KAPITEL 2
„Hunger…", sagte ich nochmals.
Sie sah mich erschrocken an. Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen.
Verdammt, das hier lief gar nicht so wie geplant. Ich wollte sie doch eigentlich nur fragen, ob sie Hunger hatte. Sie hatte schließlich nachdem sie sich den Kopf an der Sitzlehne gestoßen hatte über vier Stunden geschlafen.
„Hunger…?", fragte ich sie. Zeigte auf meinen Mund und machte eine Kaubewegung.
Erleichterung breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie nickte.
Ich versuchte sie anzulächeln, stand auf und ging im Flugzeug nach vorne. Direkt hinter dem Cockpit des Flugzeugs befand sich ein Schrank, in dem noch Essen von früher übrig war. Ich lud so viele Konserven wie ich tragen konnte auf meinen Arm und ging dann wieder zurück zu ihr in den Fluggastraum. Sie saß immer noch auf dem von mir für sie gemachten Bett. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Danke…", sagte sie.
Ich starrte sie an. Sie war wirklich wunderschön. Ihre blonden Wellen schmeichelten ihrem feinen Gesicht und ihre blauen Augen funkelten mich an. Sie war so schön, wenn sie lächelte.
In meinen Gedanken versunken übersah ich das kleine blaue Matchboxauto, das am Boden des Flugzeugganges lag und rutschte darauf aus. Die Konserven auf meinem Arm fielen mit einem lauten Scheppern samt mir auf den Boden.
Julie lachte auf.
Scheiße, wie peinlich war diese Aktion denn, bitte? Sie muss ja jetzt denken, du seist der totale Volltrottel… Aber eigentlich war das ja sowieso egal, du bist tot, schon wieder vergessen? Wenigstens konnte ich jetzt nicht mehr rot anlaufen…
„Alles in Ordnung?", fragte sie immer noch belustigt von meinem Stunt.
Ich zuckte mit den Achseln und begann hastig die Konserven zusammenzusammeln, die auf dem Boden zerstreut um mich herum lagen. Ich spürte ja sowieso nichts mehr. Weder Schmerz, was eigentlich ganz angenehm war, nachdem ich seit meinem Zombiedasein schon mindestens vier Mal angeschossen worden war, noch irgendwelche anderen Gefühle, wie Wut, Neid oder Liebe. Wenigstens war ich somit auch nicht traurig darüber. Trotzdem gab es aber etwas in mir das mir sagte, dass ich anders sein wollte. Wieder mehr lebendig. Und irgendetwas war an diesem Mädchen, was mich anders fühlen lies. Irgendwie besser.
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Erstaunt sah ich ihm dabei zu wie er sich vom Boden aufrappelte, hinkniete und die Konserven für mich wieder zusammensammelte. Er übergab sie mir mit Blick auf den Boden. Schämte er sich etwa?
„Danke, das ist wirklich lieb von dir", sagte ich und versuchte, trotz meiner fortwährenden, wenn auch immer kleiner werdenden, Furcht vor ihm, ihn anzulächeln.
Dann öffnete ich eine der Fertiggerichte. Ein ekelerregender Geruch strömte mir entgegen. Abgelaufen. Seit zwei Jahren.
Das Zombie blickte mich erschrocken an.
„Nicht…gut?", druckste er als er meinen angeekelten Blick bemerkte.
„Nein…das ist abgelaufen…", entgegnete ich. Durch ein kurzer Blick auf die anderen Konserven konnte ich erkennen, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum von fast allen Dosen längst überschritten war. Allein eine kleine Dose mit Mandarinen blieb übrig.
„Tut…mir leid", sagte er leise und sah mich mit einem traurigen Dackelblick an. Wie zur Hölle konnte ein Zombie einen Dackelblick haben?
„Du kannst ja nichts dafür…", versuchte ich ihn aufzuheitern. „Schau, diese Dose ist noch in Ordnung, ich werde ein paar Mandarinen essen."
Ich wackelte mit der Dose in meiner Hand und versuchte ihn anzulächeln. Es war besser ihn nicht wütend zu machen. Wer weiß, vielleicht würde er mich sonst doch noch zerfleischen wollen.
Ich zog an dem kleinen Ring, der sich auf dem Deckel der Dose befand und öffnete sie.
Ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht des Zombies, dann starrte es mich wieder an und sah mir beim Essen zu.
Nachdem ich ein paar Mandarinen hastig hinuntergeschlungen hatte, fiel mir auf, dass er meinen Namen wusste, ich jedoch nicht seinen. Hatten Zombies überhaupt Namen?
Ich schluckte die Mandarine in meine Mund runter und fragte dann zögerlich: „Hast du eigentlich einen Namen?"
Er nickte langsam. „Rrrr…". Mehr kam nicht. Einfach nur R.
„Also beginnt dein Name mit R?", fragte ich, um ihm auf die Sprünge zu helfen.
Abermals Nicken.
„Ron? Robin? Richard?", riet ich drauf los.
Er schüttelte den Kopf.
„Hm…dann nenne ich dich nur R, okay? Klingt doch auch gut."
Einer seiner Mundwinkel zog sich nach oben zu einem etwas eingeschränkt wirkenden Lächeln. Dann nickte er, dieses Mal schneller als zuvor. Er schien begeistert zu sein.
Nachdem ich meine Dose mit Mandarinen fertig aufgegessen hatte, lies ich meine Blick durch das Flugzeug wandern. Er blieb an einem der kleinen runden Fenster hängen. R bemerkte meinen Blick und folgte ihm. Draußen dämmerte es bereits.
„R, wie lange willst du mich hier festhalten?", fragte ich ihn.
