Kapitel 2
Seltsam. Er hatte erwartet, dass das Innere der Rebellenzuflucht stärker bewacht wäre. Aber entweder waren die Wyrdfell sehr selbstsicher oder es traute sich wirklich niemand hierher. Wie dem auch war, Durza konnte sich ungehindert umschauen. Der größte Teil des Gebäudes war verwaist, die wohl ehemals sehr belebte Küche war verwahrlost und die meisten Vorratskammern geplündert. Er wanderte fast zwei Stunden durch den palastartigen Bau, bevor er das erste Mal auf einige der Bewohner traf. Vorsichtshalber ging er in Deckung und beobachtete das kleine Grüppchen von Abtrünnigen, die flüsternd eine Treppe hinunter gingen.
Als sie außer Sicht- und Hörweite waren, schlug er die Richtung ein, aus der sie gekommen waren. Der Gang führte um einige Ecken, bis er schließlich vor einer mit Goldornamenten verzierten Tür stand. Dahinter hörte er weitere Stimmen und eine davon kam ihm sehr bekannt vor. „Hab ich dich...", raunte er, warf Beutel und Mantel ab und schritt mit gezücktem Schwert auf die schweren Doppelflügel der Tür zu.
Dahinter wurde es schlagartig still, noch bevor Durza die Tür aufgestoßen hatte. Pamuk hatte seine Präsenz gespürt, denn sonst hätte er nicht seinerseits mit gezogenem Schwert auf den Neuankömmling gewartet: „Durza! Welche Überraschung!"
„Pamuk! Dich hatte ich gesucht!"
Die beiden Schatten lächelten einander höhnisch zu. Beiden war nur zu bewusst, was bei diesem Zusammentreffen geschehen musste, jede Konversation war von Grund auf überflüssig. Und doch gebot es die Höflichkeit, vor dem Kampf noch einige Unhöflichkeiten auszutauschen. „In wessen Haut bist du denn da geschlüpft? War nichts besseres als ein dreckiger Nomade aufzutreiben?", ließ sich Pamuk vernehmen.
Durza zuckte beiläufig mit den Schultern und entgegnete: „Lieber ein gewaschener Nomade als ein feister Mönch! Ach nein... so hast du ja schon immer ausgesehen..." Er deutete mit Blicken auf die dritte Person im Saal. „Willst du uns nicht vorstellen?"
„Ein zweitklassiger Hexer wie du verdient es nicht, seinen Namen zu erfahren!" Pamuk fletschte die Zähne und begann, Durza zu umkreisen.
„Ich glaube, ich habe schon von ihm gehört.. Galbatorix, Anführer der Wyrdfell", er deutete eine Verbeugung an, ohne Pamuk aus den Augen zu lassen, „und außerdem dein neues Herrchen, nicht wahr?" Wenn es ihm gelang, seinen Gegner so wütend zu machen, dass dieser zuerst einen Ausfall machte, hatte er so gut wie gewonnen. „Mach ‚Sitz!', mein Schoßhündchen..."
Oder auch nicht. Pamuk wagte tatsächlich einen Ausfall, allerdings wesentlich kontrollierter, als Durza lieb war. Funken flogen, als die beiden Schwertklingen aufeinander trafen und mit einem Mal war er sich nicht mehr so sicher, ob das Schwert mit der schmalen Klinge dem Kampf standhalten würde. Das Breitschwert seines Gegners wirkte wesentlich stabiler. Aber auch schwerer und langsamer zu führen, auch für einen Schatten, dem ganz andere körperliche Reserven zur Verfügung standen, als einem Menschen.
Es brauchte einige Minuten erbitterten Kampfes, bis die Schatten die Kraft und Gewandtheit ihres Kontrahenten einschätzen konnten. In dieser Zeit schlugen die Klingen unaufhörlich aufeinander. Pamuk war kräftig und selbstsicher, Durza gewandt und wild entschlossen. Bald würde der Schwertkampf von magischen Attacken begleitet werden – und hier war Durza zur Zeit noch im Nachteil. Er war noch nicht kräftig genug, besaß noch nicht die nötige Energie, um gegen den erfahrenen Pamuk standhalten zu können, der sich schon mindestens ein Jahrzehnt auf dieser Ebene der Existenz aufhielt. Oder er konnte die Regeln missachten und seinen Gegner zuerst aus dem Stand bringen.
Aber auch hier war Pamuk schneller und streckte seine geistigen Fühler aus, um Durzas geistigen Schutzwall zu durchdringen. Noch bestand kein Anlass zur Besorgnis für den Angegriffenen, aber dem würde nicht lang so sein. Nach einer schnellen Attacke gelang es ihm, etwas räumlichen Abstand zu gewinnen. Beide ließen die Schwerter erhoben, jederzeit bereit zur Verteidigung, umkreisten sich gegenseitig, doch der eigentlich Kampf fand jetzt auf einer anderen Ebene statt. Immer wieder hämmerten Pamuks vernichtende Gedanken auf Durzas Schutz ein, an eine eigenen Angriff war schon nicht mehr zu denken. Durza erkannte schnell, wie stark sein Gegner war und dass er höchstens noch einige Minuten überstehen würde, bevor Pamuk ihn vernichtet hätte.
Doch dann geschah etwas, womit keiner der beiden gerechnet hatte: sowohl Carsaibs wie auch Anjias Geist unterstützten die Verteidigung „ihres" Dämonen, sodass Durza Zeit gewann und Pamuk kurzfristig verwirrt war. Diese Sekundenbruchteile nutzte Durza, um Pamuk durch einen überraschenden Ausfall eine tiefe Wunde am Oberschenkel zuzufügen. Abgelenkt vom Schmerz ließ dieser von seinem geistigen Angriff ab, nur um wenige Sekunden später eine schmale Schwertklinge in seinen Brustkorb eintauchen zu sehen.
Die Energie, die Durza daraufhin durchflutete, war unbegreiflich, selbst für den Geist eines so alten Dämonen wie ihn. Neues Wissen strömte auf ihn ein, während sein Gegner kreischte und schrie, sich in Feuer und Rauch auflöste, als die körperliche Hülle zerbarst. Völlig erschöpft sank Durza nieder und rang nach Luft. In einigen Stunden würde er stärker sein als vor dem Kampf, aber jetzt war ihm, als hätte ihn etwas sehr großes und sehr Schweres überrollt.
Klatschte da jemand in die Hände? Verwundert drehte er den Kopf und sah den Anführer der Wyrdfell Beifall klatschend auf ihn zukommen. Den Menschen hätte er um ein Haar vergessen.
„Bravo. Kurz und schmerzhaft." Galbatorix hatte ihn fast erreicht und legte den Kopf schräg, um dem Knienden ins Gesicht schauen zu können. „Wie effizient ihr Schatten doch seid! Nur gibt es jetzt EIN Problem..."
Wie von einer plötzlichen Windböe erfasst, wurde Durza an eine Wand geschleudert und blieb dort „hängen", als wäre er festgeklebt. Unfähig, sich zu bewegen, huschte eine ganze Palette von verwunderten Ausdrücken über sein Gesicht. Galbatorix schritt gemächlich auf den Schatten zu und erzählte im Plauderton: „Pamuk war mein zuverlässigster Berater. Nicht nur mein ‚Schoßhündchen', wie du vermutet hattest. Er hatte Aufgaben, und die kann er nun nicht mehr erfüllen. Du verstehst sicher, dass ich deswegen etwas aufgebracht bin, nicht wahr?"
Woher besaß dieser Mensch solche Kräfte? Durza konnte sich wehren wie er wollte, es gab kein Entrinnen aus dieser unwürdigen Körperstellung. Also nickte er nur kurz und überlegte fieberhaft, was zu tun war.
Galbatorix stand nun direkt vor ihm und lächelte breit, als er mit seiner Rechten den Brustkorb des Schattens betastete. „Nun gibt es zwei Möglichkeiten: die erste wäre..." Seine Hand bohrte sich durch die Haut und zwischen Durzas Rippen hindurch wie durch Butter und umklammerte das wild pochende Herz. „...ich reiße dir diesen unnützen Muskel aus dem Leib und werde der dritte Sterbliche, der je einen Schatten getötet hat..." Seine Faust schloss sich noch enger um das Herz und in Durza stieg die Panik auf. „...oder aber, wir beide werden uns einig und DU übernimmst die Aufgaben, die ich Pamuk zugedacht hatte."
Schon wieder sterben oder aber in die Dienste eines übermächtigen Wahnsinnigen treten? Mit der klauenartigen Hand an seinem Herz fiel Durza die Entscheidung recht leicht. Er nickte und presste mühsam hervor: „Ich... habe auch... einige... Bedingungen..."
„DAS gefällt mir!", lachte Galbatorix auf und zog seine blutige Hand aus Durzas Brustkorb, der sich sofort wieder schloss, als wäre er nie verletzt worden. „Nur wenige würden in deiner Situation auch nur WAGEN, etwas anderes als ‚Ja, Mylord' von sich zu geben und DU stellst Bedingungen!" Er wendete sich ab und leckte genüsslich das Blut von seinen Fingern. „Nun denn, nenne deine Bedingungen, Durza..."
Nicht mehr von der übermächtigen Magie gefesselt, rutschte der Schatten die Wand hinab und brauchte einige Sekunden, um wieder auf die Beine zu kommen. Voll verletztem Stolz warf er den Kopf in den Nacken und meinte: „Bücher. Ich will freien Zugang zu allen Bibliotheken des Reiches. Und eine Unterkunft, in der ich ungestört arbeiten kann."
Amüsiert schaute Galbatorix ihn an und meinte nach kurzer Pause: „Deine Bedingungen sind akzeptabel. Nun höre meine: du wirst mir helfen, König zu werden, die Drachenreiter zu vernichten und das Reich umzugestalten. Du erkennst mich als deinen Herren an und wirst nicht als Schatten, sondern als Mensch an die Öffentlichkeit treten. Pamuk hat mich schon viele Sympathien im Volk gekostet gehabt. Von deiner unnatürlichen Existenz soll vorläufig niemand wissen, haben wir uns verstanden?"
Durza nickte. „Ja, Mylord." Er war gerade zum Schoßhündchen degradiert worden.
„... und vergiss nicht: ich habe von deinem Herzblut gekostet. Ich kann dich jederzeit finden und bestrafen, wenn du eigene Wege zu gehen versuchen solltest..."
TBC
A/N: Ein Salut an den Highlander – es kann nur einen geben! In diesem Fall halt nur einen Schatten. Die Idee dahinter ist ziemlich banal: wenn es öfter geschieht, dass Schatten durch unvorsichtige Zauberer entstehen, wer bitte löscht sie dann aus? Bis zu Eragon waren es nur zwei Sterbliche, denen das jemals gelungen war: Laetri und Irnstad. Paolini würde mir wahrscheinlich das Fell über die Ohren ziehen, wenn er je meine FFs lesen würde, aber hey: HIER schreibe ICH+g+
