A/N: Ich hätte es selbst kaum für möglich gehalten aber hier ist es...Lilys Reaktion auf James Brief. Diesmal leider nicht in Briefform. Das hab ich erst versucht, aber dann hätte das ja ewig so weiter gehen müssen, was ziemlich schwierig gewesen wäre. Die Beiden sollen ja schließlich auch mal wieder miteinander reden, oder?

Ach so, auch zu diesem Kapitel hab ich einen passenden Song gefunden. Allerdings hab ich hier mal nicht die Texte mit eingefügt sondern geb euch nur den Titel (Placebo - Without You I'm Nothing). Ich hab das Lied gestern die ganze Zeit gehört, als ich das Kapitel geschrieben hab und finde, dass es ganz gut die Stimmung vermittelt, die zwischen Lily und James herrscht.

Zuletzt noch vielen Dank an meine lieben Reviewer. Ich hoffe das neue Kapitel gefällt euch...


Without You I'm Nothing

Es war noch früh am morgen als Lily Evans aufstand und ihren Blick aus dem Fenster über die vom Nebel bedeckten Ländereien Hogwarts' wandern lies. Fröstelnd zog sie sich ihren Lieblingspulli über ihren Pyjama und setzte sich auf die Fensterbank, so dass sie ihren Kopf auf die Knie legen konnte. Lily seufzte leise und hoffte ihre Mitbewohnerinnen nicht zu wecken. Sie wollte jetzt nichts mehr als allein sein. Selbst die Gesellschaft ihrer besten Freundin Arabella Figg hatte sie in den letzten Tagen so gut es ging abgelehnt. Lily brauchte Zeit zum nachdenken. Auch wenn man annehmen könnte, dass die schlaflosen Nächte der letzten Tage ihr nicht genug Gelegenheit geboten hätten eine Entscheidung zu treffen.

Vergeben und vergessen? Konnte sie das?

Im Prinzip war es das worum James sie in seinem Brief gebeten hatte.

James' Brief. Oh, sie hatte mittlerweile aufgehört zu zählen wie oft sie seine Zeilen gelesen hatte. Der Brief lag zerknittert auf ihrem Kopfkissen. An einigen Stellen war die Tinte von ihren Tränen ganz verlaufen und die blaue Farbe war verblasst. Ihre Tränen waren getrocknet. Vorerst.

Lily fühlte sich so kraftlos, dass sie einfach nicht mehr weinen konnte. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Körper einfach keine Tränen mehr übrig hatte.

In den letzten Tagen hatte sie nichts anderes getan als geweint. Sie hatte den Unterricht geschwänzt, hatte sich auf ihrem Zimmer verkrochen, hatte sich nächtelang hin und her gewälzt und konnte am Ende doch nicht sagen was sie wollte.

Wollte sie James nie wieder sehen? Nein.

Aber wollte sie zu ihm zurückkehren?...

„Obwohl ich es nicht verdient habe, wünsche ich mir nichts mehr als eine zweite Chance."

War sie wirklich bereit ihm diese Chance zu geben? Lily rieb sich die geröteten Augen und fuhr sich durch die ungekämmten Haare. Was versicherte ihr, dass James sie nicht wieder betrügen würde?

„Nichts.", dachte sie laut.

Wenn sie auf ihre gemeinsame Zeit zurückblickte erinnerte sie sich vor allem daran wie glücklich sie sich in James Gegenwart immer gefühlt hatte...und wie sicher. Er hatte ihr immer das Gefühl vermittelt, dass er sie vor allem beschützen würde. So hatte es auch in seinem Brief gestanden.

Sie hatte ihm die Kontrolle überlassen und es hatte ihr gefallen. Einmal nicht die Verantwortung tragen und Erwartungen erfüllen wie man es von ihr als Schulsprecherin oder als Tochter erwartete. Bei James hatte sie sich fallen lassen können. Doch er , der ihr von allen Menschen am meisten bedeutete, hatte sie verletzt.

Die Minuten vergingen und langsam kehrte Leben in den Gryffindorturm. Sie konnte die ersten Schritte auf der Treppe zum Gemeindschaftsraum hören. Auch Arabella und die anderen Mädchen würden bald wach werden und Lily entschied, dass es Zeit war zu gehen. Sie wollte nicht hier sein, wenn sie aufstehen. Leise zog sie die Schuluniform an, machte sich im Badezimmer frisch, holte ihre Büchertasche und verließ den Schlafsaal. Sie konnte sich schließlich nicht ewig vor der Welt verstecken. Mit dem Gedanken, dass ihr endlich wieder eine vollständige Mahlzeit wahrscheinlich gut tun würde verließ sie die Treppe und betrat den Gemeindschaftsraum. Doch sie kam nicht weiter.

Da saß er und starrte ins Feuer. Von allen Schülern dieser Schule musste sie gerade ihm als erstes in die Arme laufen. Noch hatte er sie nicht bemerkt. Gerade wollte Lily auf der Stelle umdrehen, doch das Knarren der Jahrhunderte alten Holztreppe verriet sie. Sie zuckte zusammen als James sie ansprach.

„Lily."

Seine Stimme klang heiser und schwach.

Für einen kurzen Moment schloss Lily die Augen und atmete tief ein und aus. ‚Reiß dich zusammen. Verlier nicht die Kontrolle', sagte sie sich selbst und drehte sich dann zu ihm um.

„Hallo James." Lily gab sich Mühe möglichst ruhig zu klingen.

Seine Haare waren noch strubbeliger als sonst und seine Augen blickten sie traurig an.

„Hast...Hast du meinen Brief bekommen?"

Lily nickte.

„Ich...Es tut mir...Können wir reden?", fragte er mit zittriger Stimme.

„Ja. Tun wir doch." Lily war über ihre eigene Kälte überrascht.

„Ja. Nur vielleicht nicht hier? Kommst du mit an den See?"

‚Bitte sag ja!', schienen seine Augen zu flehen.

Unsicher brach Lily den Blickkontakt und schaute auf ihre Füße.

„Ja.", kam es schließlich kleinlaut von ihr.

Schweigend stiegen sie durch das Loch hinter dem Porträt der fetten Dame und verließen das Schloss durch das große Portal. Der Nebel hing noch immer wie ein Vorhang über dem Verbotenen Wald und dem See. Es herrschte absolute Stille, noch nicht einmal Vogelgezwitscher war zu hören.

Während James seinen Blick nicht von Lily lassen konnte war diese darauf bedacht alles nur nicht ihn anzusehen. Sie wusste, dass sie ihn nicht ansehen konnte ohne schließlich nachzugeben und schwach zu werden. Lily wollte es diesmal nicht zulassen. Nein. Sie konnte James nicht vergeben. Sie hatte Seitensprünge immer verurteilt und konnte nie verstehen wie manche Menschen ihrem Partner nach so etwas auch noch vergeben konnten. Heute war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie ihre Meinung immer noch so überzeugt vertreten konnte wie vor einer Woche.

Lily wusste nicht mehr wie lange sie dort gestanden hatte als James endlich sprach.

„Ich möchte dir nur sagen... Es tut mir leid. Wirklich aufrichtig leid."

Unsicher was sie darauf sagen sollte nickte Lily einfach.

„Du...Möchtest du gar nichts dazu sagen, Lily?"

„Nein."

„Aber.."

„James, was erwartest du? ‚Okay, fein, lass uns so tun als wäre nichts passiert?' Tut mir leid, dass kann ich nicht.", platzte es in einer Lautstärke aus Lily heraus, die sie selbst überraschte.

„Das will ich doch gar nicht..."

„Dann erwarte verdammt nochmal nicht, dass ich sage ‚Entschuldigung angenommen'. Mit ist klar, dass du es bereust aber glaub mir, darum geht es mir gar nicht."

„Was..."

Plötzlich wieder leise und mit Tränen in den Augen, die sie am liebsten vor ihm verstecken würde sagte sie: „Es geht nicht ums vergeben. Ich glaube nicht, dass ich dir je wieder vertrauen kann. Wer sagt denn, dass sowas nicht wieder passiert? Du hast mich tief verletzt, James."

Mittlerweile schluchzte Lily und sie begann ihre Worte zu verschlucken. James streckte vorsichtig seine Hand nach ihr aus und wollte sie in den Arm nehmen und trösten.

„Nein. Bitte lass mich. Ich kann nicht. Es geht nicht.", flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme.

„Ich kann warten, Lily.", versuchte es James, „Wenn du Zeit brauchst..."

„Nein", sie schüttelte den Kopf und hauchte, „Es ist vorbei, James."

Wie vom Schlag getroffen von ihren letzten Worten starrte James auf den See. Seine Arme baumelten verloren an beiden Seiten seines Körpers und seine Schultern waren gesenkt. Er hatte mit vielem gerechnet. Damit, dass Lily ihn anschreien und ausrasten würde oder dass sie nicht mit ihm sprechen würde und er hatte auch ein bisschen gehofft, dass sie ihm vergeben würde aber mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet.

Lily hatte sich nach ihrem letzten Satz umgedreht und war zurück ins Schloss gegangen. Tränen liefen über ihre Wangen und sie stellte sich die Frage: „Warum muss es so weh tun, wenn man das Richtige tut?"