zu Füßen legen konnte. Ich bin zu jung zum Heiraten. Du warst zu jung Fíli." Aufgeschreckt durch seine tönenden Worte trat sein Pony ruhelos von einem Huf auf den anderen und er hatte Mühe es ruhig zu halten. „Thorin sollte diese Macht nicht über uns haben", sagte er. „Niemand sollte das!"

„Er ist dein König!", warf Fíli ein. „Welche Wahl hatte er?"

„Und doch hatte er nicht das Recht, uns jede Wahl zu nehmen!" Kílis Stimme bebte vor Wut. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen und seine Hände packten die Zügel so fest, dass es schmerzte. Ein willkommener Schmerz, erinnerte er ihn doch daran, dass er noch am Leben war – das es vielleicht doch noch einen Weg für ihn gab, den nicht sein Onkel für ihn gepflastert hatte. „Er focht seine Kriege auf dem Schlachtfeld, mit der Axt in der Hand und dem Tod vor Augen – einem ehrenhaften Tod. Wenn das Schicksal sein Leben gefordert hätte, so wäre er in die Chroniken unseres Volkes als Held eingegangen. Doch was werden wir sein Fíli? Die Geschichten erinnern nicht an die stillen Opfer, sondern sie gedenken den Schlachten." Er hatte sich so sehr in Rage gebracht, dass seine Lippen zitterten und das Herz ihm bis zum Halse schlug. „Wer ein Unrecht hinnimmt Fíli, der zieht das nächste an. Ich weiß nicht, ob ich noch lang erdulden kann, was nicht zu erdulden ist. Ich wäre in den Krieg gezogen für ihn, ich hätte die Orks bis ans Ende der Welt gejagt, wenn er mich darum gebeten hätte. Stattdessen verlangt er von uns, unsere Kämpfe im Ehebett auszutragen. Einen Krieg, den er nie gefochten hat! Sag mir, warum du erfüllen müsst, was er nicht konnte? Warum sollten wir seine Schulden begleichen Fíli?"

„Weil es auch unser Volk ist Kíli. Wer wären wir, wenn wir den Frieden ablehnend von dannen schickten, wenn er uns so offen die Hand reicht?" Fíli neigte sich über den Hals seinen Ponys und sah seinen Bruder missbilligend an. „Ja, du bist jung und du willst weder deine vermeintliche Freiheit noch diesen ewigen Drang nach mehr in deinem Herzen aufgeben, auch wenn es der Preis ist, der gezahlt werden, muss für die Freiheit und den Frieden vieler. Du hast Mädchen geküsst, Frauen geliebt und manchen Ork erschlagen. Ich weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, wenn man glaubt, es würde ewig so bleiben und doch geht die Wirklichkeit schnelleren Schrittes als wir und eh du dich versiehst, hat sie dich eingeholt." Der Wind frischte immer mehr auf und zerrte an ihren Kleidern, während die ersten Regentropfen auf die staubige Straße fielen.

„Und wären die Ziele noch so hehr Fíli, ein Leben lang Unrecht zu erdulden schafft nicht eine Stunde Recht – für niemanden." Er zog an seinen Zügel und drängte sein Pony gen Osten. „Er hat es entschieden und erwartet, dass ich mich seinem Willen füge!", sagte Kíli, die Stimme eine Mischung aus Verbitterung, Groll und keimendem Hass. „Er hat mich nicht einmal gefragt!"

Der Regen wurde stärker und dicke, eisige Tropfen fielen Fíli ins Gesicht. Er zog die Kapuze seines Umhangs über seinen Kopf und sein durchdringender Blick fraß sich in Kílis schwarze Augen.

„Und doch wirst du sie heiraten!", stellte er fest. Das Blätterdach des Waldes rauschte laut und tosend im Wind. Der Regen begann in wilden Schlägen auf den Boden zu trommeln, als unvermittelt Noris Stimme über den Lärm zu den beiden Brüdern durchdrang.

„Sie kommen!", rief er und Kíli fand sich mit einem Schlag zurück in der Wirklichkeit, die er mit jedem Atemzug, den er tat, immer mehr hasste. Ohne ein weiteres Wort ritt er auf Ori und Nori zu und folgte mit den Augen dem Arm Oris, der die Straße hinauf Richtung Osten zeigte. Aus dem Schleier des immer dichter werdenden Regens schälten sich die Schatten einer Handvoll Gestalten, die auf sie zugeritten kamen. Er vermochte noch nicht wirklich zu zählen, doch es waren unverkennbar Zwerge auf ihren Ponys. Fíli schloss zu den dreien auf und zügelte schweigend sein Tier neben Kíli. Für einen kurzen Moment warf der Jüngere einen kurzen, nachdenklichen Blick auf seinen Bruder und die Worte der Entschuldigung lagen bereits auf seiner Zunge, als die Reisenden, die ihnen entgegen kamen immer deutlicher wurden. Er kniff die Augen zusammen und schirmte den Blick mit der Hand gegen den prasselnden Regen, um besser sehen zu können.

Sie waren insgesamt zu siebt. Er zählte vier Männer in leichter Rüstung und einen drei weitere Gestalten, die in ihrer Mitte ritten. Die Wolken verdunkelten den Himmel und der Regen löste alles in ein Nichts aus grauen Schemen auf. Kíli richtete sich trotz der schmerzenden Glieder in seinem Sattel auf und versuchte ein Lächeln aufzusetzen, als durch die trübe Wand des Wassers die Gesichter der Reisenden immer klarer wurden. Ihm stockte der Atem und sein Herz zog sich in seiner Brust zusammen, als er ein vertrautes Gesicht in der Menge der Fremden ausmachte und sie wiedererkannte.